Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1922)
- Date
- 1922-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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16. Februar 19*2. auälertschen Gedanken und er ging zn Minbcfe in den Edelhof, um sich nach langer Panse ein warmes Mahl zu gönnen. Wie wohl tat es ihm. Wie gestärkt fühlte er sich, ein (Strahl - von Heiterkeit stahl sich in sein umdüstertes * Herz und er ries, indem er sich auf deu Leib - mit der flachen Hand klopfte, das Prophetenwort: e „Freuet euch, meine Eingeweide!" r .'Doch schon nach einem kurzen Stündchen voll Sonne und jugendlicher Lebensbejahung i stellte sich das Nagen des Gewissenswurmes - wieder ein. Eben wollte er zum Schuhmacher; eilen und seine defekte Schuhbekleidung neu besohlen lassen, als sich wieder quälende Fragen und Skrupel seiner bemächtigten. Er rekonstruierte sich den ganzen Hergang des Tillim- : sagens, und mit erschreckender Deutlichkeit wurd-e l -s vor seinen Augen klär, daß es dabei nicht : mit richtigen Dingen zuging. Er fühlte zu seiner : tiefsten Erschütterung, daß er mystifiziert wurde, > ohne beit wirklichen Tatbestand zu ahnen und : entschloß sich, die Schuhe unbesohlt zu lassen um 1 das Geld —• neun Gulden vierzig Kreuzer waren ihm noch geblieben — wie Hekdesch (Heiligtum) zu halten und nicht für sich zu verwenden. (Schluß folgt.) Sagen jerusalemischer Men. Gesammelt und bearbeitet von Chajim Bloch in Wien. I (Schluß). Das Sefer-Thora des Raöbt Jizchak Abuhab. .Im Jahre 5518 war in Saffed ein heftiger Sturmwind. Es wurden mehr als zweihundert Höfe mit mehr als neunhundert Häusern niedergerissen. Von den siebzehn Sy-ragogen die dazumal in Soffed waren, blieben nur zwei zurück. Auch die beiden Synagogen des A R I. (Rabbi Jizchak Lurja Aschkanasi) und des Rabbi Jizchak Abuhab wurden zum Raub des Sturmes. Doch blieb von dieser die letzte Südwand, wo die Heilige Lade mit dem Sefer Tbora des Rabbt Jizchak Abuhab war. Als der Sturm sich beruhigte, beschloß man das Sefer-Thora fortzutragen, um es in eine vom Sturme verschont gebliebene > Synagoge nnterzubringen. Man wählte zu dieiem Behufe zehn gelehrte und gottesfürchttge Männer, die, nachdem sie sich im Tauchbad gereinigt hatten, das Sefer-Thora in die Synagoge trugen und in eine besondere Bundeslade neben dem Sefer-Thora des Rabbt Abuchanah') unterbrachten. Aber sie vollendeten nicht das Jahr und schieden alle dahin. Der Fluch des Rabbi. Einst wohnten in der heiligen Stadt Jerusalem viele Karaiten, das sind Nachkommen jener Sekte, deren Angehörige an die Worte unserer Weisen, ihr Andenken sei gesegnet, nicht glauben, nur an der Lehre Mosis festhalten, meistenteils aber auch von dieser durch verschiedene falsche Auffassungen und Deutungen abwetchen. Einst bedrückte die Regierung die Juden und legte der Gemeinde einen großen Tribut auf. In düsir Zeit lebte in Jerusalem der heilige Rabbt Chatm, der Verfaffer des teueren Buches „Licht des Lebens." Er ordnete an, daß sich die Gemeinde geheim in der Synagoge der Karaiten, welche bekanntlich in der Ebene ist, versammele, um dort über das, was sie zu tun haben, zu ratschlagen und wie in jener Zeit der Not Gott anzubeten. Als Rabbt Chaim die Stufen htnunterstieg, befiel ihn plötzlich eine Schwäche und er stürzte in Ohnmacht. Die Leute erjchracken gar sehr und es sprach einer zum andern: „Es sei nicht andeits, als daß ein böser Geist hier ruhe!" Man grub unter den Stufen und fand hinter ihnen die Bücher des großen Meisters Moses Matmoni begraben, die dort