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Der Israelit · 1922-01-19 · Heft 3 (19.1.1922) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 3 (19.1.1922)
Date
1922-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Zuriickgekehrt. Eine chassidisihe Geschichte von I. G. Jakob Zewi, der Großkaufherr, dessen Gallionen vom goldenen Byzanz bis nach Venedig segelten, dessen Gedanken jedoch nur aus Mehrung seines Reichtums und nicht auf den Schöpfer alter Dinge gerichtet waren, saß einsam, müde und versonnen, das Haupt in die 5)and gestützt, in seiner Schreibstube am Ponto und blickte in das golden flirrende Abendrot über oem Meere und auf die rostfarbenen Segeltücher der heimkehrenden Fischerboote. Seit einiger Zeit fiihlte er, wie er alt geworden war, die Hände zitterten ihm oft, die Augen erkannten nicht mehr die Schriftzüge auf den Pergamentrollen, die Nachrichten von der glücklichen Heimkehr seiner mit allen möglichen Waren beladenen Karavellen erfreuten ihn nicht mehr; — nutzloser Tand dünkten ihm seit kurzem alle Kostbarkeiten, die sich in seinen Gewölben häuften. — Und er gedachte seiner Jugendzeit und seiner Heimat im Norden: Bunter Herbst leuchtete wohl jetzt über Kitow am Czermogia, wo er in Armut und Dürftigkeit seine Jünglingsjahre verbracht hatte. — Ueber ihn kam eine seltsame Sehnsucht nach den längst versunkenen, halb vergessenen Zeiten, da er den Worten seines geliebten Lehrers, des großen Rabbi B a a! - Schem, gelauscht hatte. Bald würde man in dem lieben, kleinen Städtchen wieder beginnen, die großen Tage zu feiern, die Tage der Gnade; ans allen Dörfern zogen dann die Juden dorthin, um in inbrünstiger Erhebung der betenden Gemeinde vor Gott zu stehen. Mid Jakob sah im Geiste die Wagen vorüberrollen, sah tausend Andächtige darin in Festgewändern, die dem Tage der Erneuerung entgegeneilten, dem Tage, da sie mit dem Rabbi beten durften .... Und während draußen im Garten die Reseden balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren ruhevollen Gang antraten und das Murmeln des sich verdunkelnden Meeres, leise herarrfdringend, zur Seele sprach, wurde das Ohr Jakobs hell und wach. Die Stimmen des Jugendlandes drangen zu ihm; sie langten an sein Herz und weckten es auf; ihm wurde klar, daß er sich aufmachen müsse, um ihn einmal wiederzusehen, den großen Meister, dessen Ruhm die Welt erfüllte, und von dessen Leben und Wirken die Wanderer, die über die Alpen zum blauen Meere hinunterstiegen, wundersame Mären erzählten. Wieder wollte er weilen an der Stätte, da er in Israels heiligen Büchern gelesen hatte. Jakob gab Anweisungen für lange Abwesenheit und ordnete alle seine Verrichtungen; daun wanderte er zuerst mit einer Reisegesellschaft, schließlich ollem, über den rauhen Gebirgspaß. Traurig, aber aufrecht verließ er das farbenstrahlende Sonnenland, und nach längerer Reise langte er in der alten Donanstadt an. Der Mond hatte schon fast einmal gewechselt, als der einsame Wanderer zu dem dichten Walde kam, oer ihn von seinem Ziele trennte. Und wie er durch den Wald fürbaß strich, hörte er Pferdegetrappel hinter sich; festlich gekleidete Juden waren es, die in einem mit Tannengrün geschmückten Leiterwagen nach Kitow fuhren; ein altes Volkslied sangen sie, das der grauhaarige Mann einst als Kind oft gehört hatte; ihm wurde ganz wunderlich zumute, er erinnerte sich gut der alten Weise und sang sie leise mit. Hoch stand der Mond am Himmel, als die Bäume sich lichteten. Do lag das Städtchen, malerisch in ein sanftes Tal geschmiegt, überragt von dem hochgewölbten Gotteshaus, über dessen Tor das Mögen Dovid leuchtete. Im Hanse des Baalm Ar. 3 der Schein brannte noch. Licht. Eine Zeitlang stand Jakob unbeweglich da, von Erinnerungen und Trauer überwältigt, dann schritt er zum Häuschen seines einstigen Lehrers. 