Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. Februar 19S3__^ Jude, dieses zu tun. Nachdem er abermals geschlagen worden war, schrie er auch diese Worte. Zuletzt steckte man ihm ein Stück Schweinefleisch in den Mund, wogegen sich der arme Mann vergebens sträubte". tifauifcfte Polilih Die bevorstehende Gemeindekonferenz. — Rücktritt Svloweiziks. — Die orthodoxe Tageszeitung. Kowno, 19. Januar. Ein flammender Aufruf der führenden litauischen Rabbiner fordert die Gemeinden auf die Vertreter der orthodoxen Achdus-Lifte zur Konferenz zu entsenden, da für die religiösen Interessen Gewaltiges auf dem Spiele stehe. Zufall oder Fügung haben unmittelbar vor dieser wichtigen Tagung den Rücktritt des jüdischen Ministers Dr. Soloweizik herbeigeführt/ er mußte mit dem Gesamtministerium aus politischen Gründen seine Demission geben. Durch seinen Weggang ist die Erledigung der Gesetzesvorlage über die verfassungsmäßige Festlegung der jüdischen Autonomie ebenfalls gefährdet. Es scheint Aussicht zu bestehen, daß die erwünschte Einigung zur Herausgabe einer einheitlichen orthodoxen Tagesordnung zustande kommt. Wilna, 25. Januar. Wie bekannt gegeben wird, wird der neugewählte Wilnaer Landtag am 1. Februar zusammentreten. Man sieht auch in jüdischen Kreisen den Beratungen dieses für Zentral-Lttauen geschaffenen legislativen Körperschaft mit einiger Spannung entgegen. Der Landtag setzt sich zusammen aus 106 Deputierten. Die größte Partei sind die Volksdemokraten, die aber mit ihren 40 Stimmen auch noch keine durchgreifende Mehrheit besitzen. Me jltöifchen tleimlofen in Leffianö- Httga, 20. Januar. Das hier erscheinende Blatt „Das jüdische Völk" beklagt sich gegen die lettische Regierung, die die aus Rußland heimkehrenden Juden, die während der Kriegszeit von Lettland nach Rußland verschleppt worden sind, nicht wieder aufnimmt. Die lettischen Vertreter in Rußland haben Anweisung, alle Juden von der ihnen durch die Sowjet-Regierung überreichten Listen der Rückwanderer zu streichen. Es stellt dies einen Gewaltakt gegen unglückliche Hetmlose, Bürger des eigenen Landes, wie man es nur durch den Wind der jetzt im lettischen Lande weht, sich erklären kann. In der innerjüdischen Politik Lettlands steht zur Zeit das Projekt der jüdischen Autonomie, welches demnächst im Landtag zur Beratung kommen wird, im Mittelpunkt. Rabbiner M. Nurack hat in das Projekt eine Bestimmung hineingebracht: „Die Autonomie sorgt für die öffentlich - religiösen Bedürfnisse der jüdischen Gemeinschaft in Lettland". Der Vorschlag wurde im Jüdischen Nattonalrat mit 8 gegen 6 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten der Bund, die Volkspartet und die Zeire Zion. England. LonSnner Brief. Die Umgestaltung des Londoner Rabbiner-Seminars. — Das neue Testament in der Religionsichnle. London- 25. Januar. Nach drei langen und erregten Sitzungen ist der Vertrag des Kriegsinnerungsfonds mit Jews College, btx bem leisteren eine Jahressubvention Hon 2000 Pfund sichert, und ihm dafür eine Reihe von neuen Verpflichtungen auferleg'', vom Council des Seminars mit knapper Mehrheit angenommen worden. Wie bereits früher gemeldet, war der hauptsächliche Stein des Anstoßes die von den Geldgebern geforderte Errichtung eines akademischen Institutes neben dem eigentlichen Seminar mit der Maßgabe, daß an diesem akademischen Institut jedenfalls auch solche Auffassungen des Der Israelit. Judentums vorgetragen werden können, die vom Seminar, d. h. von seinem derzeitigen Leiter, Dr. Büchler, nicht als Lehrmeinungen des traditionellen Judentums anerkannt werden. In der Debatte traten die Herren Kahn und Zeitlyn gegen die geplanten Zugeständnisse an das liberale Judentum auf. Letzterer sagte u. a.: „Was wird die Lage von Studenten sein, die mit ihrem aufnahmefähigen jugendlichen Gemüte auf der einen Seite von dem Leiter des Seminars belehrt und nebenan, in der Akademie, das Gegenteil dieser Anschauungen als unumstößliche Wahrheit zu hören bekommen? Soll der Leiter des Seminars unaufhörlich gezwungen sein, den Studenten prophylaktische Injektionen zu erteilen, gegen die geistigen Gifte, die ihnen die Akademie zuführt? Im Seminar lehrt man im traditionellen Sinne, was „trefo" bedeutet, in der Akademie sagt man ihnen, es sei eine Art „Tabu". Ebenso unmöglich sei es natürlich den Studenten den Besuch der Akademie zu verbieten, das würde erst recht einen Anreiz bieten, sie zu besuchen. Von liberaler Seite wies man daraufhin, daß bei dem jetzigen Stande der Dinge ein Mann wie Grätz z. B. am englischen Rabbiner-Seminar nicht hätte unterrichten können, wogegen merkwürdigerweise Dr. Büchler sich verwahrte. Die Studenten, meinte er, würden auch heute selbstverständlich im Seminar in alle wissenschaftlichen Anschauungen eingeführt. Aber er könne nicht billigen, daß die entgegengesetztesten Lehrmeinungen als gleichberechtigt in einem und demselben Institut gepflegt würden. Gegen eine freie Akademie habe er nichts einzuwenden, aber diese müsse völlig selbständig sein und in keinerlei Verwaltungsgemeinschaft mit einem Rabbiner-Seminar stehen, dessen Aufgabe die Heranbildung von geistigen Führern des orthodoxen Judentums sei. Der Chief- Rabbi nahm eine schwankende Haltung ein. Er hatte sich in den Vorberatungen offenbar auf die Formulierung des Komitees festgelegt und beruhigte sein Gewissen dadurch, daß er unausgesetzt betonte, die Akademie sei völlig geschieden von dem Seminar und brauche nicht einmal in demselben Hause zu sein. Das Ergebnis der Verhandlungen war schließt ch, wie oben bemerkt, gleich Nulldie Vorschläge des Komitees drangen durch. Die Erregung darüber wird allerdings wohl kaum so schnell sich legen, wie die Urheber des Planes es wünschen. — Eine andere Affäre, die unsere Gemeinde-Politiker in den letzten Wochen beschäftigte, ist nun ebenfalls durch eine Verfügung des Chiest Rabbi aus der Welt geschafft worden. Man hat die Lektüre des Markus-Evangeliums in einer Fortbildung; klaffe der Hawpsteader Rellgionsichule, bie Rev. Green nach Beratung mit Dr. Büchler und dem Chics-Rabbi eingeführt hatte, als eine in diesem besonderen Falle angebrachte außergewöhnliche Maßnahme gebilligt, für die Zukunft aber jedwede Lektüre neutestamentitcher Schriften in den jüdischen Religionsschulen strengstens untersagt. Personalien. Direktor Dr. Meier Cahn Cöin, 30. Januar. Wir sind um einen ganzen Mann und eine große Hoffnung ärmer. Dr. Meier Cahn, Direktor der Cölner „Jawne* ist nicht mehr. Als 41 jährigen haben wir ihn verloren. Viel hat er uns gegeben und noch mehr glaubten wir von ihm erhoffen zu dürfen, pnrrwv patn by ban. Wehe über den Verlust solcher Männer, die nicht wieder zu finden find. Das Fuldaer Rawshaus war das Elternhaus Meier Cahns Vitt. Die seltene Harmonie dieses Hauses, in dem sein großer Vater, Dr. Michael Cahn TS? mit feiner ihm ebenbürtigen Gattin, der Tochter des Hamburger Raws R. Oscher Stern b ihren Kindern ein ideales Familienleben schenkte, war die Grundlage der Persönlichkeit Dr. Meier Cahns. Als der Zwanzigjährige die Berliner Universität bezog, besaß er eine weit über seine Jahre hinausgehende Reife und innere Geschlossenheit. Alles was er tat, war ihm Gottesdienst. Von diesem Standpunkt aus betrachtete er auch sein Studium, das ihn auf alle Gebiete der Naturwissenschaften führte. Hier suchte und fand er in allen Aeußerungen des NainrlebrnS die göttliche Wal- Nr. 5 Seite 5 lung.. "n 7BW0 m na war ihm das Resultat und der herrlichste Lohn der anstrengenden Laboratoriumstättgkeit. Unter Lcitung von Rabbi.er Abraham Biberfeld V'str und — "n"3 — seines Sohnes Rabbiner Dr. Ed. Biberfeld, sowie im Kreise von Freunden war er stets bemüht, auf der im Vaterhause gewonnenen Grundlage sein Torawissen zu erweitern, mit dem Ei folge, daß er in jungen Jahren mit Recht den Titel unio führen durfte, obwohl er der äußeren Stellung nach nicht Raw sein wollte. Rührend war seine Liebe und Herzensgüte seinen Freunden gegenüber. In seltener Selbstlosigkeit gab er ihnen sein Bestes an Zeit und Können. Biele, viele sind durch ihn lern Judentum gewonnen und erhalten worden. Immer an andere denkend, half er den Freunden in ihrem Studium, das eigene Fortkommen hintanstellend. Gerade hierdurch aber gewann sein eignes Arbeiten an Breite und Tiefe, wie man es nicht viel findet. Er gehörte auch zu den Gründern der ersten Verein i gun g jü dtscherAkademiker. In ihr UNd später im Bund jüdischer Akademiker