Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr, 5 Der Israelit. 3 Februar 1933 bleiben und sich weigern, mit ganzer Kraft -in den geistigen Strom der Zeit eintreten. Die beiden Rabbinerverbände müßten vereinigt werden. Gestützt auf die orthodoxen Organisationen soll- . ten die Rabbinen weit hinaus greifen über den Kreis derjenigen, die schon jetzt zur Orthodoxie sich zählen und auch diejenigen zurückzuerobern trachten, die da wähnen, sich vom Joche der Thora befreit fühlen zu dürfen. Der Redner setzt sich in geistvollen Ausführungen mit den Borwürfen auseinander, die man den Rabbinen wegen ihrer Passiivität zu machen pflege. Schon in der Thora beißen die rabbinischen Führer die „Augen" der Gemeinde, manchmal aber die „Häupter" der Gemeinde. Die Verlockungen, denen die breite Volksmasse heute so oft erliege, bringen es mit sich, daß der Rabbiner oft ein bloßes „Auge" ist, das die Gefahren sieht, aber ohnmächtig ist, sie zu bannen — möge die Vereinigung der Kräfte dazu führen, daß die Rubbineu nicht mehr bloß die Augen, sondern die wahrhaften „Köpfe" des Volkskörpers sind, denen die Kraft innewohnt, die Glieder des Ganzen nach dem Willen des göttlichen Gesetzgebers zu bewegen. Nachdem der stürmische Beifall, den die Ausführungen des Glinyrner Raw heroorriefen, sich gelrgr, begrüßte noch Rabbiner Posner namens des Warschauer Rabbinats, und Dr. Freimann namens der Gemeinde Posen. Nach halbstündiger Pause begann die Wahl des siebengltedrigen Präsidiums in geheimer Abstimmung. Gewählt wurden die Rabbiner von Kalisch, Radom, Pabianitz, Sanok, Glinhani, Ostrom, sowie der Sokolower und der Radziner Rebbe außerdem sieben Stellvertreter. Zweite Sitzung. . Montag, mittag 1 Uhr begann die zweite Sitzung der Rabbiner Konferenz. Auf der Tagesordnung steht die Frage der allgemeinen Stärkung des religiösen Lebens. Der Radomer Raw, berichtet, daß der Permanenzausschuß beschlossen hat, Spezial-Kommissionen für folgende Angelegenheiten zu bilden: Religiöses Leben, Erziehung, Thorastudium, Gemeindeangelegenheiten, Organisation und Finanzen. Die für sämtliche Kommissionen vorgelegte Kandidatenliste wird einstimmig genehmigt. Nach Verlesung einer großen Zahl von Begrüßungstelegrammen ergriff der Slouimer Raw, Rabbi Fe in, namens der litauischen Rabbinen das Wort. Er behandelt insbesondere den in Litauen noch immer vorhandenen Krebsschaden der Krön rabbinen und weist auf die Notwendigkeit hin, daß der wahre geistige Führer der Gemeinde auch als ihr Vertreter nach außen anerkannt werde. Den Mittelpunkt der Tagung bildete ein groß angelegtes Referat von Rabbiner Schapiro-Gliniauy über religiöse Erziehung. Er weist namentlich auf die vielen Zusammenhänge zwischen der ökonomischen Entwicklung und den Erziehungsfragen hin. Geradezu ein nationales Unglück für das jüdische Volk im Osten. muß das unheilvolle Syst°m genannt werden, nach dem die Millionen amerikanischen Geldes inPolen und den meisten übrigen Ländern des ehemaligen Rußland für Erziehungszwecke verwandt worden sind. Die Stätten der Thora wurden von den unberufenen Vormündern, in deren Hände, sicherlich gegen den Willen der Spender, diese Gelder zumeist gelangt sind, absichtlich ignoriert und boykot- - iiert. Dieses Unglück sei die unmittelbare Folge der mangelnden bezw. zu spät erfolgten Organisation der Orthodoxie, und hier springe der Zusammenhang zwischen der Organisationsfrage und dem ganzen geistigen