Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1922)
- Date
- 1922-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450193--69500-2526677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 4 Enkel und Urenkel oft noch von den Resten religiöser Stimmungen ihr Leben fristen, die von den Großvätern geschaffen worden sind, und die nur in der Großväter Weltanschauung ihre legitime Begründung finden können. Aber einmal hören diese Fernwiikungen denn doch aul, und dann zeigt sich, daß es für keinen Schritt und Tritt im Leben einerlei ist, was einer über Gott und Weltenzweck, über Wel-substanz und Menschenbesttmmung für Vorstellungen in sich trägt. Am allerwenigsten einerlei aber ist der Charakter dieser Vorstellungen für unsere Frage. Die Anforderungen, die — nicht erst heute, aber heute in erhöhtem Maße — die Erziehung und Erhaltung zahlreicher Kinder an die sittliche, physische und wirtschaftlich; Kraft von Vater und Mutter stellt, sind so gewaltige, daß für den natürlichen Egoismus des Menschen nicht die Uebernahme, sondern die Ablehnung so ungeheuerer Lasten das Natürliche ist. Gesellt sich zu diesem Faktor nun noch der leiseste Zweifel an der Vernünftigkeit des ewigen Forlspinnens der Generationenreihen, erwacht die große Lebensangst, die natürliche Begleiterin jeder skeptischen Weltbetrachiung, und erweist sich die Betäubung durch Arbeit, die für das eigene Leben ganz gut sein mag, doch ungeeignet, um die Erzeugung immer neuer Sklaven eines sinnlosen Kulturprozeffes zu rechtfertigen — dann wird allmählich die Beschränkung der K nderzahl zu einem Programm, bei dessen Begründung sich egoistische und pseudosittltche Motive die Hand zum Bunde reichen. So ist die schwächer gewordene Triebkraft der religiösen Ueberzeugung der eigentliche Kern des modernen Kinderproblems, und. die religiöse Haltlosigkeit der neologen Juden, des Fehlen der alten sieghaften im Kreise selbst der noch Pflkchtgetreuen — sie. sind es, die uns mit dem Völker geschichtlichen Untergang bedrohen, und die mit erschütternder Gewalt die Kehrseite des alten Wortes Kirr Tö’ TllKl T’H in den Wirrwarr einer irrenden Zeit hineinpredigen. Nur lebendige Emunoh tm alten Sinn, di; Zuversicht in die Wahrhaftigkeit der großen Gottesstiftung, die wir Judentum nennen, in die Wahrhaftigkeit Gottes und seines Gesetzes, die Zuversicht in die Ueberlteferungstreue der großen Geister unserer Vergangenheit und in die Zukunft, die uns öerheißen — nur Emunoh allein kann uns, kann unseren Frauen vor allem den Mut geben, all dem, was unsere Weisen zusammenfaffend “U% D’» SlU die „Not der Kindererzeugung und -Erziehung" nennen, mutig ins Auge zu schauen. Emunoh allein, in diesem umfassenden Sinne gebraucht, lehrt nicht nur in jeder neugeborenen Menschensprosse ein Sammkorn der Ewigkeit MM a Das Werden der-Erlösung. (&»ua Wochenabschnitt) Der Midrasch bemerkt za dem Satze t Tita p1? "Tnpy. ’iAxm "w 'nwm 'n ’jnS. folgendes: „Das Wörtchen p^ bedeutet einen Eid - schwur; Gott hat seinem Volke in diesem Augenblicke die endliche Erlösung zugeschworen und dabei vier „Erlösungen" verheißen, denen die vier Becher Weines am Sederabend entsprechen. Und dies ist der Sinn des Prophetenwortes: Den Becher der Hetlesverheitzungen werde ich ein st erheben und im 9! amen Gottes werdeich ein st ve rk ün den." Der Dubnoer Magid erläutert dieses Midraschwort durch folgendes Gleichnis: Zu einem berühmten Arzt kam ein schwer leidender Patient, der über eine Fülle "von Schmerzen und Gebrechen jammerte und um Heilung flehte. Der Arzt erkannte^bei der.Untersuchung'sofort, dah alle mannigfaltigen Beschwerden des Kranken auf eine tiefliegende Krankheitsursache zurückzuführen seien, die zu beheben aber erst nach Ablauf einer längeren Zeitperiode möglich sein werde. Um den Kranken jedoch nicht bis dahin Der Israelit. erblicken, sondern erweckt auch jene vielleicht nur in der jüdischen Ethik ausgebildete erhabene Vorstellung, die jüdische Eltern auf jedes künftige Kind als den Träger einer neuen Individualität erwartungsvoll ausschaukn läßt. Weiß ja keiner, welcher drr verschiedenen Individualitäten, die er seine Kinder nennn wird, die höchste Förderung der Gotteszwecke aus Erden vergönnt sein werde, d.m ältesten drr Reihe oder dem. jüngsten.