Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1922)
- Date
- 1922-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ler ZKraM Sit. 8 Gette 6 saal in der Oranienburgerstraße erfüllt. Allein zur Entschuldigung jener groben Verstöße gegen das ungeschriebene Gesetz und den alteingebürgerten, guten Brauch reicht dieses Psychologische Moment natürlich nicht aus. Welche Haltung nahm nun die Verwaltung der Adaß Jisroel diesen unerhörten Angriffen gegenübrr, über die das offizielle „Gemeindeblütt" die staunende Welt authentisch unterrichtete, ein? Lange, allzulange antwortete von hier nur cisigrs Schweigen diesen sich förmlich übrrschlagenden Ausfällen. Man mochte hier wohl mit einigem Recht der Ansicht huldigen, daß weder Form noch Inhalt, noch die Persönlichkeiten der Träger dieser Angriffe einen ausreichenden Anlaß zu irgendwelchem Schau ffement böten oder eine Erwiderung verdienten. Vielleicht rechnete man im Stillen sogar damit, daß die gute, parlamentarische Sitte, die Angriffe auf einen Abwesenden streng verbietet, endlich doch auch drüben zum Durchbruch gelangen und diese systematischen Exesse Niederhalten würde. Diese Taktik erwies sich aber als verfehlt und die Erfahrung lehrte dieses Raisonnement in beiden Teilen als irrig. Die Korrektur aus der eigenen Mitte blieb drüben völlig aus,- und die vornehme Zurückhaltung der Adaß- Iisrokl-Kreise mochten der Gegenseite wohl als Zeichen der Schwäche und Ohnmacht erscheinen, die die Kampflust der wagemutigen Kämpen im Sitzungssaal der Oranienburgerstraße nur noch erhöhte. So konnte es nicht ausbleiben, daß selbst die unerschöpflichste Geduld diesen Provokationen gegenüber, die es offenkundig darauf anlegten, die Ehre der Adaß Jisroel in den Staub zu ziehen, versagen und dte lange zurückgedämmte Empörung über dieses unerhörte Treiben sich in einer Explosion entladen mußte. In einer der letzten Sitzungen der Repräsentantenversammlun g der Adas Jisroel unterzog sich der Vorsitzende, Dr. Ed. Biberseld, in einer Erklärung vor der Tagesordnung, die an Schärfe und Schroffheit nichts zu wünschen übrig ließ, dieser nicht eben übermäßig sympathischen Aufgabe. Man könne nicht einseitig Parlamentarischen Takt üben, wie die Erfahrung gelehrt. Die Adaß Jisroel habe sich ln ihrem Verhältnis zu der jüdischen Gemeinde nie, wie ihr gegen besseres Wissen vorgeworfen werde, von kleinlichen Rtvalitätsaspirationen oder einer Politik der schikanösen Schadenfreude leiten lassen, sondern, wo sie der jüdischen Gemeinde entgegenwirkte, nur unter dem Zwang, ihre Existenz, dte von der anderen Seite totgeschwiegen oder bekämpft wurde, zubetonen, sich in ihrem Vorgehen leiten taffen. Schiedlich, friedlich — das sei in diesem Punkte der erste und oberste Grundsatz ihrer Gemeindepolitik gewesen,- ob sie in Zukunft noch werde s o fortgesetzt werden können, das werde ganz davon abhängen, ob für diesen Standpunkt von der Gegenseite Gegenseitigkeit verbürgt werde oder nicht. Dte Adaß Jisroel suche, wie ihr Verhalten jedem objektiv Urteilenden beweise, nicht den Kampsaber sie fürchte ihn nicht, und wollen dte Herren drüben ein Tänzlein wagen, so werde ihnen eine Melodie ausgefpielt werden, dte ihnen schwerlich behagen möchte. Die Episode liegt jetzt mehrere Moch m zurück. Die Akten find einstweilen geschlossen und wir hätten weder Lust noch Neigung, sie ohne dringenden Anlaß frisch zu öffnen und auf das Thema zurückzukommen. Wir haben wahrlich Wichtigeres, dte Mühe Lohnenderes zu tun, als mit den Herren Führern der linken Seite der Reprasentantenversamrnlung der jüdischen Gemeinde unter problematischen Erfolgsaussich-. ten parlamentarische Takiübungen vorzunehmen. Aber eine neuerliche Apostrophe der Adaß Jisroel in