Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450199--69606-2526789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Nr. 10 S. März 1921. nachhingen. Er lief ihm aber eilfertig entgegen und begrüßte ihn. „Ihr selbst Aba Zague und in spater Abendstunde?" Nissim matte jetzt, daß der Kahen eine alte Truhe im linken Arm hielt und nahm ihm die Last ab. „Ja", sagte Aba Zague, nachdem er Atem geholt und Ntssim das Oellicht zurechtgerückt hatte, „die Truhe muß neue Eisenbeschläge erhalten, Schmied Nissim. Sie gehört der Mesgid und birgt heiligen Inhalt. Und ich komme selber, weil ich mit euch zu reden habe, Schmied Nissim." „Wollt ihr nicht in die Stube treten?" wurde Nissim freundlicher. „Nein, Schmied Ntssim, ich Pocke die Menschen cm liebsten da, wo sie am meisten sie selbst sind, bet der Arbeit. Dann brauchen wir die Truhe morgen in der Mesgid. Also schlaget zu, Schmied Nissim, und ich will derweil reden. Der Reifen ist ja vorrätig und mit dem Anlegen seid ihr so rasch fertig, wie. ich mit meiner Sache." Meister Ntssim trieb mit sicherer Hand die Nägel durch die Löcher des Etsenreifens in die dicken Olivenholzwände der Truhe, daß man die Schläge kaum vernahm. Unterdkssen redete Aba Zague in kurzen, festen Sätzen, die wie der Text zu der schwache Hamwermelodie Nissims klangen, von Salomo. „Wie denkt ihr über Salomo, was soll aus ihm werden?" fragte der Priester. Nissim war das Gespräch nicht angenehm. Er dachte immer schon, daß ihm Salomo eines Tages dm Alien auf den Hals laden werde, und er brummte zwischen Hommerschlag und Hammer- „Wern sich der Sohn nicht über den Vater überhebt, dann wird er eben das, was der Vater ist." „Aber Salomo ist nicht für Hammer und Amboß." „Weiß ich", murrte der Schmied., noch heftiger mit dem Hammerausholend, „er geht dem Monde nach . . ." „Ja", sagte Aba Zague, „er hat das Auge in den Himmel geöffnet und möchte in ollem bis aufs Letzte gehen." „Und vergißt darüber das Erste und Nächste", wandte Ntssim bitter ein. Der Nagel hatte sich zum erstenmal durch Fehlschlag verbogrn und er suchte ihn ärgerlich durch Seitenhieb gerade zu richten. „Wißt ihr, Schmied Nissim, daß es noch andere Schmiede gibt", sagte der Priester gedehnt. Gewiß, Gold- und Silberfchmiede, die aber ihre Augen noch mehr auf die feine Arbeit gerichtet haben müssen." „Nein, ich meine Schmiede des Griftes. Euer Salomo könnte ein solcher Meister werden . . . Laßt ihn ols Debtera in die Mesgid treten, daß er später als Lehrer einer Gcttesgemeinde das Eisen der Herzen weich und glühend mache und zum Guten schmiede . . Ntssim sah erstaunt von der Arbeit auf. An so was hatte er noch nie im Traume gedacht. „Meint ihr, daß er die Neigung dafür hätte?" fragte er halMrsöhnt. „Er ist Erstgeborener, und so ist ihm schon der erste Weg von Gott geebnet, alles übrige liegt on ihm und an uns", sagte der Priester. Meister Nissim reichte Aba Zague die Truhe. Sie ruhte fest und sicher in ihren neuen Eisenreifen. A'.s der Kahen die Arbeit bezahlen wollte, lehnte Nissim kopfschüttelnd ab. Es war ja für die Mesgid. Zum ersten male fühlte sich Mister Nissim mit der Mesgid, die er sonst nur an hohen Festen aussuchte, wie innerlich verwandt, und Aba Zague sah in diesem Verhalten die stumme Btlllgung seines Vorschlages. Als Aba Zague mit kurzem Gruße sich mit der Truhe entfernt hatte, trat Meister Nissim wiedrr in die Stube. Salomo war immer noch nicht da. „Aba Zague wirbt um ihn, er soll Debtera Der Israelit. werden", sagte der Vater und spähte nach dem Eindrücke seiner Worte auf die Frauen. Frau Ada, die nicht gewöhnt war, in der Gegenwart des Mannes eine Meinung