- Sind wir uns darüber klar, daß der Kern des Problems in den tiefen Gründen des religiösen Bewußtseins liegt, daß also auch nur von dorther eine durchgreifende Gesundung erfolgen kann, dann darf daneben der zweite große Faktor nicht vergessen werden, der fördend und hemmend eine g-waltige' Wirkung entfalten kann, die öffentliche Meinung. Selbst in den Kulturländern des Westens, in denen den Juden das soziale Leben der Gesamtheit in der Theorie offen, steht, bilden sie doch mehr oder minder einen abgeschlossenen Gesellschaftskreis, und es haben sich zu den von alters her vorhandenen Organen religiösen Charakters grade in den letzter-Jahrzehnten unter dem Etnstuß des Antisemitismus tausend neue Fäden gesponnen, die überall eine spezifisch jüdische „öffentliche Meinung" als unleugbare Tatsache erkennen lassen. Innerhalb dieser allgemein jüdischen „öffentlichen Meinung" hat sich nun zwar tm letzen Jahrzehnt diese oder jene Stimme vernehmen lassen (Hans Goslar!), die aus dem Quell der alten religiös-jnAschen S xualethtk einer entarteten Zeit den Hültrunk zu reichen versucht. Aber wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß die Gegenwirkungen zu stark sind, als daß solche Medikamente zweiter Hand durchdringen, könnten. Nur eines kann helfen — und nach dieser Richtung schein:» uns Ansätze zur Besserung vorhanden zu sein: die Schaffung einer mehr oder minder geschlossenen religiös-jüdischen d. h. talmudtsch-jüdischen Erziehungs-Atmosphäre. Wenn jüdische Gemeinden oder Gemeinschaften in Deutschland erstehm und erstarken, in denen bewußtermaßen der Geist des altjüdischen Lernens die Jugend ergreift, ihre beste Geisteskraft beansprucht, die Erwachsenen mit hinein zieht in diese wieder lebendig w'erdendeWelt des Geistes, wenn durch oft jüdische Einwanderung eine qualitative und quantitative Stärkung dieser Renaissance- Bewegung erfolgt (wobei natürlich auch den Eingewandeaten mancherlei hochwertiges sittliches Gut aus dem Besitzstand des deutschen Judentums der Verzweiflung zu überlassen, gab er ihm allerlei Heilmittel und tröstete ihn also: Nimm diesen Trank, so wird Dein Kopfschmerz verschwinden, jenen, so wirst Du besser schlafen können,' die dritte Arznei soll Dich von der Mattigkeit Deiner Glieder befreien, die vierte Dein klopfendes Herz beruhigen. Endlich aber sei dessen sicher, wirst Du gefunden, sobald die Zeit gekommen ist. So sind alle Stadien der Befreiung, Rettung, Erlösung und Erwählung aus dem egyptischen Golus nur Vorzeichen und Gewähr für die Herrlichkeit jener endlichen vollen Erlösung, die Israel mit der Gesamtmenschheit am Ende der Ze-ten winkt, und für deren Eintreffen der lebendige Gott, ‘n, dem die Zukunft gehört, sein Wort und seinen Willen mit der Unerschütt^rlichkeit eines Etdschwures eingesetzt hat: 'n ,rr>' "zb tiöx p*?. Kleines Feuilleton. Die Wandlung zum Inden. Ein Redakteur der New Zjorker „Jewish Tribüne" hatte eine Unterredung mit dem ehemaligen Hossänger an der kaiserlichen Oper in St. Petersburg, Alexander A k i m o w, der gegenwärtig in Amerika große Triumphe feiert. Akimow schildert das Leben der jüdischen Mitglieder der kaiserlichen Oper und erzählt unter anderem : „Wir jüdischen Mitglieder d'r kaiserlichen Oper hatten überhaupt nicht die Empfindung, daß wir Juden seien. Was kümmerte uns, die wir die Günstlinge des Schicksals in jener rauschenden und schäumenden Zeit 26. Januar 1922. tm Austausch zu geben ist) — dann läßt sich für die in solcher Atmosphäre atmende junge Generation ein neuer jüdischer Impuls auch auf dem sexualethischen Gebiete sehr wohl