der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde, in der Sitzung vom 1. Dezember vorigen Jahres — der letzten, über die bis jetzt ein offizieller Bericht vorltegt — zwingt uns das Kapitel des Verhältnisses der beiden Gemeinden zueinander einmal in allen seinen Gesichtspunkten aufzuroüen. Nicht als ob dieser Vorstoß in der Richtung auf die Linien der Adaß Jisroel etwa in gleiche Linie mit jenen oben charakterisierten plumpen Ausfällen gestellt werden solldie Person des Herrn Dr. Klee, von dem diesmal der Anstoß zu der Debatte gegeben wurde, bürgte von vornherein dafür, daß ihre Tendenz der Adaß Jisroel nicht feindselig und gehässig gestimmt sein sollte, und auch die anderen Redner zum Thema scheinen sich ihrer parlamentartschen Anstandspfltchten durchaus bewußt geblieben zu 'sein, wiewohl der Moniteur der Gemeindeverwaltung über ihre Ausführungen nur mit einigen nichtssagenden Bemerkungen berichtet. Aber dennoch haben die beiden Affären doch ein Gemeinsames: sie beweisen, wie weitenweit trotz ihrer räumlichen Nähe dennoch die Artillertestraße von der Oranienburgerstraße entfernt liegt, wie wenig man drüben von dem Innenleben der Leute hüben weiß, wie schlecht man dort über die Selbstverständlichkeiten im Empfinden und Denken der Adaß Jisroel unterrichtet ist! Diesmal waren es sanfte Friedensschalmeien, die von drüben herüber klangen. Herr Dr. Klee regte an, mit der Adaß Jisroel eine Art Zweckoerband, speziel für die Existenz konservativer Synagogen zu begründen, nnd er hatte den Erftlg, daß mehrere Redner die „Wiederherstellung der Einheit der Gemeinde als dringend wünschenswert betonten" aber bedauerten, daß nach dem bisherigen Verhalten der anderen Seite eine Verständigung, wie sie hier gewünscht wird, leider als ausgeschloffen gelten müsse." In diesem resignierten Stoßseufzer erstarb dte Debatte und ein Wiederaufleben wird ihr hoffentlich, gerade im Jntereffe des wahren Friedenszustandes zwischen oen beiden Gemeinden, für lange Zeit versagt bleiben. Der taktische Fehler in dem Vorgehen des Herrn Dr. Klee, daß er einen „Fühler" dieser Art in öffentlicher Sitzung ohne vorherige Borfühlung Mit der Gegenseite ausstrrckte, soll ihm hier nicht zum Vorwurf gemacht werdenim Gegenteil, es macht in unseren Augen seinem impulsiven, gutjüdtschen Gefühl nur Ehre, daß er in einer Angelegenheit, die ihm offensichtlich Herzenssache ist, alle Kunstregeln der Diplomatie und der Verhandlungswissenschaft unbeachtet ließ. Aber er hat es diesem Fehler doch zuzuschreiben, daß das Desaveu seiner Vorschläge von hüben her um so schroffer lauten muß, damit in der Oeffentlichkeit der Legendenbildung, die in solchen Fällen sich oft nur als allzugeschäfttg erweist, als ob hinter den Kulissen sich bereits der blöden Masse unsichtbare Fäden von hüben nach drüben oder umgekehrt anspönnen, ein Riegel vorgeschoben sei. DaS Wort, das in der Debatte von der „Wiederherstellung der Einheit der Gemeinde" fiel, erhellt aufs deutlichste die Situation und lehrt auch die wenigst Vorschauenden hüben, zu welchen letzten Eonsequenzen zwangsläufig jeder Schritt auf der Bahn einer Annäherung zwischen beiden Gemeinden führt und führen muß. „Einheit der Gemeinde", dte drüben als erwünscht gilt, bedeutet aber in der Gefühlssprache der Adaß Jisroel nichts weniger als Verrat an dem Vermächtniß der Väter, Preisgabe der religiösen Ueberzeugung, Zerstörung der opferwilligen, entsagungsreichen Arbeit zweier Generationen in einem halben Jahrhundert. Oder was anderes wäre es, wenn die Männer der Adaß Jisroel als Irrtum bekennten, wofür sie und ihre Väter so lange gestritten: daß es nur ein Judentum gibt, das Judentum der Glaubenstreue, das Judentum des Religtonsgesetzcs, das