Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. März 1922. _ gtertenversämmlüng in. der heutigen Nummer der Aguda-Beilage — zu erzählen. Die „Agudas Jisroel" wird in demAugenblick aufhören, die außerjüdischen Faktoren mit ihren gerechten Postulaten zu beschäftigen, in dem die zionistische Organisation auf ihr Vertretungsmonopol, das sie selbst lediglich bet ntchtjüdischen Faktoren in verschwiegenen Konferenzzimmern sich errungen hat, freiwillig in voller Ehrlichkeit verzichtet und die Gleichberechtigung der Orthodoxie als der legitimen Vertreterin des historischen Judentums vor der Mächten der Welt ohne schulmeisterliche Ermahnungen anerkennt. Das mag ein Opfer der politischen Eitelkeit bedeuten, für ernste, der Sache zugewandte jüdische Menschen — einerlei welcher religiösen Gesinnung — würde ein solches Bekenntnis kein sacrificium intellectus sein. Weil aber die Orthodoxie auf diesen sittlichen Aufschwung der zionistischen Parteipolitiker nicht warten kann, muß sie ihre Sache, es ist die Sache der in den Winkel gestoßenen Gotteslehre, selber führen und vertreten — vor wem auch immer. Es ist ein zu durchsichtigen Zwecken erfundenes Märchen, daß dieses Auftreten die jüdische Position tn Palästina „gefährden" könne. Die Balfour-Erklärung, nachdem sie einmal da ist, wird England nicht zurücknehmen,' wie sie interpretiert wird, soweit es'fich um hie Einwanderung handelt, liegt ohnedies völlig in der Hand der englischen Regierung, und wir vermögen, so schmerzlich das ist, in der letzten Erklärung Churchills im englischen Parlament keine besondere Begeisterung für eine großherzige Einwanderungspolitik zu entdecken. Eine aktive, gleichberechtigte Mitwirkung der Orthodoxie am Aufbau des Landes und der Kontrolle der Einwanderung wäre nur geeignet,, das unberechtigte Mißtrauen sowohlder englischen Negierung hinsichtlich des Bolschewismus, als die Angst der Araber vor einer stürmischen Eroberungspolitik zu mildern und die durch manche Fehler des Zionismus gefährdeten jüdischen Palästina-Interessen in höchstem Maße zu fördern. Der Weg ist also umgekehrt, wie ihn die „Rundschau" sich denkt. Z u er st in den Orkus mit dem verantwortungslosen zionistischen Monopolstreben! Alsdann erst Verzicht der Orthodoxie auf eine selbständige Außenpolitik, die dem Zionismus so unbequem ist, und Verlegung des Kampfes nach innen. Wir gestehen, daß wir — trotz der inzwischen von dem zionistischen Rumpfparlament in Jerusalem an die palästinensischen „Agudas Jisroel" ergangenen Aufforderung zur „Mitarbeit^ — wenig Hoffnung haben, daß die Zeit dafür schon reif ist. Fast scheint es vielmehr, als ob man dort nur die „Aguda" gegen den vorübergehend unbequemen „MtsrachL' ausspielen will. Ser russische Hunger und der jüdische Sowjet-Kommissar. Rußland hungert, wie vielleicht noch nie ein Volk in der Geschichte gehungert hat. Das menschliche Herz krampst sich zusammen Leim Lesen der Berichte aus dem 30 Millionen Menschen umfassenden Leidensbezirke. Da ist es nicht zu verwundert, daß die Sowjet-Regierung alle im Lande vorhandenen Vorräte und Schätze in Brot für die Darbenden umzusetzen sucht und auch vor den Kirchen und Klöstern nicht Halt macht, die nicht unansehnliche Reichtümer an Gold, Silber und Kunstgegenständen besitzen. Das ist alles menschlich und begreiflich. Unmenschlich und unbegreiflich ist es aber, daß der jüdische Kommissar in der Moskauer Zeitung „Emmes" (sie nennt sich demonstrativ SVÜV, um mit dem hebräischen nüK nichts gemein zu haben) die Maßnahme auch auf die Synagogen, auf die heiligen Thorarollen und deren Stiberbehänge auszudehuen sucht. Liest D«e »t. 12 Sette 3 ST-ft‘ASSE S.PANDAUER G EG R B E R LI N Wäsche-Ausstattungen Damen-, Herren- und Kinder-Wäsche Anfertigung in eigenen Werkstätten Wohnungs^Einrichtungen Ständige Ausstellung eingerichteter Zimmer von einfacher bis zu vornehmster Art Vier Stockwerke Möbel Gardinen * Möbelstoffe * Teppiche ♦ Beleuchtungskörper man den Artikel in der genannten Zeitung, so hat man doch das Gefühl, daß es dem Herren weniger um die Hungernden zu tun ist, denen mit dem bischen jüdischer Armut in den russischen Synagogen kaum gedient sein dürfte, daß es ihm vielmehr die heiligen Rollen und deren bescheidener Schmuck angetan haben, die er von seinem und seiner bolschewistischen Genossen Standpunkte aus für vollkommen entbehrlich hält. Es sind die gleichen Herren, die am letzten Jaum Kippur in verschiedenen Städten Sowjet-Rußlands einen jüdischen Arbeiterzug mit Musik durch die Straßen an