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Der Israelit · 1922-03-16 · Heft 11 (16.3.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 11 (16.3.1922)
Date
1922-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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16. März 1923 Unterrichtes genommen, den Orthodoxen wird das Recht geraubt, eigene Schuten nach ihrem Geschmack zu gründen. Selbst in der Gemeinde mit einer einzigen Schule muß der Unterricht in den profanen Fächern schon in. den ersten Schuljahren an erster Stelle und überwiegend sein. Dabet wird übersehen, daß die paar Herren, die all' dieses beschließen, gar nicht die rechte Fühlung mit den breiten Massen haben, die zu vertreten sie angeben/ die dank einem unseligen Wahl-Modus sich in der Minderheit befindenden wahren Vertreter der jüdischen Interessen werden aber bet jeder Gelegenheit brüskiert und an die Wand gedrückt. Man übersieht vollkommen die natürliche Entwicklung der Dinge und daß, abgesehen von allem Unjüdischen in dieser Schul« reform, hier ein so unvermittelter Sprung „ins Licht" (wie sie glauben) getan wird, daß das litauische Judentum dabei Hals und Bein brechen müßte. Die Orthodoxie hat sich tapfer gewehrt, mit dem Erfolge, daß die Schulresolution noch einmal dem Nationalratvorgelegt wird / sie ließ sich auf keine Kompromisse ein, ein Beweis, daß die Gesetzes treuen in Litauen erwacht sind und sich nicht mehr von den Schalmeien über den Frieden in der jüngsten Vergangenheit einschläfern lassen. Der Rückblick auf die Aera des Rabbi Jizchok Elchonon darf nicht hinwegtäuschen über die Zustände, wie sie sich inzwischen herausentwickelt haben. Einen Mann, um den sich alles konzentriert und der alles in seinen Zauberkreis bannt, haben, wir heute leider auch in Litauen nicht, wir haben nur Männer, tapfere Männer, aber doch nur Einzelne, die im Gefühle der vollen Verantwortung für die ihrer Obhut anvertrauten Heiligtümer kämpfen müssen und G. s. D. auch zu kämpfen verstehen. Das ist das Fazit der Kownoer Kehillaus- Konferenz, und es ist kein ganz unerfreuliches. Wochennmdschau. Der halbe Schekel- Die an anderer Stelle gebrachte Notiz, daß in Frankfurt a. M. (und wohl auch anderwärts) der Betrag der allüberall in Erinnerung an die uralte gesetzliche Vorschrift geleisteten Halbschekel- Spende, entsprechend der gesunkenen Kaufkraft des Geldes, von diesem Jahre an wesentlichhöher normiert worden ist, ist eine immerhin denkwürdige Tatsache, die zu mancherlei Betrachtungen Anlaß gibt. Hier in Frankfurt a. M., wo man von altersher 34 Pf. (?N PZV2) als Machzis haschekel gegeben hatte, beträgt die Erhöhung rund das Zwanzigfache, wobei wohl, wie wir annehmen, die jüngst vom deutschen Reichsfinavzminister im Parlament abgegebe Erklärung maßgebend war, daß die durchschnittliche Geldentwertung gegenüber dem Lebensbedarf auf etwa 1 zu 20 zu beziffern sei. Die halachische Seite der Angelegenheit, die ganz außerordentlich interessante Ausblicke in kulturhistorische, nationalökonomische und rechtliche Zusammenhänge gewährt, soll naturgemäß an dieser Stelle nicht behandelt werden. Nur soviel sei gesagt, daß schon die Mtschnah über die seit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil nacheinander wechselnden Münzgattungen berichtet, die als Halbschekel-Spende verwendet wurden. Die Erklärer nehmen an, daß man kurz nach der Rückkehr wegen der geringen Zahl der Steuerpflichtigen im Verhältnis zum Geldbedarf höhere Beträge einziehen mußte, während man allmählich mit der wachsenden Volkszahl hinsichtlich der Höhe des Einzelbetrages herunterging, bis zu der Minimalgrenze des silbernen Denaren, der dem halben Schekel der Thora entsprach. Heute ist uns der halbe Schekel die lebendige Erinnerung an die große Zeit der Verg angenheit, in der die jüdis che Volkseinheit in dem für alle äußerlich erkennbaren Mittelpunkte des jüdischen G esetzeshetligtums wurzelte und in der die gesammelte Kraft der Natiork, aus den Halbschekel-Steuern jedes einzelnen Mannes sich zusammenfügend, denZwecken diesesGesetzeshetltgtums zugute kam. Wird diese Halbschekel-Steuer nun heute verzwanzigfacht, so sollte das erzieherische Moment, das in dieser Steuerfestsetzung