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Der Israelit · 1922-03-09 · Heft 10 (9.3.1922) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 10 (9.3.1922)
Date
1922-03-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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s. MLitz WSS der i iifr. L eh rer muß sich Mit den durfx igen Frieden s b r o samen begnügen, trotzdem der jüd. Haushalt mehr kostet, als jeder andere. 'Ter Grundzug des jüd. Religionslehrerhauses, besonders auf dem Lande, ist die Armut und das Elend. Und wie sieht es bei den Lehrerwitwen und Waisen ans! Kein Annehmer, keine sorgende Seele für die Hinterbliebenen derjenig!en, die ihr Leben der Gemeinde gewidmet haben! Wir haben Witwen, die alles in allem kaum 1200 Mk. Jahrespension beziehen? — 'Tie letzte Nummer des „Israelit" brachte einen Nachruf auf die Witwe des Lehrers von Butzbach i. Oberhessen/worin sie als a'N lVX gerühmt wurde. Sie war ein solches. Was sie jedoch gelitten und erduldet hat, durfte nur wenigen bekannt sein. Sogar Fernstehende (keine Lehrer) haben mir ihre Empörung zum Ausdruck gebracht, daß ihr Gatte, Lehrer Spiro, nach 34jährige r Dienstzeit von der sehr ivohlhabenden Gemeinde 1500 Mark Gehalt bezog und -erst kurz vor seinem im Jahre 1020 erfolgten Tode nach langem Widerstreben eine Teuerungszulage von (000 Mark erhielt. 'Der langjährige Lehrer von R., der vor einiger! Jahren hier im Krankenhaus sein Leben beschloß, war nach Aussage des Arztes buchstäblich durch Unterernährung entkräftet und verschwächt. — Mir sind Fälle bekannt, wo der Lehrer der Armenunterstützung zur Last fällt, 2 Kollegen haben sich 1921 an die Loge gewandt, der eine um Unterstützung, der andere bittet um Arbeit. Andere Kollegen ergreifen den Rucksack und gehen mit Waren hausieren, um nur leben zu können; wieder andere haben Erwerbsarten ergriffen, welche noch weniger zum Berufe eines jüd. Lehrers passen, aber sie alle sind nicht zu verurteilen, denn sie wollen, sie müssen leben, und das Schreckgespenst des Hungers entschuldigt Vieles. 'Tie schwere Verantwortung, die große Schuld tragen die Gemeinden, die jüdische G e s a m t - heit, die sich nichtscheuen, ihre Lehrer, die Erzieher ihrer Jugend einem Bettlerdasein zu überlassen. Ja, bie’rHlri muß trauernd das Haupt verhüllen, wenn ihre Träger der Not und unwürdiger Behandlung preisgegeben sind und in schwerem Lebenskampf unterliegen. Denn Ls besteht kein Zweifel, daß nicht nur die physische Kraft des Lehrers durch Armut, Schwäche und Unterernährung dahinsiecht,, sondern daß auch das niuom Dasein und die Verweisung auf milde Gaben sein Ansehen schädigt urrd ihn seelisck zermürbt. Wer sich aber durch Nebenbeschäftigungen der Verelendung entzieht, macht meistens den Nebenberuf zum Hauptberuf urrd den Dienst zur Nebensache. Auf alle Fä! le erleiden also Schule urrd Gemeinde den schwersten Schaden. Die Folge u solcher Zustände sind dementsprechend schwer, ja geradezu katastrophal.' Wie ich bereits ansführte, fehlt es vielen Gemeinden an tüchtigen. Lehrern. Wie viele Gemeinden haben in den letzten 10—15 Jahren auf die Erhaltung eines eigenen Lehrers verzichtet oder verzichten müssen! Ich erkenne an, daß manche Gemeinde durch den 1 W-egzug vermögender Mitglieder nur schwer einen Lehrer halten kann, aber ich konstatiere-auch, daß sehr leistungsfähige Gemeinden aus religiöser Gleichgiltigkeit und Mängel an Opferfteudigkeit sich als Filialstelle einer benachbarten Gemeinde angeschlossen haben. Die älteren Leute haben kein Interesse an der Schute, auch, die p-Frage macht ihnen — abgesehen ^.von den Pkeine Sorge, und die noch vorhandenen Schulkinder sollen sich mit wöchentlich zwei Religionsstunden (manchmal auch nur mit einer Stunde) begnügen. Und wie sieht es in den Geineinden selbst aus? Jch^önnte Ihnen erschütternde Beispiele »ennen. Ehemals blühende Gemeinden in Hessen, »och vor 25 Jahren 4—5 Minjonim zählend, mit guten Schulen sind heute zu