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Der Israelit · 1922-04-11 · Heft 15-16 (11.4.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 15-16 (11.4.1922)
Date
1922-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der L»rae»it. Nr. 15 u. 16 Sette 3 11. ApE 1823. tiatz der jüdische Friedhof 'in Cherson überfüllt 'ist und keine Toten mehr aufnehmen kann. Das einzige Mittel, um die ganze jüdische Bevölkerung vor dem Untergang zu retten, ist der Erwerb von Nahrungsmitteln aus den Vorräten der Hoover- Kommtsston, die soeben Rußland erreich t h a ben. Durch ein Uebereinkommen mit der amerikanischen Verwaltung kann das englisch-ukrainische Komitee dies bewirken, sobald nur genügende Geldmittel gesichert werden." * * * Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat aus seiner Ukraine-Sammlung Mk. 500000.— zur Linderung der Not in Odessa und Umgebung bewilligt und abgeführt. Vom Suchen der Zeit Die unvermeidliche Ernüchterung, die auf Jahrzehnte einseitiger Vergötterung des Menschentntellektes mit der von ihm geschaffenen wissmschaftlichen und technischen Kultur folgen mußte, war schon vor dem Kriege als starke Tendenz des Geisteslebens erkennbar. Sie ist durch das ungeheure Erlebuis des Krieges gewaltig verstärkt worden. Die Kulturwelt sucht krampfhaft nach Gott, sie sucht ihn auf allen Wegen, die ihr zu Gebote stehen: in den k rchlichen Religionen sowohl wie in der Wissenschaft und Kunst. Es wäre nun grade vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums aus eine überaus dankbare Aufgabe, die Fülle der. geistigen Erscheinungen, insbesondere ihren litterarischen Ausdruck in Büchern und Zeitschriften, worin dieses Suchen zutage tritt, fortlaufend im Lichte der offenbarten Lehre zu würdigen. „Suchet Euren - Ruhm in dem seine Heiligkeit offenbarenden; Namen, damit sich das Herz derer freue, die G o t t s u ch e n" — in diesem Satze, der jeden Morgen die geistige Schau des Juden im Kreise von Natur und Geschichte etnleitet, spiegelt sich ja das - glühende Interesse wieder, das Gelingen öder Mißlingen des „Gottsuchens" der Menschheit für uns, die geschichtlichen Siegelbewahrer der Gotteswahrheit, haben muß. Für heute seien nur einige, an Umfang' nicht bedeutende, aber symptomatische Erscheinungen dieser Art ins Auge gefaßt — die Veröffentlichungen des „Bundes für antrop'osophische Hochschularbeit" und Euckens „Kampf um die Religion in der Gegenwart." Die Antroposophte Rud. Steiners hätte nicht ihren fast beispiellosen Eroberungszug durch weite Bezirke des geistigen Deutschland antreten können, käme sie nicht tiefsten seelischen Bedürfnissen der Zeit entgegen. Sie mag in grund- 6EGR: 1 8 1 5 ♦ BERLIN C * SPANDAUER5TR.ASSE Wäsche-Aussiedlungen Damen-, Herren- und Kinder-Wäsche Anfertigung in eigenen Werkstätten Wohnungs^ Einrichtungen Ständige Ausstellung eingerichteter Zimmer von einfacher bis zu vornehmster Art Vier .Stockwerke Möbel Gardinen ♦ Möbelstoffe . Teppiche . Beleuchtungskörper legenden Beziehungen, namentlich methodisch, auf Selbsttäuschung beruhen und die Grenzen, die der Weise von Königsberg dem autonomen menschlichen Erkenntnisvermögen gesteckt hat, in Wahrheit ebensowenig zu überschreiten ver- 'mögen wie die spekulative Philosophie der Hegel und Schelling es vermochte. Aber eines vermag sie: sie erschüttert die Selbstsicherhett der zünftigen Universitätswissenschaft mit ihrem religionsfeindlichrn, an der Oberfläche hastenden Kriticismus, der so oft bloßer wissenschaftlicher Dogmatismus istsie lehrt Ehrfurcht vor der Tiefe des Geheimnisses und