Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1922)
- Date
- 1922-04-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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I /(Seite’4. Nr. 14_. _. Ahnen". Hierauf folgte ein Vortrag von Rabbiner Dr. Wolf-Cöln über „Der Lebensgedanke des Judenstums". Nach einer Deklamation von Frl. Jsacson und einem Klaviervortrag von Frl. Franken stein hielt Dr. Weiß, Rabbiner der Adaß Jisroel in Gelsenkirchen, einen Vortrag über „Die Bedeutung der Heiligtumsgeräte". Der vorgeschrittenen Zeit wegcn konnte der Vortrag des Waisenhausdirektors Dr. Rothschild-Dinslaken über „Der Sabbat'als Erziehungsmittel" nicht mehr gehalten werden. Die schön verlaufene Tagung erfreute sich des lebhaften Beifalls der zahlreichen Teilnehmer. Die nächste Versammlung ist für den Herbst in Borken in Aussicht genommen. Möge der Verein immer neue Freunde gewinnen, um eine stets wachsende Wirksamkeit zur Ehre des Judentums entfalten zu können. Semeindewahien in Danjifl. Danzig. 26. März. Die bevorstehenden Wahlen in die Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde hallen die Gemüter in großer Erregung. In einer Vorwahlversammlung wurde beschlossen, daß die 8 zu wählenden Repräsentanten (es wird alle 5 Jahre nur die Hälfte der Repräsentanten neu gewählt) sich aus 4 Liberalen, 3 Zionisten und einem Jung.Liberalen zusommensrtzen sollen. Die zwei orthodoxen Kandidaten sollen nicht als Re- Präsentantrn, sondern nur als Stellvertreter gewählt werden. (?) Die 3 Zionisten sind zugleich auch Vertreter der ostjüdischen Kolonie, die bisher nie an Wahlen beteiligt war. Voten. Enfsleifung. Marsch«», 29. März. Auf der letzten Sitzung des Landtages kam der „Juden-Paragraph" im Militärgesetz, der die Juden vom Offizierstande ausschließt, zur Sprache. Die jüdischen Abgeordneten wiesen darauf hin, daß man in den früheren und späteren Kämpfen nicht danach gefragt hätte, ob jüdisches oder christliches Blut für das polnische Vaterland geflossen sei. Bei der Abstimmung blieben aber die jüdischen Stimmen in der Minderheit, ein Vorschlag Hartglas lautete, den Paragraphen dahin zu ändern, daß „Offizier in der polnischen Armee nur derjenige werden kann, dessen Patriotismus keinem Zweifel unterliegt." Später wurde der gleiche Vorschlag unter anderem Namen in unwesentlicher Aenderung ein gebracht und fand auch Gnade in den Augen der Mehrheit. Daß der Vorschlag Hartglas nicht sehr glücklich gewählt war, sieht man schon aus der Debatte, eine Kinderhand, Mappen, Inkunabeln, Handschriften, Flugblätter, da ist alles Leisamrnen, was tiaä Za rille rherz begehrt. Und dazwischen steht er, mit sehr großer Nase uuö sehr hohen Patermördern, kuckt mit schwarzbraunen Augen, raucht eine Zigarette nach der anderen und legt säuberlich einmal ein wenig Zignrcttenasche auf einen Schweinslederband, einmal auf eine Ecke Mahagonitisch, hier auf den Codex Maximilianeus, hier auf die Hauspostille der Königin von 'Navarra. Der Dessauer ist früher verirrntlich einmal ein Kanarienvogel gewesen. Zwischen all dem Papier sitzen die Knuden, die .kauflustigen, die Sammler, die Bibliophilen, dieses närrischste aller Völker. Tie meisten haben Glatzen rrrrd snnkelnde Brillen. Einer hält dicht vor den Augen eine Ciceroschwarte, einer studiert Konima für Komma eine Brentanoausgabe, einer betrachtet viertelstundenlang mit einem Vergrößerungsglas die Buchstaben einer Handschrift. Manchmal verharrt die ganze Versammlung in einer solchen schweigenden Bewegungslosigkeit, das; man glauben könnte, alle diese Leute seren ausgestopft, und inan befände sich in einem Wachsfigurenkabinett. 