Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-03-09 · Heft 10 (9.3.1922) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 10 (9.3.1922)
Date
1922-03-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450199--69614-2526797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 18 Nr. ly Der Israelit. sind die Volks- und Jugendlehrer, denn so steht geschrieben: Ifc'W ‘WKW'VmöW dih> "nDK* Und der Begründer der hiesigen Jsr. Religionsgcsellschaft und ihres blühenden Schulwesens Samson dlapt) Hirsch b“i'7 schrieb im ersten Monats Heft des „Jefchnrun" Oktober 1854) in einem geistvollen Artikel über „Jüdisches Schulwesen": „Wenn es ein Ziel gibt, für das wir uns das Licht der Einsicht, das Wort der Ueberzeugung, die Kraft der Begeisterung wünschten, für das wir in alleil Kreisen alles wachrufen möchten, was noch eine wahre, aufrichtige' Regung für die heilige Sache des Judentums im Busen trägt, s o ist es die Schule, die j ü di s ch e S ch u 1 e „Schaffet Schulen!" „Bessert Schulen!" Mit diesem Rufe möchten wir von Weiler zu Weiler, voll Dorf zu Torf, von Stadt zu Stadt als Anwalt der heiligsten Sache pilgern, möchten vor dem Gewissen unserer jüd. Brüder die Sache so viel tausend armer Jngendseelen führen, die von Schulen, die von besseren fttd. Schulen ihre jüd. Auferstehung zu erwarten haben.' möchten im Namen des Judentums, im Namen 'unserer ganzen Zukunft nicht eher ruhen, nicht eher rasten, bis dem Rufe: „Schaffet Schulen!" „Bessert Schulen!" mit der Beschwichtigung erwidert werde: „Die Schulen sind da, und siehe, es und gute, jüdische Schulen!" Können wir etwas von unserer Zukunft erhoffen, solange die Anstalten traurig verkümmern, in welchen die Saat dieser Zukunft gcsäet und gepflegt und mit Licht und Wärme und mit Ernst und mit Kraft für das bl n teure i ch e jndi s ch c Lebe lt herangebildet werden müßte, das ivir so gerne als Bild unserer Zukunft begrüßen möchten?" Diese beiden klassischen Zeugen aus alter und neuer 'Zeit beweisen den engen Zusammenhang zwischen Indent u in u n d S ch u l e. Das Gedeihen der Schule ist aber aufs engste mit dem Stand der Lehrer verknüpft. Wo keine Lehrer, da gibt es keine Schulen, und deshalb fährt S. R. Hirsch in dem erwähnten Artikel fort: „Es fehlt an Lehrern und v i e len de r v o r h ande n cn L eh rer fehlt die Ertüchtigung f ü r i h r e n g r o ß c n B e r u f u n b b e u nt e -i st cn t ii ch tige n L e h - r e r u f e h l t d i c v o tt K ii m m e r n i s s e n. u n d bitteren Sorgen freie Stellung deren für die Frische des Gemüts, f ii r die .Heiterkeit des Geistes, f ü r die Freudigkeit des Wirkens kein anderer Stand also, wie der Stand des Lehrers bedarf!" So hat der große Meister schon damals die Ertüchtigung und Lage der j üd. Le h re r als den Schlüssel zum Gedeihen der Schule und der Zukunft des I u d e n tu m s erkannt. Was würde er heute sagen, welche Klage würde er anstimmen bei-dem nanrenlosen Elend, dem die Lehrer, die Träger von und .“Tn*v in so üieten Gemeinden ansgesetzt sitrd und leider zu unterliegen drohen. Welche Energie hätte aber auch der zielbcwnßte Führer mit der Feuerkraft in Wort und Tat aufgebotcü, um solche Zustänoe zu beseitigen! Ich spreche nicht von den verhältnismäßig wenigen jüdischen Volksschulen in Bagern, Kur- Hessen, Hannover und einigen Großstädten, von welchen, vielen wegen der geringen Kinderzahl leider die Auflösung droht. Tie Besoldung der Lehrer ist immerhin die gleiche Ivie die der Volksschullehrer, also erträglich. Wenden wir uns aber der j ü b. R etigto n s s ch u 1 e, dem allergrößten Teil sänttlicher jüd. Schulen Deutschlands zu, dann bietet sich ein unsäglich düsteres Bild. Tie Religionsschnle bildete früher die wichtigste Einrichtung der Genteinde. Tie tiefernste Religiosität der Gemeinden war auf deren Hebung bedacht, mit reichcin Wissen ausgestattete Lehrer vermittelten mit Unterstützung des Hauses gediegene Kenntnisse, die sich nicht nur auf die Vertrautheit mir