Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 15-16 (11.4.1922)
- Date
- 1922-04-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aeuillelon-Veilage zv Ar. iS u. 16 des „ME. Verschollene Brüder. eine Saiafchaaelchicfife aus 9er ßgoenmait (Fortsetzung.) IX. Der „fremde Doktor". Und nun war der Vielerwartete da. An einem Abend nach dem Gottesdienste stand er in der Vorhalle der Mesg'd, umringt von allem Volke, das ihn neugierig von allen Seiten begaffte. Salomo war zunächst höchstltchst enttäuscht. In seiner Vorstellung hatte der Verkünder des neuen Glückes seine ganz bestimmte Physiognomie. Er war groß, stark und sein leuchtendes Gesicht war umrahmt von blendend weißem Barte, der bis zum Gürtel wallteer hatte Augen, die warm, aber auch sengend bis ins Tiefste der Herzen blickten, und er stand da in einem weiten Tatar mit einem Stabe in der Hand, wie die Mosesgestalt auf dem Titelblatt des Orit. Der, den er vor sich sah, war aber eine hagerer Mann, mit langestrecktem Halse, mit einem Gesichte, das narbig und lange nicht so weiß War wie das der anderen Abendtänder und dem dicke Augenbrauen, die fast bis zur plattgedrückten Nasenwurzel gingen, etwas ungemein Finsteres verliehen. Er sprach das Amharische wie ein Kind, das hilflos nach Ausdruck ringt und konnte sich mit dem ihn umdrängenden Volke nur mit Hilfe feines Begleiters aus dem Hose in Addis Abeba verständigen. Dies allein nahm Salomon schon die halbe Illusion. Doktor Palttel sprach von einem großen Vereine, der von Italien aus alle Juden der Welt umfaßte. Dieser Verein wollte ihnen, den Falaschas, zu Hilfe kommen und sie für das Judentum zurückgewinnen. „Sind wir keine Juden? Sind wir je vom Glauben Mosis abgewichen?" fragten die Leute. „Nein, aber ihr habt den Glauben nicht ganz und rein. Einen Teil der heiligen Schrift habt ihr, und der größte Teil derselben ist euch unbekannt. Und auch diese wenigen Bücher sind nicht vollkommen und echt, sind Uebertragungm aus griechischen Texten, die Menschen zu ihren Zwecken vielfach geändert und gefälscht hatten. Vor allem müßt ihr den Schlüssel zu allem jüdischen Wissen erhalten, die Kenntnis der hebräischen Sprache, um die Bibel im Urtexte zu erlernen." „Wo sollen wir diese erlernen?" fragten die Falaschas. „In den Schulen, die wir, das heißt, der große Verein, hier im Lande gründen-" „Wer soll sie uns in der Schute lehren?" „Ihr selbst werdet die Lehrer stellen. Eine Anzahl begabter Jünglinge geht mit mir nach Italien, nach Frankreich, nach Deutschland oder nach Jerusalem, wird dort auf unsere Kosten gründlich ausgebildet und kehrt dann in die Heimat zurück, um als Lehrer in den Falascha- Schulen zu wirken." Salomo horchte auf, als hörte er himmlische Botschaft. Der hagere Mann mit dem Pergamentgeflchte schien ihm plötzlich zu wachsen, und sein Gesicht erhielt engelhafte Schönheit. Sprach er nicht von Jerusalem?! . . . Doch die Andern blieben kühl und sachlich. „Werden die im Abendlande unsere Söhne nicht zu Christen machen, die nachher unseren Kindern die nazarentsche Lehre vortragen? Haben wir nicht von den anderen Missionen schon übergenug?" Doktor Paltiel packte Schriften und Dokumente aus, die beweisen sollten, daß es Juden wären, die ihn hergeschickt hatten, um den Bund mit den