Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1922)
- Date
- 1922-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Geile 4. Nr. 4__ angeschwollen ist, die Sorge um die. Deckung des sich ebenfalls auf Millionen belaufendkn Defizits, sie schienen den Gegensatz der Pirtcim ausgeglichen zu hvben. Es schien aber auch nur so, denn in der heutigen Sitzung genügte ein an und für sich geringfügiger Anlaß, um einen Sturm hervorzurusen, wie ihn heftiger der alte Kuppelsaal in der Orunienburgerst aße kaum je erlebt hat. Ausgangspunkt: Eine Interpellation der liberalen Fraktion: „Ist dem Gemeindevorstand bekannt, daß ein in einem Waisenhaus der G - meinde befindlicher Knabe zwangsweise der Mllah urnelworfen wurde?" Der Wortführer der Fraktion, Herr Prof. Türk, begründet die Interpellation. Es handelt sich 'um einen 12 jährigen Knaben, der seitens der Waisen- J ' kommiision bis zum Vorjahre bei christlichen { Pflegeeltcrn untergebracht war. Durch das Eingreifen eines der Waisenkommission neu anze- hörenden, konservativen Mitgliedes ist dieser Knabe in ein Waisenhaus der Gemeinde ausgenommen worden. Dort stellte sich heraus, daß an dem Knaben die Milah noch nicht vollzogen war. Nach eingeholtem Einverständnis der Mutter — der Vater kommt in diesem Falle aus besonderen Gründen nicht in Betracht — wird auf Anordnung des Gemeindevorstandcs die Mllah im Krankenhaus der Gemeinde durch den einen der Gemetnde-Mohelim, der zugleich Arzt ist, vollzogen, die durchaus normal verläuft. Man sollte meinen, daß bet dieser Sachlage das Verhalten des Gemeindevorstandes volle Zustimmung verdiene. Aber „anders als sonst in Menschenköpsen malt sich in die'em Kopf die Welt". Herr Prof. Türk, die letzte hohe Säule aus der schöben Zeit, da die liberale Part-.t die unumschränkte Herrschaft in der Gemeinde führte, ist anderer Ansicht. Er findet, ein solches Vorkommnis sei nur möglich, weil ein neuer Geist in den G meindevOi stand seinen Einzug geh ckten habe. Die Zustimmung der Mutter fet jedenfalls erzwungen worden unter Hinweis auf die Aufnahme in das Waisenhaus. Der Junge selbst sei, als man ihm sagte, was mtt ihm geicheh n solle, leichenblaß geworden und habe unter Tränen gebeten, davon Abstand zu nehmen. Daß man trotzdem die Milah vollzogen habe, sei eine Barbarei. Ein jolcher in Verbindung mit der Milah gebrauchter Ausdruck, rief die Entrüstung der Konseroativta und Z ontsten hervor, die noch gesteigert wird, als ein anderer Redner der Liberalen das Geschehnis als Brutalität bezeichnet. Vom Vorstandstisch wird durch Verlesung eines Briefes der Mutter fest g stellt, daß die Zustimmung zur Vornahme der Milah eine völlig unbeeinflußte, rückhaltlose gewesen sit, die erfolgte, nachdem die Aufnahme in das Waisenhaus schon stattgefunden hatte. Was nun die Weigerung des Knaben anlangt, so meint Herr Prof. Cohn, der Vertreter des Vorstandes — selbst ein Mediziner von bedeutendem Ruf —, daß man sich dadurch nicht habe beeinflussen lassen können, da ähnliche Gesü lsregungen bü Kindern sich erfahrungsgemäß auch bei der kleinsten Operation geltend machen. Von Setten der Konservativen betont Herr M. A. Loeb^ haß ngch den vom Vorstandstisch gegebenen objektiven ^Darlegungen über den Sachverhalt kaum dttvas zu sagen sei. Der Vorstand habe lediglich seine Pflicht crfüllt. Schärfste Zurückwetsung verdiene nur d e Kritik, die Herr Prof. Türk an dem Vorkommnis übte. Leider sei es unmögl ch, im Rahmen ter parlamentarischen Ausdruckswelse ein Vorgehen gebührend zu kennzeichnen, das die Vornahme der Milah als eine Barbarei bezeichnet. Ec müsse sich daher