Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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r i Crzidjjüng und 1L%\) Organ -rs Krnües gesrhestreuer jüdischer Kehrer Deul>ch1ands. Am Grabe der jüdischen Volksschule in Preußen. Din Ausblick von S. F r eud e nbe r ge r. - Der preußische Fiuanzminifter und oer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildunsg haben folgende Verfügung erlassen: „Auf Grund der gesetzlichen Bestinunun- Akn haben mir mit Zustimmung des Kassenanwalts bis zur weitern gesetzlichen Feststellung eines Verteilungsplans der Landesschnlkasse folgende Schulverbandsbeiträge festgesetzt: 1. für das Rechnungsjahr 1920 für jede planmäßige Lehrerstelle jährlich 9600 Mk., 2. für das Rechnungsjahr 1921 für jede planmäßige Lehrerstelle jährlich 11 400 Mk. Zur Zahlung dieser Beiträge find die Schulverbände. (Schulgemeinden) gesetzlich verpflichtet." Diese Ministerialverfügnng versetzt unfern Müschen Volksschulen in den kleinen Landgemeinden den Todesstoß. Es werden wohl sehr wenige Synagogeugemeinden in der Lage fern, die erwähnten 21000 Mt. abzüglich 1000—1500 Mk. Beschulungsgelder an bie Landesschulknsseu auf einmal ab* zuführen. Noch weniger werden sie bei oen sonstigen schweren Steuerlasten gewillt sein, für die Unterhaltung ihrer Schule alljährlich 13 000 bis 14000 Ml. auszubringen. Als weitere Folge müssen ivir mit mathematischer Sicherheit damit rechnen, daß die Regierung, in welcher keine besondere Vorliebe für die Zwergschulen herrscht, zur Auflösung oer meisten jüdischen Schulen schreiten wird. Es iväre sicherlich verfehlt, wollten wir uns dieser Tatsache verschließen. Die weiteren Schäden für die Erhaltung bezw. den Fortbestand des Judentums auf dem Lande sind gar nicht auszudenken. Schon jetzt sind eine größere Anzahl Lanogemeinden, in denen noch vor einigen Jahren echtjüdisches Leben pulsierte, verwaist. Die ent-, setzliche Teuerung auf allen Gebieten hat es zuwege gebracht, daß Gemeinden, in betten bettt Lehrer günstige Existenzbedingungen geboteni waren, nicht mehr in der Lage sind, die Mittel | zur zeitgemäßen Besoldung eines solchen aufzubringen. Die Schulen und die Synagogen Lehen die ganze Woche hindurch leer und am Sabbath und an jüdischen Feiertagen ist selten jemand da, der in der Lage wäre, den Wochen- Abschnitt aus der Thora vorschriftsmäßig zu verlesen. Die Kinder wachsen auf ohne ausreichenden Religionsunterricht, ja in vielen Gemeinoen wird solcher überhaupt nicht erteilt. Wie es in einigen Jahren mit der jüdischen Gesinnung einer solchen Generation bestellt sein mag, davon mag sich jeder selbst eine Vorstellung machen. Die einzigen Oasen in dieser Wüste bildeten seither die Gemeinoen, die in der glücklichen Lage waren, eine jüdische Volksschule zu besitzen. „Nur eine hohe Säule zeugt von verschwnndner Pracht, doch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht." Es ist nicht das erste Mal, daß der Weiterbestand der jüdischen Volksschulen gefährdet war. Bekanntlich war seiner Zeit bei Vorlage des Schulunterhaltungsgesetzes in Preußen der Bestand der jüdischen Volksschulen aufs äußerste bedroht, die Möglichkeit der Neuerrichtniig jüdischer Schulen schien vollständig nnterbnnden. Klack erwähntem Entnmrfe lag es im Belieben der Kommunalschulverbände, die vorhandenen jüdischen Volksschulen zu erhalten, oder ihre Auflösung zu beantragen. Die jüdischen Verbände überließen damals die jüdischem Schulen ihrem Schicksale und hätten es aus falsch angebrachtem Liberalismus gern gesehen, wenn sämtliche jüdischen Kinder den christlichen Schulen überwiesen worden wären. Damals war es die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, die sich der gefährdeten jüdischen Volksschule annahm. Dieselbe entsandte,eine Abordnung nach Zerlin. welcher u. a. der verstorbene Prov.