Schicksal der Jugend in die Augen. Der Redner geht daun zur Frage der Berufsbildung über, insbesondere auf die Noiwendigkeit der Heranbildung von Handwerkern und gewerblichen Arbeitern in jüdischer Atmosphäre unter Fefthaltung eines möglichst hohen Maßes von Thorakenntnis. Das bedinge wegen der verloren gehenden Zeit die Einführung eines ' besseren pädagogischen Systems im Cheder. Einheitlichkeit dieses Systems müsse durch Instruktoren erzielt werden. Ferner geht der Redner eingehend auf die brennende Frage der Töchtererziehung ein, wobei er seine lebhaften Besorgnisse über den Ernst der Lage nicht Verhehlt. Endlich behandelt Rabbiner Schapiro die Mittel und Wege zur Volkserziehung durch Redner und wandernde Prediger. In der Frage des Frauen Wahlrechts müsse der Rabbinerverband. Polens entschieden dagegen protestieren, daß man aus dieser rein halachischen Angelegenheit eine politische zu machen bestrebt sei,- die Interessen der Parteien hätten den Vertreter des Gesetzes nicht zu kümmern. Endlich behandelt der Referent die Frage der Schaffung einer guten jüdischen Literatur,, um zum Schluffe noch einmal auf die Chederfrage, insbesondere im Zusammenhang mit dem jetzt eingesührten Schulzwang zurückzukommen. Nach kurzer Diskussion wurde die Vormittagssitzung geschloffen. (Fortsetzung folgt.) Locrerponäenren u. Nachrichten. Deutsches Reich. vom Reichsbund jüöifcher SmntfoI9afen. Werkin, 1. Januar. Ti'r ,,:)ü'irf)vbiutt> jüdischer Frontsoldaten" gibt jenr eine Zeil'chrift „Ter Lchiid" heraus von der uns die ersten beiden 'Oiiiniinmi vvriiegen. Besonders zeitgemäß ist darin ein Protest gegenüber den ilngehenerlichen N'i'chnE digungen des Generals L u d e'n d o r f f . gegen dck Inden in 'einem Kriegsbuche. Es heißt da unter anderem: „Aus all diesen Gründen weisen ivir n 40(100 deutsche Inden, mir 100004 jüdische Loldaten, die wir im Kriege untere Pflicht für das deutsche Vaterland mit Hand und Herz und Hirn treu erfüllt haben, zugleich auch im Namen der 1 *2 ()()() gefallenen deut-chen Inden die schweren Beschuldigungen und Beschimpfungen des Buches mit Enlnistnng als nmvahr zurück/' Ter. Bund ist in der Tat durch seine Existenz der beste Zeuge gegen die teils ans Unwissenheit, teils aber wider besseres Wisse» voigebrachten Behauptung, daß die deutschen Inden in diesem Kriege ihre Pflicht für das Vaterland nicht in hinreichender Weife erfüll! .hätten. Vorsitzender ist Hauptmann a. T. Dr. Leo L ö iv e n st ein in Berlin. Die neue Rechtslage 9er Hulfusgemeinben un9 Rabbiner in Bayern. München,- 11. Januar. Auf die Eingaben der bayerischen Rabbinerhonferenz, worin gebeten worden war, die Rechtskraft von Ziffer 4 und 5 der Ministerialentschließung von 1863 als vorläufig fortbestehend anzuerkennen, hat das Kultusministerium unterm 14.Dezember nunmehr in ablehnendem Sinne geantwortet. Die Berfassung mache die Aufrechterhaltung staatlicher Noemen auf dem Geriete der inneren Angelegenheiten irgend einer Rcligionsgesellschaft unmöglich. Der Begriff „Kultusgemeinde" habe für den Staat nur noch »soweit Interesse, als es sich*um die Verleihung der Eigenschaft einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft oder der Steuerberechttgung handle. Im übrigen finde der Begriff seine nähere Auslegung in den einschlägigen kirchlichen Normen. Line LeidienneTbiennung unä ihre folgen. München, 26. Januar. Der verdienstvolle Vorsitzende der Ohel