Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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L',' . Seiten Nr. 12 Der ZSraeliL. 23. MtzNAk>r ihnen offenstehenden gesetzlichen Möglichkeiten ansnützen: Einforderung der Kommunalbeiträge, Beanspruchung der Ergänzunqszuschüsse nach Z 47 und 49 des Volksschulle^rerdiensteinkommensgesetzes, und nicht zum wenigsten Erhebung ihrer Gemeindesteuern durch Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer. In naher Zeit kann das Reichsschulgesetz Wirklichkeit werden; dann müssen die ltod) bestehenden öffentlichen jüdischen Volksschulen, soweit sie lebensfähig sind, von den Kornmunen übernommen werden, und die Belastung der jüdischen Gemeinden wird erleichtert. Bis dahin ist darum deren Aufgabe: Dnrchhalten und Vertrauen auf die eigene Kraft. Das ist besser als Beanspruchung fremder Hilfe. Melamed tinankans. DleMkunst dedeutschen Judentum- und die Lage der Lehrer. Referat, erstattet in einer von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums^ einberufenen öffentlichen Versammlung vom 16. Februar 1922 von I. Lebermann in Darmstadt. (Schluß.) Jede besondere Leistung als Lehrer urtb Kantor, ein Tun? ein "paw'ö in der Synagoge oder die Mitwirkung bei freudigen oder ernsten Ereignissen kann ruhig vergütet werden. Darüber hinaus muß aber als Grundsatz gelten: ,Trr man» rrrnv- Andererseits fordern wir für den jüdischen Lehrer in der Regel die gleichen Gehaltssatz e , w i e für den Bo lksschullehre r. Man komme nicht mit dem Einwand von der finanziellen Schwäche der Gemeinden. Irr den letzten Jahren, besonders unter der guten Konjunktur ist die finanzielle Lage der Landgemeinden ganz erheblich getvachsen. Dies beweisen die Steuerlisten und andere Momente, von denen ich jetzt nicht sprechen möchte- Wird aber der Segen idealen Zwecken zngeführt? Denkt man daran, das Lehrergehalt den ZeiLverhältnissen anzupassen oder angemessene Teuerungszulagen zu gewähren? Mit Nichten, die Gemeinden lassen sich am liebsten lueiter unterstützen oder verharren in ihrer Stellung als^ Filialgemeinde, was ja so bequem und so billig ist. Und wie leicht wäre es, wirkliche Hilfe zu leisten. 'Ten meisten Gemeinden fehlt es aber an Gerechtigkeitsgefühl und gutem Willen. .Hier gilt es einzusetzen. Die Herren Rabbiner sowie die führenden Männer der jüdischen Organisationen und Großgemeinden müssen sich der Sache annehmen. Die Vorstände der Landgemeinden müssen in gemeinsamen Besprechungen über die Wichtigkeit und Notwendigkeit größerer Opfer im eigenen Interesse aufgeklärt, und die Bereitstellung größerer Mittel unter allen Umständen erzielt werwen. Daß dies möglich ist, beweist die Haltung einsichtsvoller Land gemei ub eit in Bayern wie Demmelsdorf, Mellrichstadt, Königshofen, die ihre Lehrer in die Gruppen' 7 und^8 der Besoldungsordnung eingereiht haben. Es geht eben meistens, wo nur ein Wille ist. Gewöhnlich zeigt man sich erst bereit, tiefer in die Tasche zu greisen, wenn die Schwierigkeiten bei Stellenbesetzungen dazu zwingen. So kann es jedoch nicht weitergehen. Alle Gemeinden, die in der Lage sind und sich dennoch weigern, ihren Lehrer menschenwürdig zu besolden, müssen öffentlich bloßgestellt und bei eintretender Vakanz gesperrt werden. Tenn besser kein Lehrer, a l s e i n e n, d e r z n m Hungern verurteilt ist und niemals Ersprießliches wirken kann. Aber rasche Hilfe ist dringend geboten. Im vorigen Jahre sagte mir die Frau eines bayrischen Kolle- Mn: „Bei uns kann es nicht schlimmer werden, denn das Einzige, was wir haben, find Schulden." Schnell muß Hilfe erfolgen, und die Lehrer körmen nicht warten, bis bei den Gemeinden Einsicht und Gewissensverfeinerung