Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1922)
- Date
- 1922-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 11 Der JSraeltt. in ihrem Namen reden sollte. Die einzige orthodoxe Körperschaft in Amerika ist derRabbiner- V erb and, der wahrhaft Großes geleistet, das Problem kann aber nur dann gelöst sein, wenn zu der Rabbiner-Organisation noch eine große Laien Organisation hinzukommt, ohne welche alle Wünsche und Pläne der ersteren kaum zur Durchführung gelangen können. Hier kann und muß die Agudas Jisro el als Retterin des jüdischen Lebens in Amerika in Kraft treten. Wir teilen die Hoffnung dcs N-w-Aarker Tageblattesdaß es bei tem ersten Schritte nicht sein Bewenden haben wird, sondern, daß die Organisation der Gesetzestreuen in Amerika sich bald zu einer Macht auswächft, die Segen nach allen Seilen stiftet. Vom jüdischen Witz. Ein Nachttang zum Purimfefte von Dr. Leo Nasch in Wien. Sobald die Sonne in das Sternbild des Fisches tritt, und die ersten Schneeglöcklein ihre schlaftrunkenen, unschuldsweißen Köpflein in die Höhe heben, bricht für den Juden eine kurze Zeit des Frohsinns und der Belustigung an. Diese Fröhlichkeit, diese sittige Heiterkeit erreicht ihren Höhepunkt am Purimfefte, um dann tagsdarauf wieder in die ernste Stimmung der Alltäglichkeit zurückzufallen. Der schwermütige Jude drückt am Purimabende die Schellenkappe über die sorgenvolle Stirne, mit schäumendem Becher in der Hand spottet er aller Unbilden seines Schicksals und aller Ränke seiner Feinde und stimmt, indem er seiner Laune die Zügel schießen läßt, dithyrambische Lieder über die wundersame Rettun'g seiner Ahnen in der Perserhauptstadt Susa an. So wird ein Hochernstes, historisches Ereignis bei Becherklang und Mummenschanz begangen und jüdischer Humor und Witz drücken dem Feste ihre Stempel auf. “ Leider muß es festgestellt werden, daß die neue Zeit die echte Purimstimmung nimmer aufzubringen vermag. Es gebricht an naiver Herzlichkeit, an ungedämpfter, übersprudelnder Lustigkeit und man kann mit Recht eines der Ziele der nun in die Bresche getretenen gesetzestreuen Jugend darin erblicken, daß sie auch dem Purimfeste seine ungetrübte Fröhlichkeit, seine Spiele und Spässe wiederzugeben trachte. Denn wer mag es leugnen, daß den Juden wie keinem anderen Volke, Witz und Geist angeboren sind, und wenn sie fasten und sich kasteien können wie niemand anders, so ist auch ihr Humor unvergleichlich köstlich und ihr Purim braucht daher keiner Fastnacht nachzustehen. Wir sehen ja, daß selbst in jenen Kreisen, wo jüdischer Fleiß, Ernst und Familiensinn, jüdische Wohltätigkeit und Kulturltebe abfällig beurteilt werden, wo man also für die ausgesprochen schönen Züge des jüdischen Charakters keine Achtung empfindet, der sogenannte polnisch-jüdische Witz einen integrierenden Teil der Konversation bildet und daß eine Pointe im vielverschmähten Jargon alle Zwerchfelle in krampfhafte Erregung bringt. Nur nennen sie, die uns abholden Gegner, unsere Art eine frivole, eine zersetz?nde, die alles Hehre und Edle der wohlfeilen Spöttelei preisgibt. Die Abgefallenen, wie Heine und Saphir, sind für sie die berufenen Träger jüdischen Geistes und alle geschmacklosen Entgleisungen, alle Verfälschungen, kommen auf unser Konto Wir aber wissen ihn gut zu unterscheiden, der: reinen, abgeklärten, aus schmerzlichen Seelentiefen sich aufwärts ringenden »rechten Humor von dem schalen, unflätigen, geistigen