Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1922)
- Date
- 1922-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 8 Dienstleistungen, welche meist nur eme höchst dmft'ge Ex'benz ihr gewährten, war seit Jahrhunderten ihr oft angesochienes Erbteil. Von einem Klaffenkawpfe konnte hier keine Rede sein. Arbeitgeber und Arbeitnehmer bildeten, mit sehr geringer Ausnahme, eine äußerst arme Klasse. Der heutige Arbeitgeber verwandelte sich morgen zum Arbeitsnehmer. Erbliche Reichtümer und Professionen gab es hier nur als sehr seltene Ausnahmen. Diese Verhältnisse hatten ihre Begründung in der damals herrschenden Erziehung, die ebenfalls eine geschlossene einheitliche war, nämlich: rpin1? min*?* bas waren die Richtlinien und das Endziel des hier seit Jahrhunderten allgemein herrschenden idealen Erztehungs- und Nnterrichtssystems, worin zwischen reich und arm es keinen Unterschied gab. Die Schulgesetzgebung des Kaisers Nikolaus I. aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die Eröffnung der Nabbinerschulen in Wilna und Shitomtr, wie die sogenannten „Kronschulen" in vielen Gouvernements- und Kreisstädten, haben in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens im Ganzen und Großen einen verschwindend geringen Einfluß auf die geistige Entwicklung der russischen Judenheit gehabt, eben wegen ihrer religiös-negativen und assimilatorischen Tendenz, welche von lonangebrnden Leitern der russischen Judenheit bald erkannt und verfehmt wurde. Die Blldungsgesetze wurden möglichst umgangen, die eröffneten Schulen wurden tunlichst gemieden. Der Prozentsatz der Kinder, im Schulalter, die eine von dem traditionellen Erziehungösystem abweichende Bildung erhalten haben, war ein sehr minimaler und kam sehr wenig in Betracht. Einen weit intensiveren Einfluß auf die Jugenderziehung hat die neuhebräliche Literatur gehabt. Diese ging aus jüdischer Mute selbst hervor, welche gut wußte, wie ihr Lesepubltkum zu fangen und auf dasselbe einzuwirken war. Wohl haben die bewährten Volksleiter die alle Religiosität und Tradition zersetzende Tendenz der neuhebräischen Literatur und Presse, des sich bahnbrechenden Maßkiltums erkannt, und sie wurden nicht müde, vor ihrem schädlichen Einfluß zu warnen, aber gegen dieses verführerische, süße Gift erwies sich ihre mahnende Stimme machtlos. Dieses um so mehr, als die Rechtserweiterung der Juden der sechsziger Jahren und die allgemeine Wehrpflicht der modernen Schule so manche erhebliche Vorrechte und materielle Begünstigung zuerkannten. Schließlich erschien die Frequenzz'ffer jüdischer Kinder in den öffentlichen Schulen, in Anbetracht der Beteiligung eines gewissen Teiles der jüdischen Schüler an der revolutionären Bewegung der Regierung gar zu bedenklich und sie beschränkte ihre Aufnahme in den Mittet- und Hockichulen auf ein Minimum. War auch durch die Einschränkung der Aufnahme in den Schulen die Frequenz der letzteren von Seiten der jüdischen Jugend bedeutend vermindert worden, immerhin war schon in das geschlossene einheitliche System der jüdischen Erziehung eine weitgehende Bresche gebrochen. Das Streben nach moderner Bildung wurde nach und nach von jüdischen Eltern begünstigt, nur durfte es die bisherige Grundtendenz der jüdischen Erziehung: das Kind zu einem religiös-sittlichen Menschen, besonders Juden, zu erziehen, nicht verneinen. Man durfte dabei hoffen, daß mit der Zeit sich ein zwar modernes, aber doch jüdisches Erziehungssystem entwicklen werde, in dem bet allseitlger Ausbildung aller Kräfte und Fähigkeiten der jüdischen Schulkinder ihre religiös-ethische Entfaltung das Zentrum ausmachen werde. Diese Hoffnung wurde leider vereitelt durch die gar zu einseitige rassennationalistische, im Grunde verkappt assimilatorische Bewegung der kulturellen Zionistm und noch mehr durch die darauffolgenden unverhüllt assimilatorischen Bestrebungen der „Vundiften", welche das eigentliche