Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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33 SÄfi ti 18»; Wer.von der jüdischen Oeffentlichkeit, rob Führer, ab Vorstand, ob Einzelner könnte —■ selbst' wenn die Nächstinteressierten ihre Pflicht nicht tun, in diesem Falbe sich auf die Brust schlagen und rufen: rnn 27I n$$ xy ir;v Umgekehrt sind die größten Opfer für Er-' Haltung eines toratreuen, glaubensstarken Geschlechts — und kein Opfer darf dafür zu groß sein — ein Lohn, der reichlich lohnet, und wir sind überzeugt, daß jeder Kollege bei sorgenfreier Existenz gern seine ganze Kraft seiner Gemeinde und der Jugend widmen, mit frohem Sinn und heiterem Gemüt seine Fortbildung pflegen und wie in früheren Zeiten wieder der geistige Mit-' telpunkt, der Vater seiner Gemeinde und ein Quell geistiger Anregung und Torakenntnis werden wird. xttföi nai*! — so führte ich vor 2 Jahren auf der Versammlung des Bundes gesetzestreuer Lehrer aus — Hören, Schweigen und Tragen war von alters her das Los des jüdischen Lehrers. Er vermochte alles in Hoffnung und injü^ Aber o mmn, die Lehrer" hoffen schon gar zu lang, und so haben Erbitterung und Enttäuschung die Lehrerherzen abgestumpft. Trotz alledem werden sie weiter ihre Schuldigkeit tun und nicht aushören zu hoffen. ‘äHc jüdische Oeffentlichkeit muß endlich erkennen, daß die Zukunft des Judentums eng verbunden ist mit einem tüchtigen lebens- und berufssreudigen Lehrerstand, der einzig die Gewähr bietet für die Erziehung und Heranbildung eines glaubenstreuen Geschlechts. Im Frühjahr 1919 schrieb ein bekannter hessischer Finanzmann in einem vielbeachteten Artikel über Deutschlands Erneuerung: „Man darf über Schulfragen nicht sprechen, ohne wenigstens im Gerste warm und dankbar den Angehörigen des Lehrerstandes die Hand zu drücken, die nach meinen Vevbachtungen während des Krieges unter wirtschaftlichem und seelischem Druck stehend, aufrechte Idealisten blieben und Ruhmvolles leisteten. Deshalb bin ich der Ansicht, daß wir keine bessere Geldanlage finden könnterr, als sie in der erhöhten Besoldung des Lehrerpersonals sich bietet. So wenig wir etwas davon spürten, daß etwa die hingebende Liebe zum Lehrberuf irr schwerster Kriegszeit überschattet gewesen wäre von schwarzen Sorgen, so wenig dürfen wir diesem demnächst wichtigsten Stande zurnuten, daß er auch weiterhin unter wirtschaftlichen Sorgen das seelische Gleichgewicht nrrd die Benrfsfreude im steten, sich täglich erneuerrrderr, zermürbenden Kampfe mit dem Menschlichen im Merrschen sich zu erhalten suche. Denn in keinem Staude ist die sornrige, Licht und Wärme ausstrahlende Berussfreude so wichtig rvie gerade im Lehrerberuf. Ob ich meine Akten verdrossen und finster erledige, braucht der Güte der Arbeit nicht notwendig Abbruch zu tim. Ein Kinder-r und Schnlergemüt aber ist empfindlicher als eilt wehrloser Aktenbogen. Der Erfolg der L e h r a r b e i t st e h t rt n d f ä l l t rrt i t d e r B ern f s f r e u d e des Lehrers. Man nehme ihm also die Lebensso rgen ab. Dus tzibt die Lrrft und den Geist, die souverän im S ch u l s a a l herrschen solle n" Das. sind treffende, von warmem Empfinden und Verständnis für die Zeit zeugende Worte, lind dennoch betrafen sie die Stellung des vom Staat hinsichtlich der Besoldung zeitgemäß bedachten V 0 l k s s ch u l l e h rerstande s. Was würde der betreffende Staatsrat erst bei Kenntnis der jüdischen Religionslehrerverhältnisse sagen?! Die entsetzliche Tragik derselben erregt bei Nicht-- judcn Kopfschütteln und Verwunderung. Der Referent int hessischen Kultusministerium fragte mich, bewegt ob solcher Vorkommnisse: „Kann das die jüdische Oeffentlichkeit