Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1922)
- Date
- 1922-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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86. Januar 1923. Der Israelit- Nr. 4 Helte 3 fluchung und Ausstoßung seines Sohnes aus der jüdischen Gemeinschaft beantragt, und es wird nun geschildert, in welchen Formen diese Exkommunizierung Trotzkis in einer russischen Synagoge vor versammeltem Volke sich vollzogen habe. Die Geschichte schließt mU dem rührseligen Knall-Effekt, daß oben auf der Frauengalnn die Mutter Trotzkis in dkm Augenbl'ck ohnmächtig zusammenbricht, in dem ihr Sohn auf nochmaligen, besonderen Antrag des Vaters zur „ewigen Verdammnis" verurteilt wird. Die Geschichte tragt wie gesagt mit ollen Einzelheiten so sehr den Charakter des Uajüdischen an sich, daß sie sich unmöglich in dieser oder ähnlicher Form abgespielt haben kann. Aber wenn sie dem großen Publikum eine Vorstellung davon zu geben rermöchte, wie sehr die ungeheuere Mehrheit der gesetzestreuen russischen Judenheit dos Regiment des Bolschewismus als furchtbarste Katastrophe empsindet, die sie über das thoratreue Judentum heretngebrochen ist, dann soll sie uns als Symbol für düse Tatsache willkommen sein. In der Tat: Mit so diabolischer Be» wußtheit ist gerade die jüdische Religion, das höchste und letzte Gut des jüdischen Volkes, seit den Tagen des syrischen Hellenismus nicht verfolgt worden wie dies heute von Seiten der Sowjetmacht geschieht. Heute wie damals sind es zu unserer Schwach Mensch'n des eigenen Stammes, Kinder jüdischer Mütter, die sich nicht scheuen, die Axt wider den Stomm zu erheben, aus dem sie hervorgegangen sind. Aus Wilna kommt die Nachricht, daß das dortige Rabbinat den Fasttag des 10. Tewes als Tag der Tschuwoh und Tesilloh ausgerufen hat, um der jthm willen, von denen die Kunde aus Sowjetrußland nach Wilna gedrungen ist. Aller jüdischer Unterricht in'Chadorim undJeschiwos sowohl wie in Privathäusern ist von der Sowjetregierung für jedermann bis zum 18. Lebensjahre aufs strengste verboten worden. Wer beim Studium der schriftlichen oder mündlichen Lehre getroffen wird, hat str nge Bestrafung zu gewärtigen, und cm einer Anzahl Orte hat man den Rabbiner verantwortlich gemocht für die Einhaltung dieser von wahnwitzigem Haß gegrn alles Heilige eingegebenen Gewaltverfügungen. Der Fast- und Trauertag in Wilna ist in allen Synagogen und Lehrhäusern unter Abhaltung von Droschaus, die zur Tschuwoh aufrtefeu, begangen worden. Bor Gott, dem Allmächtigen, darf und will die jüdische Gesamtheit gewiß die in geheimnißvoller Tiefe verwurzelte sittliche Verantwortlichkeit für sine entarteten sich mit Tränen, ich weinte buchstäblich, mein Herz schlug höher und rascher, und ich begann die beiden meines Volkes zu empfinden. Aber noch immer wurzelte dieses Gefühl nicht lief genug in meinem Herzen. Wie Parsifal mußte ich erst durch das Mitle'd geläutert werden. Die Revolution verschlug mich nach Polen, wo ich zun, ersten Male in meinem Leben mit eigenen Augen sah, was es bedeutet, Jude zu sein. Ich vergaß ganz, daß ich der Günstling der russischen Opernbesucher war, daß ich auf derselben Bühne mit Schalsapin, Smirnow und Sobinow gesungen habe, ich vergaß meine Triumphe beiin Jubiläums feste des Konservatoriums; mein Auftreten in „Samson und Delila", das mir so viele Erfolge brachte, »rar meinen Augen und meinein Sinn enischwunden, ich war nichts als Jude, einer von den gehaßten, verfoigren Wanderern dieser Erde. Damals reifte in mir der Entschluß, an der Verwt»kiichung des Traumes Golinkins mitzuarbeiten. In Warschau besuchte ich zum ersten Male das jüdische Theater. Hier vertiefte sich mein Gefühl für die Leiden meines Belkes, hier lernte ich auch die Macht der Liebe des Juden für die Kunst, aber auch die große jüdische Kraft des Ausdrucks und des Gefühls kennen". Atimow sch.ldert dann seine Triumphe in Polen und F ankreich und die vorzügliche