Mißtrauen gegen das wissenschaftliche Dogma. Dieses Mißtrauen aber und jene Ehrfurcht sind heute unumgängliche psychologische Vorbedingungen für den Weg zur Erkenntnis der religiösen Wahrheit. In der Schriftenreihe„Wissenschaft und Zukunft" liegt uns (Verlag Der kommende Tag, A. G., Stuttgart) ein Büchl in von Prof. Dr. H. Beckh vor: „Es werde Licht. Schöpsungsworte der Bibel und Urbedeutung der Laute im Lichte der Geifteswissenschaft. Es fußt auf anderen, früheren Arbeiten des Verfassers, die sich mit dem Ursprung der Sprache und dem Wesen der Urlaute beschäftigten. Ganz im Sinne der esoterischen Ueberlteferung des Judentums geht der Verfasser davon aus, daß „mit aller pHyfischen Entwicklung von untenher eine geistige von obenher sich verbindet" und es die Aufgabe der Erdenentwicklung war und ist, die beiden getrennten Menschenursprünge zu vereinigen. Er erklärt damit die beiden Gottesnamen im Schöpfungsbericht (allerdings umgekehrt wie die jüdische Ueberlteferung) und gibt alsdann eine jeden Laut behandelnde Analyse des: VH HK \t, gipfelnd wiederum in einer ehrfürchtig andeutenden Erklärung des heiligen Gottesnamens, des "IN BW- Wir möchten dem Verfasser ein genaues Studium des großen Ahron Mareus'schen Werkes: „Barstlai" empfehlen. Er wird dort eine Fülle von Anregungen und Berichtigungen finden, in vielen Punkten überraschende Bestätigungen dessen, was er tastend und suchend, ohne Kenntnis der reichen geistigen Schätze der jüdischen Ueberlteferung zu erschließen sich bemüht. Die Prinzipien fragen der Antroposophte behandelt Dr. Carl Unger in seiner Schrift: „Die Autoltomie des philosophischen Bewußtseins"/ es wird auf sie in größerem Zusammenhänge einzugehen sein. Charakteristisch, im Sinne des einleitend über die eigentliche raison ä'etrs der Antroposophte Bemerkten, ist die Formulierung, die Unger der Aufgabe seiner Wissenschaft gibt: „Sie (die Seele unsrer Zeit) muß aus der Tatsache ihrer Gottverlassenhett die Kraft gewinnen, aus eigner Arbeit das zu leisten, was ihr die Natur versagt." Inwieweit dies — ohne Hülfe göttlicher Offenbarung — möglich ist, das eben ist die erkenntntsdheoretische Frage, vor der die Antroposophte steht. Genau so gut übrigens auch Sinn unter, als solle es an die bittereil Leiden in Aegypten erinnerrn. Dem ist jedoch durchaus nicht so. Zunächst soll das Petersilientraut eine Art Nachtisch Vorstelten, wie etwa bet uns das Obst. Daß man aber heute das Dessert vor der eigentlichen Mahlzeit nimmt, soll das Kind znm Fragen veranlassen: iijruw PID, was ist denn heute Abend anders usw Also die Fragelust und Nellgierde soll angeregt werden! Wozu jedoch das Eintauchen? Warum die Hände waschen ohne PI212? Antwort: Als unsere Vorfahren rroch im heiligen Lande wohnten und die strengen Neinheitsgesetze noch in Kraft waren, mußte mau sich stets die Hände waschen, wenn man eine trockene Speise in Wasser, Wein, Oel, Milch, Honig etc. eintauchte; dadurch wurde die Speise erst fähig pixdid oder Unreinheit anznnehmen, etwa durch die Berührung der Hände. In trockenem Zustande besah sie diese Eigenschaft nicht. Dazu kommt, daß man in Palästina fast nie etwas trocken aß, so daß >uan das Essen schlechthin nannte. Eintauchen. Nun gelten zwar diese Neiuheitsgesetze für das zerstreute Israel nicht mehr. Am Sederabend versetzen wir uns aber einen Moment zurück in^die glanzvolle Vergangenheit, in die geweihte Sphäre jener Reücheitsvorschriften. und wir waschen nach Ahnenbranch uns die Hände, ehe wir Eingetauchtes zum Genüsse in den Mund nehmen. Freilich, es ist nur eine