liegt, nicht übersehen werden! Dort, wo Interesse gegen Interesse steht, wo Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zumeist in machtvollen Verbänden zusammengefaßt, miteinander ringen, da darf wohl angenommen werden, daß folgenschwere wirtschaftliche Ungerechtigkeiten im Gefolge der Geldentwertung nur vorübergehend einreißen können und sehr bald ausgeglichen werden. Anders im Gebiete des religiösen und sittlichen Lebens. Gewiß braucht die deutsche Judenheit im allgemeinen sich ihrer Leistungen auch auf diesem Gebiete nicht zu schämen. Aber dennoch geschieht nicht genug, und bei gewissenhafter Selbstprüfung wird mancher sich sagrn müssen, daß er das Multiplizieren mit zwanzig zwar trefflich gelernt hat, sobald es sich um den Einkauf von Lebens¬ oder Genußmitteln für den eigenen Bedarf, ja auch, wenn es sich um die Befriedigung von Ansprüchen handelt, hinter denen Gewerkschaftsorganisationen oder Staat stehen — nickt Nr. 11 Seite 3 aber dann, wenn lediglich das alte jüdische Heiligtum mit seinen bit.ter notleidenden Z wecken, wenn darbende Menschenkinder oder wankende Institution ender Menschenliebe ihre Stimme erheben und Rettung heischen. Auch das an dieser Stelle in den letzten Wochen wiederholt berüh 1e Kapitel des Beamtenelendes gehört in diese Rubrik. „Mit zwanzig multiplizieren" — das ist dieLehre, die der neue halbeSchekel dem spendenden, leistenden Juden im neuen Deutschland entgegenruft. Bon der jüdischen Ardeit in Amerika. Daß man, wenn man von jüdischer Arbeit in Amrrika spricht, nicht immer gleich an die bekannten „Hilfsaktionen" denken muß, ergibt sich aus den uns aus Amerika zugehenden Berichten. Es gebt ein günstiger Wind durch die Gassen der Gesetzestreuen in Amerika, seitdem die orthodoxe Delegation mit Rabb Meir Don Plotzki an dcr Spitze dort gute Voraussetzungen zur Arbeit geschaffen hat. An gut jüdischer Gesinnung hat es in Amerika wohl nie gefehlt, es fehlte nur an einer Organisation, an einer Sammlung der Kräfte, die aber nun erfreulicherweise auf dem besten Wege ist. Darauf weist auch das „Jüdische Tageblatt" in New-Ä)ork in einem Leitartikel hin. Es schreibt u. v. a.: „Es ist kaum eine gute jüdische Sache in Amerika zustande gekommen, ohne Mithilfe und Mitwirkung der Orthodoxie, die in ihrer umfangreichen Wirksamkeit auch für diejenigen sorgt, die mit ihr in keiner Verbindung stehen. Die Gesetzes treuen bauen Synagogen und Schulen, die offen stehen für alte. Juden in Amerika, die auch sonst dem religiösen Leben fremd gegenüber stehen, besuchen gelegentlich bei freudigen oder traurigen Anlässen die Synagoge, wenden sich an den „Verein" oder nehmen eine gemeinnützige Institution in Anspruch. Die Synagogen, die religiösen Vereine und Institutionen werden aber in den verschiedenen Gegenden der Riesenstadt in erster Reihe von den Orthodoxen errichtet und erhalten. In die Talmud-Thora- Schulen schicken auch diejenigen ihre Kinder, die zu ihrer Errichtung nicht beitragen und die Rabbiner und Genreindebearrrten, die die Gesetzestreuen anfteüen, erstrecken ihre.Wirksamkeit auf alle Teile der Gemeinde. Damit sind die Orthodoxen die eigentlichen Schöpfer dem Schönsten und B-sten, das wir im jüdischen Leben Amerikas besitzen." Und dennoch konnte bis jetzt die Orthodoxie nicht geschlossen in die Erscheinung treten, weil ihr die Organisation, die Körperschaft fehlte, die im Schma lösen Sie in bloße Fnturformen auf, um das der „Gnade" Widerstrebende ihnen zu nehmen. Der Einzrlne mutz nach Ihrer Meinung (H, 153) von Natur au8 utib nidjt erst traft historischen Wissens an den Religionsformen tetlnehmen; unsere Art des Gesetzesgehorsams nennen Sie (11, 350) zahm, weil wir uns nicht den selbst von wenigen Talmudlehrern bestandenen Versuchungen aussetzen. Im Ganzen ist nach Ihrer Darstellung die Lehre Israels ein Mittelding zwischen dem bedingungslos das Diesseits bejahenden. Heidentum und den ganz erdabgewandten christlichen Lehren. Wir dagegen, die wir in Vielem über die christlichen Normen hinausgehende Ansprüche an die Verleugnung der Macht des Triebhaften stellen, die wir bei unserem Altmeister S. R. Hirsch gelernt haben, aus fast allen Gottesgesetzen zu einer solchen