Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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’C» i-i mm Verschollene drüber. eine ^alafcfiagefdiicfife aus 0er öeaenmarf. (Fortsetzung.) „Wann kamen wir ins Land und woher?" nahm Jirmetas das Wort auf. „Das wissen wir so wenig, wie das Kind selbst es wissen könnte, wann, wie und woher es zu Licht und Leben kam. Und die es sagen, streiten darüber früh und spät . . . Die einen sagen, wir feien schon nach dem Auszug des jüdischen Volkes aus Aegypten hierher zwischen Nil und „Rotem Meere", abgeschwenkt, ohne das Land Kanaan je gesehen zu haben. Andere behaupten, die Juden, die in Begleitung Meneltks zu Zetten Salomos hierhergekommen sind, wären unsere Stammväter gewesen. Und wieder andere, besonders die, die aus dem Abendlande zu uns kommen, sehen in uns versprengte Teile der durch Salmanaflar, den Assyrerkönig, vertriebenen zehn Stämme. So oder so waren wir noch vor Lausend Jahren etwa keine Falaschas, d. h. keine Fremden im Lande. Erst als von Rom her der nazarenische Glaube ins Land einströmte, teilten sich die Menschen und. Geister. Wer zum Nazarener nicht schwor und zum alten Glauben hielt, war „Falascha" Und diese, abgesondert, beargwöhnt und verfolgt, suchten und fanden auch die kleinen Reste der schon früher aus Aegypten oder Palästina hierherversprengten Juden, um sich mit ihnen ganz zu verschmelzen.- „Aber nicht immer hatten die Nazarener hier die Oberhand. Vor tausend Jahren gab es eine Königin Judith — so berichten die alexandrischen Kirchenväter — die den König Delned in Ttgri vom Throne stürzte und. lange Jahre das Layd regierte. Auch später noch nach Wiederkehr der alten Herrscher nazarinischen Glaubens wußten die Falaschas sich als selbständiges Volk zu halten, sich zwischen Meeresufer und Bergen zu befestig n und den Feinden tapfer Gegenwehr zu leisten. Ihr letzter König vor zweihundert Jahren hieß Gideon." „Warum tuen wir es heute nicht?" fragte Jirmeias sinnend. „Weil wir . schwach sind und klein an Zahl und es unsere Aufgabe und der Wille Gottes ist, daß wir kleine Leiden auf uus nehmen und im Beten und Opfern auöharren bis die Erlösung kommt." „Wann kommt die Erlösung? Woher kommt sie?" klammerte sich Salomo an dieses Wort. „Ich sagte ausharren", wiederholte Aba Zague. „Wer aber fragt und drängt, hat die Kunst des Ausharrens nicht." Die Lichter an der heiligen Lampe waren heruntergebrannt. Aba Zague erhob sich langsam, und zog den Vorhang auf. Auch Salomo und Jirmeias erhoben sich und gingen Arm in Arm mit sehnsuchtsglühenden Blicken, nachdem sie den heiligen Vorhang stumm an die Lippen geführt hatten, von dannen. III. Salomojs Elternhaus. Im 'Reiserhäuschen am Berghange, das mit dem Seitenbau der Schmiedewerkstätte sich hufeisenförmig auf der hügeligen Fläche dehnte, war Feierabend. Im einzigen Wohn- und Schlafraume standen an beiden Seiten die „Algä", die mit Lederriemen zusammengehaltenen hölf zernen Bettstellen. Auf der niederen Bank am Kamine waren die tönernen und hölzernen Krüge und Töpfe ausgestellt, andere aus dem Herde dampften. Im dunklen Hintergründe sah man die Mühlsteine, den kleinen auf den großen gestellt fertig zum Mahlen. . In der fast fensterlosen Hütte wurde es ganz heimelig, als jetzt das Oellicht am Herde ausflammte und Meister Riss im, nach ihm sein Geselle Job, aus der Werkstätte in.die Wohnung traten. Nissim, der Schmied, hatte von früh bis spät vor Feuer und Amboß gestanden und kräftig mit dem Hammer ausgeholt. Nun warf , er den Habi, den Ueberwurf, ab, so daß er nur in den weiten Hosen und dem Hemde dastand, wischte sich mit dem Aermel den dicken Schweiß vom breiten geröteten Gesicht und wusch am Herde die Hände, ein Zeichen für die kleine Familie, daß das Mahl beginnen könne. Frau Ada breitete still eine Kuhhaut auf dem Boden vor dem Herde aus, holte den an der Wand hängenden, aus Rohr geflochtenen Tisch herab und stellte ihn auf die Haut. Eine Jungfrau mit kurzgeschorenem Haare und von etwas plumper Wohlbeleibthett, die nicht gut zum jagendfrischen, beweglichen Gesichte stand, trug das flachgebackene „Teffbrod" auf, das die ganze Längsseite' des Tisches füllte, zu dem gleich der „Wotz", eine Pfeffersuppe, kam und einen scharfen Duft verbreitete. Vater Nissim sah sich um, als suchte er Jemand, sagte aber nichts, sondern sprach das Gebet, wobei Job, der Geselle, Frau Ada, sowie die junge Tochter Batti nach jedem Satze mit einem monotomen Amen einstimmten. „Gelobt sei der Herr Israels, der Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs, der aller Menschen Gott ist — Ihm sei Ehre und Lob, der allen Hungrigen Speise gibt — Gott, unser Herr, gib uns den Segen, mit dem du Abraham gesegnet hast, mit dem du die Fruchtbehälter der Frommen gesegnet hast — Segne unseren Ausgang und unseren Eingang — die Erde und was drinnen ist, lobe den Herrn. Halleluja!" „Amen!" Nun nahm sich jeder, der