K>sch, der jüdischen Urhebern zugeschrieben wird. Es berührt uns daher auch immer unangenehm, wenn man ganz seelenfremde, rohe, abgeschmackte Calembours unter jüdischer Flagge in Umlauf bringt. Den lauteren, unverfälschten jüdischen Witz hingegen schätzen wir als eine der schönsten Blüten der jüdischen Psyche, dem im Laufe der Jahrhunderte eine wichtige Mission zufiel. Wie oft hat ein geistreiches, schlagfertiges Wort ein schweres Verhängnis von den Juden abgewendet! Wie bst gelang es, den Grimm des Feindes drrch eine geschickt angebrachte Redewendung in Milde zu verwandeln. Der jüdische Witz, und das darf nicht vergessen werden, diente nicht nur zu müßiger Kurzweil und Erheiterung in der seelischen und körperlichen Ghettobeengniß, er war vielmehr ein Mittel im Kampfe ums Dasein, das dem Juden oft die Gunst der Mächtigen und die Duldsamkeit des Volkes verschaffte und ihm das Leben und den Erwerb erträglich machte. Nur diese schöne, harmlose Art des Witzes möge am Purimfefte ihre Orgien feiern. Dann wird es sozusagen ein Stelldichein historischer Erinnerungen sein und dann wird es leicht begriffen werden, daß Purim eines jener Feste sei, das auch dann nicht aus dem jüdischen Kalender verschwinden wird, wenn einst alle anderen eingestellt werden. In dieser Zuversicht wollen wir des Talmudspruches eingedenk sein, daß man am Purim so lange trinken muß, bis man zwischen dem verfluchten Haman und dem gesegneten Mordechai keinen Unterschied mehr weiß. Lomrpoittleiiren u. Nachrichten. Deutsches Reich. Nus 8er Reichstag- Merlin, 5. März. Im Hauptausschuß des Reichstages beschwerte sich Dr. Moses (U. Soz.) darüber, daß in der von der Regierung unterstützten „Deutschen Soldatenzeitung" Juden hetze und Soziaiistenhetze betrieben werde. Die Abgg. Hünltch (Soz.) und Schöpflin (Soz.) beantragten, daß künftig von einer direkten Unterstützung einzelner privater Soldatenzeitungen seitens der Regierung abgesehen werde. Reichswehrminister Dr. Geßler erklärte, daß er auf das Schärfste jede antisemitische Hetze verurteile und ganz energisch gegen die „Deutsche Soidatenzeitung" einschretten würde, sobald ihm ein derartiger Fall nachgewiesen werde, wandte sich aber gegen den Antrag Hünltch. Höhere Israeiitifcfie Schule. Leipzig, 8. März. Es geht uns soeben die erfreuliche Nachrichtzu, daß der höheren Israelitischen Schule zu Leipzig die Berechtigung zur Abnahme der Reifeprüfung seitens des Sächsischen Kultusministeriums verliehen worden ist. Damit ist eine lange gehegte Hoffnung der Judenheit Leipzigs erfüllt nnd nunmehr die Leipziger Realschule in die Reihe der übrigen staatlich anerkannten höheren Schulen Deutschlands eingetreten. Wir gratulieren der Anstalt, die am 1. April auf 10 Jahre ihres Bestehens zurückblickt, aufs herzlichste und wünschen ihr weiter Blühen und Gedeihen zum Segen des Judentums. . BeprWnlanlenkollegium 9er . Deutfch-Israelitifchen öemeinöe. Karnburg, 6. März. In der letzten Sitzung teilte der Gemeinde- Vorstand mit, daß er dem Antrag des Kollegiums auf Einleitungen von Verhandlungen mir dem Landesftnanzamt wegen Einziehung der Gemeindesteuern betgetreten ist. Sodann folgt die Etnzelberatung des Voranschlags für 1922. Die einzelnen Positionen, die fast bei allen Ausgabeposten bedeutende Erhöhungen aufweisen, werden genehmigt. Der Antrag des Vorstandes, für die Jüdische Bibliothek und Lese- 16, März 1982 Halle für das Jahr 1922 einen Betrag von 10000.