sah er das Organ, in dem Thaurowissen und wissenschaftliches Arbeiten kein Kompromiß zu schließen brauchen, sondern zur Synthese von Schern und Jepheth in Scherns Zelten sich zusammen finden sollen und können. Rach Abschluß seiner Unioersitätsftudien wirkte Dr. Meier Cahn an verschiedenen Anstalten zuerst als Ptoht'knndidiU und Hilfslehrer, dann als Oberlehrer r'.n der jüdischen Vemsthnle in Leipzig, seit de»! Souaiu-v Ials Direktor der (iüliu’v „^alUUC" tRc'algymnnstnm' Mw Lyzeum i. (i\) welchen Eindruet er auf ernste Männer schon in jüngeren fahren geinacht, beweisen die Urteile, welche Schuldirektoren über i()u fällten, inner denen er sein Seminar unb Probandusstchr absolvierte. Einer dieser Herren schrieb: „^eine charakterfeste Oiesinnnng zeigte sieh in der Art, tvie er seine Pflicht ernsthaft auffache und wie er das einmal für richtig Erkannte ruhig und getriisenhaft verfolgte. . ." Ein anderer Herr sch rieh: . . . „deswegen habe ich die Ueberzengttttg, das', er, an eine leitende Stelle berufen, gerade durch sein persönliches Wesen eilten starten Einfluß zun! Gilten aitsüben wird und bei der anßerordentlicheir Pflicht treue und nnerinüdtichen Ardeiiestrendigkeit wird er jeder Lage gewachsen sein." Tie Eölner „sta'.vne" war zum Sommersemester 191i) mit der Lexra resp. der 7. Ly;eumsklasse gegründet. Wahrend sie im ersten Jnhre — etnklassig — ohne alleinigen Direktor iu Verbindung mit der Nebnngsschilie des jüdischen Lehrerseminars geleitet wurde, geivnnn sie zun, Sommersenrester 1020 in Herrn Lr. Meier Caün ihren ersten selbständigen Direktor. Uno was für einen Mann! Es ist, als ob dieser edle Mensch seine ganzen Herzens and Geistesfälstgkeiie» ans die kurze Spanne konzentriert hat, die ihn, hier zu wirken vergönnt war. Er hat F a Iv n e d e n S i e in p e l s e i it e r g r o ß e u \ ii b i s clj e n P e r s v n t i ch feit n u fged v ü rk t. M. G. H. wird dieser Stempel Meier Eahn'sche» Wesens der Anstatt immer verbleiben. Lehrerkolleginin, Schüler und Tirektvr wurden zn einer Familie, einer wirk liehen jüdischen Lebensgemeinschaft. Tie minder sahen in ihre,,! Tirektvr mit Recht ihren geistigen Pater. Alle großen und kleinen Sorgen teilte er 'mit ihnen, naht» er ihnen ab. Lurch Nttermüdliehe Besuche bei den Euer» suchte er den innigen Kontakt .stoischen Hans und Schule zu festigen, lind über die stinder hinaus wirkte er auf die Evern. Was Meier Cahn V'X* hier aeleistet hat, geht weit über den Rahmen der Tätigkeit eines Schuldirektors hiitans. Meier Cahn hvi?< a m i i i e n d e m n d e n t n m g e r e t t e t, nicht durch Worte, sondern den Einfluß seiner voll jüdischen Persönlichkeit. Er tvar der Mitteipnnkk der ständig wachsenden jungen ''Anstalt, ihres Schüler, Lehrer und bieifgch auch des Eliernkreises. Wir stehen noch zn sehr unter dem Eindruck des schweren Verlustes, um ihit ganz überschauen pi können. Tas Eölner tyoraeeue Judentum durfte sich auges Mannes mir allzu kurz erfreuen. Groß ist die Zahl der freunde, die mit der so schlver getroffenen Familie nur Meter Cahn trauern und um ipr für du* kleinen Siinbcv, t>ic noch nicht ahnen können, was sie verloren yaven. 50 jähriges Amtsjubiläum des. Bezirksrnvbiners Dr. Löwensteiu Mosbach, 20. Jan. Ein selten schönes Fest konnte am 15. Januar Herr Bezirks- und Konferenzrabbiner Dr. Löwenstein begehen. An diesem Tage waren es 50 Jahre, seit derselbe als Rabbiner in der badischen Landessynagoge wirkte, 14 Jahre in Gailingen und 30 Jabre in Mosbach, als geistlicher Führer der Synagogenbezirke Mosbach-Merchingen-Wertheim. Weit über die Grenzen seines Wirkungskreises hat sich Herr Dr. Löwenstein einen bedeutenden Ruf als Geschichtsschreiber, Prediger und Schulmann erworben. Die jüdische Gemeinde Mosbach bot alles auf, den Ehrentag des Jubilars zu einem Jubelfeste zu gestalten. Am Samstag vormittag wurde in der festlich geschmückten Synagoge ein Festgottesdienst abgehattcn. Festprediger war Herr Konferenzrabbiner Dr. Z tm els aus Fretburg. Er würdigte besonders die Verdienste des Jubilars als Seelsorger seiner Bezirke, als Mitglied deS badischen Oberrats und als eifriger Förderer vieler Wohllätigkeitötnstitutionen. Ein schöner Familienabend fand am Abend in der