Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-03-02 · Heft 9 (2.3.1922) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 9 (2.3.1922)
Date
1922-03-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450198--69583-2526765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 4. 9lt. 9 und Mtsracht verlasien dann ostentativ den Saal, während auf den Bänken der zionistischen und linken Partei die Worte drs „Demokraten" bis zuEnde entgegengenommen tterden. Sowohl er, wie die Vertreter der Arbeiter-Fraktionen erklären, keinen Anteil an den Präsidiumwahlen nehmen zu wollen. Da die Mitglieder der orthodoxen und der Misrachi-Fraktion noch nicht in den Saal zurückgekehrt waren, konnte die Sitzung nicht fortgesetzt werden. Es verfehlte seinen Eindruck nicht, daß während die Herren im Saale gegen „die veralteten religiö>en Traditionen" vom Leder zogen, im Nebenraum die wahren Vertreter der breiten jüdischen Massen in Litauen sich zum andächtigem „Maaiiv-Gebete" v» reinigten. Nach der Wiederkehr der Orthodoxen gab im Namen der vereinigten Achduth- und Misrachi-Fraktionen der Kuschaner Rabbiner folgende Erkiärm g ab: „Wir legen schärfsten Protest gegen das Präsioium ein, das solche schändliche Verletzungen der heiligsten jüdischen Gefühle duldet. Im Wiederholungsfälle werden wir gezwungen sein, den Sitzungen für immer fern zu bleibm." Endlich wird das Präsidium gewählt. Es setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Oberrabbiner Schaptro, Rabbiner Epstein, Dr. Rachmilrwilsch für die Achduth-Fraktion; Dr. Soleweit schik und Dr. Rosenbaum für die Zionisten; Gar sinke! und Abramowitsch (Zeire Zton) und Rabbiner Kark als Vertreter der Mtsracht. Die zweite Sitzung, die von Dr. Soloweitschik geleitet wird, hat auf der Tagesordnung: Berichte des Nationalrates, des Jüdischen Ministers und der Jüdischen Landtagsfraktion. Es werden dann Erklärungen der Parteien eiitgegengenommen. Im Namen der Arbeitersraktion wünscht Herr Abrahamsohn, daß religiöse Angelegenheiten aus dem Bereiche der nationalen Automonie ausscheiden. Die Bekämpfung der hebräischen Sprache wie die Forderung eines nationalen Ministeriums verwirft er, ebenso die nationale Steuer. Die Schulen seien Sache des Staates und nicht der Autonomie. Im ganzen hält er die Konferenz für reaktionär und lehnt jede Verantwortung ab. Aehnliche Erklärungen geben auch die Vertreter der anderen Arbeitcrfraktionen ab. Es werden dann' noch kl» ine Anfragen erledigt. . Der Vorsitzende teilt mit, daß die Konferenz sich offiziell an den patriotischen Feierlichkeiten zum Andenken an die litauische Konstitution am 16. Febr. beteiligen wird und daß für die 14 jüdische Gefallenen im litauischen Heere eine Gedenktafel mit einer Feier in der Synagoge „Ohel Jakob" eingewetht werden soll. Herr Abrahamsohn erklärt sich aus Pietät damit unverstanden. Herr Schereschewsky spricht sich gegen die geplante Feier aus, deren Programm unjüdisch sei. Es folgt dann der Bericht des Nationalrates, erstattet von Dr. Rachmilewitsch. Der Nationalrat befaßt sich mit politischen, kulturellen und philantropischen Fragen und entfaltet eine fruchtbare Tätigkeit. Daß er bisher noch nicht legalisiert ist, hat sein Gutes, da jetzt mrhr Hoffnung vorhanden sei, ihn. als politische Einheit in den Staatsrahmen einzugliedern. De fakto ist aber der Nationalrat anerkannt und die Regierungsbehörden haben wiederholt mit ihm verhandelt. Auf kulturellem Gebiet war die Arbeit des Nationalrates durch eine ihm von der Ersten Kehillaus-Konferenz erteilten Instruktion, sich in das Schulwesen nicht einzumtschen, stark gehemmt. Trotzdem ist auch hierin manches geschehen. In der Frage des Seminares ist es gelungen, eine Einigung zwischen den widerstrebenden Richtungen herbetzuführeu. Das jüdische Katheder an der geplanten Universität ist gesichert. Die sich naturgemäß ergebenden Kompetenz - Differenzen zwischen Nationalrat und dem Jüdischen Ministerium müssen durch die Kehillaus-Konferenz