'Aber neulich einmal saß ich dem Dessauer bei einem Festessen gegenüber. Und da gab es einen Spaß. Ter Gastgeber gab uns einen herrlichen Wein zu trinken, 191 ler Gauwein, Kreszenz Soundso, erstes Fuder, bestes Faß. Der Dcssauer hielt sein Glas in der Hand, strahlte und sagte: ,/Der Wein ist so vornehm, daß ich ihm meine Hochachtung beweisen muß. Ich werde mich dem Wein vorstellen. Gestatten Sie, edler Wein, ich heiße Tessauer." Zur Linken von Dessauer saß Dr. M. lind Dr. Ai. sagte daraus: „Ter Wein ist um eine Antwort nicht verlegen. .Er erwidert: Ich heiße Rheingauer." Der Israelit. 6. April 1983 in der einige judenfeindliche Redner lakonisch meinten, diese Fassung sei nur die Begründung für. den Paragraphen in der alten Form ... , Man weiß auch nicht, ob Hartglas im Einvernehmen mit seinen zionistischen Kollegen gehandelt hat, jedenfalls wurde auf Veranlassung des zionistischen Deputierten Grünbaum der Antrag zurückgezogen. Daß die Annahme des Antrages in etwas , geändeter Form in jüdischen Kreisen nicht als Sieg gefeiert wird, ist ohne weiteres begreiflich. Nur der „Neue Hetnt" zeigt sich höchftlich zufrieden. Weil es eben in der Natur der nationalen Presse einmal liegt, die von ihren Anhängern gemachten Fehler nicht zu sehen und nicht anzuerkennen. In internen zionistischen Kreisen denkt man aber, wie das Hervortreten Grünbaums deutlich genug zeigt, etwas anders über diesen „Sieg", der nichts anderes ist, als eine Waffe in der Hand der Antisemiten gegen das jüdische Recht und die jüdische Ehre. derungen der Agudas Jisroel aus drücklich anschließen. Die Red.) Mualmord Verleumdung. Kowno, 28. März. Im Städtchen Jaschlnowke bei Bialistok kam es zu einer kleinen Judenhetze, als. ein christliches Mädchen in ein jüdisches Bäckerhaus trat und dann beim Fortgehen die Türe, die angefroren war, nicht aufbringen konnte. Die Polizei mußte eintreten und leitete eine „eingehende Untersuchung" ein. Es stellten sich natürlich sofort hysterische Frauen ein, die gesehen haben wollten, „wie langbärtige Juden das christliche Kind nach dem Keller schleppen wollten." Obwohl die Untersuchungsbehörden die Haltlosigkeit der ganzen Sache zweifelsfrei festgeftellt haben, hört doch die latente Hetze unter den Bauern von Jaschinowke und Umgegend nicht auf, sydaß viele Juden des Städtchens nach Bialistok flüchten. Kitauen. 6re? Jisroel und die litauifche Orthodoxie. ‘ Kowo, 15. März. Das hier erscheinende „Jüdische Leben" wendet sich in zwei bemerkenswerten Aufsätzen gegen ' die unerhörte zionistische Verleumdungscampagne aus Anlaß der orthodoxen Northcliffe Deputation. Die Forderungen der Delegation — Gewtssensfreiheit für die selbständige Orthodoxie und Vertretung in der Jewish Agency — würden von der Orthodoxie der ganzen Welt, insbesondere der Manischen, anerkannt und unterstützt. Es werde der zionistischen Organisation trotz allen Pressenlännes auf die Dauernicht gelingen, die Orthodoxie rechllos zu machen. Im gleichen Blatte veröffentlichen Rabbiner Schapiro-Kowno und der Leiter der Slobotkoer Jeschiwoh, Rabbiner Epstein eine Erklärung, worin „im Zusammenhang mit den in der letzten Zeit in der Presse verbreiteten falschen Gerüchten über die Stellung der jüdischen Orthodoxie zum nationalen Heim in Erez Jisroel" der Wille der letzteren zum Aufbau des heiligen Landes unterstrichen wird. (Die I. P. Z. bringt die letztere Meldung unter Weglassung der entscheidenden Einleitung, sodaß der falsche Anschein erweckt wird, als hätten sich die Rabbiner Schapiro und Epstein der Hetze gegen die Sonnenfeldssche Deputation angeschlossen und nicht vielmehr ihr entgegentreten wollen. Allerdings ist es bedauerlich, daß die genannten Rabbinen es nicht für nötig gefunden haben, in ihrer Erklärung ein Wort hinzuzufügen, in dem sie sich den For- Da ries der Tischnackbar zur Rechten, Herr v. B.: „Jetzc stellt der Rheingäuer aber eine Frage: Hoffentlich ebenfalls ungetanst, Herr Dessauer?" „Versteht sich, ebenfalls ungetanst, Herr Rheurgnner." Da hoben wir alle die Gläser: „Na, denn prost." Sabbai'Unlang und nurgang. 