Ausnahme, die er in der anierikanischen Presse anläßlich seines eisten Auftretens in der Carnegie Hall gesunden Hai. (Abessinier und Juden). Unter dieser lieber, schrist brachte die Rr. 3 des „Israelit" die Mitteilung, daß sich in Jerusalem zur Zeit eine Gesandtschaft dieses afrikanischen Staates aushalte, die der jüdischen Kolonisation besonderes Jntereste entgegenbrmge und auch darauf hinwteS, daß sich das abrssinische Volk seiner Abstammung nach für einen jüdischen BolkStei! hält. Söhne des jüdischen Stammes nicht ablehnen, die heute in Rußland die Brandfackel ln das - Heiligtum des jüdischen Gesetzes zu schleudern sich unterfangen. Aber wer unter den einigermaßen vorurteilsfrei denkenden nichtjüdischen Politikern und journalistischen Wort, führer dürfte es fortan noch wagen, den Bolschewimus als solchen jüdisch zu nennen, wenn keine Gruppe innerhalb der von der bolschewistischen Seuche hetmgesuchten Länder so vernichtend von den Folgen dieser geistigen Erkrankung getroffen wird, wie gerade Juden und Judentum? Der Schulzwang in polen. Zwei Probleme sind es vor allem, deren Lösung heute von entscheidender Bedeutung für die künftige religiöse Geistesverfassung der jüdischen Massn in Polen und damit der jüdischen Gesamtheit sich erweisen wird: Die Sonntagsruhe und der Schulzwang. Greift die erstere Frag? unmittelbar in die praktisch-religiöse Lebensführung von Millionen treugesinnter jüdischer K ivfleuie ein, so wird das Schicksal der Heranwachsenden Generation sehr wesentlich davon abhängen, daß ein möglichst großer Teil der Kinder vor den verheerenden Folgen des Besuches polnischer oder modern zionistischer, bezw. sozialistischer Schulen geschützt wird. Dies kann nur geschehen, wenn es gelingt, dem C heb er und der Talmud Thora die staatliche Anerkennung zu sichern, sodaß der Besuch dieser traditionellen jüdischen Schule als Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht gilt. Die Sorge um das Cheder war es ngenll'ch, die vor nunmehr 6 Jahren die deutschen Vertreter der „Agudus Israel", die viel vervehmten „deutschen Rabb nee" Dr. Kohn und Dr. Carlebach nach Pclen fühivn, in einem Augenblicke, als der damulige, inzwischen sicherl'ch zu anderen Gesinnungen gelangte deutschjüdische Referent der Verwaltung sich sehr geneigt zekte. im Namen der Hygiene und der „jüdischen Lebenskraft" dem Cheder das Lebenslicht auszublasen. In den letzten Tagen lat nun der Vizeminister Lapuschinski einem Vertreter des Polnischen „Kmier Warschwsk»" Erklärungen abgegeben, die recht erfreulich lauten und die Hoffnung berechtigt erscheinen lassen, daß d e gegenwärtige po'nische Regierung einsichtig genug sein wird, um den Chadorim und Talmud Thora-Schulen bet Erfüllung gewisser Minimalsorderungen die staatliche Anerkennung a's Volksschulen zu gewähien. Der Minister sagte: „Wenn diejenige Gruppe der jüdischen Bevölkerung, die an den Chadorim festhält, sie so reformiert, daß sie die minimalen hygienischen, didaktischen uud In einem „Der Siaatsroman bet ken Juden" betitelten, bei Dr. I. Ktrscb, Bamberg, erschienenen Buche wird auf diese Auffassung näher eingegargen. Die Abessinier leiten ihren Ursprung von Manlich (Memlil), dem Sohne König Salomons und der Königin von Saba ab und behaupten, daß sie daher Juden seien, die mit Menelik, als dieser Je»usalem verließ, u»n sich dem Wunsche seiner Mutier folgend in K»0ch (Abeisinien) niederzulaffen, dorthin auswand.rten. Die Herrscher Abessiniens haben bei den verschiedensten Anlässen an dieser Fiktion festgehalten. Auch führe« sie als königliches Enblem einen springenden Löwen — das Sinnbild Judas —. Das Gittertor des der Königin von Abessinien gehöriaen Schlosses in Jerusalem — die Eoeline von Roihschlldsche Mädchenschule war mietweise darin rm'e> gebracht — ist ebenfalls mit diesem Löwen geziert. (Die Sterblichkeit der Juden). Eine Uebersicht über die Sterblichkeit unter den Juden gibt Dr. Salon»an in de» „Jewist