Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450199--69607-2526790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9. März 1822. serum des Pferdes ein, so stirbt das Rind Mit allen Symptomen der Blutvergiftung. Ein Maulesel dagegen verträgt das Serum des Pferdes ohne Störung seines Wohlbefindens. Mir ist es nun gelungen, eine Konzentration des Se.ums zu finden, die auch die feinsten Rassenunterschiede feststem. Dieses Serum hier ist aus dem Blut reinrassiger Germanen hergeflellti Impft man es einem Juden ein, so 'stirbt er auf. der Stelle unter furchtbaren Zuckungen. (Lebhaftes Bravo!) Ja, es genügt schon, daß die Versuchsperson nur einen einzigen Tropfen jüdischen Miichbluies in sich hat, um . das gleiche Resultat zu erzielen. Ich bin bereit, samtliche Mitglieder des Ordens zu impfen - als reinrassige Germanen werden Sie dies für jeden Judenstämmling unbedingt tötttche Gift ohne jede Beschwerde vertragen. Verräter aber werden entlarvt und verfallen demGifttode. DerBorsitzende (etwas unsicher):„Gegendiesen Vorschlag ist wohl nichts einzuwenden. Ich setze also auf die Tagesordnung der. nächsten Sitzung, zu der ich leider aus dringenden-Iimiltengründen verhindert bin, als ersten Punkt: Impfung aller Ordensmitglieder mit Germanenserum". Der Unbekannte.: „Die Impfung kann sofort geschehen, ich habe alle Instrumente da". (Große Pause). Der Vorsitzende: „Na — na dann — könnten wir ja anfangen. Herr von Geldebbe, würden Sie als erster die Freundlichkeit haben . . ." von Geldebbe: ,Jch komme doch — äh — hier, nicht in Betracht. Als Mitglied des preußischen Adels — äh, äh — habe ich bekanntlich blaues Blut, das sich mit dem Serum . . .". Zwischenruf: „Adelspatent von 18D" I (Große Heiterkeit). von Geld ebbe: „Und dann, man kann ne wissen. Mein Stammbaum ist zwar bis 1568 als raffenrein nachgewiesen. Aber aus Stammbäume ist doch kein Verlaß. Mein seliger Ururgrotzvater hatte mit den Juden verkehrt und . . Der Vorsitzende (peinlich berührt): „Na,dann ein anderer. Meldet sich niemand? (Lange Pause). Na, Fräulein Thusnelda, wie roär's"? Thusnelda (geht zögernd vor). Der Unbekannte: „Ich mache daraus aufmerksam, daß mein Serum auch auf solche weibliche Personen lötltch wirkt, die unter Fremdstämmtgen, also etwa Negern, Juden und Mongolen, Freunde haben". Thusnelda (sehr schnell): „Ich verzichte"! Der Vorsitzende; „Aus welchem Grunde"? Thusnelda; „Aus allen drUen"! (Stürmische Heiterkeit). Der Vorsitzende: „Ja, meldet sich denn niemand? Aber Brüder in Teut, denkt doch, die Blamage . . .". DerUnbekannte: „Immerheran, Herrschaften, immer heran"! (Verschiedene Mitglieder des Ordens greifen nach Hut und Stock. Man hört Worte wie „leider wichtige Verabredung", „dringende Geschäfte" usw. Gedränge an der Tür). Der Vorsitzende und der Unbekannte bleiben allein. Der Unbekannte: „Nun, Herr Vorsitzender, würden Sie nicht"? Der Borst tzende: „Verzichte! Fühle mich nicht verpflichtet, hier wie ein Meerschweinchen . . .". Der Unbekannte: „Aber trinken werden Sie doch die Flasche mit mir? (Setzt die Serumflasche an, trinkt. Der Vorsitzende einer Ohnmacht nahe) Mein Serum ist nämltry bester Nordhäuser"! (Trinkt die Flasche aus und geht vergnügt). DerBorsitzende (ihm nachstarrenb): „Wenn das nicht ein Jude war . . .". Aus dem „Vorwärts". Aordrach. (Von einer Patientin