versprengten Brüdern neu zu errichten und daß ihnen nichts ferner läge und verhaßter wäre als der Seelenfang der Missionen. Im Gegenteil wolle er die Falaschajugend vor den von den Missionären ansgeworfenen Fangnetzen bewahren. Dokter Palttel war klug genug, um sich möglichst wenig auf die Vollmachten des Kaisers Menelik zu berufen und von den ihm vom Negus erteilten Machtbefugnissen zu sprechen, und es gelang ihm, da er tagein, tagaus auf diese Weise auf die Leute einsprach, sich mählich einiges Vertrauen, besonders bei den Jüngeren zu erwerben. Die Alten blieben zumeist still und kühl und Aba Zague sah dem ganzen Treiben unwillig, ja feindselig entgegen. Dem fremden Gesandtnr gab er auf seine Fragen nach Schriften und Urkunden, Gesetzen und Gebräuchen nur kurze Auskunft. Meister Nissim schüttelte den mächtigen Kopf und sagte in seiner barocken Art.- „Habt acht, es ist ein ganz Gefährlicher, er weiß sein Eisen zu schmieden . . Damit hatte Nissim nicht Unrecht. Paltiel war kein Meister der Rede und er verzichtete auch daraus, nach Art der Missionare von Tribünen herab feierlich zum Volke zu sprechen, aber er sprach von Mann zu Mann, von Mund zu Mund) bis die Leute letzthin auch sein lallendes Amharisch verstanden. An der Spitze der Jugend, die sich um den fremden Doktor schaarte, standen Salomo 'und Jirmeias, die wohl noch den Dienst an Hand Aba Zagues versahen, aber immer seltener sich zu den abendlichen Studien bet ihm emfanden. Ihnen, den Jüngeren/ erzählte Doktor Palttel von den Dingen in den Ländern der Zerstreuung und setzte ihnen auseinander, was gut und richtig und was falsch und unjüdtsch an den Gesetzen und Kultgebräuchen der Falaschagemeinden sei, was diese mit den Juden in ihrer Gesamtheit verbinde und was sie wiederum von ihnen scheide. „Auch wir", berichtete Paltiel, „bauen unsere Gotteshäuser, die wir Synagogen nennen, gern auf hochgelegenen Plätze, damit sie wie eure Mesgtd alle anderen Häuser überragen, aber den „roten Tops" auf dem Giebel kennen wir nicht, stattdessen den sechszackigen Stern, den wir „Tavidstern" nennen. „Das sind aber Aeußerlichkeiten und Nebensächliches. Was uns am meisten bei euch befremdet, ist, daß ihr heute noch hinter der Mesgtd einen Altar habt, auf dem ihr opfert . . ." „Habt ihr im Abendlande keine Opfer? Sie sind doch in den Gesetzen Mosis vorgeschrieben," wunderten sich die jungen Falaschas. „Die sind im Gesetze Mosis für die Zeit der Wüstenwanderung vorgesehen, da man noch die heilige Stiftshütte hatte und für die späteren Heiligtümer, zuletzt für den Tempel und Altar in Jerusalem. Seit Jerusalems zweiter 'Zerstörung, also seit bald zweitausend Jahren, haben wir wohl Lehren der Opfer und auch Opfergebete, aber keine Opfer mehr." „Wozu denn die Lehren und Gebete der Opfer, wenn die Opfer selbst nicht mehr da sind?" fragten die Leute weiter. „Es ist die Bereitschaft für den Moment, da uns Gott durch seinen Moschtach wieder nach Zion rufen wird." „Wann, wann?" klammerten sich die jungen Falaschas mit sehnsuchtsglühenden Augen an das Wort von der Erlösung. „Wann, wissen auch w i r nicht. Die Alten erwarten ein Wunder, die Jungen gehen nach dem heiligen Lande und glauben, ihm den Weg bahnen zu können." „Dann wißt ihr nicht mehr als wir und wollet