zu äußern, sah auf. Ihr Gesicht strahlte, wie von fernen Visionen erhellt. Batti aber, die die harten Züge des Vaters hatte, ohne wie die seinen vom Schmiedefeuer beleuchtet und gemildert zu werden, sagte nüchtern und skeptisch: „Verlorene Mühe, Vater, Aba Zague kennt Salomo nicht. Er bleibt so wenig in der Mesgtd wie am Schmiedeherde. Sein Geist strebt in die Weite, zu anderen ungekannten Welten.." (Fortsetzung folgt.')' Rabbinischer pmimhumor. Von Chajtm Bloch. An einem Purimtage waren in Miedziborz viele Chassidim versammelt, die ha gekommen waren, um sich an düsem Tage mit Wem Meister in Wonne -m vereinen. Dieser aber saß traurig in Gedanken versunken und sprach kein Wort. Die Chassidim waren darüber sehr besorgt, denn sie hatten gehofft, wenigstens an diesem Tage ihren Meister freudig gestimmt zu sehen, daß aus dieser Freude ein Strom von Glückseligkeit und Güte sich über das Weltall ergieße. Doch der Geist der Traurigkeit umklammerte den Rabbi und er seuftzte schwer. Sein Geist war trüb und „Hersch der Schalk" mußte ins heilige Gemach gerufen werden. „Rabbi!" sprach er, „sagt mir, ich bitte euch, wie kommt es, dc-ß der heilig ernste Bersöhnungstag, an dem jeder Jude fasten muß, Jom K'purtm — ein Tag wie Purim' heißt, hat unsere Thora diesem ehrwürdigen Tag keine schönere Bezeichnung geben können, als ihn mit diesem ausgelassen heiteren Tag, an dem jeder Jude trunken sein muß, zu vergleichen?" Der Rabbi sprach mit trauriger Stimme: „Ich weiß nicht, sprich du!" „Daß ist doch ganz einfach", erwiderte Hersch, „weil an beiden Tagen die Juden sich verstellen: Am Purim verstellen (maskieren) sich Juden als Gojim, am Jom Kippurim aber verstellen sich „Gojivi" als Juden, indem sie in die Synagoge gehen und sich fromm stellen." Der Rabbi hob die Wimpern h ch, sah sich Hersch an und lächelte. Nun erst ertönte die Melodie: „Die Riffe Jakobs ist freudig" -- Als Rabbiner in Bukarest hatte der berühmte Bibelerklärer Malbtm*) viele Verfolgungen von den reformerischen Juden zu erdulden, die ihn bet jeder Gelegenheit zu ärgern suchten. Am Purim hatten drei Rädelsführer der Reformjuden . beschloffen, dem Rabbiner wohl das Mffchloach Monet, das „Geschenk", nach alter Grflogenheit zu senden, doch in einer Weise, daß er sich gekränkt fühlen solle. So schockte ihm der eine ein aus Gold geformtes Sch wein chen, der andere einen Schinken, der dritte eine Torte, der er die Form eines Hundes geben ließ. Malbtm sandte nun dem ersten die aus Wachs gegossene Figur eines Rabbiners und schrieb ihm: „Du bist reich und hast mir Dein Standbild aus Gold geschickt, ich bin arm und schicke Dir daher das metnige aus Wachs!" — Dem zweitenschrieb er: „Jetzt überzeuge ich mich, daß Du doch mein Freund bist, indem Du sogar den Bissen aus Deinem Munde als Geschenk für mich hergegeben hast!" — Derdritte erhielt eine gar „gelehrte" Antwort. Diese lautete: „Es heißt im Buche Ester: „Umischlooh monet Jsch i'reeihu" und es sende Geschenke der Mensch seinem Nächsten!" Nie verstand ich es, wozu das Wort „Jsch—Mensch", es verstünde sich doch von selber? Sie haben mir aber durch Ihr Geschenk bewiesen, daß diesks Wort.doch nicht überflüssig ist. Der Vers ist aber so zu deuten: „Und es schicke Geschenke — *) Rabbiner Maiir Leibisch Malbtm, Verfasser eines ungemein berühmten Bibelkommentars, Rabbiner in Lunschttz, Bukarest und Kempfen. der Mensch jemem Nächsten". Wer kemer ist, ist dieses Brauches entbunden!" Seither hüteten sich die Leute den Rabbiner zu ärgern. * * * Bekanntlich wird nach altem Brauch in vielen jüdischen Gemeinden des Westens die Stelle im Buche Esther: „"Wajitlu es Homon