ausgeglichen werden, Auf phiiantropischem Gebiet hat sich der Nationalrat die Flüchtlings Hilfe angelegen fein lassen, auch den Wiederaufbau in den Gemeinden unterstützt und die jüdische Landwirtschaft gefördert. Die jüdischen Kredit- Der JSraeM. banken arbeiten mit einem Kapital von 20 Millionen Mark. Die Volksbanken stehen überall auf eignen Füßen. Freitag und Samstag Abend, ebenso Sonntag waren der Generaldebatte über die Berichte gewidmet, in der viel getadelt wurde. Der frühere Präsident Dr. Rosenbaum hält eine lange Rede, in der er seine Taktik verteidigt. Tschernichow von den Demokraten polemisiert gegen die Zionisten. Gegen eine volle Befriedigung der religiösen Interessen der Orthodoxen hat er nichts rinzuwenden. Brudni sagt, Aufgabe der Autonomieorgane sei, ständig die breiten Massen zu verteidigen. Kahn (Arbeiterpartei) fragt, warum nichts zugunsten der vielen verhafteten jüdischen Arbeiterführer geschieht. Dr. Berger verteidigt die zionistische Politik gegen die Angriffe Tschernichows. Dem N. R. wirft er Bürokratismus vor. Die Landtagsfraktton wie das jüdische Ministerium hätten wenig von sich hören lassen und wichtige Zeitpunkte verpaßt. Kugarnowski kritisiert die Tätigkeit des N. R. Abrahamsohn wendet sich gegen die Zionisten und den Bericht des jüdischen Ministers. Kormann klagt als Unparteiischer über die innere Zerüttelunq und den Parteihader, den man an Stelle von Taten setzt. Nach einer klar sormtlierten Erklärung eines Vertreters der „Achduth" über die Forderungen der Orthodoxie wird die Generaldebatte mit Schlußreden der offiziellen Berichterstatter geschlossen. Aus der Schuldebatte am Dienstag ist die Rede des Herrn Rabbiner Fetwelsohn beachtenswert. Er saaie n. o „Man wirft uns Rnbliinern vor, daß wir zu viel in Politik machen. Unsere Politik ist aber - klar und einfach, unser Protest bestand gestern Abend inr gemeinsamen Maariv-Gebete. .Hein Redner, anßer dem Minister-Präsidenle -hat es hier für nötig gesunden, den Namen Gottes zu erwähnen. Wir können nicht gegen die Autonoinie sein, weit unser Pott' autonom ist im Festhalten am Thorajndentum, das der Inhalt unseres Lebens lst. Tie Herren B n n d i st e n kommen im Alter von 20 Jahren und wollen uns, die wir eine Geschichte von 4000 Jahren haben, lehren, was Judentum sei. Die 613 Gebote bilden die 100 Prozent des Judentums, alles andere ist Null. Eine Null hat aber nur dann Bedeutung, wenn sie rechts der Zahl steht, steht sie aber (nach der Linken gerichtet) link s dann bedeutet sie nichts und vermindert die Zahl. (Allgemeine Heiterkeit und langanhaltender Beifall). Tie Schulen, die uns die Autonomie gibt, sind für uns unbrauchbar, man unterrichtet unsere Kinder in der Naturwissenschaft, man sollte ihnen aber auch sagen, wer die Natur geschaffen hat. Auf dieser Basis kann es eine gemeinsame Arbeit nicht geben. Neunzig Prozent der litauischen Jndenheil stehen ans unserer Seite, und es ist nur dem verkrüppelten Wahl-System zu verdanken, daß wir nicht den wahren Berhältnissen entsprechend hier vertreten sind. Wenn Autonomie, dann müssen wir unsere eigene Aulonomic in der Autonomie Huben, vor altem unsere eigenen schulen, in die sich kein Unberufener einmischen darf. Tenn es geht um unsere Seele. Kompromisse gehen wir nicht ein. Es wäre sogar zu erwägen, ob wir nicht eine eigene K e h i l l a bilden sollen, wenn wir vorerst davon absehen, so geschieht es nur darum, weil wir den Glauben und die Hoffnung aus die ewige Kraft der jüdischen Idee nicht verloren haben und einem bessernden Einfluß aus die anderen Kreise von der religiösen Betätigung erwarten." Es sprachen noch von orthodoxer Seite Herr Wolk, der sich mit den Ausführungen Dr. Brutzkus besaßt und Rabbiner Kahnemann, der insbesondere auf die Erztehungsfrage eingeht. „Nur Cheder und Jeschiwah können uns helfen und wir rufen der anderen Sette zu: „Hand weg von unseren heiligsten Gütern auf religiösem Gebiete!" Im gleichen Sinne sprechen auch