emkehren. Für uns Lehrer gilt leider das Schicksalswort „Zu spät!" und wenn die Gewissen erwachen und erhöhte — nicht angemessene —' Besoldungen gewährt werden, dann hat bereits eine neue Teuenrngsrvelle die neuen Verhältnisse überflutet, und das Elend bleibt das alte. Erleben wir doch jetzt, daß die Staatsbeamten unter der Wucht der täglich wachsenden Teuerung bereits neue Forderungen stellen, wählend der jüdische Lehrer immer mehr ins Hin« tertreffen gerät. Trotzdem es .auch ungeeignete Elemente im Lehrerstand gibt — und welcher Stand hätte sie nicht —, der größte Teil der jüdischen Lehrer ist von einem sieghaften Idealismus erfüllt. Not und Elend, Undank und unwürdige Behandlung haben ihn nicht zu beugen vermocht. Ausgehälten hat der Lehrer in Verhältnissen, die jeden anderen Stand zu gewerkschaftlichen Maßregeln veranlaßt hatten. Er wird auch weiter seine Schuldigkeit tun. Dennoch rufe ich den Gemeinden und besonders ihren Vorständen zu, den Bogen nicht zu Überspannen und den Lehrer unter Berufung auf seinen Idea lismns nicht weiter darb e it und fte elisch leiden z u l a s s e n. Den Streik der jüdischen Lehrer lehnen wir aus religiösen und sittlichen Gründen ab. Aber Druck erzeugt Gegendruck, und so darf man sich nicht nmitbcnt, wenn die Lehrervereine zum Schutze ihrer Mitglieder auch zu radikalen Abwehrmaßnahmen greifen. Ich vertrete indessen Realpolitik und schaue der Wirklichkeit ins Auge. Wer wird das Schicksal der Lehrer wenden, die in unsozial denkenden Gemeinden wirken, in Gemeinden, die auf keine Bloßstellung, auf keine noch so radikale Maßnahme reagieren, ja sogar auch gegen Sperre und Nichtbesetzung der Stelle gleichgültig bleiben? Ich gebe die. Ansicht eines erfahrenen Kollegen wieder, der im Odenwald wirkt und mir versichert, daß vier bis fünf Gemeinden in dortiger Gegend mit eigenem Lehrer nach dessen Abgang keinen Lehrer mehr anstellen werden und sich vielleicht mit einem Wanderlehrer begnügen. Sie habere alle kein Interesse mehr am eigenen Lehrer und sind froh, 10—12.000 Mark jährlich sparen zu können. Selbst der Synagogcnbesnch am DZV? macht ihnen keine Sorge mehr. Nur der jetzige Lehrer hält noch die Sache zusammen, und wäre nicht die Wohnungsnot in den Städten, so wären die Gemeinden schon längst verödet. Glücklicherweise denken nicht alle so, aber wir müssen auch mit solchen rechnen. Ferner können Kleingemeinden unmöglich das Gehalt eines Volksschullehrers aufbringen. Aber auch sie müssen mehr als bisher bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gehen oder, was noch besser ist, sich mit benachbarten Gemeinden zu einem Bezirk vereinigen, der von einem gemeinsamen Lehrer versehen wird und diesem ein eine Lebensmögächkeit garantierendes Existenzminimum bei freier Wohnung gewähren kann. Nur auf diesem Wege erhalten wir tüchtige und vor allem v o l l b e s ch ä f t ig te Lehrer. Auch der bayerische israelitische Lehrerverein hat sich in seiner letzten Versammlung auf den gleichen Standpunkt gestellt. Die Schwierigkeit der pn* Frage für die einzelnen Gemeinden könnte durch Heranziehung und Ausbildung ortsansässiger junger Leute beseitigt werden, wobei die Freie Vereinigung bezw. der Bund gesetzestreuer Gemeinden wesentlich mithelfen könnten. Nur ans diese Weise kann von den Gemeinden selbst wirksam Abhilfe geleistet werden. Doch diese Pläne sind 'nicht überall und selbst, wo es möglich ist, nur beim Eingehen selbständiger Lehrerstellen durchzusühren. So erhebt sich die Frage: Wie helfen wir und steuern wir der Not der Beamten in den leistungsunwilligen Gemeinden und namentlich in den leistu nAs schwachen Kleingemeinden? ' Hier muß ein gweiter Weg beschritten werden. Die