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Der Israelit · 1922-03-23 · Heft 12 (23.3.1922) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 12 (23.3.1922)
Date
1922-03-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Verschollene Srüder. 16ine Salafdiaaefdiidife aus der 6esemoart (Fortsetzung.) y. Salomo Lei Pastor Goodwon. Unweit des Gemp, etwa auf halbem Wege Izum Abessintervkertel stand auf einem terrasfen- Isörmigen Hügel von einigen Bäumen umgeben, »das kleine anglikanische Kirchlein mit der pttto- Iresken bletgrauen Zinne. Im kleinen Holzan- Ibau wohnte der beständige Hüter dieser Andachts- Istätte, der Küster und Kantor der nur wenige ISeelen zählenden anglikanischen Gemeinde. Bei lihm hatte sich auch Pastor Goodwon, ein I Hauplglied der Londoner Kolonialmission, für Idie Dauer seines hiesigen Aufenthaltes einge- I mietet. Pastor Goodwon war nicht sonderlich zufrie-! den mit seinem Erfolge in Abessinien. Er hatte! bei den Hindus wie bet den Negern in Sumatra gearbeitet, hatte auch sein Glück im Londoner und New-Jorker Ghetto versucht. Er war gewöhnt, Sport und Hohn, blinden Glauben, Liebe oder k fanatischen Haß zu finden. Bei den Falaschas,! deren Sprache und Art er mit großer Mühe | erlernte, stieß er weder auf Haß und Hohn noch | fand er Vertrauen und Glauben. Sie kamen j in Schaaren zu den Vorträgen, hörten und sahen und gingen. Keiner blß an. Es war so, als wolle kein Einzelner wagen, was er als Teil der Masse ohne Bedenken tat. Man kam zu den Vorträgen, aber seine Einladung, ihn zu einem Privatissimum zu besuchen, wurde von keinem befolgt. Als vielgereister und gewandter Mann konnte sich Pastor Goodwon den Grund erklären. Es fehlte den Falaschas am Witz und Wissen der östlich orientierten Londoner Juden, um in Geistes kämpfe einzugehen, andererseits hingen sie zu sehr an ihren alten Bräuchen und tanmen sie das sittliche Niveau ihrer christlichen Nachbarn, der Abessinier, zu gut, um sich für deren Religion zu begeistern. Goodwon dachte gerade über einen neuen Schlachtenplan nach, als ihm Shmeed, der Küster, den Besuch eines JüngUngs aus der Gemeinde der Falaschas meldete. „Also doch!" lächelte der Pastor und trat freundlich dem Eintretenden entgegen. Salomo stand etwas verlegen dem bleichen schlanken Manne gegenüber, der ihn voller Liebenswürdigkeit die Hand reichte. Salomo zögerte, er sah die dargeboteneHand nicht. „Gott zum Gruß, junger Mann, gesegnet dein Kommen. Wie heißt du, mein Sohn?" „Salomo, der Sohn Nissims-" „Nissim, des Schmiedes? Ich hörte schon den Namen", sagte der Geistliche, „es ist ein harter, braver Mann und hält zäh an seinem Stamme. Wie alt?" Der Pastor zog ein Notizbuch hervor und zeichnete die Angaben ein. „Achtzehn Jahre — Salomo sah etwas ängstlich nach dem Büchlein — warum muß es der Herr wissen und etnzeichnen?" „Wir führen genau Buch über die geretteten Seelen", sagte Mister Goodwon leichthin, indem er notierte. „Gerettete Seelen?" wiederholte der Falascha unsicher. Der Paster streifte Salomo mit einem jener warmen Bucke, die im Kongo und auf Sumatra wahre Wunder bewirkten. „Ja, mein Sohn, wer zu mir heraufkommt, ist aus dem Wege der Rettung und die Wahrheit hat ihn, daß er sie nicht mehr los wird — Ich habe es überall erfahren." „Ihr seid viel gereist, Herr!" sagte Salomo, die letzten Worte des Geistlichen ängstlich umgehend. „Viel, Salomo, Sohn Nissims, ich kenne ff Amerika wie alle Länder Europas, die australischen Inseln, wie die Wesiiüsre Afrikas und das Heilige Äand." „Das Heilige Land!" Ein leiser Schauer durchzuckte Salomo und seine Augen weiteten sich wte die eines beschenkten Kindes. „Gibt es überall in der Welt Juden wte wir," fragte er dann beklommen. „Ueberall gibt es Juden, wenn auch nicht anz wie ihr, und überall tragen sie schwer an er Schuld, die sie auf sich geladen, und an der Bürde, die sie sich in ihrer Hartnäckigkeit weigern, abzuwerfen nach den Worten des Herrn-" Die lr tzten Worte überhörte Salomo wieder ganz. „Und überall „Falaschas", Fremde, und sie leiden und harren des Erlösers? . . ." „Und weisen beharrlich die Erlösung zurück, die ihnen gebracht wird." Plötzlich siel es Mister Goodwon ein, daß er vielleicht mehr gesagt hatte, als fürs erste geraten schien und er lenk e ein: „Aber nicht alle. Es sind heute deren viele, die kommen und den Weg der Gnade finden. Auch du, Salomo, Sohn Nissims, wirst bald zu ihnen zählen . . ." „Und im Heiligen Lande?" fragte der Falascha, ohne die Verheißung zu hören. „Auch im Heiligen Lande leben und leiden Juden, die heilige Stadt Jerusalem zählt ihrer nach vielen Tausenden." „Sind diese erlöst?" „Nein, sie leiden und hoffen wte ihr. Im Ganzen scheiden sich die Juden des Heiligen Landes in zwei Teile, in solche, die der Erlösung durch ein Wunder harren und solche, die sie mit ihrer Hände Arbeit herbeizwingen