Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1922)
- Date
- 1922-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 11 Der Israelit. 16. März 1922 Inhaltsübersicht 1. Leitartikel .Das Fazit der KehillauS-Konferenz in Litauen. — 2. Homiletik: „Mensch" und „Menschen". — 3. Kleines Feuilleton: Dr. B. Cohen, Heilbronn a. N.: Ein Wort an Max Brod. — (Der Farbige in der 32er Reihe). — 4. Wochenrundschau.' Der halbe Schekel. — Von der jüdischen Arbeit in Amerika. — 5. Aufsätze: Dr. Leo Nasch, Wien: Vom jüdischen Witz. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin (Aus dem Reichstag). — Leipzig (Höhere israelitische Schule). — Hamburg (Repräsentantenkollegium der Deutsch Israelitischen Gemeinde. — Kowno (Nachklänge zur Kehillaus-Konferenz). — Riga (Sabbatruhk). — Warschau (Jüdische Heimkehrende). — Warschau. — Basel (Gemeindebudget). — London (Die orthodoxe Bewegung in England. — 7. Personalien: Nürnberg. —8. Briefkasten. — 9. Frankfurter Berichte. — 10. Vereinskalender. — 1l. Gebetzetten. — 13. Feuilleton-Beilage: Verschollene Brüder. — 14. Rätsel, — 15. Vermischtes. — 16. Sprechsaal. Das Ergebnis der Kehillaus-Konserenz in Litauen. Nach wochenlanger Beratung hat die Zweite Kehillaus-Konferenz in Kowno zum guten Schlüsse dazu geführt, daß die orthodoxen Mitglieder des Präsidiums den Vorstandstisch verlassen mußten und die Verantwortung für die wetteren Beratungen und Beschlüsse des Plenums ablehnten. Das war schon nach der ersten Arbeitssitzung zu erwarten. Bei dieser Konferenz ging es weniger um die jüdische Autonomie, die vom litauischen Staate, der Sinn für Recht und Billigkeit hat, gesiche.t ist, sondern vielmehr um das autonome jüdische Recht innerhalb der jüdischen Autonomie. Und die Vertreter dieses Rechtes, die Orthodoxen aus den Fraktionen Achduth (Agudas Jisroel, Zetre Jisroe!) und Misrachi halten von vornherein keinen leichten Standpunkt in einer Versammlung, in der über min und abgestimmt werden mußte und die Gemoro erst im Modegewand der „talmud(scheu Wissenschaft" in den Augen eines großen Teiles Gnade finden konnte. Daß die Orthodoxie sich dennoch in der Versammlung behaupten, allen Anstürmen bis zuletzt Stand halten und noch verhältnismäßig leidlich abschneiden konnte, war in erster Reihe dem Umstande zu verdanken, daß wir heute Männer tm gesetzestreuen Litauen, besonders im dortigen Rabbinerstande haben, die mit der ganzen Tiefe und Glut der Ueberzeugnng und beispielloser Hingabe an die jüdische Sache für die alten Thora-Traditionen in Litauen eintreten. Worte, wie wir sie hier gelegentlich aus dem Munde der Herren Rabbiner Kahnemann, Epstein, Feiwelsohn und anderen mehr gehört haben, sollten auch anderswo, wo sich die Orthodoxie in Kampfstellung gegen unjüdtsche Strömungen befindet, nicht unbeachtet bleiben. Ein Rabbiner erzählte von einer Schulversammlung in Mariampol, auf der ein Radikaler, auf den einzigen orthodoxen Vertreter hinweisend, ausrief: „Sie, die Gesetzkstreuen, sind die einzigen, die wissen, was sie wollen. Ihr Programm und ihre Richtung sind gegeben und scharf Umrissen, darum können sie sich mit aller Energie und bis zur letzten Konsequenz dafür einsetzen. Bei uns auf der Linken, ist ein Suchen und ein Tappen tm Dunkeln, darum sind wir auch nie mit uns selber eins, was wir eigentlich wollen." Damit ist auch der Verlauf und der Charakter des Kownoer Gemeinde-Parlamentes restlos charakterisiert und darüber hinaus das liberale Judentum allüberall in seinem Verhältnis zu der positiv jüdischen Arbeit der jüdischen Juden in der Hauptsache gezeichnet.