al Hoez ascher hechin l’Mordechaj" („Und man hängte Haman an den Baum, den er für Mordechaj bestimmt hatte) nach einer herkömmlicher Melodie ' gesungen. Nun wird die gleiche Melodie von der Hinrichtung Hamans auch für die Einleitung zum Tischgebet bei Hochzeiten vielfach angewendet*). Nur heißt es hier anstatt „"Wajitlu. es Homon“ „D’waj hosser“, sodaß diese Melodie auch als Hochzettsmelodie bekannt ist. Als nun einstmals am Purim, die Megillah vom Vorsänger feierlichst vorgetragen wurde, war in der Frauengallerie eine Frau, sie hatte eine noch unversorgte einzige Tochter und ihr sehnlichster Wunsch war, sie recht bald unter die Chuppa zu führen. Dieses Gebet entstieg selbst bet der Megillah ihrer Brust. Als nun der Vorsänger etwas ausholte und feierlichst die herkömmlichste Melodie anpimmte: „"Wajitlu es es .Homon al H«ez“, da fing ihr Gesicht an zu lerrchdn und innig warf sie das Gebet mit einem tiefen Seufzer dazwischen: „Ach wenn nur meine Tochter auch schon so weit wäre!" * * * Der Bezirkshauptmann von Sokal, rin bekannter galtzischer Pascha und verbissener Judenfeind lud einstmals den Rabbi von Belz in einer Sache vor. Im Laufe des Verhörs sagte dieser: „Wisset Ihr nicht, daß ich der zweite Haman bin?" Schlagfertig erwiderte der Rabbi: „Gewiß, der erste ist ja erledigt." Das Germanenserum. Sitzungssaal des Germanen-Ordens zum Pferde, köpf. Der Vorsitzende, etwa zwanzig hellblonde Männlein nnd Weiblein. Der Vorsitzende: „Brüder.und Schwestern in Teut I Ich habe einige betrübende Mitteilungen zu machen. Das Mitglied Brünhilde Müller IH mutzte vom Vorstand ausgeschlossen werden, weil sich ihr Blondhaar als künstliches Machwerk erwiesen haben. Ferner hat sich der Wirt des Lokals beschwert, datz beim letzten Julschmaus drei Mitglieder die Zahlung verweigert haben". Stimmen: „Der Braten war Hottehü"! Der Vorsitzende (erregt): „Wttzt ihr nicht, datz das Verzehren von Pferdefleisch eine uralt germanische Sitte ist? Zu ihrer Wiederbelebung werde ich von jetzt ab besondere Pferdefleischabende einführen". Weibliche Stimme: „Herje"! DerV ersitzende: Fräulein Jrmintrud, wegen Anrufung des internationalen pazifistischen Juden nehme ich Sie in eine Ordnungsstrafe von 5 Mark." Jrmintrud (schluchzend): „Ach habe metn Portmon . . . meine Geldbörse vergeben". Der Vorsitzende: „Brüder in Teut! Ich komme jetzt zu einem besonders traurigen Fall (Aufsehen). Ich meine den Fall Erich Llnöström. Das Mitglied Erich Ltndström ist unter der Voraussetzung rein arischer Abstammung in unseren Orden ausgenommen worden. Nun stellt sich heraus, datz Ltndströms Urgroßvater in der Kunkellinie der Seidenhändler Abraham Weyland in Stettin war". (Große Bewegung). ■ Der Vorsitzende (fortfahrend): „Durch Gutachten des Optikers Huhnke ist ferner sestgesteüt, datz Erich Ltndström dte blaue Brille, hinter der er seine — offenbar jüdisch geschnittenen — Augen verbirgt, garnichi braucht. (Hört, hö.rt! Tumults Wir müffen unter allen Umständen ein Mittel finden, uns in Zukunft gegen derartige Irreführungen zu schützen". Stimme: „Ist schon gefunden"! Der Vorsitzende: „Wieso"? Der Unbekannte (tritt vor und zeigt eine Flasche): „Brüder in Teut, hier ist das Mittel, das von mir erfundene „Germanenserum". (Große Bewegung)." Der Vorsitzende: „Wir bitten um nähere Erklärung". Der Unbekannte: „Brüder in Teut! Es ist bekannt, datz schon heute die Naturwiffenschaft zur Feststellung der Artenverwandtschaft die Serumprobe anwendet. Impft man z. B. einem Rinde das Mut. -- ■ -'W *) Wahrscheinlich, datz irgend ein Witzbold den Choffen die Ehe als Heretnfall durch diese Melodie illustrieren wollte.