jüdische Gesamtheit muß sich aufraffen zu op'ferfteudiger nachhal- 1 i!ger und gro ßzügiaer Dat! In dankenswerter Weise hat die Freie Vereinigung in Verbindung mit dem Bund gesetzestrener Gemeinden vor 2 Jahren einen Fonds zur Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden in Deutschland bezw. zur Aufbesserung der Lehrergehälter aufgebracht. Allein die Zinsen und selbst größere einmalige Beiträge reichen nicht im entferntesten zu wirksamer Abhilfe hin, denn was bedeuten heute 200—800 Mark, die durchschnittlich den einzelnen Gemeinden bezw. den Lehrern gewährt werden? Zur wirklichen Hilfe muß Großes und Dauerndes geschaffen werden. Ich rufe den leitenden Persönlichkeiten der Gemeinden und Organisationen, ich rufe der jüdischen Oeffentlichkeit zu: „Wollt Ihr warten, bis die Gemeinden und Schulen verödet sind, bis der jüdische Lehrerberuf völlig gemieden wird, bis wieder die ungeprüften Ausländer die Regel unter den. jüdischen Lehrern Deutschlands werden, und die Jugend oem Torageist entfremdet wird und religiös verwildert? Ihr ladet die schwerste Schuld auf Euch, wenn Ihr die reich st en^M ittek für gewiß hochwichtige Zwecke wie *■ /fttlJK, P ölen attsbringt aber die dringlichsten vitalen Bedürfnisse im eigenen Land vernachlässigt!" Groß ist noch der ideale Sinn der meisten Lehrer, und selbst Not und Elend haben ihn nicht zu ertöten vermocht, des Lehrers Wort hat stets die Herzen zu anerkennenswerten Leistungen für jfumane Zwecke entflammt, und viele Hilfsaktionen haben zum nicht geringsten Teil ihren Erfolg seiner tatkräftigen Förderung zu verdanken. Heute stehen Lehrerexistenzen vor dem Z u s a nt m e n b r u ch, ein Schicksal, das l"n z n ein ein Zusa m-- menbeuch der nirvrr werden kann, katastrophaler als jeder andere Zusamm e n b r u ch! In treffender Würdigung der Lage schrieb im Jahre 1918 die Freie Vereinigung in ihrem Aufruf zur Bildung eines Hilfsfonds: „Die Gefahr liegt nahe, daß die jüdischen Kultusbeamten, deren Ehre ja auch die unsere sein muß, gezwungen werden, die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. Zeigen wir, daß wir denen zu danken wissen, die doch die Träger des reinsten altjüdischen Idealismus, die Stützen der religiösen Treue und Hingebung in den jüdischen Gemeinden sind, und die nicht umsonst ihr Bestes, ihre Lebenskraft für das Judentum geopfert haben sollen. Großes, Gewaltiges hat die deutsche Judenheit im Kriege, für die allgemeine Kriegswohlsahrlspslcge nicht nur, sondern auch für unsere Brüder im Osten geleistet. Größeres wird an sie herantreten, hier aber gilt es, einer Not zu steuern, die daheim, in nächster Nähe am eigenen Herd, in stiller Zurückhaltung, aber dem Hörenden nicht minder laut, um Hilfe wirbt." So schrieb man im Jahre 1918. Um wieviel lauter und herzbewegender ertönt jetzt in der Zeit gewaltigster Teuerung und tief gesunkener Kaufkraft des Geldes die Stimme der Not aus den Lehrer- HLusern! Gewiß, es ist für den Lehrer kein Frohgesähl, auf dieserr Weg verwiesen zu werden, aber außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Mittel. Der Kampf gegen die-zunehmende Unwissenheit und religiöse Verwilderung der Jugend, die Sorge fiir die Erhaltung von rnifi und rrJIttK gehört zu den vornehmsten Aufgaben des 'ijy Das Gebot "Mim muß angesichts der drohenden Verelendung des jüdischen Lehrerstandes zum kategorischen Imperativ für die jüdische Gesamtheit werden und jedes jüdische Herz mächtig anspornen zu nachhaltiger nutzbringender Tat. Wollen wir warten bis bas Verhängnis sich weiter entwickelt und der jüdischen Gesamtheit das schicksalsschwere Geständnis auf die Lippen drängt: nnx irm nur* irrt« iir«K.owtt?aie ww >01 OTa lannro ivv»