allen Synagogen und Bethäusern vorbei organisiert Habens es ist auch der gleiche „Emmes", der am Jaum Kippur, da die meisten S tzer und Drucker sich weigerten zu arbeiten, dennoch in kleinerem Umfange als Protest gegen den Jaum Kippur erschienen ist, in dem heute empfohlen wird, die heiligen Thorarollen ihres bescheidenen Schmuckes zu berauben. Der Herr Kommissar, der wohl selber zugeben muß, daß diese Art von Hilfe nicht einmal ein Tröpflein auf den heißen Stein ausmacht, verlangt ferner, daß die Etmrahmen für den Mizwaus-Verkauf in den russischen Synagogen für die Htlfs-Akiion beschlagnahmt werden. Dagegen wäre natürlich nichts etnzuwenden, vorvusgesetzt, daß der Bestand der Synagogen nicht dadurch gefährdet wird,' denn der Hunger nach Andacht und rach religiöser Belehrung ist heute auch in Rußland, und nicht zuletzt im jüdischen Rußland, stärker denn je, trotz der einzelnen jüdischen Kommissare im Sowjet-Ministerium, deren.Sinnen und Trachten auf Zerstörung der Religion gerichtet ist. Die Reorganisation der Franisurter Ieschiwa. Die Frankfurter Ieschiwa darf einen wesentlichen Teil des historischen Verdienstes für sich in Anspruch nehmen, das Vermächtnis der großen unsterblichen Führer der deutschen Judenheit des 19. Jahrhunderts vor sicherer Versandung bewahrt zu haben. Sollte deren heiliges, der Gesundung und Erstarkung des westeuropäischen jüdischen Lebens geweihtes Lebenswerk dauernde Früchte tragen, dann mußte es früher oder später gelingen, die Heranwachsende Jugend für den Geist der geschichtlichen Btldungsanstalt des jüdischen Volkes, den Grift der Ieschiwa, zu gewinnen. Denn Ieschiwa will nicht nur einer Jugend die Quellen einer göttlichen Lebens- Wissenschaft erschließen und sie in ihrepr..Geiste heimisch werden lassen. Ieschiwa bedeutet Taurom ilieu,' von ihrer Atmosphäre darf die stärkste, nachhaltigste und natürlich; Kräftigung für unsere Jugend erhofft werden. Die Gründung der Frankfurter Ieschiwa fiel in eine Zeit, die dem ) Verständnis für die Eigenart einen nicht | gerade günstig war. Sie hat trotz Ungunst der! Verhältnisse auf dir Wahrheit ihrer inneren Not-! Wendigkeit vertraut und in aufgezwungener, bescheidener Kleinarbeit Großes geleistet. Die letzten Johre brachten einen erfreulichen Umschwung in westeuropäischen Kreisen. Der neuerwachte Geist der Selbstbesinnung, der sich in erhöhter Sehnsucht nach gründlicher Einsühung in unsere Lebenswjssemchast äußert, brachte auch der Frankfurter Ieschiwa einen stärkeren Zustrom von jugendlichen Schülern und gereifteren Hörern. Sie war in ihrer ganzen bisherigen Verfassung auf die damit sich ergebenden höheren Anforderungen nicht eingestellt. In den zurückliegenden Jahren genügten die Schiurim des Leiters, zu denen die Bachurim sich selbständig oder in gegenseitiger Unterstützung vorbereiteten. Daneben erteilten 2 Dozenten (im Nebenamt) die notwendig n Vorbereitungsschiurim für Anfänger, sowie und 2'1N-Unterricht. Diese Einrichtung erwies sich nunmehr als durchaus unzulänglich. Wir denken dabei zunächst an die Hörer, die noch nicht in der Lage sind, selbständig zu lernen. Denn sind ei;,mal die Hörer so weit, so geben ihnen die Schiurim des Leiters die nötigen Anleitungen und Anregungen, auf Grund deren-sie immer mehr ihr Wissen und Können zu bereichern imstande sind. Für sie stehen die Schiurirn des Leiters im Mittelpunkt ihres Studiums; von ihrem Fleiß kann erwartet werden, daß sie ihre frUe Zeit dem emsigen Thorastudium widmen. Ganz anders verhält es sich mit Anfängern oder Fortgeschrittenen, soweit sie im Lernen nicht selbständig sind. Für sie ergeben sich folgende Gesichtspunkte: 1. Solche Hörer müssen je nach Veranlagung - . und Vorkenntnissen systematisch gefördert und immer mehr tn das gründliche Lernen einaeführt werden; 2. Anfänger und Fortgeschrittene können naturgemäß nicht zusammen unterrichtet werden- 3. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß die Hörer auch tn ihrem Alter erheblich auseinander gehen. Die Altersstufen differieren zwischen dem 14. bis 22. Lebensjahr - 4. An Anfänger im reiferen Alter können andere Anforderungen gestellt werden als an jüngere Anfänger- 5. Auch bei Fottgeschtltenen (bet denen der Altersunterschied sticht mehr so ins Gewicht fällt) zeigen sich solch erhebliche Differenzierungen, daß ohne Sonderbehandlung eine wünschenswerte Förderung nicht möglich ist- 6. Dem Unterricht muß ein fester Stundenplan zu Grunde liegen, der den größten Teil des Tages ausfüllt. Die Ieschiwa sah sich vor schwere Aufgaben