Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1922)
- Date
- 1922-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450196--69553-2526733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-Vellage zu Ar 7 -es „Zsraeki". Das Krankengedel. Skizze aus dem Leben eines Hau s b o ch e r s. Bon P h i l i p p N a s ch. Dem Unkundigen zuliebe sei zuerst eine knrzle Erläuterung über das Wort „Hausbocher" vorausgeschickt. -Wie manche schöne uralte Sitte, ist auch das Halten der Hausbocherim in Preßburg in -den letzten Jahren aus der Uebung gekommen. Früher hat es jeder „Kozin" als Pflicht und Ehre betrachtet, zu sich ins .Haus einen hervorragenden Talmudschüler zu nehme« und ihn, wie es geschrieben steht, mit Bett, Stuhl, Tisch und Leuchter in des Wortes weitherzigster Bedeutung zu versorgen. Dieser Wohltat wurden zumeist nur jene Bocherim teilhaftig, die sich durch Fleiß, Wissen und Charakter einen würdevollen Rang im Kreise ihrer Mitschüler erwarben. Dort im Hanse des Maezcn lebten sie oft jahrelang, aller Sorgen bar, gehegt und gepflegt wie ein Familienmitglied und harrten geduldig der Stunde, da sie mit Hilfe eines hundertäugigen und hundertzüngigen Schadchens dem ihnen bestimmten „Siwng" (Ehebund) zugeführt werden. Loser Klein war ein Unterländer») und bas galt in Preßburg als Makel, als eine Art Brandmarkung. Die Unterländer begegneten in der Jeschiwah und in der Gemeinde incmrjer Sympathien und mehr Vorurteilen. Unser Held — das muß man zu seinem Lobe sagen — hat gewiß uicht dazu beigetragen, den Ruf seiner engeren Landsleute schmälern und zu schänden. Er war bescheiden bis zur tiefsten Demut und schweigsam bis zur vollen Wortlosigkeit. An einem trüben, regnerischen Jßruchag von Sukkvth hatte er von dem ruthenischeu Dorfe Abschied genommen, wo sein Vater seit Jahren die Schazmazstelle inne hatte und wo derselbje seinen Hungerlohn mit Weib und zehn lebenden Kindern kümmerlich teilen mußte. Loser war von den Knaben der älteste und weil ihn sein Vater für ein „Jlui" (Wunderkind) dielt, wurde ihm das hohe Ziel gesteckt, seine im Heimatsdorfe erworbenen talmudischen Kenntnisse in der „erhabener:" Jeschiwoh zr: Preßburg zu bereichern und sich dort maschlim zu sein (sich zu vervollkommnen). Am Abend vor der Abreise - - es war der Ausgang des Simchastorasestes — fluteten Bäche von Tränen vom Antlitz der Mutter und Geschwister. Noch einmal saßen alle beisammen in der niederen Stube um das trübselige Lämpchen geschart und genossen sich einander mit jener heißer:, schmerzeureicheu Liebe, rvie sie uur in der: engen Hütten der Ariner: zu sinder: ist. Mau plauderte schon eine Weile mit gedämpfter Stimme por: Vergar:ger:heit und Zukunft, da erhob 'sich plötzlich die würdige Gestalt des Vaters zu einem feierlicher: Akte. Er wischte sich die Tränen aus der: Auge::, nahm mit einem sichtbar gezwungener: Lächeln ein Beulelchen mit klingenden Münzer: aus der Tasche mtb überreichte es Loser. „Hier hast du das Geld zur Reise", sagte er, „für dich blutwenig, für ur:s blutig viel". Ja es war ein ganz kärgliches Reisegeld für die weite Fährt ins Unbekannte u,:d trotzdem mußten sich >die Eltern dieses Sümmchen Monate hindurch am 'eigener: Leibe abdarben und abkarger:. Hierauf -legte der tief bewegte Rab Scholen: Klein seine zitternden Hände aus das gesenkte Haupt des 'Sohnes und sprach, indem er die Augen zudrückte, mit heißer Inbrunst jenen väterlicher! Segen, der: er alte ’ Freitag *) Unterländer nannte man nidjt iene, die au§ Südungarn kamen, sondern die a>-s den nordöstlichen Gauen stammenden. Die dortige Bevölkerung glich in AusspraLe, Erscheinung und Benehmen den Galiziern, die