Chronik". Bei einem Leben in noch so cnmiichen Verhältnissen ist sie stets geringer als bet den Nichtjuden. So ist das Verhältnis für Galizien für die Jahre 1897 bis 1900 van Geburten zu Todesfällen bet römischen Katholiken 13,5 : 42.6, bei Griechisch Katholischen 45,4 : 38,7, bei Juden 10,5 : 7,9, bei einem Bkvölkerungtzverhältnis von 48:12:11. In Preußen betrug die Sterblichkeit 1908 unter den Jntzrn 13 6, unter den Nichtjuden 17 9in Rußland 1905 14 (Juden) zu 30 übrige Bevölkerung. Auch unter der städtischen Bevölkerung bietet sich ein ähnliches Bild. Die Gründe hierfür dürsten sein: Wo immer, haben sich die Juden stet gehalten vom Alko- Holismus und danri weisen sie wesentlich weniger Syphilis auf. Endlich kommt ihr traditionelle» ' erzieherischen Forderungen, die die Regierung ohne Ausnahme an jede allgemeine Schule stellen muß, erfüllen, insbesondere hinsichtlich der Erlernung der polnischen Sprache und der Einpflanzung staatstreuer Gesinnungen, so wird die Regierung die Chadorim auf gleichem Fuße mit anderen Schulen behandeln"." Man darf sich nun zwar nicht darüber Häuschen,^daß es großer finanzieller M istte l ^und^ auch einer gewissen Energie bedürfen wird, um die hygienischen Verhältnisse namentlich in den zahlreichen privat en Chadorim zu bessern undeinzelne unfähige Elemente auszuscheiden, aber das ist eine Frage der praktischen Abführung und beeinträchtigt nicht den erfreulichen Charakter der Feststellung, daß grundsätzlich jedenfalls die Möglichkeit zur Rettung der bewährten altjüdischen Jugenderziehung in Polen gegeben scheint. Denn sowohl die Erlernung d°.r Landessprache, als die Pflege des Griftes hirgebungsvollster Staatsgesinnung sind von alters her die Bestandteile des jüdischen Erztehungsprogramms auch der äußersten Rechten. Vielleicht gelingt es bei geeignetem Vorgehen, mindestens für d'e Talmud Thora-Schulen und für größere Chadorim, die den staatlichen Minimalforderungen entsprechen, firanzielle Zuschüsse des Staates oder der Kam» mune zu erlangen, die im Verhältnis zur den Steurrleistungen der jüdischen Bürger stehen. Die dadurch herbeigeführte finanzielle Entlastung der jüdischen Gemeinschaft würde dann die allmähliche Weiterentwicklung auch derjenigen Chadorim möglich machen, die heute die staatliche Anerkennung noch nicht erlangen können. Man darf jedenfalls das Vertrauen haben, das die polnische „Agudas Jsrorl"dieser allerwichtigsten Frage für. die jüdische Zukunft des Ostens Tag und Nacht ihre ganze Aufmerksamkeit und Tatkraft widmen wird. Der polnische Staat aber darf überzeugt sein, daß er sich selbst, seiner inneren Consiftenz und der Harmonisierung der Beziehungen zwischen allen Schichten der Bevöl'erung dient, wenn er die konservativ jüdischen Anschauungen respektiert und ihnen den weitestgehenden Schutz angedeihen läßt. Aus der berliner Äeprüsenlanten- Versammlung. Die Milah als Barbarei. - Demissio« des KrankenhauSvorstandes. Werkin, 15. Januar. Ans der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde war in den lrtzlen Monaten nicht viel zu berichten. Die Beratung des Etats, der auf nicht weniger als 33 Millionen Familienleben u»»d ihre relativ höhere BNdungsstuf in Betracht. Eigentümlich ist es mit der Tuberkulose- Entgegen der Annahme, ist dec Jude ihr gegenüber widerstandsfähiger als seine Umgebung. So war die Sterblichkeit an Lungentuberkulose in Budapest 1901/05 süc Katholiken 41,15, für Juden 20.6. Für Wien 1901/03 (gesamte Tuberkulose): 49,6 pro Mille Katholiken, i7,n pro Mille Juden. Erklärung: Kein Alkoholismus und Aussterben der Empfänglichen auS früheren ungünstigen Verhältnissen, Net-erkebe« der Unempfänglichen. Sabbat-Anfang und Ausgang. rav- Ott: Anfang Datum Au-gang Uh» I Min 1i»2Sl 5683 | Uhr I'Mtn. Frankfurt a. M 4 50 2-i 28. 6 05 Berlin .... 1 40 Inn Teöet 5 29 München . . 5 - 5 49 Eöln. 5 or. 6 0-5 Stuttgart. . . - 5 58 Breslau ... 4 20 5 20 Nürnberg. . . 4 45 5 47 Hamburg. . . 4 41 5 41