Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der ÄSraeliL. 4fs2. Februar 1S2S. - ___— „Wir wollen bei dieser volkS- und Hochverräter, rischen Tat nicht länger verweilen und nur dem Wunsche Ausdruck geben, daß die Zeit nicht ferne sein möge, wo eS uns inErezJsral möglich sein wird, unsere Verräter nicht nur moralisch, son. dern auch physisch ihre Schandtat fühlen lassen zu können. Man muß zwar den um einige Grad wilderen politischen Sitten der Tschecho-Slowaket schon immer etwas zugute Hallen — auch im alten Ungarn spiegelten sich ja die parlamentarischen Umgangsformen nicht nur bet den Assiimilanten im jüdischen Kreise wieder —, allein diese offenherzige Sehnsucht nach dem Blute der orthodoxen Verräter verdient doch schon für die Nachwelt festgenagelt zu werden. Dem General Storrs wirft man mit Recht oder Unrecht vor, daß er seine Macht nicht pflichtgemäß dazu benutzt habe, um jüdisches Leben zu schützen und Blutvergießen zu verhindern. — Im gleichen Atemzuge aber werden Menschen, die sich Juden, Zionisten nennen, so sehr von Verblendung und Parteihaß betört, daß sie ohne Scham bekennen, es fehle ihnen nur die Macht dazu, um andersdenkende jüdische Brüder physisch zu vernichten! Zur Sache selbst, sei aber doch eine kleine Bemerkung gestattet. Die ungeheure Volksbewegung, die man von zionistischer Seite gegen den General Storrs entfacht hat, und der sich zu unserem Bedauern nicht einmal das Oberrabbinat entzog, ist bis jetzt wirkungslos verpufft. Da sicherlich weder Herbert Samuel, noch die englische Regierung wider Recht und Gerechtigkeit einen Mann im Amte zu halten beabsichtigen, der, wie die zionistische Presse es darstellte, mit einer gewissen heimlichen Schadenfreude Mord und Totschlag in den Straßen Jerusalems sich breitmachen sieht, so scheint es, als ob einer objektiven Untersuchung die gegen Storrs erhobenen Anklagen doch nicht ganz standhielten. Warum es nun zu den Grundbedingungen jüdischen Bewußtseins gehören muß, in jede unüberlegte politische Parole, die von Herrn Ussischktn ausgegeben, wird, sofort in brüllendem Chorus etnzufallen, vermögen wir ebenso wenig einzusehen, wie es offenbar Professor de Haan eingesehen hat. Ein „Verräter" ist nicht derjenige, der mit kühlem Kopfe auch in schwerer, kritischer Lage Gerechtigkeit gegen Juden und Ntchtjuden zu wahren sucht, sondern es scheinen uns auf jene liebliche Bezeichnung eher diejenigen Anspruch zu haben, die das jüdische Volk durch eine Desperado-Politik und durch ein kindisches Aufpeitschen der Volksleidenschaften bald gegen diese, bald gegen jene mißliebige Persönlichkeit kompromittieren. Bis auf weiteres will es uns scheinen, als ob der General Storrs den Lebensintereffen des jüdischen Volkes weit weniger gefährlich werden könne, als beispielsweise Herr Jabotinski. Die große Rabbiner-Versammlung in polen. Warschau, 24. Januar. Als ein würdiger Auftakt zu der am 1b. Schwat in Aussicht stehenden großen Heerschau des orthodoxen Judentums Polens — an diesem Tage tritt die polnische Landesorganisation der „Agudas Jsroel" zu ihrer zweiten allgemeinen Delegtertenversammlung zusammen — ist am Sonntag eine Konferenz des polnischen Rabbinerverbandes eröffnet worden. Anwesend waren etwa 250 Rabbiner aus allen Teilen von Kongreßpolen. Der Rabbinerverband steht zwar formell und organisatorisch der Agudas Jsroel unabhängig gegenüber, ist aber infolge der Identität der meisten leitenden Persönlichkeiten und der inneren Interessengemeinschaft der beiden Körperschaften mit ihr dennoch aufs innigste verbunden. Der Rabbtnerverband verdankt seine Entstehung der Initiative Dr. Kohns und Dr. Carlebachs, die seinerzeit die erste allgemeine Versammlung des polnischen Rabbtnats beriefen, weil sie mit sicherem Blicke erkannten, daß die Hebung des Rabbinerstandes in sozialer und wirtschaftlich-r Hinsicht, sowie die Heranziehung der von den Rabbinern repräsentierten gewaltigen geistigen Kräfte zu fruchtbarer öffentlicher Arbeit eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Gesundung des jüdischen Lebens in Polen sei. Seitdem hat der Organisationsgedanke in den Kreisen der polnischen Rabbiner Fuß gefaßt, und es ist eine der Früchte der segensvollen, durch so viel unverdiente Anfeindungen und Schmähungen zum Martyrium gestalteten Tätigkeit jener beiden