die Herren Rabbiner Epstein, Friedmann, Poppel und Herr Schereschewski. Die Schul-Debatten gingen Dienstag Abend zu Ende. Mittwoch steht auf der Tagesordnung: Bericht über die Tätigkeit der Kehillaus. Correspoitdcttzen u. Mricbttit, Die Situation in Bayern. Gin Borfrag 6ral Lerdienfetö. München, 22. Feb. lieber den Antisemitismus bet den höchsten 2. März ISA Würdenträgern in Bayern ist in der letzten Zest vielfach berichtet worden. Um so verdienstvoller war die Tat des Grafen Lerchenfeld, daß er in einer großen Versammlung vor das Volk trat, um angesichts des politischen Tiefstandes seiner Gehilfen über die „Erziehung des Volkes zur Politik" zu sprechen und dem„MtesbacherGUst" Fehde anzusagen. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß gegen Lerchenfeld bereits eine nicht unbeträchtliche Rechtsovposttton vorhanden ist. Selbst das führende Organ der Bayrischen Volkspartei, d r „Bayerische' Kurier", versucht sich fortgesetzt in der Variierung des Themas vom „leitenden Staatsmann" an ihm zu reiben. Die schärfsten Gegner besitzt er aber itzden Münchener Nation alisten. Diese Sturmtruppe der „Ordnungszelle" versuchte nun, den oben erwähnten Vortrag des Ministerpräsidenten mit allen Mitteln zu verhinde rn. An allen paffenden und unpassenden Stellen der Rede wurde Lerchenfeld das Wort „Die Juden" zugerufen. Als Lerchenfeld über das russische Problem spricht, stiegt ihm wieder das Wort „Die Juden" an den Kopf. Er sagt: „Ich warne Sie, alles Schlechte nur in einem Prinzip zu sehen! Nicht alles, was in der Weltgeschichte schlecht ist, ist auf die Juden zurückzuführen." Man kann nur hoffen, daß Lerchenfeld die Energie aufbringen möge, trotz aller Hemmungen von der bürgerlichen Seite aus den größten Mist aus dem bayerischen Augiasstall auszufegen. Bpologeiisctie Kurfe. Wreslau, 15, Febr. Auf Veranlassung des „Verbandes der Deutschen Juden" sollen in Breslau apolöget i sch e Kurse, ähnlich den im vorigen Jahre in Berlin abgehaltenen, veranstaltet werden. Um Lehrern die Teilnahme an diesen Kursen zu ermöglichen, ist für ihre Abhaltvng die Woche vom 3. bis 7. April ds. Js. gewählt worden. Die Beamten der Gemeinden, die nicht in der Lage sind, die Kosten für den Aufenthalt ihres Beamten aufzubringen, erhalten vom Verband eine Entschädigung von 100 Mk. täglich in soweit ihnen nicht hier freie Wohnung bezw. rituelle Beköstigung zugewiesen wird. Die einzelnen Vorlesungen halten Gemeinderabbtner Dr. Vogelstein, Gemeindet abbiner Dr. Hoffmann, die Dozenten Dr. Hetnemann, Prof. Dr. Guttmann, Dr. Rabin und Dr. Lew ko Witz. Ts rherho-Ktowakei. eine neue parle!. ZSratiskave, 21 Febr. Der Präsident der orthodoxen Lmdeskanzlei, Koloman Weber, hat in einem Interview er klärt, daß die Orthodoxie die Gründung einer neutralen jüdisch-politischen Partei in der Tschecho-Slowakai begünstige, die ein Gegengewicht gegen die turbulenten politischen Methoden der Z'onisten und Nationalisten bilden und bet entschiedenem Eintreten für die. bürgerliche Gleichberechtigung der Juden ausschließlich deren politische, rechtliche und wirtschaftliche Interessen vertreten soll. In allen Angelegenheiten, die das religiöse, das kulturelle und insbesondere das Gemeindeleben der Juden betreffen, soll die Partei Zurückhaltung üben und den einzelnen Richtungen innerhalb der Judenheit freien Spielraum gewähren. So begreiflich es ist, daß den bedrohlichen Hercschaftsgelüsten der zionistischen Elemente gegenüber die ruhiger denkenden jüdische» Kreise sich zusammenschlteßen, wird in maßgebenden orthodoxen Kreisen die neue Parteigründung dennoch nicht allseitig gebilligt. Die Orthodoxie sollte ihre Kräfte konzentrieren, statt sie zu zersplittern. Genau wie in Polen wäre auch in der Tschecho- Slowakei eine ausgesprochen orthodoxe Partei unter dem Namen der „Agudas Jisroel" das beste und wirksamste Instrument, um klar und offen, von einheitlichem Thorageiste geleitet,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.