zu können glauben. Dazwischen stehen wir mit Taten der Liebe, mit Brod, Krankenhiife und Schule und zeigen, daß die Erlösung hier auf dem heiligen Boden Betlehems längst erblüht ist und bald zweitausend Jahre ihrer wartet." „Führen Wege von hier nach Jerusalem?" fragte Salomo traumverloren. „Ja, mein Sohn," sagte der Pastor halb ärgerlich, daß der Jüngling für alle Worte der Werbung scheinbar kein Ohr hatte und immer nur seine Sehnsucht reden ließ. „Ja mein Sohn," fuhr der Pastor fort, „auch ich werde schon in wenigen Tagen den Weg über Aden nach Jemen nehmen und dann weiter nördlich bis Mekka, wo ich die Hedschasbahn nach Haifa und Jerusalem erreiche." „Jerusalem! Zion aus unseren Liedern, die Stadt Gottes und des MoschiachU" murmelte Salomo in Ekstase vor sich hin, wie Worte eines Gebetes. „Willst du mit?" Die Frage kam so plötzlich und so leichthin, daß Salomo erschauerte. „Willst du mit mir über Aden und Jemen mit der Hedchabahn nach Jerusalem?" wiederholte der Pastor und ließ wieder seine bewährten warmen Blicke blitzen. „Ich möchte so sehr, aber ... . erwachte^ Salomo Wie aus einem seligen Traume. „Aber?" drängte der Geistliche. Salomo senkte das Haupt und schwieg. „Ich verstehe," sagte Mister Goodwon weich, „du fürchtest Aba Zague, den alten Kahen, deinen Lehrer." Salomo hob nicht das Haupt. „So höre, Salomo, wenn du den Weg zu uns gefunden, ist Aba Zague dein Lehrer nicht mehr und alle alten Bindungen sind gelöst. Keiner kann dir was anhaben, die Kirche hat dich im Schutze, auch gegen den Vater, der es nicht mehr ist, so du als Sohn der Kirche in ihr die Liebe und das Heil gesunden, die kein Elternhaus zu geben vermag." — — Salomo machte eine Bewegung, als wollte er eilig davon laufen. Der Geistliche faßte ihn an der Hand. Es war für den ersten Anlauf vielleicht doch zu viel. „Also, Salomo, nach Jerusalem, der heiligen Stabt, geht der Weg, willst du mit?" lenkte er wieder ein. In Salomos Augen perlten Tränen. „Ich möchte nach der heiligen Stadt Jerusalem — aber nur, um dort bei den Juden zu leben." Der Pastor überlegte. Er hatte in einer jahrzehntelangen Arbeit Geduld gelernt. Auch war die Reise durch Jemen und Hedschas weit und lang, und sie bot genug Zeit und Gelegenheit, zu weiteren Versuchen. Man durfte die Beute nicht so aus der Hand geben. Goodwon war erfahren genug, um zu wissen, was unbestimmte glühende Sehnsucht eines Jünglings für seine Sache bedeutete. „Also gut!" sagte er und streckte Salomo die Hand entgegen. „Uebermorgen mit Tagesanbruch reisen wir aus." Salomo schlug wie im Taumel in die ihm dargebotene Hand ein, zog sie aber dann eilig und erschrocken zurück. — Als Salomo die Stufen des Kirchenhügels hinunterging, glaubte er einen Schatten dahinhufchen zu sehen. War er belauscht worden? Er sah auch jetzt die Umriffe einer Gestalt, die sich hinter der Mesgtd verloren. VI. Vereitelte Flucht. Als am folgenden Tage Salomo in die Schmiede trat, wurde er von Job mit einem herausfordernden Lächeln empfangen, daS er immer in dem heimtückischen Schmiedegesellen wahrnahm, wenn ein Sturm im Anzuge war. Salomo wußte, daß es Job mit .seiner Schwester Battt hielt und ihr alles zutrug, womit er an seinen Vater, den Meister, nicht heranzukommen wagte. Es fiel Salomo der huschende Schatten von gestern Abend ein. Sollte Job ihn beobachtet haben, sollte Battt schon unterrichtet sein, am Ende auch schon der Vater? Salomo machte sich auf alle Möglichkeiten bereit. Indessen war der Vater freundlicher denn je. Er war sogar gut aufgelegt und machte Späffe mit Job und Salomo. Und Plötzlich pustete er mitten aus der Arbeit mit gerötetem Gesichte, indem er sich mit dem linken Hemdärmei den Schweiß von der breiten Stirn wischte, heraus: „Salomo!" Eine Anrede bei Namen vom Vater bedeutete immer etwas Außergewöhnliches und der Sohn stellte sich feierlich in Positur. „Höre einmal Salomo, es gibt doch Eisen und Elsen", verfiel er in seine beliebte Bildersprache, „Eisen, das für Hufbeschlag geschaffen ist, und Eisen, das für Reifen ist." „Was meinst du damit, Vater?" Meister Nissim fehlte die gelenkige Zunge, um das gutgcdachte Bild in Worten weiter bis zu einem paffenden Uebergang auszubauen und er machte einen direkten Sprung: „Ich glaube, dein Platz ist nicht in der Schmiede, Salomo." „Nein, Vater, das solltest du längst wiffen", faßte Salomo Mut. „Aba Zague war gestern hier", sagte Nissim weiter, „er sprach von dir." Salomo horchte überrascht und gespannt auf. „Der Kahen will dich in die Lehre nehmen, dich in das Orit einführen und zum Debrera machen." Salomo entging es nicht, wie Job verstohlen von der Arbeit aufsah und ihn mit höhnischem und giftigem Blicke musterte. „Nun, Salomo, du schweigst?" sagte Nissim schon etwas ärgerlich, „ich dachte, du würdest zischen

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