in der Absicht hingelegt waren, daß sie geschändet werden. Der berühmte Kabbalist, Zeitgenosse des Rabbt Moses Alschach, und wird in den Responsen des Rabbi Moses Galanra erwähnt. Der JSraelit. Rabbt Chaim sprach einen Fluch aus, daß die Gemeinde der Karaiten in Jerusalem nie mehr vollzählig sein soll. Und wie er sie verfluchte, so geschah es: bis zum heutigen Tage haben die Karaiten keine vollzählige Gemeinschaft,- kommt einer der ihrigen aus der Ferne dahergezogen, oder wird einer geboren, so stirbt gleichzeitig einer aus ihrer Mitte. Einst kamen zwanzig karcütische Familien aus dem Lande der Tartaren uach Jerusalem, in der Absicht, sich hter anzusiedeln. Die Karaiten freuten sich ihrer, daß sich ihre Gemeinde vergrößern würde. Doch die Freude dauerte nicht lange, denn es brach bald eine Seuche aus, und sie raffte fast alle erwachsenen Männec hinweg. Der geheimnisvolle Schuhflicker. Einst kam aus fernem Lande ein spantolischer Jude nach Jerusalem. Er brachte sich mit einem Handwerk fort und fand seinen Lebensunterhalt von einer Schuhflickerei, die er auf öffentlicher Straße auischlug. Bis ins tiefe Alter befleißigte er sich mit seiner Arbeit und war täglich gleich nach dem Morgengebete auf seiner Stelle. Die Leute hielten ihn für einen einfachen unwiffenden Mann und als er eines T^>ges alt und hochbetagt verschied, beerdigte man ihn wie einen minderwertigen Menschen. Nach einigen Tagen gelangten seine Hausgegenstände zum Verkauf und da kam eine Kiste voll der tiefsinnigsten kabbalistischen Schriften zum Vorschein. Man brachte sie zum Chacham- Baschi. Er nahm in die Schriften Einblick und fragte: „Wer hat dieses Licht in der heiligen Thora angezündkt?" Da erzählte man ihm, wkss n Mannes Werke diese sind. Nun riß sich der Chacham-Baschi das Haar aus dem Kopse und st mmte ob des Verlustes des großen geheimnisvollen Mannes eine Klage an. Er gebot, daß sich zehn Männer auf das Grab des Schuhflickers begeben sollen, um seine Verzeihung zu erbitten, weil man ihm bet Lebzeiten keine Ehre erwies. Von seiner Frau konnte man nur erfahren, daß er stets die Nächte mit Lesen und Schreiben verbracht hat. Kindeveclle. Ein Wisches Heim. Don Heinrich Einstädter. Y. Nicht lange blieb Elt in Smnlngen. Er fühlte sich dort nicht wohl. Seine Verwandten wollten ihn durchaus dicht ziehen lassen, und er mußte ihnen versprechen, sie nochmais vor seiner Einschiffung aufzusuchen. Er bereiste mehrere landschaftlich hervorragende Gegenden Deutschlands und kam so auch nach einer süddeutschen Großstadt. Dort hatte er einen Geschäftsfreund, der sich erbot, ihm ais Führer zu dienen. Dankbar nahm Eli das freundliche Anerbieten an. Im Laufe der Unterhaltung äußerte er einmal das Verlangen, echtes altjüdisches Leben zu sehen. Es war Chanucka. Der Winter hatte nachts eine dünne Schneedecke gestreut, als ob er für die erforderliche Ausmachung Sorge tragen wollte. Gegen 4 Uhr blickte er nochmals mit seinem großen Feuerauge zufrieden über alles dahin, was er so festlich geschmückt hatte, bevor er den kurzen Tag zur Ruhe gehen ließ. Das war die Stunde, in der die beiden Männer vor der Synagoge standen. Des Amerikaners Blicke streiften mit dem Wohlgefallen des Kunstkenners den herrlichen Bau. Aber noch Rr. 7 Seite 9 mehr weidete er sich an dem fröhlich-gFchäfctge t Treiben, das ihn sichtlich überraschte. Hunderte, ja Tausende von Männern, Frauen und Kindern iirömten zum Gotteshause. Wagen fahren vor — Lichter blitzten auf. Innerhalb eines Stromes von Menschen, die sichtlich festlich gestimmt