-Rabbiner Di. M. Cahnp'^Un Fulda und der Realschuldirektor H. Dr. Lauge-Frankfurt am Main angehörten.' Den Wortführern der Freien Vereinigung gelang es nicht nur, die dem Weiterbestände der jüdischen Schule drohende Gefahr abzuwenden, sondern auch wurde ihnen in der denkwürdigen Audienz am 11. Januar 1906 die Bewilligung eines staatlichen Zuschusses für den jüdischen Religionsunterricht zugesagt, wie auch den Kommunen gleichfalls die Verpflichtung von Beihilfen zur Besoldung des jüdischen Religionslehrers anserlegt wurde. Sollte es jetzt nicht wieder einen Weg geben, die sterbende jüdische Volksschule vom Tode zu erretten? Wir verkennen nicht, daß heute die Lage noch schwierig-er ist als 1906. Jedoch "’so;!?; K7 Israel in seiner Gesamtheit verarmt nicht. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Tie jüdische Gesamtheit muß die zürn Weiterbestände der jüdischen Volksschulen erforderlichen Geldmittel aufbringen. Es wäre ein. Schandfleck für oie jetzige Generation, wenn wegen der Geldfrage ein solch' wichtiges Kulturwerk geopfert werden sollte. Noch ist es Zeit, das brennende 5)aus zu retten! Vielleicht ließe sich ein entsprechend höherer Zuschuß der Kommunen an die jüdischen Schulgemeinden erzwingen. Die Schullasten der Kommunen sind gegen die Vorkriegszeit um das 20—30fache gewachsen und dementsprechend auch die Steuerlasten der jüdischen Steuerzahler. Jede jüdische Schulgemeinde hat heute zum mindesten 5—6000 Mark Kommunalbeihilfe zu beanspruchen. Zwecks Klärung dieser Frage würde ich in jedem Regierungsbezirke, wo jüdische Schulen in Frage kommen, eine Konferenz der Synagogenältesten und Mischen Schulmänner dringend empfehlen. Jedoch scheint Eile geboten. Der vom Bunde gesetzestrener Gemeinden gegründete Hilfsfonds zur Unterstützung notleidender Landgemeinden müßte iveiter ausgebaut werden. Jeder deutsche Jude sollte es als seine Ehrenpflicht betrachten, zur Erhaltung dieser Institution beizutragen, dantit der Bund in die Lage versetzt werde, allen an ihn herantretenden Anforderungen entsprechen zu können. Vielleicht weiß jemand noch einen weiteren Ausweg, aus dem Dilemma herauszukommen! Möge der deutschen Jndenheit in dieser großen Gefahr der rechte Helfer erstehen und sich das alte Sprichwort bewähren: Je größer die Not, desto naher die Hilfe! A u m e v! u n g der R e d. Die den Fortbestand der jüdischen Schulen in den kleineren Landgemeinden bedrohenden Gejahren werden leider vielfach unterschätzt. Die vitalsten Interessen des Judentums stehen auf dem Spiele. Möchte der Notschrei des Herrn 'Freudenberger nicht wirkungslos verhalten und seine Anregung in maßgebenden Kreisen gebührende Berücksichtiguirg finden. Durch materielle Opfer kann das sinkende Schiff noch gerettet werden. rn rur D2N- Wer zu raten vermag, wie der Gefahr begegnet werden kann, der halte mit seinem Rate nicht zurück. rm npwm W . Sie Zukunft des deutschen Judentums und dle Lage der Lehrer. Referat, erstattet in einer von der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" einberufenen öffentlichen Versammlung vorn l6. Februar 1922 von I. Lebermann in Darmstadt. Um den Zusammenhang zwischen der Zukunft des Judentums und der Lage der jüdischer! Lehrer zu begreifen, brauchen wir nur auf. die Geschichte der Amoräer-Zeit zurückzublicken, wo uns berichtet wird, daß die palästinensischen DWlEX im Auftrage des K’tM Judäa besuchten und in einer Stadt weder Volksnoch Jugendlehrer fanden. Auf ihre Frage nach den Aeltesten und^ütern der Stadt wurden ihnen die Vorsteher zugeführt. Entriiftet riefen ihnen die Sendboten zu: „Ihr seid nicht - die Hüter der Stadt, sondern ihre Verderber; die wahren Hüter