Männer, wenn jetzt Polens Rabbiner offenbar entschlossen sind, ihre Organisation zum Besten des Ganzen auf fester Grundlage aufzurichten. Erste Sitzung. Am Präsidtaltisch bemerkte man den Kalischer Rabbiner, Rabbi Jecheskel Lipschütz, den Ostrower Raw, Rabbi Meir Don Plotzki, die Rabbiner von Blaschki, Gliniany, den bekannten Warschauer Rabbiner, S. D. K aha ne, Rabbiner Morgenstern von Sokolow, den Radziner Rebbe, sowie den Posener Rabbiner Dr. Freimann. Rabbiner Lipschütz-Kaltsch eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung an die im Saale anwesenden Regierungsvertreter und knüpft alsdann in längerer Rede an die erste Rabbiner- __-. nt. gelte 4 , Versammlung z. Zt. der deutschen Okkupation an, die zur Gründung des Rabbtnerverbandes geführt hat. Die Ereignisse hätten eine lange Unterbrechung der Organisattonsarbett erzwungen und erst jetzt zeige sich die Möglichkeit für die Rabbtnen zu ungehinderter praktischer Arbeit auf dem Gebiete der Organisation. Der Rabbinerverband werde, darüber könne die Welt beruhigt sein, niemals ein Berufsverband, eine Gewerkschaft werden, obgleich im Interesse der heiligen idealen Aufgaben des Judentums auch die wirtschaftliche Lage der Rabbinen nicht ganz außerhalb des Aufgabenkreises der Organisation bleiben dürfen. Denn die Erniedrigung des Rabbiners, die Herabdrückung seiner Stellung und seiner Autorität bedeute gleichzeitig die Auslieferung des öffentlichen Einflusses in die Hände unberufener Kräfte, die als Volkserzieher nach innen und als Vertreter nach außen den im Volke lebenden Geist, sowie seine Interessen insbesondere auf dem Gebiete der Gemeinde und der Erziehung aufs unheilvollste beeinflussen. Gemeindevorsteher und Gemetndebeamte in großen und kleinen Städten maßten sich vielfach Funktionen an — man denke nur an die wichtigen Fragen der Zivtlstandsregister —, deren Ausübung ohne genügende Gesetzeskenntnts und religiöse Zuverlässigkeit zu den größten Gefahren für das jüdische Familienleben führen müsse. Der Redner ermähnt die Versammlung, bet der Wahl ihres Vorstandes mit äußerster Gewissenhaftigkeit zu Werke zu gehen und Männer an ihre Spitze zu stellen, die ihr Werk in Frieden und Wahrhaftigkeit durchzuführen entschlossen seien. Es folgten Begrüßungsreden der Herren Rabbiner Nurack-Rtga namens des Organtsationskomites der russischen Rabbiner, Dr- Mises für die Mtlitärseelsorge. I. M. Lewin für die Schlome Emune Jsroel, Farbstein für den Misrachi, Rabbiner Sembe namens der Warschauer Mestwta, Dr. Balaban für den Tachkemont und Rabbiner Aronsohn-Kiew namens der ukrainischen Rabbinen. Eine glänzende Begrüßungsrede hielt der Glinyaner Raw Rabbiner Schapira (jetzt in Sanok) für den Rabbinerverband von Galizien. Der Rabbinerverband von Galizien, der seinerzeit durch die bekannten Mitglieder des Rabbimschen Rates der „Agudas Jsroel", die Gaonim von Brody und Buezaez, sowie den inzwischen leider Heimgegangenen Rabbi Josef Engel 7>"81 in Krakau geschaffen worden sei, fühle sich eins mit den Bruderverband in Kongreß- Polen. Mit starken Worten zeichnet der Redner die Verantwortlichkeit derjenigen Rabbinen, die in einer Zeit, wie der unsrtgen im Winkel sitzen vom syrischen Watsenhause in Jerusalem auf der Reise von Nazareth nach Jerusalem durch Samarien zog, kam er üb-r Dothan, den Ort, an dem einst Josef (1. Mos. 37, 17) an die ägyptischen Kaufleute verkauft wurde und der noch heute seinen altbibltschen Namen trägt, nach Naablus, dem ehemaligen Sichern und so auch an den Jakobsbrunnen. Hier hörte er von den Einwohnern, was ihm schon in Jerusalem erzählt worden war, daß während des Weltkrieges der Scheech (Ortsvorsteher) von Balaata sein Wohnhaus habe erweitern wollen und dabei in einigen Metern Tiefe aus ein Felsengrab gestoßen lei, wie sie auch anderswo aus israelitischer und kanaanitischer Zeit aufgefunden worden sind. Als er in die Grabkammer eintrat, fand er einen höchst merkwürdigen Schatz. Eine Mumie lag da auf dem Felsenbette, tadellos erhalten. Neben ihr sah er ein goldenes ägyptisches Zepter, goldene Spangen und andere goldene Kleinodien. Was lag da näher, als anzunehmen, daß dies die Mumie Josefs sei, die einst die Israeliten nach den oben angeführten Stellen zweifellos in dieser Gegend begraben haben. Wie sollte eine andere ägyptische Mumie