— Mk. zu bewilligen, 4vird angenommen. Für die Erweiterung des Begräbnisplatzes der Gemeinde in Ohlsdorf-Steilshob liegen dem Vorstand verschiedene Pläne vor. Zur Prüfung dieser Pläne schlägt der Vorstand die Einsetzung einer Kommission vor. Die Repräsentanten erklären sich hiermit einverstanden. Es finden dann noch die Neuwahlen statt. Litauen. Nacliklänge?ur Kehillaus-Konferen?. Komuo, 10. März. Der Gesamteindruck, den die KeH-llaus-Konferenz hinterlassen hat, ist kein besonders günstiger. Das hier erscheinende „Jüdische Leben" macht den derzeitigen Leitern der jüdischen Politik in Litauen mit Recht den Vorwurf, daß sie nach der gemeinsamen Basis, nach der einheitlichen Linie, die alle um die Arbeit vereinigen sollte, gar nicht gesucht hätten. Die Konferenz hätte sich zu einer Kampf-Arena für die inneren Streitigkeiten der verschiedenen Kulturrichtungen verwandelt. Doppelt bedauerlich ist es, daß dadurch auch der Eindruck nack außen und auf die Regierung, die die Autonomie erst zu bestätigen hat, kein sehr günstiger ist. Im allgemeinen muß gesagt sein, daß man von führender Seite die Autonomie nur als Mittel zu einem schlechten Zweck auffaßt, dem Zwecke, dieFrethett der jüdisch en Religion zu vergewaltigen und das gesamte jüdische Leben, von der Volksschule bis zur letzten gemeinsamen Betätigung, zu verweltlichen. Hier liegt die Quelle alles Nebels, die zu einer Einigung es nicht kommen lassen kann und derWelt, die mitSpannung auf die Entwicklung der Dinge in Litauen sieht, das schlechteBild bietet. England. Die orthodoxe Bewegung in England. «London, 10. März. Am letzten Sonntag fand auf Einladung der bekannten „Liga gesetzestreuer Juden" unter dem Vorsitze von W. Wachmann eine Versammlung orthodoxer Gemeinden und Vereine statt, in der zu den letzten Vorgängen im Jews College Stellung genommen und Gegenmaßnahmen erwogen werden sollten. Die Hauptreferate hielten Rabbiner Hurwitz aus Leeds und Rabbiner Dr. Herzog. Ersterer klagte vor allem den Chief-Rabbi Dr. Hertz an, der durch seine schwächliche Haltung die Errichtung einer liberalen Akademie im Nahmen des ehemals orthodoxen Jews College verschuldet und auch in der Frage des neutestamentlichen Unterrichts nicht die notwendige Energie gezeigt habe. Es wurden schließlich folgende Resuluttonen angenommen: 1) Die Konferenz von Rabbinern und Delegierten orthodoxer Gemeinden im vereinigten Königreiche protestiert entschieden gegen den Beschluß, eine Akademie zu errichten, um traditionswidrige Anschauungen über das Judentum zu lehren, und sie beklagt auss tiefste das die Interessen des orthodoxen Judentums in Frage stellende Kompromiß, das der Chief-Rabbi in dieser Sache geschloffen hat. 2. Die Konferenz verurteilt aufs entschiedenste die Haltung des jüdischen Kriegserinnerungsfond gegenüber dem gesetzestreuen Judentum. Rabbiner Dr. Herzog referierte über die dringend notwendige Gründung einer unzweideutig orthodoxen Anstalt zur Ausbildung von Rabbinern, Lehrern und Schochtim. Es gebe in England eine viertel Million Juden, von denen die Mehrheit im Prinzip orthodox ist. Aber die junge Generation werde immer mehr und mehr anglisiert und niemand sei da, der sie mit dem Feuer der alten religiösen Begeisterung, die nur aus gründlichem Wissen erwachsen könne, erfüllt. Die aus dem Jews College hervorgehenden Geistlichen hätten das überlieferte Judentum nicht aufrecht erhalten, vielmehr auf den Enthusiasmus abkühlend,