- Es hat wohl eine Zeit gegeben, da man den Gesetzesireuen in Litauen eine gewisse schwächliche Nachgiebigkeit aus falsch vecftandener und falsch angewandter Friedensliebe nachsagte, man berief sich hier und dort gern auf den letzten Gaon an der Schwelle unseres Jahrhunderts, Rabbi Jlzchok Elchonon Spektor, der Mittelpunkt der großen all-jüdischen Bewegungen und Bestrebungen war. Mit dieser Legende muß einmal für alle mal aufgeräumt werden. Der alte „Kownoer Raw" hat in seiner ganzen langen Wirksamkeit doch nie auch das leisest Zugeständnis in religiöser Beziehung gemacht, sondern er zog alles mit seiner gewaltigen Persönlichkeit an und drückte allen Erscheinungen und Vorgängen den Stempel seines jüdischen Geistes auf. Eine erschütternde Trawdie erlebte die russische Judenheit zur Zeit dieses Gaon, und die paar bevorzugten Männer in Moskau und Petersburg, wie Baron Giuzburg, Harkawy und andere, die dort treue Wacht über die Geschicke ihres Volkes hielten, taten in außerwie in innkrjüdlschen Fragen keinen Schritt ohne vorhergehende Weisung von Kowno. Wenn man dem Rabbi einen Vorwurf daraus machen wollte, daß er mit solchen Männern, die in ihrem Privatleben dem jüdischen Gesetze entfremdet waren, gelegentlich verhandelte, (nicht paktierte), so könnte man es mit gleichem Rechte Rabbiner S. R. Hirsch verübeln, daß er bei der Durchführung des Austrittsgesetzes sich der Mithilfe eines Bam berger und Laster bediente. Es ging in Rußland um die Lebens Interessen der Judenheit, um die Chedarim, um die Jeschiwaus, um die Schechita, und der Mann auf der Warte zog alle, die kraft ihres Einflusses helfen konnten, so hoch zu sich und zu den Höhen jüdischer Lebensanschauung empor, daß sie den Schutz der religiösen Interessen zu ihrer eigenen Sache machten, und ihn mit vollkommener Aufopferung und fast immer mit Erfolg durchsührten. Die Zumutung irgend einer Konzession in religiöser Hinsicht vonseiten des Kownoer Raw war schlechthin undenkbar. Die Konstellation war bis vor wenigen Jahrzehnten in Litauen so, daß die Maskilim in Kowno und Wilna in Wort und Schrift wohl die Tradition schmähten, aber in ihrem praktischen Leben zumeist sich selbst innerhalb der Grenze der Tradition befanden, die assimilierte Hochtntelligenz in der Hauptstadt aber alle Kraft und allen Einfluß in den Außen dienst des Judentums stellte. Erst in den letzten Jahren, da in zweiter Generation eine ungesunde Mischung von Intelligenz, nationaler Haskata und sozialistischem Bundismus entstand und nicht nur theoretisch und in der Ideologie zu leben sich beschied, sondern Einfluß aus die Entwicklung der öffentlichen und Gemeindeverhältnisse, leider nicht ohne Erfolg,- zu gewinnen suchte, da veränderte sich das Bild vollkommen. Und wer die Dinge, die Psyche und die letzte Entwicklung im jüdischen Litauen kennt, weiß, daß wenn Rabbi Jizchok Elchonon heute am Präsidententisch der Kehillaus-Konferenz neben Rosenbaum und Solowettschik säße, er nicht anders sprechen könnte, als wie Kahnemann, Epstein und Andere gesprochen haben: „Ihr Radikalen arbeitet auf die Spaltung hin, die kommen wird und muß, wenn noch weiter in diesem Tempo nach links marschiert wird, denn der Weg führt zu einem Abgrund, der l"n das litauische Judentum, bisher die Seele des Weltjudentums, verschlingen würde." Allein, es ist nicht denkbar, daß zur Zeit des genannten Rabbi eine solche Kultur-Debatte hätte vor sich gehen können. Aus verschiedenen Anträgen braut die Kultur-Kommisston eine Schul-Resalution zusammen, die im wesentlichen eine Konkurserklärung des jüdischen Bil- 8 dungs-Jveals ist. Man verhandelt und einigt sich aus eine Zahlung von so und so viel Prozent. Es wird ein Maximal- Schulplan für die jüdische Schule ausgestellt, der sieben jüdische Disziplinen enthält, von denen die meisten heiß umstritten werden und nur mit kleiner Majorität sich auf dem Plane behaupten können; tn der Weise, daß sie „nach Bedarf" auch auf die Hälfte reduziert werden können. Den Ettern wird jeder Einfluß auf den Gang des CWM. iüraä „Mensch" und „Menschen". Zu dem Satze in dem nana nia-Abschnitte rsi Snxa r,iö\ ’a cn.x rrnm bemerken die Weisen im Talmud: y'n;* sb: ans annp ent. .Nur