Nachahmung, llnd darum wagen wir auch nicht eine Brocho daran, um nicht den Namen Gottes vergeblich auszusprechen: der Hausherr wäscht sich die Hände, jedoch ohne rona. Das Anlehnen ist ein Zeichen der Freiheit, wie bekannt. Weniger bekanrtt ist, daß einer der Tischgenossen das Amt eines Schenker: übernehmen soll, uni auch so in kleinem Kreise den gehobenen, freien Sinn äu markieren. In der Zerstreuung ziemt uns Juden Demut und Bescheidenheit. Ter Gedanke an das zerstörte Nationalheiligtum dampfe jede Freude,, banne Ueberimu und Ausgelassenheit, auch am FreiheiGabend. Darum steht das Ei auf dem Sedertisch, das --hmbol der Trauer. Es hat keine Oeffnung, keinen Mund, wie der Trauernde, welcher in seinem Schmerze verstmnmt. Durch seine Rundgestalt erinnert es gleichzeitig an den Rundgang der Trauer durch die Welt. Uebrigens gemahnt gerade der Sederabend an die Zerstörung Jerusalems: denn genau so wie der 1. Pesachkag fallt, ist stets auch der 9. Av, also Heuer am Donnerstag. Den Knocken r>dt HleUck, die werfe man nickst weg. Sie darf und soll gegessen werden. Den Kleinen gönnte nutu am sederabend die Freude, den unter dem Kissen liegenden (Dip'BX heimlich zu entwenden, um ihn dann nur gegen ein „Lösegeld" wieder auszuhändigen, gewöhnlich bestehend in Rosinen oder dgl. Man suchte so ihre Wachsamkeit zu erhalten, daß sie nicht leicht einschlasen. (Daher auch das Sprichwort: Zollst du die Mazzo ge gönnest haben!) Plan vermeide ganz Pesach den Genus; von die flügel. Es kann mitunter zu verwickelten, rituellen Fragen führen, wenn man Fittterkörnchen irgendwo findet. Das Lmerzühlen werde stehend vorgeuommeu. Jsts abends vergessen worden, kann es folgenden Tags nachgeholt werden. Am nächsten Abend zahlt mau dann wieder mit nsia. Wer einen ganzen Tag anssallen ließ, soll an den restlichen Tagen ohne Pl2l2szählen. --i-•- Kleines Feuilleton. (Papst Pius Xl. und der Ovcrrabiner von Mailand.) Die Wiener Schriftstellerin Klothilde Benedikt hatte gehört, daß der Papst zum Mai lnnder Oberrabbiner Kommendatore A l e i t a n d r 0 da Fairo in persönlichen Beziehungen stehe und sich an letzteren mit der Bitte um nähere Mitleilnilgen gewandt Sie erhielt daranf ein Alltlvvrtichreiben. welches sie im Dt. W. I. veröffentlicht. In diesem Schreiben heißt es: ..Meine Bekanntschaft mit dem nunmehrigen Papst Pins XI. datiert ans einige zlvan zig Jahre zurück, ineine freundschaftlichen Beziehnn gen auf sechzehn Jahre. Dieser so wissensdurstige und vielsprachige Manu studierte auch die hebräische Sprache, und 1908 bis 1909 benützte er meine Unter Weisung um sich im Studium dieser Sprache zu ver Vvlllommnen. Dafür hat er sich immer dankbar ge zeigt, und er hielt mit mir immer die herzlichsten Be ziehnngen aufrecht, auch nachdem er znm Kardinal -unddann Erzbischof voll Mailand ernannt lvorden loar. Es lvar, als er die höchste Laufbahn erreichte natürlich nur ineine Pflicht, ihm meine MranUaumi zur erfolgten Wahl, meine Wünsche für die Zukunft darzubringen. Pius XI. ist nicht nur ein wahrer Ge lehrler, sondern du großer Edetmensch von seltener Gütc, der in Mailand in Herzlichen Beziehungen zu sehr zahlreichen Inden, namentlich ans der Welt des (Geistes stand. Ich glaube, seine Erwählung lvar ein Glück für das Wohl der Allgemeinheit und ocr ganzen Well. Uebrigens bin ich immer zu der' Mit gliedern des katholischen Klerus dieses Landes in den höflichsten Beziehungen gestanden, und ich zähle viele Monsignore zu meinen Schülern, die bei mir das Hebräische studiert haben."

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