wain und rnan beschränkten, sondern auch und “|ni? umfaßten. Wie sieht es heute aus? Die Gleichgiltigkcilr in religiösen Dingen und der religiöse Metzers gang haben leider eine große Bescheidenheit im jüdischen Wissen erzeugt, und wo mau früher in altjüdischem Sinne fleißig „lernte", begnügt matt sich jetzt mit der spärlichen Kenntnis ausgesuchten Stücke aus tföin und IND-Gemeinden mit ehemals hervorragenden Schulen, die heute noch in der Lage wären, einen Lehrer zu halten, schließen sich als Ftlialgemeinde einer Nachbargemeinde au und bescheiden sich mit 2 obligaten Wocheustuuden Rellgionsnnterricht. — Dazu komntett die durch den Politischen Umschwung cnrftmibencn Gefahren. Wohl bleibt dank der Stellungnahme weiter Kreise der Religionsunterricht ordentlicher Uttterrichtsgegenstand, auch die konfessionelle Schule wird infolge des Schulkompromisses weiter bestehen. Aber täuschen wir uns mdft. Tie auf Trennung von Kirche und Staat gerichteten Bestrebungen sowie Pix religiös-radikale Richtung der einzeltteu deutschen Regierungen sind der Förderung des Religionsunterrichts noch weniger geneigt, als die früherett. So z. B. wird in Hessett, wo unter gewissen Voraussetzungen bisher Züd. Religlonslkhier staatlich ,an gestellt wurden und z. Zr. ungefähr 15 Kollegen diese Vorteile genießen, Liefe Einrichtung auf Veranlassung der dentokratischen Schulverwaltung beseitigt, und die wenigen Lehrer müssen tim ihre Rechte einen schweren Kampf führen. So kommen nur zutn Kapitel d e r j ü d. R e l i g i o n s l c h r e r. Wohl haben eittige Staaten wie Württem- ' berg und Baden, weint auch lange nicht ausreichend, io hoch einigermaßen für ihre ifrl. Rcligionslehrer gesorgt. In Bayern ist ein Versorguugsverbaud der Gemeinden gebildet worden, der wohl den besten Willen zur Hilfe zeigt, aber nicht recht vorwärts kommt, weil manche Gemeinden nicht die Konsequenz der erstett Begeisterung ziehen und nicht mehr mitmachen. Immerhin kommt etwas zustande, und. die Lehrer werden schließlich die Sätze von vor dem 1. Okt. 1921 erhalten. Aber die Lage der jüd. Religionslehrer in Preußen und Hessen stellt sich als ein Martyrium sondergleichen dar. .Endlos wäre die Aufzählung der Beispiele düsterer Armut und Not. Nur eitrige drastische .Fälle sollen die Lage beleuchten. In Hessen hat die Arbeitsgemeinschaft der isr!. Lehreroereine von jeder, a uchde r kl ei nst eu Gemeinde mit eigenem Lehrer ein Mindestgehalt von 10 000 Mk. außer den Nebenverdiensten) und Gewährung von freier Wohnung beztv. Mieteutschädigung verlangt, nicht weil wir dies für ausreichend erachteten, sondern nur um die cillcrkleinste Gemeinde zu veranlassetl, bis zur Leistttugsgrenze zu gehen. Dagegen erivartetett wir von den leistungsfähigen und besonders von den Mittelgemeinden, daß sie weit über dieses Mindestgehalt hinausgehen, ja, ihre Lehrer in die Besoldungsgruppe der örtlichett Bolksschullehrer cinreihett. Hören wir, wie sich die Gemeinden, sogar die leistungssähigen die Ausführung denken: Der Vorstand der Gemeinde A. (Oberhessen) teilt mir mit, daß er mit Einverständnis des Lehrers sein Gehalt auf 4000 Mk. (bisher 1200 Mark) festgesetzt habe, weit einige Familien oa seien, die nicht viel zahlen wollen. Unter den Gemeittdemirgliedern sind jedoch Leute, die in den letzten Jahven sehr gesund gewordett sind und ihre Kinder mit Hoheit Mitgiften ausgestaltct haben. Der Lehrer Familienvater mir 2 Kindern und 25 DienstjahretO schreibt mir: „Ich stattd vor einem „Entweder oder".. Entweder ich gebe die Stelle auf oder ich begnüge mich mit den 4000 Mk. Da habe ich das Letztere für das kleinere Nebel gehaltert und habe Amen gesagt. Ja, viele Gemeindemitglieder hätten es lieber gesehen, weirn ich fortginge . ." Doch es geht weiter: In S., einer notorisch reichest Genteinde, bezieht der Lehrer, ein Mann im Alter voit 60 Jährett vom 1. Januar 1922 ab 4000 Mk. Jahresgehalt, aus der nöTHP 3000 M. und von 3 Filintstetten S MW KS2S zusammen 2000 