12 mv. Ort: Anfang Datum Ausgang UhrjMtn. 1<>22 8682 Uhr Min. Frankfurt a. M. 6 35 8. 10. 7 55 Berlin .... 6 45 April Ntßan 7 83 München . . . 6 30 7 32 Cöln. 6 45 8 -r Stuttgart. . . 6 45 7 47 Breslau . . 6 16 7 16 Nürnberg. . - 6 30 7 37 L»a«bura 6 51 7 51 Aamiliennachrichten. Barmizwohfeier Benno, Sohn der Frau Rabbiner Dr. «salomon Bamberger. Hanau. Verlobte. Recha Neumann, Burgsinn mit Adolf Fleischhacker, Hörstein-Platz. Vermählte. Max Fletschhacker mit Lina Fleischhacker, geb. Neumann, Burgsinn. 5ür die jüdischen Soldaten in Litauen. Kowno, 23. März. Ein warmgehaltener Aufruf, unterzeichnet von den Rabbinern in Kowno, Slabodko, Martampol und Sredntk, wendet sich an alle Wohlhabenden in Litauen, die rituelle Verpflegung der jüdischen Soldaten im litauischen Heere während der Pessachwoche zu ermöglichen. Es wäre zu wünschen, daß dieser Aufruf auch außerhalb Litauens beachtet wird. Gelder zu diesem Zwecke nehmen die jüdischen Bankhäuser in Kowno und der Provinz auf den Namen der „Zentrale der Rabbiner-Vereinigung" entgegen. England. Organisationsoerluche. London, 26. März. In der letzten Sitzung des Rates des Jüdischen Kriegs-Erinnerungsfonds wurden eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, dte trotz der Unzulänglichkeit der von dem Fond aufgebrachten finanziellen Mittel einen gewissen Einfluß auf die künftige Gestaltung der Gemeindeverhältnifse im Lande ausüben können. Zunächst soll eine Stellenvermittlung für Rabbiner und Kultusbeamte eingerichtet werden, derart, daß dte Gemeinden sich bei der Anstellung ihrer Beamten des Rates dieser Zentralstelle bedienen, die dann gleichzeitig in Verbindung mit der zentralen Leitung leistungsschwachen Gemeinden Zuschüsse für Besoldungszwecke gewährt. Man will ferner eine Art geistlicher Oberbehörde einrichten, bestehend aus dem Chief Rabbi, 6 Rabbinen und 3 Laien. Das Vereinigte Königreich soll in drei Distrikte geteilt werden uno an der Spitze jedes Distriktes soll ein Distriktsrabbin er stehen, der für dte Angelegenheiten der ihm unterstellten Gemeinden in religiöser Hinsicht die Verantwortlichkeit trägt. Endlich hat man beschlossen, den Posten eines Erzieh ung sdtrektors zu schaffen, der alle dem Fond bezw. seiner finanziellen Unterstützung unterliegenden Schul- und Erztehungsangelegenhetten zu bearbeiten hat. Die seit vielen Jahrzehnten bestehende eigentliche Vertretungsbehörde der engiischen Judenhett, der Board of Deputtes ist durch Htnzutritt von Delegierten der Anglo-Jewish Association sowie, was von prinzipieller Bedeutung ist, von Vertretern der liberalen Synagoge ergänzt worden. Diese feierliche Anerkennung der Reform als einer gleichberechtigten Spielart des Judentums vollzog sich charakteristischer Weise ohne Sang und Klang, wie eine Selbstverständlichkeit. Der Beobachter der Zeitgeschichte wird gut tun, die Tatsache immerhin zu registrieren, als einen Beweis für die unaufhaltsame Abschleifung aller religiösen Unterchetdungen, sobalo einmal das religiöse Wahr- Msbewußtsein hinter anderen psychologischen Antrieben, insbesondere hinter dem stammesmäßigen Einheitsgefühl, zurücktritt.