damit begnügen, festzusteüen, daß eine solche Ausdrucks, weise nur da möglich sei, wo das Gefühl für lebendiges Judentum längst erloschen ist. Herr Prof. Loewe ( ionisttsche Volkspartei) meint, daß- Anschauungen, wie Herr Prof. Türk sie äußere, in die Zeit der Makkabäer zurücksührten. Auch damals machte sich der lebhafte Widerstand gegen die Milah geltend, und die Jünglinge, die an den Kämpfen in den Gymnasien tcilnahmen, versuchten Der Israelit. sogar, die Spuren, sdie die M lah an ihrem Körper zurückgelassen hatte,' zu beseitigen. Die Debatte fand ihren Ausklang in einer Resolution d r Korseiv:tiüen und Zwnisten, die die volle Zustimmung zu dem Vorgehen des Vorstandes ausspruch. War so schon das Ergebnis der Jnterpküaiwn ein recht blamables für die Interpellanten, so erhöhie sich dieser Eindruck noch um ein wesentliches, als nach Ab chluß der Debatte bekannt wurde, daß der Mohel, der diese fürchterliche Operativ!', die von den Liberalen als Barbarei bezw. als Brutältiär bezeichnet wurde, voraeuommen hatte, niemand anders war als Herr Tr. med. Steinthal, Mitglied der liberalen Fraktion derBerlinerRepräsentantenversammlung! Eine ausgedehnte Debatte ries noch eine Zuschrift des bisherigen Vorstandes des jüdischen Krankenhauses hervor. In diesem Schreiben teilt dieser mit, daß er sein Amt in corpore niedcrgelegt habe, weil er bei dem Gemeineeoorstand nicht den nötigen Schutz gegen die Ansprüche und Angriffe der Kaschruth -K o m m i s si o n finde. Die Kaschruih^hm- Mlssion hatte es nämlich gewagt, nachdem das Krankenhaus vor einiger Züt ihrer Aufsicht unterstellt worden war, mit dem Kaschruth, das in dem Krankenhause bisher nur dem Namen nach lxistierie, Ernst zu machen,, indem sie sich bemütte, Mchstände, die sich ergeben hatten, abzustellkn. Das konnte sich natürlich der bishe ige Vorstand des Krankenhauses, der, seit einem Jahrzehnt amtierend, bisher in seinem Schlummer bezgl. der Kaichruth-Berhältmsse nie gestört worden war, unmöglich gefallen lauen. Er reichte seine Demision ein, wohl in der st llen Hoffnung, daß man sie ablehnen und die sich überhebel'de Kaschruth-Kommission anweisen werde, den wohlverdienten Schlummer desKrankenhausvorfiandes ferner nicht zu stöben. — Wegen der vorgerückten Zeit mußte tue Debatte abgebrochen werden. W'.r kommen auf den Gegenstand noch zurück. €orrc$pondcnzfn u. ßacoricDten Deutsches Reich. Dom Dunöesfag 9es ö 3. fl. Merlin, 15. Januar. Der Bundestag des Bundes jüdischer Akademiker (B.J.A), der vom 25. bis 28. Dezember 1921 in Halberstadt staltfand, bot den zahlreich herveigeeilien Bundesbrüdern äußerst viele und wertvolle Anregungen. Die vier Referate des wissenschaftlichen Teils sowie das Kolloq um über halachisch-medizinische Fragen fanden allgemein starkes Interesse und ernteten reichen Beifall. Auch das hohe Niveau der geschäftlichen Beratungen war der gesetzestremn Akademckerschaft würdig. Der Frage der neutralen Stellung des Bundes zu dm Politischen Streitfragen innerhalb der Orthodoxie wurde überhaupt nicht behandelt. Einstimmig, war man der Ansicht, daß die Unabhängigkeit des B.J.A. unter allen Umständen aufrechterhalten bleiben müsse. Den größten Raum der überaus anstrengenden Tagung — selbst dte Nächte wurden zu Hilfe genommen — nahm die Beratung des § 2 der B.J.A. ein, der von den Bundesv-reimgurgen fordert, daß sie auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen. Es hatte sich in der jüngsten Vergangenheit immer offensichtlicher. herausgesiellt, daß über das Verhältnis dieser Forderung zur Anerkennung von min seine einheitliche Auffassung bet den