Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1922)
- Date
- 1922-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 7_ V Woraus dann folgt/ daß ein allzu plötzliches Ueberströmen ostjüdischer Gefühlswärme auf die deutschen Gesetzesmumien (der despektierliche Aus druck stammt nicht vom Verfasserder im Gegenteil durchweg respektvoll und brüderlich Lleibt) für die deutsche Orthodoxie gar nicht ungefährlich sei — sie könnte auf diese Weise aus Angst vor zuviel aufdringlicher, Anstoß erregender Jüdischkeit — der Assimilation in die Arme getrieben werden. Der Verfasser verzeihe uns das offene Wort — er ist gegen seinen Willen ein Opfer der tendenziösen maskttisch-nationalen Geschtchtsdichtung geworden, der er entronnen zu sein glaubte und die er selber verwirft. Er weiß erstens nichts davon, daß niemand so sehr wie Samson Raphael Hirsch in jeder Zeile seiner Schriften, jedem Worte seiner Reden und seiner ganzen erzieherischen Wirksamkeit die mechanische Tat verurteilt, auf ein lebendiges,durchgeistigte s,vonglühender Wärme gesättigtes Judentum gedrungen hat. Er weiß zweitens nichts davon) daß darum die erste Tat S. R. Hirschs in Frankfurt die Gründung einer jüdischen Schule war, die das jüdische Kind nicht durch Versteinerung, sondern durch positive, lebendige jüdtsci e Werte vor der Staatsschule retten und seine Seele von vornherein in einer möglichst rein-jüdischen Atmosphäre sich entwickeln lassen sollte. Und er ahnt endlich nicht, daß die Gemeindegründung — sie hat mit dem „Austritt" nicht unmittelbar etwas zu tun — nicht neg ativ und mechanisch die Aufrichtung steinerner Abgrenzungs- und Schutzmauern bedeutet, sondern die bewußte Pflanzung unabhängigen und daher organisch sich entfaltenden urjüdischen Volkslebens mitten in Westeuropa. Aber gut Ding will Weile haben. Werke, die ein großer Mann der Geschichte anvertraut, brauchen Jahrzehnte, oft Jahrhunderte zur Entfaltung, und auch Hemmungen und Rückschläge bleiben nicht erspart. Bitter ist es nur, wenn Rückschläge und Hemmungen, wie es hier geschieht, aus mangelndem oder oberflächlich! m Erkennen fälschlich als gewollte Resultate gewertet und die wirklich reifenden Früchte als — Geschenke von außen dargestellt werden. Zum ersten also sei festgeftellt, daß S.R. Hirsch ein Trümmerfeld in Deutschland antraf. Es gab schon ketneJeschiwomehrin deutschen Gauen, und — Wie er selbst es in Naphtalis Briefwechsel deutlich aussprach — es war in der thorafeindlichen Atmospbäre der Zeit unmöglich, das Der JSraelit. Werk des Wiederaufbaues durch Pflanzung altjüdischen Geistes, durch Gründung von JTO'ttf' zu beginnen. Erst mußte wieder eine öffentliche Meinung sür's alte lebendige Thoralernen auf dem mühseligen Wege der individuellen Erziehung zu jüdischer Weltanschauung, auf dem Weg der Salonfähtg- Gestaltung des diskreditierten praktischen Judentums in Deutschland geschaffen werden, bevor die Zeit re.'f wurde für die organische Verbindung des — sit venia verbo — Hirsch'schen Jdeen-Jud entums mit dem ewig triebkräfttgen Geist des ostjüdischen Talmudismus. Aber die heute ,T2 erfolgreiche Propaganda für das Wiederaufleben des Lernens in Deutschland ist eine logische Weiterentwicklung der Gedankengänge S. R. Hirsck's, ist eine von der Vorsehung in wunderbaren, dem nachspürenden Sinne klar sich erschließenden Verkettungen gereifte Frucht an dem Baume, den der Meister vor acht Dezennien gepflanzt hat. Der Tropfen mystisch-chaffidischen Oeles allerdings, der uns heute neben dem „Lernen" zur Virriefung des religiösen Seelenlebens unentbehrlich scheint, war Hirsch's bewußtem Denken fremd — aber es warenicht schwer nachzuweisen, daß auch er sich bei objektiver Betrachtung seinem System durchaus wahlverwandt und harmonisch verbindet. Und zum Zweiten: glaubt