mit an sehen? Haben Ihre Reichen denn kein Herz für die e i g e n e n Kulturvebürfnisse?" ISO» IDD ^81 Wir sind nur Wenige, und unser Wärt — sowohl das des Einzelnen M 'der Gtandesorganisationen hätte bisher nicht viel äuszurichten vermocht, und wie oft Witt dem int verantwortlicher Stelle für Schule und Lehrerstand Tätigen bei all den Widerständen- und Widerwärtigkeiten der Mut sinken,' wie manchesmal glaubt er sich allein auf verlorenem Posten und wird müde und verzagt. Dann kommen Momente des Beisammenseins und der Aussprache mit den Führern des Judentums, mit den Organisationen, die tote die Freie Vereinigung ftir die Interessen des orthodoxen Judentums so 'unendlich viel Großes und Unvergängliches 'für die Erhaltung unserer heiligsten Güter geleistet haben, und wir gehen mit neuem Mut nach Hause und frisch wieder an die Arbeit. Darum danke ich der Freierr Bereinigung im Namen der jüdischen Lehrerschaft für die Gelegenheit zur Aussprache über die Nöte des jüdischen Lehrerstandes. Mögen die Ergebnisse der Wichtigkeit der Sache entsprechen.!Ter Weg ist klar, die Zeit ist kurz, urtd Eile dringend geboten. Unsere Weisen sagen: 1*712 D711>n D17X2 ■WIETÖ nnx 1TÖ3 Ich möäjte der jüdischenGesamtheit znrufen 'Nicht nnx tffÖ3rfottbevnni37 N1VS1,tmDiensteunserer teuersten Güter stehend, ersehnen Luft und Licht zu gesegnetem Wirken, z u r Erziehung unserer Z uk u n f t, zur Erhaltung eines glattb e. n s st a r k e rr t 0 r a L r e u e n Geschlechts. Zur Rettung dieser Welt, der Zukunft des deutschen Judentums, darf kein Opfer zu groß sein. Wa-Ilesen unsere Kinder? II. Die Grundbedingung jeder Erziehung ist das klare Bewußtsein von der Wirkung jeder Erziehungsmaßnahme ans das Kind, dieses aber ist wieder bedingt durch die Einsicht fit Wesen und Werden und Wollen des Zöglings. Legen wir also ein Buch in seine Hand, so müssen wir uns fragen, rvie kommt sein Inhalt den kindlichen Seelenkräften entgegen und wie beeinflußt er dieselben, zum Guten oder zum Bösen? Diese Frage ist umso schwerer zu beantworten, weil wir unterscheiden müssen zwischen der Wirkung auf uns und der ans unsere Kinder, andererseits uns auch vor kleinlicher Sittenrichterei hüten müssen. Nicht jeder kann sich in die Kindesseele so hineinversetzen, daß er die richtige Mitte einhalten kann. Am besten rvird es der Pädagoge, der selbst Kinder hat, verstehen. Er rvill seine Kinder von dem jedes sittliche Trtn lähmenden Pessimismus frei wissen, will in ihnen die Ueberzeugurrg pflegen, daß der gute Wille und das eifrige Streben immer belohnt wird, daß jede Schuld sich räche auf Erden, und oaß dem Leben der Einzelnen wie der Geschichte der Völker ein vernünftiger idealer Sinn zu Grunde liege, dein wir vertrauen können. Die reiferen Kinder werden Gutes und Böses nicht so naiv belohnt und bestraft sehen müssen wie die jüngere Jugend, aber auch sie sollen nicht entmutigt werden in ihrem Streben nach aufwärts und vorwärts. Das Schicksal des Menschen soll nicht so fest in den Btemcn als in seiner Brust, sein Lebert nicht so fest irr seiner Geburt und Umgebung als tu seinem Wollen und Wirken, seine Freiheit nicht in [einem Range und Reichturn als vielmehr in seinem Charakter begründet erscheinen. Wenn diese Momente in dert nicht historischen Dichtungen zur Geltung kommen, so erwarten wir von unseren historischen Erzählungen, daß sie auch positive Kenntnisse verrnittrfll, die unser Volk betressen, mit jüdischer Ethik und Literatur vertraut machen, daß der nach riickwärts gerichtete Blick die Grenzen und Möglichkeiten jüdischer Art und jüdischer Arbeit kennen lernt. Vergleicht man mit diesen Ideen, die wohl allgemein anerkannt sind, einige