uns erlösen?" gaben Einige ihrem Unmut und ihrer Enttäuschung lauten Ausdruck- Aber Salomo hatte ein Wort gehört, das, wie frischer Tau in den knospenden Blumenkelch, in seine Seele fiel: Sie gehen hin und bahnen ihm den Weg. Auch er wollte es und stemmte sich eine Welt dagegen! „Wir können euch nicht Moschtach bringen", wandte sich Dokter Paltiel an die Unmutigen, „aber der messianischen Erlösungen voraus geht die Sammlung und Einigung Israels in all seinen Teilen und Stämmen. Sonach ist die Brücke, die jüdische Liebe durch mich zu euch schlägt, ebenfalls echte Messiasarbeit." „Wir halten treu zum heiligen Orit, was wollt ihr mehr?" sagte einer der Aelteren. „Daß das Orit nicht die jüdische Thora ist,, sondern nur ein kleiner, zudem noch nicht in allen Stücken echt wtedergegeberrer- Teil derselben ist, ist euch bereits gesagt worden. Dann haben wir den Talmud und ein reiches, jahrtausendealtes talmudtsches Schrifttum, und seid ihr, solange ihr keine Kenntnis von all dem habt, von den Quellen des jüdischen Glaubens, Wissens und Gesetzes, abgeschnttten. „Haben wir zu wenig Gesetze?" fragte ein Anderer naiv. „Zu viel und zu wenig. Wir haben in unseren Synagogen keine „Asche von einer roten Kuh" und kein „Wethwaffer" mehr, auch nichts von den heiligen Geräten, die allein dem Tempel von Jerusalem Vorbehalten bleiben müssen, aber wir haben Gebete und Gesänge, die in Leid und Jubel erklingen und heilige Bekenntnisse, die ihr nicht kennt. — Nirgends im Gesetze ist nur angedeutet, daß der Kahen, oder wie sonst der geistliche Führer heißt, unver'- mählt bleiben müsse, wie dies bet euch in vielen Gemeinden üblich Ist. — Die Gebete sind nicht allein für die Debteras da, sondern für die ganze Gemeinde. Und dreimal täglich werden sie verrichtet, nicht siebenmal, wie es eure Priester tun. Ihr feiert jeden siebenten Sabbat wie ein großes Fest und habt andere Feste, die wir nicht kennen, und wißt nichts von so wichtigen Festen wie Chanuka und Purim. Vieles in euerer Art und Religionsübung bleibt uns unverständlich und mutet uns fremd an. So auch die Familtenmähler, die ihralljährltch zu Ehren euerer Toten veranstaltet.." „Die Toten denken unserer und beten für uns", safte einer. „Woraus sich für uns im Abendlande noch nicht ergibt, daß wir für sie essen sollen", entfuhr es Doktor Paltiel. Aber nur die Jüngsten lachten, von den Aelteren mit strafenden Blicken verwiesen. Und einer der Letzteren sagte sogar nicht ohne Gereiztheit: „Mlt welchem Rechte kommt ihr zu uns, uns zu sagen, daß euere Gesetze und Gebräuche die echten und unsere die falschen seien?" „Mit dem Rechte der Wahrheit. Denn wisset Brüder", schlug Dr. Palttel einen wärmeren Ton an, „zehn oder zwölf Millionen Juden auf dem ganzen Erdenrunde halten es bei unwesentlichen Abweichungen mit dem Gesetze in der alten geschilderten Art, dasmüssen die Wenigen und Versprengten anerkennen. Und dann — wir schöpfen aus der Quelle, aus den Urschriften, aus denen allein die Wahrheit fließen kann-" Darauf wußten die Leute nichts zu erwiedern. Nur einer sagte: „Wer bürgt uns dann dafür, daß wir zu euch gehören, nachdem wir nach Aussehen, Art und Gesetz ganz anders sind?" „Euer Gesetz selbst, die Beschneidung, der Sabbat, die Reinheitsgesetze, euere Messiashoff-