man denn, die jüdische Realschulewie sie heute unter dem jahrzehntelangen Drucke der Schulbehörden aussieht, sei das Ideal S. R. H i r s ch',s gewesen? Cr begann mit der dreifachen Dosis biblisch-talmudischer Bildung und es war eine einheitlich-jüdische Erziehungsatmosphäre, die ihm ausgesprochenermaßen vorschwebte — nicht ein Religions- und Hebraica- Unterricht in homöopathischen Dolen. Jüdische Schulen, in denen np'JJ PHin und )'22n P)1ö5n wären, s i e allein entsprächen dem, was S. R. Hirsch gewollt hat, — und nichts lag ihm ferner, als die Heranbildung von 2"12 ‘T)2fps8ambonittt/ die wie ausgetrocknete Hölzer praktische Gesetzestreue mit geistigem Stumpfsinn vermählen. Gewiß: vor die furchtbare Wahl gestellt, entweder religiöse Genies zu züchten, die fQW und hp'22 DPöia sind oder aber schlichte, erlebnißlose Baale battim, die sich „vor der Sünde fürchten", würde er's allerdings heute noch mit dem Wahlspruch halten: '222 ,THK K2T '2' 22 N2112 N'N812 2212 nrr« ny12 1^28 2'212212/ '28 „(Besser ein Narr mein Lebenlang) als ein Sünder auch nur eine Stunde meines Lebens.") Und gerade dieses . 16. Februar 1932 17122N2 nisT)? iKtsrfnKT, das für H trsch charakteristisch war, ist vielleicht die tiefste Ursache ffür die instinktive Abneigung, die man seinem litte» rarischen und gemeindepolttischen Lebenswerk in gewissen jung jüdischen Kreisen des Ostens oder aus dem Osten entgegenbringt: xm «Tpöna Allein S. R. Hirsch's Ideal war keineswegs — wie Herr Rabbiner Beermann meint — das „dem Feuer entrissene Holzscheit", sondern vielmehr das allem Jüdischen und Menschlichem lebendig entgegenschlagende warmfühlende Herz, und der von tiefer Thorakenntnis erleuchtete Geist beim Einzelnen wie in.der Gemeinde. Realisierte Ideale laufen nie und nirgends zu Dutzenden , auf der Straße herum, auch nicht in den orthodoxen Gemeinden, aber es scheint uns eine krasse Ungerechtigkeit, verkennen zu wollen, daß schon von den vergangenen Generationen, die an Hirsch 's, Hildeshei mer's und ihrer Mitarbeiter Geist gereift sind, eine relativ stattliche Anzahl von Männern und Frauen jenem Ideal doch mehr oder minder nahegekommen fint' und daß erst recht in der heranreffenden Jugend die Tendenz zur Vertiefung und Verinnerlichung immer stärker sich geltend macht. Diese Tendenzen könnten durch eine immer inntgereAnnäherung zwischen den aus dem Osten nach Deutschland verschlagenen ')128 '21^12 28212' und ihren einheimischen Gesinnungsgenossen (leider ist nicht jeder Ostjude, der nach Deutschland kommt, ein p22 oder auch nur ein v'212 82') mächtig gefördert werden, einerlei zunächst, in welchem Nahmen diese Annäherung erfolgt. Da aber der natürliche Boden gemeinsamen Wirkens für «TTDJN min vor allem doch die Kehilla ist, so soll im folgenden die Frage besonders untersucht werden, ob in der Tat — wie Herr Rabbiner Beermann zu glauben scheint — die Mitarbeit ostjüdischer Elemente in den orthodoxen Gemeinden schweren Bedenken begegnet, und wie diese Bedenken, falls berechtigt, vielleicht behoben werden könnten. Wochemundschali. Koscher-Konserven. Wer die Not der jüdischen Reisenden, die in jüdischer Beziehung! unwirtliche Gegenden zu besuchen haben, kennt, wird die in unserem Blatte veröffentlichte Bekanntmachung! des ,,Gruppenverbandes der Agudas Jisroel in Deutschland" .MM Hon Vom Starken und Schwachen. Zum Wochenabschnitt. Iithro bekennt sich zum jüdischen Gotte und jüdischen Glauben mit den Worten: '2 '121 ,mt '2 wt nry nt m inna. „Jetzt habe ich erkannt, daß Gott »rößer als alle Mächte ist, gerade in dem, was sie Über sie Böses gesonnen hatten". Rabbi Jakob, der „Dubnoer Magid" erzählt folgendes Gleichnis: Auf der Landstraße sahZman unter den fahrenden Leuten ein sehr ungleiches Paar. Der eine war ein Riese von außerordentlicher