Jakob- Gemeinde, Kommerzienrat Sigmund Fränkel bat sein Amt niedergelegt. Herr Fränkel, der dem Präsidium der Münchener Handelskammer angehört, hatte sich in dieser Eigenschaft unbegreiflicherweise dazu herbeigelassen, namens der Handelskammer bei der Verbrennung des kürzlich verstorbenen jüdischen Syndikus dieser Körperschaft die Leichenrede zu hatten. Es läßt sich denken, daß die öffentliche Meinung weit über die gesetzestreuen Kreise hinaus über diesen Schritt eines der prominentesten Vertreter der Orthodoxie in starke Erregung geriet, die Herrn Fränkel nicht verborgen blieb. Man darf hoffen, daß sein Rücktritt, der an sich die angemessene Sühne eines nicht zu rechtfertigenden Fehlers bildet, kein endgültiger sein wird. Die kräftige Reaktion gegen diesen Fehler ist jedenfalls ein erfreuliches Sympathom. Molen. Der Jufti?mor9 an Rabbi Schapiro in Plobii. Marschau, 25. Januar. Man erinnert sich der Tragödie vom Plotzker Raw, der 1920 von der polnischen Militärbehörde unter Anklage der Spionage gestellt und kurzerhand hingerichtet wurde. Sein Verbrechen bestand darin, daß.er vom Balkon aus — er hatte dort nachgewiesenermaßen das Mincho- Gebet verrichtet — angeblich Zeichen an das russische Militär gegeben haben sollte. Seitdem hat man in jüdischen Kreisen ohne Ruh' und Rast auf eine Revision des Prozesses hingearbeitet. Retlowski, der für diese Hinrichtung verantwortlich war, ist inzwischen gestorben. Nun wurde doch endlich das Ziel erreicht, und dieser Tage tritt hier das Gericht zusammen, um die Akten dieses traurigen Falles noch einmal zu prüfen. * -r- Wie uns weiter aus Warschau mitgetetlt wird, wurde in der Revision des Prozesses nach Anhörung einiger Zeugen und des Verteidigers, Rechtsanwalt Hartglas beschlossen die weiteren Verhandlungen an Ort und Stelle in Plotzk fortzusetzen. Zu diesem Zwecke begab sich das ganze Gericht bereits nach Plotzk. polnische vrangsaiierungen. Lodz, 19. Januar. Im neuen Polen müssen die Juden der taienfreudigen Soldateska als Prügelknaben dienen und Mißhandlungen der mitfahrevden Juden bieten den polnischen Soldaten noch immer willkommenen Zeitvertreib auf ihren Bahnfahrten. Ein deutscher Lehrer, der am 27. Dezember von Lodz nach Kutno fuhr, berichtet in der Lodzer Freien Presse über seine Erlebnisse: „Ein ungeheurer Lärm empfing mich im Wagen 3. Klasse. Alles drängte in eine Ecke und schlug mit Fäusten, Stöcken und anderen Gegenständen aus Leibeskräften unter lautem Gebrüll auf irgend etwas ein. Endlich kroch ein grauhaariger Jude hilferufend auf allen Vieren hervor und suchte, noch immer gestoßen und geprügelt, so schnell wie möglich die Tür zu erreichen. Kaum hatte er den Wagen verlassen, als der Zug losging. Jetzt begann man einen zweiten Juden zu bearbeiten, den man mit Absicht in Ruhe gelassen hatte, damit er sich nicht in Sicherheit bringe. Der arme Jude hätte es sicherlich in einer Löwengrube besser gehabt. Er wurde hin und her gerissen, gestoßen, zu Boden geworfen und geschlagen. Er weinte, jammerte und bat, man möchte ihm doch lieber das Leben nehmen und ihn nicht peinigen. Nachdem man ihn geschlagen hatte, zwang man ihn, wohl über zwanzig Male aus Leibeskräften zu schreien: „Es lebe Polen!" Ebenso laut und ebenso oft mußte er nachher noch „Es lebe das polnische Heer" und „Es lebe der Rabbiner und seine Geliebte!" schreien. Dann gebot man ihm zu rufen: „Möge der Rabbiner verrecken!" Anfangs weigerte sich der