Mk., also jährlich im ganzen 9000 Mk. Von ■ den Filialen erhält E. vom S. I. G. B. eilten jährlichen Zuschuß von ganzen 100 Mk. Der.Lehrer führt auch sonst eiwLeben des ’um yx. Durch Schikane feines früheren Hausherrn aus feiner Wohnung vertrieben, wird er vom 'Wohnungsamt einem anderen zugewiesen, dessen Wohnung von allen gemieden, für den Judenlehrer gerade gut genug ist. Doch der treue Hausherr setzt sich gegert beit aufgiedrung errett Mieter zur Wehr Und das Mobiliar des Lehrers muß durch die Feuerwehr jus Haus geschafft werden. Der Gemeinde wäre es ein Leichtes gewesett, die Lehrerwohnung neben der Synagoge in Stand zu setzen, wenn tticht die „hohen Kosten" gewesett wären. M^ine Bitte an die Verwaltung namens des' Lehrerbereins,, mein Schreiben' an den zuständigen Rabbiner hatten keinen Erfolg. — Doch lassen wir die Statistik weiter sprechen: Der verheiratete Lehrer in W. bezieht 3000 Mk. Gehalt, 1500 Mk. aus der iUDVNP unb 1400 Mk. aus einer Filialstelle (also noch nicht 6000 Mk.), der Kollege in G. bei 12 Dienstjahren 2000.Mk. Gehalt, 3000 Mk. Teiiermigsz., 3ü0u Mk. ans der n&'nw (zvs. 8000 Mk/ , der Lehrer in S. bei 25 Dienstjähren, Familienvater mit 3 Kindern, llOOMk, 400 Mk. Teuerungsz. und von 2 Filialgemeinden 900 Mk. (2400 Mk.-, der Kollege in L., 41 Diettstjahre, hat 2' Enkelkinder zu ernähren, 5000 Mk., 1006 Mark aus der urtd als LntchHalter 2400 Mk. 8400 Mk.„ der Lehrer eines Ortes an der Bergstraße, ctit sehr würdiger Kollege mit 34 Diettstjahrett, bezieht von 4 Gemeittden als Lehrer, Vorsattger, Gemeittderechner, Friedhofsrechuer und Friedhofsaufseher insgesamt 11 000 Mark, und dies erst seit ganz kurzer Zeit. Der jüd. Lehrer in G. erhält von seiner Gemeindla 8000 Alk. Gehalt. Dazu bekleidet er 4 Filialstellen. Von.der einen (E.) erhält er für den Gau g d. h. für 2 Stunden wöchentlich) 10Mk., vott der attderen lT.) 6 M'k. (2 Std.), von der dritterc (N.) für ebenfalls 2 Wochenstunden 5 Mk., von der vierten (G.) jährlich bare 250 Mk. (dabei bleibt die Zähl für die Wege unberücksichtigt). Ich will Sie nicht. weiter - mft der traurigen, aber auch beredten Statistik ermüoen. Tie Lage ist überall die gleiche. Die allere meistett Stellett, auch in nanrhaftett Mittelgemeiuden, ergeben ein Gesainteinkommen von 10—12,000 M. Die Beamten (Lehrer und vMLt einer größeren Hess. Gemeinde a. d. Bergstr., die sich erkühnt haben, für die Casnalien die vom Lehrerverein beschlossenen Tarifsätze einzusühren, wurden vor. den Vorstand geladen und dort mit dem Ausruf empfangen: „Sie richten das Judentum zugrunde!" Dem Lehrer gibt man eine Entlohnung, -die kaum für ein Vierteljahr hittreicht, dem Lehrer foroern dieselben Herren fiir einett Anzug ein Viertel seines Jahreseinkommens, aber wenn er für die Vorbereitung zur mxi» "Q 300 Mk. (Friedens- Wert : 20 Mk.) oder fiir das Schächten ton einem Stück Großvieh 20 Mk. verlangt, dann ist er ein Bolschewist und „richtet das Judentum zugrunde!" Das ist dieselbe in jeder Hinsicht leistungsfähige Getneinde, welche vor Jahren oer Wittve ihres nach 28 jähriger Wirksamkeit verstorbenen Lehrers trotz ungünstiger Lage .der Hittterbliebetten nicht einmal die bescheidenste Pension aussetzte und den Vorstand des Lehrervereins, der sich siir diese verwendete, in ungebührlicher Weise abfertigte und auf das hohe, staatliche Witwengehalt von 530 Mk. verwies. Sv kömtte ich Ihnen noch Dutzende von Beispielen vorführen. Ter verehrte Vorsitzende der Freien Vereittigung bezeichnete einmal^ — erstaunt ob solcher Verhältttisse — die betroffenett Kollegen als Lebenskünstler. Sie sind noch meh r, sie sind H u n g e r k ü n st l e r. Tienstmädchett beziehen oft ein höheres Einkommen als mancher jüd. Lehrer und der Wvchenlohn eines' - Arbeiters übersteigt noch das Bierteljahrsein-' kommen mattches jüd. Lehrers. Die Staatsbeamten erhalten immer wieder neue, den veränderten Zeitverhältttissen angepaßte Zulagen, nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.