erzählt.) An einem Januartag war es! Die Sonne strahlte am Himmel und srühltngslind war die Luft. Die Landschaft lag schneebefreit da. Kinder spielten jubelnd im Freienein braunes Schwarzwaidmädchen, die Haare schlicht um den Kops gelegt, in der kleidsamen Dorftracht, die ~ ihren Trägerinnen soviel Würde verleiht, ließ ein jauchzendes Bübchen die ersten Gehversuche machen? Es war einet jener Winter tage, die dem nahen FrühlinK den Einzug oorbereiien uud seine ganze Schöftyett ahnen lassen. Berge und Tal waren von Sonnenlicht übergossen, die Quellen sprühten silberne Perlen, die Bäche rauschten frohe Lieder „der Frühling kommt". Und in all' dieser Schönheit, all' dieser Pracht liegt ein Haus,' es ragt wie eine stolze Burg über die andern Häuser des lieblichen Schwarzwalddorfes. Seine Toren schützen mächtige Koniferen und sein Gebiet umfrieden enggepflanzie Tannen. Ein weiter Park umgibt das schöne Gebäude, über dessen Eingangspforte die Trost spendenden Worte „Heilung dem Kranken" stehen. Ich las diese Worte, seufzend gedachte ich vergangenen Leids und mit stillem Gebet trat ich in die Heilstätte ein. Tage, Wochen und Monde haben inzwischen schwere Schatten über die Welt geworfen. Draußen verkrampfen sich die Menschen in bitterem Hatz und jeder-neue Tag bringt neues Leid. Hier blühten an den Abhängen der Berge die Veilchen, die Bäume überschleierte An zartes Grün, die Sonne lockte die Patientinnen ins Freie und vergessen waren Not und Krankheit. Die Kranken bauten Luftschlösser, die bis Der Israelit. in den blauen Himmel ragten und so vergingen schnell die Tage.. Und der Schabbos kam! Auf den Gesichtern der Frauen läg der Schimmer stiller Freude; alle waren festtäglich gekleidet und aufrichtige „Gut- Schabboswünsche" wurden zwischen den Fremdesten gewechselt. Schabbos war's. Er hielt das ganze Haus in seinem Bann und wethersüllt war die Brust der Einsamsten und Unglücklichsten, wenn in dem blumengefchmückten Speisemal in schöner Melodie mit gedankenvollen Worten der Schabbos begrüßt und der Ktddusch gejptvchen wurde. Der Saal erstrahlte im Glanz der Schavvoskerzen und froh erklangen zwischen den einzelnen Gerichten altvertraute Semiroih. Bei ihrem Klange weiteten sich die Herzen, das beglückende Gefühl, Jude sein und mit.Juden Zusammenleben zu dürfen, vertiefte sich und ich erinnere mich, daß ich - mich an jenem ersten Schabbosabend in diesem Hause, als zum Schluß des Mahles der Stufengesang Schtr Hamaloth gesungen wurde, in schöner Befangenheit befand. Wie war das Herz mir voll! Ich lebte in der lieblichsten Gegend des.Schwarzwaldes in einem Hause, das die große Güte einer edlen Jüdin ihren leidenden Glaubensschwestern gestiftet hat; hier darf man gesund werden, ohne unsere geheiligten Gesetze verletzen zu brauchen und über allem und Jedem weht der Hauch jüdischen Geistes, der sich so besonders schön und wahr in der Liebe von Mensch zu Mensch offenbart. Ich stand lange noch an diesem Abend am Fenster meines stillen Zimmers. Der Himmel war mit Sternen übersät und die Berge lagen dunkel am Horizont. Die Nordrach rauschte ihrem Ziele entgegen, das Dorf schlief einen friedlichen Schlummer und durch's Haus schallten lachende Stimmen. Schabbos war's und die Juden waren in ihm geeint. Das fühlte ich mächtig und bestimmend. Ich war seit Jahren nicht