Körperkraft, sein Begleiter aber ein schwächliches, kränkliches Männchen, lind der Große und Starke spottete seines Gefährten und nannte ihn einen Zwerg und Schwächling und drangsalierte ihn auf jede Art und Weise, sodaß dem kränklichen Manne oft die Tränen in die Augen traten und ^r üt hilfloser Wut sprach: „Warte, es kommt die In der naheliegenden Residenz ereignete es sich zur gleichen Zeit, daß dort der große Arzt am königlichen Hofe, dessen Ruf durch alle Lande ging, plötzüch starb, worüber der König ganz untröstlich war. Am gleichen Tage starb auch der Athlet und Ringkämpfer der königlichen Schaubühne, der mit seiner übermenschlichen Kraft die Zuschauer allabendlich in höchste Verwunderung versetzt hatte. Auch diesen Verlust beklagten König und Volk sehr und es wurde bekannt gegeben, daß sich geeignete Männer für die freigewordenen Stellen melden möchten. S Schon nach wenigen Tagen stellte sich ein Arzt bei. Hofe vor, der vorgab, seinen Vorgänger an Kunst und Geschicklichkeit noch weit zu übertresfen. „Wie willst du dieses beweisen?, fragte der König. „Man bringe mir", gab der Arzt zur Antwort, „einen kranken, schwachen Menschen und wäre es auch ein solcher, an dem sich b.sher alle ärztliche Kunst vergebend erprobt hat, ich werde ihn in kürzester Zeit mit den mir bekannten Heilmitteln so aus die Beine bringen, daß er stark und gesund dasteht". Kmz daiauf sprach ein riesengroßer Mensch beim König vor und führte sich als Athlet ein, der wohl geeignet wäre, die freigewordene Stelle des Kraftmenschen auszufüllen. „Wie willst du deine Kunst beweisen"?, fragte der König. „Man bringe mir", gab der Mann zurück, „den stärksten und kräftigsten Menschen des Landes und wäre er auch in allen Rinakämpfen noch so geübt, ich werde ihn mit einem Stoß zur Strecke bringen". Der König befahl, daß es so geschehen möge. Da eilten königliche Boten ins Land hinaus, um die nötigen Personen, an denen die beiden Künstler ihre Kunst beweisen sollten, ausfindig zu machen. Auf der Landstraße stießen sie auf das ungleiche Bettlerpaar. Sofort setzten sie den Riesen und den Siechen in den königlichen Wagen und eilten der Stadt zu. Auf dem Wege sah der Riese auf seinen kleinen Gefährten sehr von oben herab und spottete: „Glaubst du wohl, du Unglücksmensch, daß deinetwegen der Wagen ausgeschickt wurde? Diese Ehrung gilt mir, du darfst nur als Mitläufer mit, denn mich und meine Riesenkraft brauchen sie am Hofe". Der Kleine brummte aber verängstigt: „Abwarten, es kommt die Zeit"! In der Stadt ongekommen, wurde der Riese dem Ringkämpfer vorgeführt. Und vor den Augen des Volkes, das sich an dem Schauspiele belustigte, packle der Kraftmensch den fahrenden Riesen und warf ihn mit einem Griff zu Boden, daß er nicht mehr aufstand. Sein Schicksal harte sich erfüllt! Der Andere wurde aber dem Heilkünstlec vorgeführt. Dieser sah dem Kranken intz Auge, untersuchte ihn und reichte ihm ein Kraut' und siehe schon am anderen Tage fühlte der Sieche neue Kraftströme durch seine Adern rieseln. Er war von nun an stark und grsund. Er hatte nicht umsonst gehofft und der Zeit ge-vartet, da seine Stunde schlagen würde. * ■ * * Groß und stark stand das Aegyptervolk da und spottete der Leiden des kleinen, schwachen Israel. Dieses aber sprach: „Warte, es kommt die Zeit"! Und die Zeit kam, da Gott seine Größe und seine Macht als strafender Richter wie als h e i l en d e r Arzt der Welt zeigte. Der Riese Mizrajim wurde gestürzt und kam nicht mehr auf, und dem kleinen schwachen Israel erblühten Heil und Heilung! — — — Das ist, was Jithro sagt '121 'n *?na '2, da sich Gott als groß und mächtig der Welt legitimierte, müßte den. Aegyptern ihre eigene Macht und Größe, auf diM sie sich nicht genug tun konnten, zum-Verhängnis werden, 111;m 12*12 2.