Judentum des Schulchan-Aruch und daß jedes Judentum, das anderes lehrt, eben darum aufgehört hat, Judentum zu sein?! Wenn sie anerkennten den Satz, daß in des Vaters Haus viele Räume' seien und für den Ritus der Fasanenstraße, der Johanntsstraße ebensogut Platz darin sei, wie für den alten Minhag Jisroel?! Es ist hier nicht der Ort, und dre Gelegenheit nicht angetan, das ganze grüße Gebiet der bis ins tiefste Wmzelreich der jüdischen Religion hinabreichenden Divergenzen zwischen den Grundprinzipien der beiden Gemeinden, die ihrer Vereinigung für alle Zeitlichkeit entgegenstehen, eingehend zu behandeln. De: eine Hinweis mag genügen: an derselben Stelle, von der aus Herr Dr. Klee seiner Anregung Worte gab, fielen kurz danach Worte der Beschimpfung des heiligsten, weil des ersten Mizwahgebotes der Judenheit, der Mtlah, die jedem nicht mit Fischblut ausgestatteten Jehudt das Blut in den Adern erstarren lassen mußten, wagte es provokatorische Zuchtlosigkeit an den Lebensnerv des Judentums mit dreister Hand zu tasten, drapierte sich der fanatische Haß gegen das jüdische Religionsgesetz mit dem Mäntelchen scheinheiliger Humanität, um die religiösen Empfindungen der Andersdknkenden desto tiefer unheilbar zu verletzen! Gewißder tolle Exzeß fand alsbald seine Geißelung durch dte Mitglieder der Repräsentantenversammlung und nachträglich sei noch Herrn Prof. Löwe, der in dem Bericht des „Israelit" nicht genannt wurde, der Dank für sein mannhaftes und rücksichtloses Auftreten in dieser Skandalaffaire, für seine tapfere Schildaufrichtung vor der bedrohten heiligen Institution votiert. Aber die ungeheuerliche Tatsache bleibt darum doch bestehen, das solche Ausschreitungen von seiten erwählter Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde Vorkommen konnten, uud daß ihre Wiederholung jederzeit im Bereich der Möglich, keit liegt. Dieser Schulfall kann, wie gesagt, genügen. Solange in der Berliner jüdischen Gemeinde — es braucht gar nicht einmal der Sitzungssaal der Repräsentantenversammlung zu sein — für Leute vom Schlage der Führer der „liberalen" Partei Raum zur Betätigung vorhanden und gegeben ist, solange nicht ein einmütiger Schrei der Empörung und Entrüstung solchen Blasphemien aus der ganzen jüdischen Gemeinde Berlins antwortet — solange wird dte Adaß Jisroel jede Beziehung und jede Aktionsgemeinsamkeit mit ihr verneinen müffen. Und, leider steht zu fürchten, daß diese Situation so noch lange fortdauern wird. Der philologische Moment für den wohlgemeinten Annäherungsvorstoß war denklichst schlecht gewählt. Es führt keine Brücke über den abgrundtiefen Spalt, kein Weg von drüben nach hüben! estt-sp-MiMn «. kacdrlcbteit. Deutsches Reich, tfon 9er Hamburger Jefcfiiioa. Kamöurg, 17. Febc. Am Vorabend des L2V21"Ü fand ein öffentliches ftDZder ,12-IN' za Hamburg in den Räumen des hiesigen Vereins Mekor Chajim statt. Die Prüfung fand in Gegenwart des 21 als ,12'ty' Vrri und unter Beteiligung weiterer Kreise unserer Gemeinde — der Deutsch-Israelische Synagogenverband, als Repräsentanz des gesetzestreuen Judentums, war durch 3 Vorsteher vertreten — statt. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Jakob Goldschmidt, eröffnete den Abend mit feierlicher Ansprache, in der er auf die Schwierigkeiten hinwtes, mft der dte ron?1 bet ihrer Gründung, und auch jetzt noch, nach nennmonarlichem Bestehen, zu kämpfen hat, in der er aber auch rühmend die Opferwtlltgkeit und das Verständnis Einzelner, durch deren Hingabe die Durchführung des Werkes ermöglicht wurde, hervorhob.' Die Prüfung fand in drei Abteilungen statt. Dte Knabenabteilung, in welcher ca. 25 schulpflichtige Knaben täglich unter der Leitung des Herrn Rabbiner Jaffe lernen, zeigte, datz