Hausherr zuerst, ein beträchtliches Stück vom Teffbrod und löffelte damit aus der vollen Schüssel. Als alle die Hände ruhen ließen, der Teffkuchen aufgezehrt und die Töpfe leer waren, stimmte der Hausherr das Nachgebet an, das in ähnlicher Weise wie das Vorgrbet Dank für Speise und Trank und Kleid aussprach und mit einem Amen der Hausgenossen schloß. Frau Ada ging an die Mühle, um das Getreidemehl weiter zu mahlen, Batti setzte sich an ihr bu «tes Webestück, während Job nocheinmal in die Schmiede hinausging, um nach dem Rechten zu sehen. Ungewöhnlich dumpfe Stille herrschte während des Essens, und Batti brach nun das Schweigen mit der plötzlichen Frage: „Wo bleibt Salomo?" „Salomo?" knurrte der Schmied, „draußen ging der Vollmond am Himmel auf, da geht er wohl dem Monde nach ..." Es lag etwas Wegwerfendes, Resigniertes in dieser Aeußerung. Aber Ada und Batti kannten Mann und Vater zu gut, um nicht auch den leisen Stolz in diesen harten Worten, wie den feinen Nachklang bei dem harten Hammerschlag auf den Amboß, herauözuhören. Vater Nissim war ein einfacher Mann der harten Arbeit und seit frühester Jugend, seitdem er in die Schmiede als Lehrling trat, der er jetzt seit drei Jahrzehnten selbst als vtelgesuchter Meister bevorstand, in der Gewißheit groß und stark geworden, daß sich jedes Eisen biegen und drehen lasse, wenn es nur richtig erhitzt und mit fester Hand angepackt werde. Mit diesem Grundsatz stand er dreißig Jahre lang und blies mit vollen Lungen am Balge und schwitzte am Glutosen und hantierte mit Zange und Hammer, mit denen er aus dem glühend und weichgewordenen Eisen die wunderlichsten Reifen und Beschläge formte. Seit letzterer Zeit, seit er seinen achtzehnjährigen Erstgeborenen in die Schmiede genommen hatte, wurde Nissim in seinem Lebensgrundsatze doch ein wenig wankend. Hier war ein Eisen, das sich nicht nach Belieben biegen und drehen ließ, das weich wurde und dennoch unbiegsam blieb . . . Das gab Vater Nissim sehr zu denken. Salomo sah 'sehnenden Blickes ins volle zischende Feuer und verpaßte darab den Moment, vergaß, zur rechten Zeit das Eisen herauszuholen. Er sah traumverloren den sprühenden Funken nach, bis sie im weiten dunkelfeuchten Raum der Schmiede verschwanden und ließ vor lauter Sinnen die glühende Stange kalt und hart werden. Seine Hand bewegte sich schlaff und sein Schlag ergab nicht den rechten Klang. Da half gutes Zureden so wenig wie harte Scheltworte. Salomo konnte bis zu Tränen weich werden, aber aus der Versonnenheit kam er nicht heraus. Das Eisen ward heiß und weich und war doch nicht zu formen . . . Heute ist Vater Nissim beim Löffeln der Suppe auf die neue Formel gekommen: „Er geht draußen dem Vollmonde nach! —" Und der Aerger klang doch mit dieser neuen Bezeichnung schon etwas gedämpft, wie das letzte Verpuffen der Glut im Schmiedeofen. Meister Nissim fing im Stillen an darüber nachzudenken, daß es doch wohl Menschen verschiedener Art geben müsse. Sein Erstgeborener war wohl einer von der anderen Art. Nissims Lebensphilosophie erhob sich nicht über die Balken seiner rauchigen Schmiedstube und er war gewöhnt, alle unbekannten Dinge, die störend in sein Bewußtsein traten, an den Vorgängen in seiner Werkpätte zu messen und zu erkennen. So auch das Neue, das ihm in seinem störrigen Sohne entgegentrat. „Um was richtiges ferttgzubrtngen", sagte er sich,' „muß man neben dem harten Eisen auch das nötige Feuer haben und dann den Wind, der das Feuer weckt und lebendig erhält. Am Ende ist die Welt und das Leben eine Schmiede, der eine ist das Eisen, der andere das Feuer, der dritte der Wind, so kommt das Ganze zustande. Salomo ist das Feuer — oder am Ende gar der Wind? . . Nissim freute sich innerlich über diese grobumrissene Gedankenkonstruktion wie über ein gut gelungenes Hufeisen und fühlte sich fürs erste versöhnt. Und als er eines Tages dennoch mit harten Scheltworten dem Sohne ob dessen Säumigkeit und Unachtsamkeit sehr zusetzte, daß der Geselle Job leise kicherte und Salomo mit nassen Augen in seiner Versonnenheit und Versunkenheit blieb, um die erste Gelegenheit benutzend, sich auf leisen Sohlen aus der Schmiede zu machen, kam Nissim der Gedanke, daß sein Toben nur der Wind aus dem Blasebalg sei, der das Feuer, das fremde Feuer, in seinem Sohne anfache, und er brach mitten im Satze ab, um den Rest der noch glimmenden Wut an Job abzuladen. Jetzt aber saß Meister Nissim ganz friedlich nach des Tages Arbeit im Kreise der Seinen, fast ohne Argwohn Salomos gedenkend, der „dort dem Vollmonde nachginge"- Draußen wurden schwere Schritte hörbar und Jemand rüttelte an der geschloffenen Türe der Schmiede. Batti lief hinaus und stürzte bald wieder ins Haus mit der Meldung: „Aba Zague, der alte Kahen der Gemeinde, will in die Schmiede." Nissim liebte den alten Priester nicht, wie er allen Leuten mißtraute, die nicht ihre Hände bewegten, sondern mit ihren Augen Öem Himmel