erhoffen. % Freilich, die gröberen Faktoren, die den Auflösungsprozeß der deutschen Judenheit an ihrer Peripherie beschleunigen, nämlich Taufe und Mischehe, können von keiner Zusammenballung und seelischen Judaisierung gesetzestreuer Gemeinden und Gruppen wetigemacht werden — hier muß man sich schon auf die Konzentrationsbestrebungen der liberal gerichteten Kreise, des Zentralvereins, der L gen, des Zionismus verlassen, denen hier eine hehre g'schichtliche Mission Vorbehalten bleibt. Aber grade dort, wo diese Kräfte am wenigsten wirksam sein können, tm innersten Heiligtum der Familie und in den seelischen Tiefen des religiösenBewußtseins, dort kann und wird die Rückkehr zur Thora, die sich anbahnende bewußtePfleged es alt jüdischen Geisteslebens in geschlossenen Gemeinschaftskreisen ihre heiligende Kraft im nächsten Dez°nnium bewähren. Daß Teilhaber, so sehr er für die Vergangenheit von der wunderwirkenden Kraft der jüdischen Ethik durchdrungen ist, an ein Wiederaufleben ihrer historischen Macht über die Seelen, m tten in der Kulturwelt nicht glaubt und dafür am Schluß lediglich die Palästina-Hoffnungen der Gegenwart als Ersatz an den Nachthimmel zaubert, ist von seinem Standpunkte auS natürlich. Wir glauben umgekehrt, daß auch ein zum mütterlichen Boden seines Landes heimgekehrtes Israel dem Geburtenrückgang und der biologischen Entartung nicht entgehen könnte, wenn es sich dort den auftösendeu Tendenzen der modernen Kultur in die Arme wirft und auf das einzige Lebenselixier verzichten zu können glaubt, das der Vater der Menschheit ihm als ewige Bedingung seiner nationalen und individuellen Existenz mit auf den Weg gegeben, auf Gotte; Gesetz und das geistige Aus geben in seiner Lebensle hre. Wochennmdschau. Ser bolschewistische Terror in Rußland. Durch die allgemeine und einen Teil der jüdischen Presse geht seit einigen Wochen eine romantische Geschichte, die zwar den Stempel des Märchenhaften an sich trägt, aber nichtsdestoweniger immer weiter gedruckt und verbreitet wird. Danach habe der Vater Trotzkis, alias Bronstein, bei den „Rabbinern" die feierliche Ver^ des Zarentums und des zaristischen Hoflebens waren, das jüdische Problem, das außerhalb unserer Sphäre die Welt erschüttern mochte? Das Leben floh uns ruhig und ohne Trübsal dahin. Man war glücklich, nach jahrelanger schwerer Arbeit und strenger Disziplin am Konservatorium endlich einmal ein Plätzchen.an der Opernbühne erfochten zu haben, und wir empfanden es als ein übericdüches Glück, Mitglieder dieser hervorragenden- Kunststätte geworden zu sein. Wenn mit Juw len beladene Hände zarter Frauen uns stürmischen Applaus Haschtenwas focht es uns Juden auf dieser Bühne an, daß die Männer, Brüder und Liebhaber, dieser Frauen, die diese Hände kühlen, auherhalb des Hauses nahezu die Hälfte unseres Volkes ohne Gewissensbisse und ohne Erbarmen unterdrückten und quälten? Doch plötzlich trat eine Aenderung in meinen Gefühlen ein. Es »mr an einem Pessachiage. Meine Mutter hatte Besuch. Unter anderen waren der grohe jüdische Dirigent Golinkin und der Regisseur der kaiserlichen Oper, der getausie Jude Tariakow, erschienen. Im Gespräch erwähnte ich zu Golinkin, dah ich einige jüdische Lieder und Gesänge habe, welche bisher noch niemals öffentlich gelungen wurden. Hierauf entwickelte mir Golinkin seine Pläne über Palästina und über die Errichtung einer Gartenstadt für Künstler. Golinkin veranstaltete in Petersburg Vorstellungen zugunsten seines Projekts und da tauchte die Frage auf, ob rLcht der beliebte Schaljapin an einem dieser Vorstellungsabrnde die von mir bezetchneten jüdischen Lieder voriragen könnte. Schaljapin gehörte zu den intimsten Freunden Golinkins und erfüllte seine Bitte. Nie >n meinem Leben vergesse ich jenen herrlichen Abend und den auserlesenen Genuß, den Schaljapin, der Christ, mit dem Vortrage meiner kleinen jüdischen Lieder den Zuhörern bereitete. Meine Augen füllten