Grundwesen des Judentums verkennend und verleugnend, den Ruferschallen ließenrfllänKrr nmöWöS D’l» 'W Der Kulturztonismus mit seiner völligen Jgno- Der Israelit. rierung des wesentlichen Elementes des Judentums, drs Religiösen, hat in seinen Schulen später den sog. „Tarb usschulen, eine Zukunftschule für ein zionistisches Reich in Palästina geschaffen, die bis auf eine oberflächliche Kenntnis der neuhebräischen Sprache mit dem eigentlichen Wesen der jüdischen traditionellen Erziehung nichts gemein hat. Noch radikaler in der Untergrabung.der jüdischen traditionellen Erziehung geht dte bundistische Schule, oder, wie sie jetzt genannt wird, die K ulturltg aschul e vor. Treu der bolschewistischen Tendenz verneint sie prinzipiell alles Religiöse und im Grunde auch alles Nationale. Die Erziehung soll einen internationalen materialistischen Charakter tragen mit der ausdrücklichen Tendenz, den Klaffenkampf, — bet den russischen Juden eigentlich, blos vermeintlichen Klassenkampf, da faktisch ein solcher in Wirklichkeit gar nicht da ist —, früh im Kinde künstlich durch einen sinnlosen Unterricht zu wecken und zu entwickeln. Das einz ge, was in einer Kulturligaschuie an eine jüdische Schule halbwegs erinnert, ist der jüdische Jargon, welcher als „Sprache des jüdischen Proletariats" ein besonders privilegierter Unterrichtsgegenstand ist. Bis zur Revolution konnte man kaum von der Existenz einer solchen Schule sprechen. Seit der Revolution aber, in Sowjet-Rußland staatlich herrschend, gewinnt sie auch in anderen Orten, besonders in Litauen, von ausländischen, hauptsächlich amerikanischen Gesinnungsgenossen pekuniär reichlich unterstützt, immer mehr an Terrain, was ernstlich zum gänzlichen Verfall des Judentums zu führen droht. Gegen die höchst ernste Gefahr, welche eigentlich von Setten der „Tarbusschule" und noch mehr der „Kulturligaschule" dem positiven, traditionellen Jude, tum droht, hat die gesetzestreue jüdrsch-?rz ehltche Organisation „Jawne" mit Hilfe des amerikanischen „Zentralreltefs" einen entschiedenen Kampf unternommen und ist es ihr gelungen in kurzer Zeit 55 Schulen mit ca. 7000 Schüler und Schülerinnen zu eröffnen. Leider wurde der „Jawnes" nach und nach die ausländische Stütze immer mehr unterzogen und ist sie in ihrer Tätigkeit fast gelähmt. Die Größe der Gefahr für das Bestehen der positiven, gesetzestreuen Judenheit in Litauen, welche von Seiten der „Tarbuöschulen" und ganz besonders der Kulturltga- Schulen droht, ist nicht abzusehen. Und was mehr zu bedauern ist, daß nicht blos die überwiegende Majorität der armen Eltern, die in der gegenwä>ttgen außerordentlichen wirtschaftlichen Krtsis gar zu sehr um die Beschaffung der täglichen Existenz besorgt sind und nicht dazu kommen, über die Erziehung ihrer Kinder nachzudenken, die drohende erziehliche Gefahr nicht etnsehen, sondern selbst die offiziellen Wortführer der qesetzestreuen Judenheit, die Rabbonim, die b sagte Gefahr in ihrer ganzen Größe nicht etnzusehen scheinen. Von den drohenden erziehlichen Gefahren für die Juden in Litauen kann man nicht sprechen, ohne die sogenannten jüdisch-nationalen Gymnasien, welche, wie die Pilze aus der Erde, täglich neu in den Städten und Städtchen Litauens hervorschießen, zu erwähnen. Denn in Wirklichkeit ist die Gefahr von dieser Seite die bei weitem größte. Nicht blos, weil die neu entstandenen „jüdischen" Gymnasien, weder jüdisch, noch Gymnasien sind, das wäre noch so schlimm nicht. Früher oder später muß das jüdische Publikum zur Einsicht kommen, daß es irre geleitet wurde und wird es das Nötige zu tun wissen. Die sogenannten jüdischen Lehrer der jüdischen Lehrfächer der jüdischen Gymnasien sind mift nicht blos ohne den für Mittelschulen obligatorischen Blldungszensus einer Hochschule, sondern auch, was weit schlimmer ist, nach ihrem religiösen Lebenswandel kaum Juden zu nennen. Welche jüdische Erziehung solche Lehrer oeben