auch bcranmttch als nicht ganz ebenbürtig galten. Abende feinen Kindern zu spenden gewohnt war. Tann setzte er fort: „Mein teures, süßes Kind! Wenn du die Mesuse zurr: Abschied geküßt haben wirst, um dein Vaterhaus für lange Zeit zu verlassen, vergiß uicht, daß unser Herz mit dir hinaus wandert in die rveite, harte, kalte Welt. Der Allmächtige wird dich zurr: Guter: sührerr, wenn bu auf ihn vertrauen wirst. Auf dich — täusche dich nicht — warten Kämpfe und Entbehrungen. Hunger und Kälte werden dir die schöne, goldene Jugend bitter macher:. Vergiß aber uicht, was unsere Weisen sagen: „Das ist der Weg zur Lehre: Tu sollst Brot mit Salz essen, Wasser mit Maß winken, auf der Erde schlafer: und ein Leben voll Entbehrungen führen." Was ich dir aber besonders aus Herz lege, ist, daß du mir — Ehas wecholile (behüte Gott) fein Schnorrbocher Werder: sollst. Was dir die Vereine r:uo Wohltätigkeitseinnchmngen zukommen lassen, darfst du getrost annehmen, aber eine Nedow'x — einen Bettelpfennig - nie und nimmer! Versprich nur, betonte der Vater mit erhobener Stimme, daß du imruer bechowed sein wirst, beim wird dir auch der Allmächtige — ich bin dessen muftach ^überzeugt! -- dazu helfen. Omen." „Omen", hallte es von aller: Lippen wider, ruid Loser beteuerte unter heißen Tränen, daß er die Lehren seines Vaters treu und unversehrt beherzigen werde. In der: ersten Morgenstunden fuhr er per Achse zr:r entfernt liegenden Bahnstation und vor: dort kan: er i:ach einer Tagreise müde mtb zerschlagen nach Preßburg, wo er noch nach Monaten ebenso fremd und oes Lebens und Treibens urrkundig blieb rvie in dem denkwürdiger: Tage seiner Ankunft .... In mittelalterlichen Dichtungen werden Jünglinge geschildert, die frühzeitig das Elternhaus verließen und die int Leben viel Leiden und Prüfungen zu Überwinder: hatten, weil sie die Uuklughcit besaßen, die ihnen im Augenblicke des Abschiedes erteilten Mahnungen und Ratschläge allzu wörtlich zr: nehmen. Loser mußte auch viel Entbehrungen leider:, weil er sich die Lehren des Vaters gar zu tief ins Herz einprügte und sich unerschütterlich an den Wortlaut halten wollte. „Nur bechowed sein, nie eine Nedowe annehmen!" war das Leitmotiv seiner Gesinnung, von den: er ::m keinen Preis abkommen wollte. Nun war aber das Einhalten dieser stolzen Maxime für ihr: ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sollte er seine, wenn auch geringfügigen Bedürfnisse decken, rvcrm er der: .Heller der Privatwohltätigkcit als bcnmtigeitb von sich wies? Ter Winter war nahe ur:d der Zehrpfennig, der: er ans dem Elternhanse brachte, rvar längst verausgabt. Urrgestüm klopfte die Not an die Türe seines Stübchens irr der Nikvlaigassc. Auch die Sohlen seiner Schuhe versagter: langsam den Dienst, und die Gefahr war groß, oaß sich zr: der: drei Erbfeinden des armer: Menschen, Hunger, Kälte und Nässe, der böseste, vierte, geselle, die Krankheit. Seine schwache Konstitution war von den Kasteiungei: schwer bedroht, aber er blieb unerschütterlich. Mit nngebrochenen: Stolze beharrte er bei seinem Prinzipe, nichts anzunehmen und nichts zu verlangen. Was Wunder, wenn er täglich bleicher wurde und körperlich herabkam. Seine Landsleute, die ihn und seine beharrliche Natur kannten, gewahrten mit Besorgnis seiner: rascher: körperlichen Verfall nr:d trachteter: mit allerlei Findigkeiten, ihn zur Annahme von Unterstützungen zn bewegen. Jedoch alle Mühe blieb vergeblich, ja noch mehr, er wurde ärgerlich, spielte den Gekränkten ur:d auf seinenLandsmann Jenle Fuchs, der sich ganz besonders um ihn bemühte, war er nicht gilt zn sprechen. Die Sache wurde aber immer bedrohlicher. Loser schleppte