mehr daheim und lange lebte ich, durch meine schwere Krankheit gezwungen, in den schönsten Orten des Auslandes, fern von Juden. Aber weder die Schönheit der oberitalienischen Seen, noch die der Graubündner Bergriesen haben mir jemals über das - Gefühl der Einsamkeit und der äußerlichen Losgelöstheit von der Gemeinschaft der Juden hinweggeholfen. Und nun war ich inmitten gläubiger Leidensgenossen, stand ihnen unmittelbar durch den gleichen Glauben nahe und friedlich und still wurde es in mir. Der Sommer kam. Die Kirschblüte verwehte, wie Reis war sie über die Wege verstreut. Die Bäume des Parkes belaubten sich, die ersten Rosen brachen aus ihren Knospen, Bänke und Tische luden zur Rast und die Sonne lachte am tiefblauen Himmel. Vor den Fenstern ertönte ein vielstimmiges Vogelkonzert „ktwtlt, tirilili, wer ist froher als wir"? und im Park blühten Maßliebchen und Anemonen. „Kiwitt, ItrMtt, wer ist froher als wir"? Draußen vor der Liegehalle am Waldrand unter einer herrlichen Cypreffe holt euch Bescheid, ihr gefiedertes Sängervolk! Dort singt und kitngl's auch, dort liegen kranke Frauen und singen leise jüdische Wiegenlieder, die die ganze Innigkeit der jüdischen Frau in sich bergen, hört zu, ihr Vögel. Etwas entfernt von dieser Gruppe auf einem Platz, den die Sonne bestrahlt, an einem dunkelrot blühenden Roidornstrauch ein anderes Bild. Dort träumt ein junges Mädchen von seiner Heimreise und dem Leben drangen. Es kam krank und elend her und nun isi's gesund und arbeitsfähig. Freude erfüllt sein Herz und doch fällt ihm der Abschied schwer von der Anstalt, die es jetzt der Welt als gesunden Menschen zurückgtbt, in der es unendlichen Segen genießen durfte und oie es menschlich Neues und Schönes lehrte. Neben ihm liegen drei andere junge Menschen. Eine kleine, zarle Polin mit vor Begeisterung brennenden Augen und stürmischen Bewegungen, spricht zu einer großen, schlanken Deutschen, die lächelnd und still ihr zuhört und dann mit heiterer Miene sich Gehör verschafft. Wie so oft zwischen ihnen ist auch heute die Streitfrage der Zionismus. Die kleine Polin bekennt sich zu ihm, - das schlanke Mädchen steht fest auf dem Boden der gesetzestreuen Juden. Es gibt ein Hin und Her an Fragen und. Antworten, bis sich die Dritte, eine Patästtnenserin, die mtt all' ihrem Denken und Fühlen an ihrer Heimat hängt, ins Gespräch mischt und mit ihre« Liegenachbarmnen von dem Lande der Verheißung erzählt. Stille ward's nun am Rotdornstrauch und die Vögeln konnten zukunftsfrohen Worten lauschen, die Kunde von schöner, starker Gemeinschaft und von der hohen Sendung des jüdischen Volkes geben. Der Streit war gebrochen, die Palästinenserin sann ihren eigenen Worten nach und die junge Deutsche^ gab der Polin freundlich lächelnd die Hand. Das Alles sähet ihr, ihr Vögelein und nun fliegt hurtig an die Fenster des Hauses l In hohen, wetten, wohmtch möblterten Zimmern liegen die K,anken, sonnengebadet, vor ihren Blicken die vollen Wipfel der Bäume im Park, ein grünes Meer, das dann und wann leis' von einem warmen Windhauch bewegt wird. Sie hören euer Singen und Jubilieren und sind höffnungsfroh trotz der schweren Krankheit, von der sie hier Heilung finden wollen. Auch sie träumen bunte Träume und weben sie zu einem schönen Zukunftsbild, daS sie weit über die Berge des stillen Tales zurück