Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 15-16 (11.4.1922)
- Date
- 1922-04-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Zur Theorie der lleberlteserung. Das Verhältnis" der" schriftlichen zur mündlichen Lehre, der Begriff der sinattlschen Gesetzesoffenbarung, die Stellung der Jnterpretationsregeln (NNV) sowie des halachischen Midrasch zur abstrakten Halacha — alle diese grundlegenden Probleme der unser ganzes Leben tragenden überlieferten Lehre haben von jeher den Gegenstand ernster Forschung unserer größten Denker und Reltgionsphilosophen gebildet. Von Rambam und Ramban bis S. R. Hirsch, Malbim, Hoffmann und Jzchak Halevy sind die Probleme selbst in aller Schärfe erfaßt und von jedem nach seiner Art gelöst worden. Man sollte kaum meinen, daß es Neues zu sagen gäbe. Und dennoch trägt das kleine Schriftchen, das Rabbiner Dr. S. Kaatz unter dem Titel: „Die mündliche Lehre und ihr Dogma", (Leipzig, M. W. Kaufmann) soeben hat erscheinen lassen, durchaus den Charakter der Originalität an sich. Der Verfasser besitzt die Fähigkeit einer bemerkenswerten Frische der Betrachtung, die ihn neue Gesichtspunkte gewinnen läßt, wo man vorher an endgültigen Abschluß zu glauben gewohnt war. Kaatz will, wie er sagt, ausschließlich die talmudische Anschauung über die eingangs erwähnten Fragen in voller, objektiver Reinheit ermitteln, und er setzt sich mit Späteren, abgesehen von einer Bemerkung im Vorwort und einem Exkurs über die Theorie des gar nicht, nur mit den talmudischeu Quellen selbst auseinander. Das zwingt zu erneutem gründlichen Durchdenken des ganzen Fragenkomplexes und ist deshalb auf alle Fälle dankenswert. Zunächst glaubt Kaatz innerhalb des Talmuds einen Widerspruch hinsichtlich des stnaitischen (dieses Wort ganz wörtlich genommen) Charakters der schriftlichen Lehre konstatieren zu müssen, indem er einerseits 3 Stellen anführt, die für das gesamte schriftliche mifi "ILO, ja sogar ganz -p sinairischen Ursprung in Anspruch nehmen, andrerseits die bekannten Stellen, aus denen klar hervorgeht, daß der Inhalt des Pentateuchs nacheinander auf dem. Sinai, im Ohel Moed, in den Ebenen Moabs offenbart wurde, während eine dritte Kategorie von Belegen, dafür sprechen soll, daß der Gesamtinhalr des ewigen Gesetzes vom Sinai stammt, die schriftliche Fixierung allmählich durch Offenbarung an Mosche erfolgte. Der Verfasser löst den angeblichen Widerspruch, indem er erklärt, es handle sich hier um eine Antithese nach Art der bekannten Gegensätze zwischen nym und nm Vorausbesttmmung und Willensfreiheit, Gerechtigkeit und Gnade, Logik und „Glauben." Wir vermögen das nicht einzusehen, glauben vielmehr, daß der Widerspruch bei unbefangener Betrachtungsweisezvöllig verschwindet. Wenn es in Schekaltm VI. 1 heißt, die Thora, die Gott Moses auf dem Sinai übergeben habe, war weißes Feuer rc., so ist es unseres Erachtens dem Jeruschalmi ebensowenig wie dem Mtdraschrabba eingefallen, damit das Dogma aufzustellen, es sei diese Nebergabe innerhalb der dreimal 40 Tage auf dem Berge Sinai erfolgt/ das beweisen schon die verschiedenen Variationen des Ausspruches. Unter dem „Sinai" ist zweifellos an allen diesen und ähnlichen Stellen (auch II) der„G esetzgeber vom Sinai", nämlich Gott, zu verstehen (siehe die Kommentare zu jtdk). Wenn also dann auch den späteren Büchern der Bibel, sogar dem Buche Esther (Jeruschalmi Megilla 10) sinaitischer Offenbarungscharakter zugesprochen wird, so haben die Autoren dieser talmudischen Aussprüche damit ganz gewiß nichts anderes sagen wollen, als daß — und in dieser Hinsicht schreibt der Verfasser selbst S. 43 bemerkenswerte Worte über „Zeit- und Geschichtslosigkeit" des Geistes — der geistige Kern, derOffenbarungsinhaltjenerttHpn nnn geschriebenen späteren Werke miteinbegriffen sei in die Fülle der Gottesoffenbarung, die Mosche Rabbenu auf dem Sinai und an allen anderen Stätten seiner Gesetzesempfängnis ward. Wenn der Verfasser nun durchaus bet der buchstäblichen Auffassung der in