sich mit Ringen unr derr Augen, mit eingefallenen Wangen mühselig durch die Gasse. Jenle erkannte die Gefahr, beriet sich mit seinen Chaw-erim (Freunden), wie man den: storrigen Kerle beikommen konnte und nach langen Diskussionen wurde, folgender Plan beschlossen: Sie wollten mit der frommen Lüge zu Loser kornmen, daß ein reicher Balboß (Gemeindemitglied) gefährlich krank sei und daß aus Wunsch seiner Familie zehn Bocherim für ihn Tillin: sagen sollen. Er — Loser — solle dabei — da er eine Mtte Stimme habe — das Amt des Vorbeters ausüben und dafür erhalte er zwei Anteile der gemeinschaftlichen Bezahlung, zehn Gulden. Gesagt, getan. Jenle begab sich, während seine Freunde schon ir: der Schinrstube (Lehrstube) warteten, zr: Loser und ohne ihm viel Zeit zum Nachdenken zn lassen — er war ja immer mißtrauisch, wenn er die Absicht, ihm in seiner Not zr: helfen, merkte — brachte er Loser nnvcrsänmt mit dem Psalter unter dem Arme in der: Lehrur:d Betsaal hinauf. Natürlich mußte man ihm den Namen des Erkrankter: sagen, und da wäre beinahe der liebevoll gesponnene Plan an der Unvorsichtigkeit der jungen Freunde gescheitert. Sije hatten nämlich hieran nicht gedacht, und groß war ihre Verlegenheit, als Loser sic mit einer Stimme, die von Mitleid vibrierte, nach dem Namen des Kränkelt fragte. Einen Augenblick lange bekam er gar feinen Bescheid, im Hintergründe vergaßen sich zwei Freunde sogar so weit, daß sie taut anslachten. Loser war über dieses zynische Benehme:: tief entrüstet mtb auf seine wiederholte Frage erhielt er eine zaudernde, unsichere Antwort von Jenle, der zuerst seine Geistesgegenwart wieder gewann und mit frecher Stirne den Namen seines Hausherrn nannte, der seit einigen Tagen wegen eines leichten Unwohlseins das Bett hütete. „Reb M'choel Ragendorf", war also die Antwort, mit der Loser keinesfalls zufrieden war, denn bei solchen Gebeten muß ja bekanntlich mttf) der Name der Mutter des Bedachten' eingeschaltet werde::. Loser fragte wieder und Jenle entgegnete ihm kurz: Rochel. Loser war durch das Benehmen seiner Freunde stutzig geworden, doch ging sein Scharfsinn nicht so weit, de:: Kern der Situation zn entdecken. Er begann die Psalmen mit lauter Stimme und heißer Andacht zu rezitieren. Zum Schlüsse, als er das eigentliche Gebet mit Nennung des Kranken verrichtete, war es ihm, als hätte Jenle, der hinter ihm stand, nicht Rochel, sondern Lea genannt. Nun ja, Jenle hatte inzwischen selber vergessen, welchen Mutternamen er angab und hatte, als die traurige Komödie zu Ende ging, in harmloser Weise die beiden Schwestern verwechselt. Loser flammte vor Entrüstung über die leichtfertige Art, wie seine Freunde dieser fürstlich bezahlten Pflicht oblagen. „So benimmt sich ein Kal" (leichtsinniger Sünder), rief er mit donnernder Stimme, „wie ihr Euch da benommen habt. Bon diesem Tiltemsagen kann eher ein Gesunder krank werden, als ein Kranker geheilt. Ihr könnt Euch schämen!" Die schwer verhohlene Heiterkeit der Chawerim, das ständige Schmunzeln in den Gesichtern, der ganze. Unernst der Stimmung tat ihm in der Seele weh. Die bedungenen zehn Gulden nahm er jedoch umso eher an, weil er mit Genugtuung sagen konnte, daß er der einzige war, der mit Innigkeit und Andacht betete. Nur eines nagte an seinem Herzen, als er nachhause ging, es schien ihm als hätte e r Rochel mit Lea verwechselt, und in dem Falle hätte e r die Bezahlung nicht verdient, ja noch mehr, es wäre dadurch die Genesung des Kranken gefährdet. Er hatte daher auch keine rechtle Freude mit der gewiß beträchtlichen Summe: doch als der Magen cn:ch ein Wörtlein bretnzusprechen feftgotut, festen sich seine selbst-