ihren Weg hierher gesunden haben? Daß dieser Fund für Wissenschaft und Geschichtskunde von einzigartigem Werte sei', ahnte natürlich auch der Scheech, wenn er auch ein ungebildeter Fellach war. Aber die Türkei hat ein Gesetz, wonach solche Funde „dem Staat" gehören, will sagen: in die Tasche des Pascha wandern. Darum hielt der Mann seinen Fund ganz geheim und war nur darauf bedacht, möglichst viel Geld für sich selbst daraus herauszuschlagen. Er verkaufte die Goldsachen an einen Goldschmied und dieser hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese Sachen etnzuschmelzen, um vor der Regierung jede Spur verbotenen Eigentums zu verwischen. Die Mumie wurde im Feuer verbrennt, um allen Nachforschungen zu entgehen. Nur ein kleiner Teil der gefundenen Sachen kam in die Hände des mit Altertümern handelnden Arabers Ssaalech Austar, der sie an den deutschen Kaufmann Bester in Jerusalem verkaufte. Bester verkaufte sie weiter und so kamen sie schließlich in ein Museum in München. Direktor Schneller ging sofort nach Balaata, um der Sache weiter nachzuforschen, obgleich er wußte, daß d e schlauen mohammedanischen Fellachen nichts verraten würden) halte er doch in Hebron vor etwa 30 Jahren selber eine ähnliche Geschichte erlebt, wo ein irdener Topf voll mit Goldstücken aus der Zeit Alexanders des Großen, ausgegraben und sofort zum Goldschmied getragen wurde,.um durch Einschmelzen dem Zugriff der „Regierung" entzogen zu werden. So blieben auch in Balaata seine Nachforschungen vergeblich. Sobald er in Jerusalem angekommen war, begab er sich zu dem deutschen Kaufmann Bester: dieser bestätigte ihm die Mitteilung, daß jener Scheech bet dem Erweiterungsbau seines Hauses in einigen Metern Tiefe einen wertvollen Fund gemacht habe. Bon einer Mumie wußte er zwarnichts, wohl aber sei eine Art von Zepterstab mit ägyptischen Inschriften, sowie andere Geräte mit Hieroglyphen, Kleinodien, auch ein großes Stück niassiven Goldes eingeschmolzen worden. Was noch gerettet werden konnte, habe er von dem Altertumshändler erworben und an die Professoren Sallie und Watzinger weiterverkaust. (Seit wann gibt es Jude»» in Deutschland?) Ueber die Frage, seit wann die Juden in Deutschland ansässig sind, bestehen in der Bevölkerung sehr unklare Ansichten. Wie wir der Schrift „Bom Hetmatsrecht der deutschen Juden" (Philo-Berlag, Lindenstr. 13) entnehmen, ist durch eine Verordnung des römischen Kaisers Konstantin vom II. Dezember 32L über die Kölner Gemeinde urkundlich errviesen, daß zu diesem Zeitpunkte Juden schon seit langem in Köln ansässig waren. Die Juden in Köln waren durch einen früheren — nicht mehr erhaltenen — Erlaß des Kaisers von der Berufung in die Kurien befreit worden, sollten aber du>ch den neuen Erlaß auch hierin den römischen Bürgern gleichgestellt sein. Danach muß als festgestellt erachtet werden, daß es schon vor der Völkerwanderung, also seit mehr als 1600 Jahren ansässige Juden am Rhein gegeben hat. Die Rechlsbücher der nach der Völkerwanderung gegründeten germanischen Reiche weisen bereits zahlreiche Belege für das Vorhandensein von Juden auf. So verbot z. B. König Gundobad um 500 Ehen zwischen Juden und Christen. Die häufige Wiederholung diests Verbotes in kurzen Abständen zeigt aber doch, daß dieses Verbot wenig beachlet worden ist und daß im allgemeinen das Verhältnis zwischen Judert und Christen ein gutes gewesen sein mutz. Ueberhaupt war die Stellung der rhünischen Juden im frühen Mittelalter eine durchaus geachtete, mehrfach werden Juden als Seefahrer genannt, sogar unter den mittelalterlichen Minnesängern finden sich Juden. Als dann im 13 und 14. Jahrhundert unter der fanattsierenden Wirkung der Kreuzzüge die Juden vom Rhein vertrieben wurden, nahmen sie ihre mittelhochdeutsche Sprache in alle Welt mit. Daher kommt es, datz noch zwei Drittel aller heute (meist auherhalb Deutschlands) lebenden Juden Deutsch als Muttersprache haben, aber merkwürdigerweise — oder eigentlich natürlicherweise — das Deutsch, das vor 600 bis 700 Jahren am Rhein gesprochen wurde. Das sogen. „Jiddisch" der Ostjuden, die großenteils die Nachkommen der vertriebenen rheinischen Juden sind, enthält zahllose Elemente des Mittelhochdeutschen, daS sich hier erhalten hat, während die Sprache in Deutschland selber gewaltige Umwandlungen erfuhr.