Mitgliedern des B.J.A. bestehe. Hier sollte der Bundestag . ,_ 2ft. Janüär 1S3Z Klarheit schaff n. Es ergab sich bet den Beratungen, daß Einigkeit bestand in der Forderung, der Bund als solcher stehe auf dem Boden des L'vV.N lv min. Ob aber diese Anerkennung als Charakteristikum des einzelnen Mitgliedes des B. I. A. anzusehen und mithin als Vorbedingung seiner Zugehörigkeit zum B. JA. erklärt werden könne, darüber gingen dte Meinungen auseinander. Zwar war man auch darin auf allen Seiten einig, daß denjenigen, die, vom Zweifel erfaßt, ernst mit sich ringen, um zur Festigkeit der Ueberzeugung sich durchzukämpfen, größte Schonung entgegeuzubringen sei. Jedoch wollte eine Mmderheit auch für solche Akademiker im Bunde Raum schaffen, dte in Fällen eines Gegensatzes zwischen wissenschaftlichem Ergebnis und Thoralehre schlteßltch f zu einem non liquet gelangen und den Wcchrheitscharakter nicht unbedingt und ausschließlich der Thoralehre zuerkennen. D e Mehrheit des Bundes lehnte eine solche Erschütterung der ganzen religiösen Grundlage des Bandes mtt aller Entschiedenheit ab, und so erklärte die Minderheit, daß sie unter voller Aufrechterhaltung der Persönlichen Freundschaft vom Bunde scheiden würde. Alle diese Gegensätze wurden in e'ner Form ausgetragen, die des Inhaltes der Dtskuision würdig war, und so ist zu hrffen, daß der B.J.A. auch aus diesem Bundestag innerlich gefestigt und gekräfttgt hervorgegangen ist. Poffbell^lung am Sabbat. Merlin, 20. Januar. Die Reichspost hat jetzt, mit Rücksicht auf religiöse Empfindungen, bestimmt, daß, wenn jemand aus religiösen Gründen wünscht, daß ihm regelmäßig bestimmte Sendungen am Sonnabend nicht zugestellt werden sollen, der Betreffende dies bei seinem Postamt schriftlich zum Ausdruck bringen müsse. Die Sendungen werden dann am Sonntag abgetragen, sofern es sich nicht nur solche handelt, die bestimmungsgemäß nur werktags bestellt werden; diese würden bis Montag liegen bleiben, es sei denn, daß der Empfänger die Zustellung am Sonntag ausdrücklich verlangt und die Eilbestellgebnhr entrichtet. ver flrierparagraph 9er Sfuöentenfchaff. chöttmgen 19. I muar. Der Hauptausschuß der 'Deutschen Studentenschaft hielt am 16. und 17. d. Mts. hier eine Tagung ab. Auf dieser Tagung wurde einstimmig die neue Verfassung zum Beschluß erhoben, nach der die „Deutsche Studentenschaft" alle Studierenden der reichsdeutschen Hochschufett und der Technik in Danzig reichsdeutscher und österreichischer Staatsangehörigkeit und auf Antrag auch altstandsdeutscher Herkunft umfaßt; damit wurde für diese Hochschulen in der Juden-- frage der Rassestandpunkt restlos aufgegeben. Da die österreichische deutscharische Studentenschaft hartnäckig aus dem Rassestandpunkt öeharrte, so ergab sich die Unmöglichkeit des Verbleibens der österreichischen Hochschulen in der „'Deutscherl Studentenschaft". - Der Deu'fcbnafionale ttanfllungsgefiilfenperbaftö!m snliseMisclieri Fahrroatfer. Merlin, 12. Januar. Vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" wird uns geschrieben: Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband, der es mit seinem völkischen Gewissen in Einklang bringen konnte, zuweilen aus taktischen Gründen bei Betriebswahlen Listenverbindungcn einzugehen, durch die 'auch jüdische Kandidaten seine Stimmen erhalten mußten, ist nunmehr irr die Schar der Berbäirde geraten, die die Judenhetze als Hauptzweck betreiben. Der D. H. B. gibt ein Blatt heraus, die „Deutsche Handelswacht", in dem man, abgesehen von gelegentlichen Anrempelungen jüdischer Prinzipale antisemitische Ergüsse bisher nicht cmtras. Der