waren, betrat er den ehrwürdigen Raum. Er wußte kaum, was mehr auf ihn wirkte: der Anblick der schonen, prächtig beleuchteten Synagoge, der innige Gebetsvortrag des greisen Vorsängers oder die gewaltige Menschenmengedie den weiten Raum und die Galerien bis zum letzten Platze füllte. Der Spruch: „In der Menge des Volkes liegt die Ehrung des Königs" kam ihm in den Sinn. Dankbar drückte er nach dem Gottesdienst die Hand seines Führers. Dieser brachte ihn nach Hause, wo beide nun selbst entzündeten, und lud ihn dann ein, ihm noch auf eine halbe Stunde in ein Siechen- und Altersheim zu folg-n. Nach wenigen Minuten standen sie vor dem Anstaltsgebände. Eine lange Reihe von Chanuckalichtern, die durch die Scheiben freundlich in die Nacht hinaus blinkten, zeigte ihnen den Weg nach dem großen Speisesaale, in dem die Insassen des Heims versammelt waren. Sie öffneten die Tür und sahen sich inmitten einer munter plaudernden Gesellschaft. Die lange Tafel war mit vielen Kaffeekannen und schönen Kuchen rAch besetzt, und die alten Leute ließen es sich sichtlich recht wohl sein. Der wackere Leiter des Heims und seine gütige Gattin begrüßten die Gäste und erboten sich bereitwilligst, ihnen die Räume der Anstalt zu zeigen. Eli bewunderte die prächtige Ausstattung, die peinliche Saubrrhaltung und die praktische Anordnung der ganzen Anstalt, und besonders gut gefiel ihm das unverkennbare Bestreben der Leitung, den alten und siechen Leuten ein wirkliches, gemütliches Heim zu schaffen. Da fehlte nicht eine ganz besonders liebevoll ausgestattete Anstaltslynagoge, eine Laubhütte, eine Bücherei, und kein lästiger Zwang störte die Insassen in threm Tun und Lassen. Ais die Gäste in den Speisesaal zurückkchrten, hatten sich bereits jene nach Belieben gruppiert, um Chanucka zu feiern. Hier spielten zwei Karten, dort „lernten" einige miteinander, andere wieder spielten Domino, alle aber befanden sich in bester Stimmung. Und wie glänzten die Augen des Verwalters! Kaum hatte er den Saal betreten, so war er schon der Mittelpunkt des Ganzen. Hier sollte er eine Meinungsverschiedenheit, die sich beim Lernen ergeben hatte, schlichten, und dort über Spielregeln entscheiden. Sogar Richter wurde von einem alten Manne als Zeuge gerufen, ob nicht, wie er schon seit siebzig Jahren gespi lt Hab?, nach dem Decken stets übertrumpft werden müsse. Freundlich ging Elt auf alles ein. Er ließ sich von den Insassen des Heims über ihre Leiden und Freuden berichten. Mitleidig hörte er die Klagen eines Greises über die böse Gicht, die ihn schon seit Jahrzehnten Plagte, und bewunderte es gebührend, daß er dennoch „das ganze Jahr keine Schul versäumt". Er wurde befragt, ob in New-Aork an den Siichoth-Tagen noch „Schulen geklopft" werde und ob man dort das Chomez „vorm Ort draußen" verbrenne. Auf alle Fragen gab er höfliche, die alten Leute befriedigende Antworten. Es war spät, als er sich verabschiedete. Er trug einen Entschluß von hter mit. In diesen Kreis wollte er seinen alten Onkel verpflanzen. Und bald gelang es ihm, seinen Plan auch zur Ausführung zu bringen. Markus Richter, der in den letzten Wochen von den Beschwerden, des Alters sehr heimgesucht worden war, ging gern auf seinen Vorschlag ein, und der anfängliche Widerstands Arnos und seiner Gattin war nur ein scheinbarer. So erfolgte bala die Uebersiedlung des Onkels, und als nach mehreren Wochen Elt nach Amerika zmückkehite, nahm er mit sich die beglückende Gewißheit, daß er den Wunsch seines Vaters in der besten Weise zur Ausführung gebracht hatte.