der am! häufigsten der Fügend gewidmeten Bücher, fa weiß m 12 SeittI,' man nicht, was man Zuerst sagen soll/ ob man sich mehr über den Unverstand der Eltern MW* dern soll, die solche Bücher zur Jugendlektüre zulassen, oder Wer den Mangel an geeigneten Büchern. Nehmen wir die „ostjüdische" Literatur, die zur Zeit so häufig unseren Kindern gekauft wird, wie z. B. die jüdischen Geschichten von Perez. Perez ist berühmt als liebevoller Schilderer der „Gasse". Unwillkürlich denke ich an derr Aussatz, derr N. Birnbaum inr „Um die Ewigkeit über Perez geschrieben hat. Darin zeigt Birnbaum, daß die „Verliebtheit Perez" in die Gestalten der Gasse eine Reaktion gegenüber der Haskalah darstellt, daß sich an Perez das Schicksal des Litwaks in „Wenn nicht noch höher" erfüllt habe. Wir hätten also als Inden umsomehr Grund, uns über die Perez-Literatur zu freuen. Aber das ist eben doch nicht Grund genug, sie unseren Kindern zu empfehlen. Denn das Charakteristische an ihr rvie an den meisten dieser vstjüdischen Erzähler ist gerade das, was sie für die Jugend ungeeignet macht. Dieses unbeküm* inerte Aussprechen all dessen, was in den Seelen guter und böser Menschen vorgeht, die Reflexion über alles und jedes irr der Welt, ohne Halt zu irrachen vor dem, was von empftndsarnen Menschen nicht ausgesprochen und vor Kinderohren rricht gesagt wird, bringt sie um diese Eignung. „Vom polnischen Juden", in den „Jüdischen Geschichten" und durch die „Ostjüdischen Erzähler" erfährt der Jugendliche zu oft die grausamste Not des Alltags und deren Wirkungen: asketische Verneinung des Lebens und gänzliche Zerrüttung des Familienlebens, als daß die tiefen Gründe und großartigen Seiten der ostjüdischen Seele (wie in dem errvähnten „Wenn nicht noch höher") der Jugend nachhaltig zu Bervußtsein kärnerl, selbst wenn sie sich, entgegen jugendlichen Gepflogenheit, über dieHandlungsarrnnt dera»- gesührten Literatur hinrvegsetzen würde. Dafür, wie auch solche Milieuschilderung ftir die Jugend verwertet lverdeit könnte, gibt cf einige Beispiele, die ich gern nachgeahmt, auf jeden Fall viel mehr als bisher gewertet ungeschätzt sähe. Borr Lehmann und aus den Sippurrm ist, wenn auch nicht alles, so doch das meiste zur Bereicherung für Kinder zu verwerten. Aber auch eilt Zeitgenosse hat fiefy der undankbaren Aufgabe unterzogen und weiht ander Jugend verwandter Seele heraus ihr seine ganze Muse: S. Schachnomitz. Seine „Skizzen ans Litauen" und „Jur Schatten des Weltkrieges" sind so ziemlich! da- Gegenteil von der zünftigen „ostjüdischen" Literatur, soweit die erwähnten, der Jugend fremden Atomente in Betracht kommen. Der einzige Fehler scheint mir, daß er davon nicht mehr geschrieberl hat. Mit leichtern Plauderton zeigt er Ideal und Leben des Ostens und Westens in ihrer untrennbaren Einheit und reichen Poesie verschlungen, läßt er die Jugend einen begeisterten Blick tun in das Leben der Juden von einem End« der Welt bis zum andern, in Vergangenheit und Gegenwart. Irr „Merelaika" tritt der Dornenweg derussischen Mädchens, das in der „Gasse" aufwächst und des Bachurs, der aus der Jeschiwa kommt, lebendig vor die Seele des jugendlichen Lesers, der bei uns so gar nichts vom Jeschiwa- und Kleinstadtleberr des Ostens weiß, die Welt fre- Chassidimrabbis wird ihm verständlich, und diel Gefahren, die von der nichtjüdrschen Umgebung und von den jüdischen Knlturphilistern drohen, geschildert. Ein Stück Zeit- und Sittengeschichte rvird hier aufgerollt, aber — und das macht sie ftir die reifere Jugend geeignet — mit all der keuschen Zurückhaltung, die das Erotische erfordert, und mit all der Wärme, die alles JMlsch« verlangt. Entsetzung folgt y ‘ fegn