Zwerggemeinden geworden, ohne eigenen Lehrer, ohne eigene Schule, die Synagoge wird nur am re# oder au Jahrzeitstagen der Mitglieder geöffnet. Tiem- - Der Israelit. entsprechend verhält es sich auch mit dem geistig e n und religiösen L e b e n. Tie Jugend j. verwahrlost in religiöser Hinsicht, das nixv Leben in den Landgemeinden, ehemals ein er- - frischender Born, liegt brach, uno die einst herrliche Institutionen veröden TDn pxn dj? ' px Wie kann man sich über die schwinoende Religiosität der Landgemeinde wundern, wenn die Mitgliederlauter pinn 'OP/ ja nicht einmal mehr XGN'xn' geworden sind und nicht die geringste geistige Anregung haben? Mit Rührung vernahm ich die drastische' Aeußernng eines schlichten gläubigen Mannes vom Land, wie er den Mangel au mm-Wo'rt beklagte: „Wir kommen uns tote die niöna vor, die jeden nattfzur Tränke geführt werden." Und da wundert man sich, daß die Leute beim Wegzug ttt die Stadt sich 'per neologen Gemeinde, nnschließpn und dem gesetzestreuen Judentum verloren gehen! Wie ist es aber um die Lehrerexistenz be-. stellt? Unsere Führer, unsere Vorstände oder die Regierungen sollten einmal in die Häuser so mancher Landlehrer blicken, die ihnen emr;. Lebenstragik ohnegleichen künden. Sorge und Not sitzen zu Tische, es fehlen-die Mittel zur Kleidung und einfacher würdiger Lebensführung. Es gibt Kollegen, welche am Sonntag per Rad 20—25 Kilometer zurücklegen, in 4—5 Gemeinden Halt machen, je einen ein- bis zweistünoigjen Religionsunterricht im Fluge absolvieren und abends müde heimkehren. Was ist aber das Fazit des Tages, und welchen Wert hat solch ein en gros betriebener Religionsunterricht? Tie noch vor kurzem „kleinen Leute" auf dem Land sind bei der guten Konjunktur „groß" geworden, sie können sich jetzt etwas leisten, de r Lehrer vertritt oft allein das Proletariat! Ich spreche nicht davon, daß sein Ansehen durch diesen Niedergang leidet. Daran', haben sich leider schon manche Kollegen und noch mehr die Vorstände und andere Leute gewöhnt. Aber min px nep 1'X Gx, es fehlt das Brot und damit auch die Schaffenslust, die Berufsfrende! Man klagt über die schlechten Prüfungsresultate, über das geringe Wissen der Kinder. Ich gebe es für manche Fälle zu,, aber es ist ' zu begreifen. Kann man mit Sorgen belastet sich ungeteilt der geistigen Tätigkeit hingeben, kann man unbekümmert um des Lebens ' Not jene Energie der Seelei jene Schaffenslust aufbriugen, wie sie gerade der Lichter und Erzieher haben muß? Sorge begleitet ihn in die Schule und Synagoge, Sorge empfängt ihn zu Honst, Sorge ist oft das Einzige, 'was ihm bleibt. Damit schwinden Idealismus, Lern- und Lehrfreudigkeit, Menschenwürde und leider oft auch Charakter. Ich übertreibe nicht, ich zeichne das Leben. Und damit dem Schicksalsbild auch der Zug ins Groteske nicht fehle, schlägt der bekannte Lehrerveteran L. W. von T. vor, durch Lehrersendboden in Amerika das tatkräftige Mitleid der dortigen Philanthropen siir Lehrernot und Elend mobil zu machen! Viele Lehrer verkümmern und fallen der Mildtätigkeit anheim, andere greifen zu nutzbringender Beschäftigung ohne Rücksicht auf Würdigkeit. Manches ist nicht zu billigen, aber ich entschuldige alles. Hunger schafft mildernde Umstände selbst bei Diebstahl. Es leidet der Ruf des Lehrers, weit mehr noch derjenige der Gemeinde, und schwere Schuld lastet auf den Gemeinden, den Vorständen und der jüdischen Oeffentlichkeit, welche die Erzieher ihrer Jugend physisch und moralisch langsam ertöten, denn es steht fest: Ohne Ansehen bei Elt e r n n n d K i n d e r u k ein Respekt, ohne Respekt kein unterrichtl i ch e t Erfolg, o h n e u n t e r r i ch t l i ch e n Erfolg keine nxT! ll.So erwöge man die Folgen für unsere Gemeinden. Das Uebel greift jedoch weiter. Welcher Vater wird unter solchen Umständen bei allem Idealismus sein Kind noch dem Lehrerberuf Anfuhren, welcher Lehrer kann es verantworten, diesen Beruf einem Schüler anzuraten? 