Ihr — Israel — werdet ans genannt, nicht aber andere Völker". Dieser Talmudsatz, der schon zur Zeit Pfefferkorns einen willkommenen Angriffspunkt für die Feinde und Verleumder bildete, scheint sich auf den ersten Anblick in der Tat nicht recht einreihen zu wollen in die Gedanken^änge und Anschauungen der Thora und der 2'van über n:.n lans und der Menschheit letztes Erlösungsztel, wie es.uns allumfassend aus ii'by, den Roschhaschonohgebeten und anderen mehr entgegen leuchtet. Er steht auch im direkten Widerspruche zu der Gemorohstelle in,Baba^knma: sa.x nar» 26 an.xn paa .sin nn rmna paijn na: i^ssp ans. „Da es nicht „der Mensch", sondern einfach Mensch heißt, so will es besagen, daß selbst der Nichtjude einen Grad der Thoragelehrsamkeit wie der Hohepriester erreichen kann". Hier wird sogar aus dem gleichen Worte ans der Nichtjude herausgelesen, dem die Fähigkeit und die Möglichkeit zugesprochen wird, das Höchste im Reiche des jüdischen Geistes zu erreichen. Im Folgenden dürste des Rätsels Lösung zu suchen sein. Zunächst übersehe man nicht, daß die erstgenannte exklusive Aeußerung des Talmuds nicht von Einzelnen spricht, sondern von Volksgesamtheiten, a*?iy,n mois, der zweite Satz aber den na:, den Einzelnen im Auge hat und besagt, daß geistige und sittliche Kraft und Zähigkeit des Individuums nicht von Stamm und Rasse abhängig sind. v \ ’ Und nun bedenke man folgendes: Unter den vier hebräischen Bezeichnungen für Mensch: tP’X, na: und ans können alle, mit Ausnahme der letzteren auch in der Mehrzahl Vorkommen (ll'LVs anps, anaa). Allein an.s bleibt immer in der Einzahl und kann daher, wenn es als Bezeichnung für eine Gesamtheit dienen soll, nur ein solchesBolk beireffen, das aus einem Stücke, aus einem Gusse gebildet ist. Israel ist r<n.x na’ön, eine geschloffene Einheit, ein nn.s n;, in dem alle Begriffe von Volk, Nation, Konfession, Reliaion, Stamm, Staat und Rasse zusammenlauserr. Darum dis onnp edn, kann das ttt sich geschlossene Israel nur als Volksindividuum mit an.s bezeichnet werden, c^iyn niöis nicht aber die anderen Nationen, die sich aus verschiedenen Stämmen und Rassen zusammensetzen, sie sind 2'vp und rnöix, aber kein an.s im Sinne einer in sich geschloffenen Volksgemeinschaft. Was aber die Bewertung der sittlichen Qualitäten des Einzelnen innerhalb der Völker betrifft, so bleibt es dabei, daß ' paa sin nn mina poun naj Kleines Feuilleton. Gin Wort an Mx Vrod. Von Rabbiner Dp. B Cohen in Heilbronn a. N. Ueber ein Jahr ist es her, seit Ihr Buch über „Heidentum, Christentum, Judentum" der jüdischen Oefientlichkeit vorliegt, ja die jüdischen Herzen im Innersten erschüttert. Es ist noch zu lebendig in uns, als daß wir alle, selbst die, gerade die, denen es am nächsten gegangen, gelassen und sachlich schon darüber mteilen könnten. Wer sich, wie viele Leser des „Israelit", mit Begeisterung zur jüdischen Orthodoxie Deutschlands zählt, fühlt sich an vielen Stellen Ihres Buches in seiner Ueberzeugung gekränkt. Der Grundton der wiederholten Vorwürfe ist: Wir seien gleich einem Teile der Christenheit, in einen Ihrer Meinung nach unjüdischen Gegensatz zum Diesseits hitreingeraten. Wir seien weit vom Mythischen entfernt (I 76), das der jüdischen Glaubenslehre Ihrer Meinung nach gqrntcht so fern liege wie es unser Rationalismus verme.ne. Sie bemerken bei Besprechung des Hohenliedes, die dort vorkommenden Epitheta auf Gott anzuweuden, hätte ein heutiger Orthodoxer nie die seelische Kraft gefunden. An vielen Stellen erklären Sie es auch für unjüdisch, die nationalen Unterschiede der Menschen- Völker bei Welterlösungsgedanken unberücksichtigt zu lassen und machen damit unsere Hinneigung zum Weltfriedensgedanken und Abneigung gegen den Nationalismus zu einer für das lebende Judentum nach Ihrer Meinung unfruchtbaren Sinnesart (II 290 s.). Die.heteronomisch klingenden Befehle zur Gottesliebe