ins Leben bringt, zur Erfüllung und Auswirkung ihres Seins. Und m diesem Zukunftsbild steht leuchtend über dem Treiben und Hasten des Alltags N o r d r a ch, das Nordrach, das sich uns zu unendlichem Segen in der M. A. v. Rothschtldschen Lungenheilstätte erschloß. Unsere Gedanken werden oft still bet ihm verweilen und ihr Vögel, die ihr jetzt in eurer lustigen Höhe so fröhliche Fragetöne singt, Nr. 10 Seite 11 kommt dann zu uns,. wenn ihr die Antwort froher, tatkräftiger Menschen vernehmen wollt! Ihr sollt dann hören, daß wir jetzt wie immer, hier wie überall der unend ichen Wohltat der Anstalt eingedenk sein werden, die uns den Weg ins Leben wieder ebnete und die Tore zu ihm uns mit beinahe dornenlosen Rosen schmückte. Kinderecke. Me Mrbilte der Kinder'> Nach dem Midrasch zum BucheEsther. Nachdem Haman den Galgen errichtet hatte, ging er zur Mordochat, den er im Lehrhause sitzend fand. Vor ihm saßen Kinder mit Säcken angetan dem Studium der Thora ergeben. Sie schrien laut, und ihre Tränen stoffen reichlich. Haman zählte die Kinder, und es waren ihrer mehrere tausend. Er warf über sie eiserne Ketten, setzte Wächter über sie und sprach: „Morgen bringe ich diese Kinder zuerst um, und dann hänge ich Medochai." Die Mütter brachten ihren Kindern Brot und Waffer und sprachen zu ihnen: „Esset und trinket, damit ihr nicht, wenn ihr morgen dem Tode pretsgegeben werdet, am Hunger sterbet." Sofort legten die Kinder ihre Hände auf die Bücher und schwuren: „Bei dem Leben unseres Lehrers Mordochat, wir essen und trinken nicht, denn wir wollen fastend sterben." Sie schrieen so laut, daß ihr Schmerzensruf zur Höhe stieg, uud Gort hörte die Stimme ihres Weinens. Es war in der zweiten Nachtstunde, da ward Gottes Barmherzigkeit erregt, und Gott sprach: „Was bedeuten diese Stimmen, 'die ich höre, als wenn Böckletn oder Lämmer schreien?" Da trat unser Lehrer Mose vor Gott hin und sprach: „O Herrder Welt, es sind nicht Böckletn oder Lämmer, sondern es sind die Kleinen deines Volkes, die schon drei Tage und drei Nächte im Fasten zubrtngen, und morgen will der Feind sie wie Böckletn oder Lämmer schlachten." In dieser Stunde ließ Gott einen gewaltigen Schrecken aus Ahasveros, den König von Persien fallen, so daß der Schlaf seine Augen floh. Ein beunruhigender Traum hatte seinem Schlaf verscheucht. Er sah nämlich im Traum, wie Haman sein Schwert nahm, um ihn zu töten. Darob erwachte er und er befahl seinen Schreibern, ihm die Jahrbücher zu bringen und daraus vorzulesen. Sie schlugen sie auf, und es fand sich darin Mordochais Aussage auf Btgtan und Teresch, die beiden Hofbedtenten, die sich gegen das Leben des Königs verschworen hatten, ausgezeichnet. Zugleich meldete der Vorleser dem Könige, daß Haman im Vorhofe stehe, da gedachte der König seines Traumes, und dex. Argwohn gegen Haman war in sein Herz^ etngezogen.; . Auf das weitere Schicksal Hamans treffen die Worte des 7. Psalms zu: . Und richtet auf ihn Todesgeschosse, Seine Pfeile macht er brennend. Eine Grube grub er und höhlte sie aus, Aber er fiel in die Grube, die er bereitet." *) Aus dem prächtigen Purimbuch „Gut Purim" von E. Flank er. Verlag Louis Larum, Berlin. >rrm win vvipi rrwn bv cs ,'ILvp' 2'2vv D’mBl wm anw.s* ,, uwn n nrpry ,-öEtrx bVw dn .“IVs: . ’inBKn tarn n rrn *6, 1*13 'viv Kreuznach. E. Agulnik.