'Dementsprechend ist auch die Frequenzder jüdischen Lehrerbildungsanstalten. Die Nr. 10 Sette 19 Seminare in Cassel und Münster sind geschlossen, Hannover wird voraussichtlich folgen, verbleiben noch Berlin und von gesetzestrenen Anstalten Cöln und Würzbnrg, welche beide um ihre Existenz schwer zu ringen haben, und deren Erhaltung die. gesetzestreue jüdische Gesamtheitz als Ehrensache betrachten müßte. Nach bestandenem Examen wenden sich die befähigten Schüler anderen Berufen oder dem höheren Studium zu, und so gehen die besten Elemente der Schule verloren. So erklärt sich der Mangel an guten Lehrern, die religiöse Verwilderung auf dem Lande, und auch da, wo Lehrer sind, der Rückgang im Wissen und religiösen Leben. Es' fehlt unseren. G e ilt e i n b e u m c t st ens an gute m W i l l c n, a n G er e cht i g k e i t s g e f ü h l und leider auch der j n d i s ch e n O e f fe n t l i ch k e i t a m B e w u ß tser rr der Verantwortung für die Zukunft des Judentums. Ein unendlich trübes Bild, niederdrückend aber wahr! Beschönigung wäre Versündigung an unserer Sache, und unserer Zukunft. Aber eben der Gedanke an die Zukunft des Judentums darf uns nicht verlassen, der alljüdische Optimismus darf trotz aller Mühseligkeit nicht schwinden, und aufrichtiges pnBG soll uns beim Ausblick in die Zukunft und bei der Betrachtung der notwendigen Maßnahmen leiten. In erster Linie-erfüllt uns die Sorge um die Erhaltung von min und rßl&K. Darum verlangen wir vor allem die Erhaltung der jüdischen Landgemeinden und die j ü d i s ch e Volk s s ch u l c. Die Auslassungen über die beiden Punkte würden den Rahmen meiner Arbeit iveit überschreiten, deshalb beschränke ich mich auf kurzgefaßte. Forderungen. Die Landgemeinden waren früher der Sitz des gesetzestreuen Judentums, sie müssen es wieder werden. Dafür müssen Opfer gebracht werden. Vor allem brauchen wir aber gute Schulen u n d t ü ch t i g e L e h r e r, in erster Linie die j ü diichc Volkss chn l e. Wenn auch leider nach den neuesten Berichten aus Bayern die jüdischen Volksschulen mit geringer Kinderzahl aufgelöst werden, so müßte gerade jede größere Gemeinde in Stadt und Land eine solche gründen, und die leistungsschwachen Gemeinden müßten bei hinreichender Kinderzahl von der Allgemeinheit unterstützt werden. Das Reichsschulgesetz und die politischen Parteiverhältnisse erleichtern außerdem die Gründung jüdischer. Schulen. Zu dieser Forderung gesellt sich die Notwendigkeit einer bessere n Lehrerbildung vornehmlich in den jüdischen Fächern. Die Schulgesetzgebnug wird in profaner Hinsicht eine Erweiterung der Lehrerbildung fordern. Grundschule, Mittelbezw. höhere Schule und evtl. Universität werden auch die Etappen für die Ausbildung des jüdischen Lehrers iverden, und unsere Lehrerbildungsanstalten werden sich den neuen veränderten Bestimmungen anzupassen haben. Was wir im besonderen von ihnen envarten, ist eine erhöhte jüdische Bildung, die mit beendetem Seminarbesnch nicht abgeschlossen ist, sondern mit der ev. erweiterten Lehrerbildung an der Hochschule fortgesetzt und ivesentlich vertieft werden muß. Wir fordern deshalb siir den jüdischen Lehrer nach Absolvierung der Lehrerbildungsanstalt den Besuch einer Thoraanstalt (NG'V''). Die Fortbildung auf derselben muß in einer den Bedürfnissen des jüdischen Lehrers angepaßten Form erftlgen. Auch die finanzielle Seite ist zu erwägen, da der Eintritt in die Praxis dadurch wesentlich hinausgeschoben wird. Dies bedeutet für den jungen Lehrer keine geringen Opfer, welche jedoch reichlich ausgewogen werden durch eine ged i c g c lt c } it discheBildu n g?! n d e i n e s o i> g en frei e W irks a m feit. .Hier ist aber der wuilde Punkt. Was nützt es schließlich, wenn wir bestmöglich vorgebildete Lehrer haben, denen die entsprechende Verwendungsmöglichkeit fehlt. Die Anstellung jüdischer Lehrer an Simultanschulen wird in den größten Bundesstaatelt ein

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