können, ist nicht schwer zu erraten. Das werden und müssen die jüdischen Eltern mit der Zeit einsehen lernen. Daß „Abiturienten" sogenannter „Gymnasien", wenn ihr zweifelhaftes Programm und der Blldungszensus ihres Lehrerkontingents Februar 1^8 bekannt werden, kaum auf irgend einer Hochschule des Auslandes ausgenommen werden, liegt - auf der Hand. Das wird wohl wesentlich zur Ernüchterung der Eltern vom W^hne der „jüdischen Gymnasien" beitragen. Das Schlimmste an den jüdischen Gymnasien ist ihre gewandte Schulreklame, welche sie etfrigst auf alle mögliche Weise in Umlauf setzen. Diese Reklame verspricht eingehenden 'Unterricht in allen jüdischen Lehrfächern von Hebrälsch-Lesen und -Sprechen bis auf Talmud inkl. und zwar vom frühesten Schulalter des Kindes, was auf eine erfolgreiche Konkurrenz nicht blos der Mittelschulen der Krone,wo Juden unbegrenzt ausgenommen werden, sondern, und was hauptsächlich zu bedauern ist, der speziell jüdischen Lehranstalten, der Chedortm und Jeschiwots abgesehen ist, von welcher Reklame die meisten Eltern sich ködern lassen. Der Titel „Gymnasium" hat noch von früher her für den hiesigen Juden einen ganz besonderen verführerischen Reiz. Pflegte ja die Aufnahme in Gymnasien die Aussicht auf das, zur Zeit des Zarismus, so kostbare Wohnrecht in Rußland zu eröffnen. Obgleich dann die Verhältnisse und wirtschaftlichen Lebensbedingungen sich völlig geändert haben, der mächtige Zauber des Tttels „Gymnasie" ist noch der alte geblieben und nur noch verstärkt durch das Epit ton „jüdisch-national". Die Frequenz dieser Schulen ist eine ungeheuere, wie kostspielig das Besuchen derselben auch ist. Im Glauben, alles für seine Kinder getan zu haben, wenn er sie' in ein jüdisch s Gymnasium anbringt, scheut der Vater keine Kosten, wie schwer diese ihm auch fallen mögen, ohne sich dabet zu fragen, wo will er hin? Bis zum Weltkriege war die Zahl jüdischer Kinder, welche eine Mittelschule besuchten, krast der herrschenden prozentltchen Norm eine sehr geringe, und diese geringe Anzahl fand in ihrer industriebedürftigea und kommerziell armen Heimat keine Verwendung und mußte tm weiten Innern Rußlands ihr Unterkommen suchen. Nun ist im ruinierten Rußland für längere Zeit nichts zu suchen und zu finden und, leider nicht viel mehr im andern Auslände, nachdem die Emigration nach Amerika kaum so bald gestattet werden dürfte. Man müßte blind sein, um nicht einz"sehen, daß die sehr zahlreichen Zöglinge der „jüdischen Gymnasien" nicht blos die Zahl der abgefallenen Juden enorm vergrößern werden, sondern auch ein riesiges intelligentes, oder halbintelligentes Proletariat, in jeder Beziehung das Schlimmste, was einem Volke geschehen kann, wird geschaffen werden, die den Eltern und den Gemeinden zur Last fallen müssen. Da dieses Nebel im rapiden, beständigen Wachsen begriffen ist, muß schleunigst Alles unternommen werden, es von uns möglichst rasch abzuwälzen. Man muß vor allem das jüdische Publikum, in Wort und Schrift, auf die gefahrvolle Wirksamkeit derjüdischen Gy nrrasien, sowohl in jüdisch-religiöser, wie in politisch-ökonomischer Beziehung aufmerksam machen und nicht müde werden ihm darüber eingehende Aufklärung zu geben. Aber zu gleicher Znt muß man durch die schleunigste Eröffnung praktischer, mustergiltiger, den örtlichen Bedürfnissen entsprechender Gewerbe- und Handwerkerschulen den jüdischen Gymnasien erfolgreich entgegenarbeiten. Selbstverständlich kann ein solches ernstes Unternehmen nicht Sache einzelner Privatpersonen sein. E ner derartigen riesigen Aufgabe sollte die von mir in Vorschlag gebrachte Versammlung jüdischer tatkräftiger, einsichtsvoller Notablen ihre volle Aufmerksamkeit zuweuden. Eine solche Versammlung darf daher nicht ausbletben und nicht in die ferne Zukunft htnausgeschoben werden. Je früher sie zusammentreten sollte, desto mehr dürfen wir uns von ihr versprechen. Sle muß sofort einberufen werden!