Betracht kommenden Stellen bleiben und die Hinnahme des durch diesen Irrtum entstehenden Widerspruches als talmudisches Dogma fordert, so fürchten wir uns keineswegs vor diesem Worte. Die jüdische Lehre hat, mit ihrer Botschaft vom Uederftnnlichen, das menschlichen Tagesverstand um Weltenfernen überragt, gewiß ihre Dogmen, deren Anerkennung in treuester rttlöK für alle Zeiten gefordert werden muß. Aber wir können uns nicht für die Aufstellung künstlicher Dogmen begeistern, von denen auch die großen Träger jüdischer Lehre und jüdischer Ueberlieferung in den letzten Jahrhunderten nichts gewußt haben. Der Verfasser geht dann zu seinem eigentlichen Thema, dem „Traditionsdogma", über. Auch hier geht Dr. Kaatz von der Voraussetzung aus, daß die talmudische Ansicht, die den gesamten Tradittonsstoff, Ha gada und Halacha samt allen hagadtschen und halachischen WteH*!/ wie sie im Talmud und in den Midraschim vorltegen «nm Tnppvm nts ■d'bk* als sinattisch betrachtet, wörtlich und buchstäblich gemei nt, ein Glaubensaxiom, ein Dogma sei. Er scheint zu glauben, daß Maimonides, der offensichtlich einen anderen Standpunkt vertritt, und lediglich den Gesam.tinhalt der Halacha als sinattisch betrachtet, damit vom Talmud abgewtchen sei! Wir können aber nicht finden, daß die mit Widerspruch gegen den Rambam doch sonst nicht kargenden anderen £3^1 Wi, insbesondere -r"28"i und ram ihn in diesem Punkte bekämpft hätten. Gegenstand der Meinungsverschied mhett bilden allenfalls der Begriff der nwa^ ro^n im technischen Sinne und der Charakter mancher durch die nHö abgeleiteten Halachot. Allein auch hier ist die von Rambam und anderen vertretene traditionelle Auffaffung sicher keine Erfindung Späterer, sondern die authentische Meinung des Talmuds. Schon die Tatsache, daß der Talmud sogar bei der Halacha den Begriff der bloßen KfiSöttK; der bloßen Anlehnung späterer, rabbtntscher Anordnungen an das Thorawort kennt und hundertfältig anwendet, läßt die Annahme unzulässig erscheinen, die talmudischen Weisen hätten den sinaitischen Charakter jeder halachischen, geschweige denn agadischen Deutung eines Bibelverses zum Dogma des Judentums zu erheben beabsichtigt. Die vom Verfasser angeführten, scheinbar weiter gehenden, Talmudstellen erklären sich ungezwungen im Lichte der zweifellos uralten Idee von der vierfachen Bedeutung der Gotteslehre (BY1B)> Danach hat jedes Wort, ja jeder Buchstabe der mm einen metaphysischen ("ilv), ethischen (?ö"i), halachischen (ttTH) und einfachen (BM) Sinn. Das bedeutet: Unerschlossen, potentiell liegt tu jedem dem Mosche offenbarten Worte die ganze Fülle der in den späteren Jahrtausenden dem jüngsten Jünger sich enthüllenden Gesichte, seien es nun Halachot oder Hagadot, metaphysische Wahrheiten, ethischreligiöse Erkenntnisse, halachische Neuschöpfungen oder philologisch-historische Entdeckungen. Unberührt hiervon bleibt die für den Talmud feststehende Tatsache (siehe dazu die Forschungen Halevys und Gottlieb Fischers und S. R. Hlrschs Polemik gegen Zacharias Frankel), daß der Gesamt bestand der nplDB n:wn dem wm ,-ttNV, sei es auf dem Sinai, sei es im Ohel Moed oder später bis zu seinem Tode, übermittelt wurde, ebenso die Auslegungsregeln selber, daß daher die sogenannte abstrakte Halacha grundsätzlich als älter betrachtet werden muß als der halachische Midrasch in seiner uns .vorliegenden Form. Damit ist auch der angebliche Widerspruch zwischen Matmomides und Sanhedrin 99 a (S. 34) gelöst. Die Interpretattonsregeln sind sinaittsch, das Ergebnis ihrer Anwendung mußte es nur inhaltlich insoweit sein, als es sich um eine -Vorschrift handelt. Wer den sinaitischen Charakter der mw mM Regel an sich oder aber einer darauf sich stützenden Vorschrift leugnet, (ob sie KnmiiH ist, muß aus der Diskussion des Talmuds festgestellt werden) hat den Boden der jüdischen Lehre, sagen wir also des Dogmas, verlassen, keineswegs aber derjenige, der eine durch mir m?3 „abgeleitete" Gefetzesvorschrift, durch trlmudische Quellen-