allstündlichen Verleugnung Kraft zu schöpfen und diese Freiheit als das Fundament unseres Handelns auch im Menschlichen zu betrachten — wir sind nach Ihrer Meinung in einem dem Christenlume nachgelebten Jrrtume befangen! Wir wollen nicht uns verteidigen, sondern nur diese Anklagen als erhoben feststeüen; nur sind es in unserem Sinne nicht Anklagen. Wohl wäre uns, wenn in unserer Mehrheit diese Lebensrichtung tatsächlich herrschen würde l Gewiß, wir leben nicht alle dem Ideale unserer Gründer nach. Sie schrieben und sprachen nicht in unserem inzwischen oft durch Nor und Entartung gesenkten GetsteSniveau. Aber weshalb das uns gesteckte Jdealziel hiermit desavouiert ist, sehen wir nicht ein. Wir haben ketye Iochanan ben Sakats, keine Salomos und keine Mesiasse hervorgebracht) ist es ein Vorwurf, daß wir uns dies stets eingestanden haben und lieber zuerst in den Organismus des Thoragesetzes hineingewachsen ais ohne diesen stolz auf den jüdischen Namen oder Stamm geworden sind? Ein Vorwurf, daß unser Gesetzesgehorsam, sich wie der eines R. Jehuda Halevi im Kusart und eines S. R. Hirsch, ja eines Maimonides und Mendelssohn mit Stolz auf die „historische Tatsache des an ein ganzes Volk bet hellem Tag offenbarten Gesetzes" stützend, — im Gefühlsglauben an Prophetenträume das vollendete Gegenteil unserer Lehre sieht? Ist es denn wirklich eine Schand.', einer heteronomistischen Moral zu folgen und ein Ruhm, dem Autonomismus zuliebe rünsi zu zerdeuten? Ist das besser als Lazarus Behauptung: „Gott hat nur befohlen, weil das Befohlene als gut erkannt war"? Dies nur zu vorläufiger Aufwerfung des Problems. Es kann nicht unternommen werden, Ihre Vorwürfe einzeln, selbst auf dem positivsten Wege zu entkräften; dies mutzte Stückwerk bleiben und Ihre Aussassung von der nichtorganischen Wesensart unserer Gesinnung hätte einen neuen Beleg. Wie aus der Vollendung des Gesetzeslebens selber wieder etwas Lebendes wird, das ohne jede heidnische Schönheitsoerehrung allein durch seine Vollständigkeit sich Respekt verschafft, wie jedes Zugeständnis ans Triebhafte und , Natürliche" diese Harmonie trüben würde, die eben nur als permanenter Krieg gegen jedwede Vergötterung des „Sitra Uchra", des Unbewußten sich verwirklicht, das kann nur ein des ganzen Gesetzes Kundiger erleben und auch einen Schatten davon zu ahnen, die Umriffe dieses Gesetzesbaues darzustellen, ist nicht Aufgabe dieser Antwort. Wohl aber habe ich lange vor Erscheinen Ihres Buches den aus den Schriften unserer großen „Orthodoxen" ersichtlichen Teil dieser Umrisse in einem Bändchen nachzuzeichnen versucht, dessen Veröffentlichung von dem Interesse abhängt, welches in gegenwärtiger Not für dergleichen aufzubringen sein wtro. In diesem versuche ich, den Heteronomismus des ganzen Thoragefetzes als Grundlrchre desselben und als Bollwerk gegen die dem heidnischen sowie auch dem christlichen Mythus innewohnende Verehrung des Unbewußten d.rrzutun. Ich hoffe, mit dieser vorläufigen Antwort gezeigt zu haben, daß es mir vor allem darauf angckommen ist, alle Vorwürfe gegen uns als unsere wahren Ehrungen darzutuu. Ihnen aber, Herr Vrod, als einem, der in unseren Kreisen als Heimkehrender begrüßt wird, gilt das Wort der Weisen'. not?1? K- Kto “]iriö, d. h. vom Schlechlmotioierten zum Gutmotivterlen kmn man foitschreiten. Das begonnene Talmudstudium wird Jmren und allen Ihnen Jo'genden beweisen, daß in Lehre und Leben des Judentums nur der denkende Geist herrscht. iDer Farbige in der 32 er Reiße). Karneval ist längst vorüber. Aber gestern noalasen wir in der Abend-Ausgabe der demschnattonalen „Kreuzzeitung" das folgende Inserat: „Auf Wunsch der Buchleitung der Edda, Frhr. v. Houwald' ergänze ich meine Anzeige über Anmeldung dort: Gefordert wird zu 2. schriftliches Blutbekenntnis, belegt durch Ahnentafeln bis zur 32 er Reihe mit Geburts- und Eheschlteßungsdaten und -orten, soweit zu ermitteln. Mindestens die Hälfte der »iämtne der 32 er Reihe muß arto-germanisch sein, in der 32 er Reihe darf höchstens ein Jude oder Farbiger Vorkommen. Franz Frhr. v. Eramm." Wir verweisen auf den in jüngster Nummer abgedruckten Artikel „Germanenserum."

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