'Durch die Fenster sah er den 'Greis bei Lampenlicht über alten Büchern sitzen. Als er an den Garten kam, schlug der Hund an. Er klopfte an die Tür. „Komm nur herein, Jakob Zewi!" rief es von drinnen, „ich wußte, daß Du kommen würdest!" Von maßlosem Staunen ergriffen, öffnete Jakob die Tür, und der Meister trat ihm entgegen, als sei Jakob erst vor kurzem und nicht vor vielen Jahrzehnten von Kitow fortgegangen. Der Greis gab ihn: die Hand, strich ihm über ' die Stirn und sah ihn prüfend an. „Bist lange, lange fortgewesen!" Jakob brachte kein Wört hervor. — Der Rabbi war sehr verändert. Sein Rücken war gebeugt, sein Gesicht, von silberschimmerndem Bart umrahmt, war verfallen, aber als der einstige Schüler den Ehrwürdigen anblickte, gewahrte er das alte heilige Leuchten auf dem geliebten Antlitz. Plötzlich fühlte Jakob, wie ihn: die Augen feucht wurden. Der Alte nahm ihm den Pelz von der Schulter, bewirtete ihn und führte ihn in das' große Gastzimmer unter dem Giebel. — Wie vor vielen Jahren schob er ih-m das Gebetbuch in die Hand und sprach mit ihm das Abendgebet; ein Gefühl brennender Scham überkam Jakob, daß er so lange Zeit nur an seine Schisse und Waren und nicht an Gott gedacht hatte. Der stetig sich verändernde Einwechselungssatz umbrischer Zechinen war ihm wichttger gewesen als das heilige Gesetz, nach dessen geistigem Besitz Au streben einstmals sein höchstes Ziel gewesen war! Als sie gebetet hatten, ließ ihn der Rabbi allein, aber trotz großer Müdigkeit konnte Jakob nachts nicht schlafen; hier an der Stätte eines früheren, besseren Seins dünkte ihm der Inhalt seines Lebens, das er im. Süden geführt hatte, hohl und schal; er fühlte eine große Verlassenheit und fand sich leer und bar in seiner Seele, wie die fortgeworfene Schale einer Frucht ohne Säst und ohne Süße. Er sah sich im Zimmer um; als er an der Tür die Mesuso sah, im Wandschrank den mächtigen, siebenarmigen Leuchter und den reichverzierten, oben in einer Krone zusammenwachsenden Gewürzbehälter, von dem noch ein leiser Duft ausging, umfingen ihn wieder alte Erinnerungen. 'Diese Gegenstände waren in seinem Wohnhause am levantinischen Hafen nicht zu finden! In aller Frühe stieg er hinunter ins Wohnzimmer, und in Gemeinschaft mit dem Baal- Schem umschlang er Haupt und Arm mit den Gebetriemen, wie er als Knabe getan hatte. Ein goldenklarer Herbsttag mit tiefblauem Himmel sonnte sich über dem kleinen Städtchen und leuchtete seinen Bewohnern. Jakob begleitete den Rabbi bei allen Gängen; — in ihm war ein freudiges Verwundern darüber, daß sein Lehrer mit keinem Worte nach seiner Vergangenheit fragte; — ein mildes, verstehendes Lächeln nur spielte um den Mund des Meisters. Am Abend, nachdem Jakob mit dem Barl- Schem aus der Synagoge gekommen war, saß er noch lange grübelnd und sinnend in seiner Giebelstube. Volles Mondlicht füllte den Raun:. Es war schon sehr spät, als der Rabbi noch zu ihm hereintrat. „Kannst 'Du Dich noch erinnern, Jakob?" fragte er ihn und zeigte ihm ein vergilbtes Blatt Papier. Jakob mußte lächeln; es war ein altes Bild, das Josef Pirkes, der Maler und der kunstsinnige Erbauer des Gotteshauses, einst von ihm gezeichnet hatte, und das der Meister wohl als Andenken aufgehoben hatte. Mer Baal-Schem lächelte sonderbar, stellte - „Zsraellt". das Bild auf den Tisch und strich seinem Schüler wieder gütig Wer die Stirn. Dann ging er hinunter. Oben war es nun ganz still. Die Kerze war heruntergebrannt und verlöscht. Jakob saß auf dem Bettrand und starrte auf das alte Bild, das der Mond in sein magisches Licht getaucht hatte. Er erblickte sich, wie er einst ausgesehen hatte, — jung, begeistert, gottestrunken, lernbegierig, das Haupt voll schwarzem, lockigem Haar. Dann fühlte er, wie ihm die Lider schwer wurden, liitb wie gboße Müdigkeit auf ihm lastete. Er wußte nicht, wie lange er so dagesessen oder gelegen hatte. Da — was war das? — Welch seltsamer Zauber trieb seine Possen mit ihm?! — Sein Bild auf dem Tische, sein einstiges Ich, wurde auf einmal lebendig, wuchs, nahm Gestalt von Fleisch und Blut an und setzte sich traurig lächelnd zu ihm. — „Ei, sieh ba! — Jakob, bist Du auch einmal zurückgekehrt? — Mit aller Inbrunst habe ich danach gerungen, die göttliche Lehre in mich aufzunehmen, nach innen zu leben und nicht nach außen! Dem großen Meister unten wollte ich nacheifern, um fromm, gütig und wissend zu werden, wie er! — Und Du? — Ich glaube, Du tatest vieles, was Tu eigentlich garnicht tun mußtest. War es notwendig, daß der Erwerb von Gut und Gelo nur Deine einzige, rastlose Sorge bildete? — Was Latest Du, um das Gottesgeschenk zu erlangen, das nur die Begnadeten verdienen? — Bald wird der Tag kommen, an dem Deine Asche sich mischt mit dem Staube von anderen! Lebtest Du .so, daß Du morgen ruhig für immer von hinnen gehen könntest?" — Plötzlich schlug einer Flamme gleich die Reue in Jakob empor, er begann zu tveinen und erwachte davon, — das alte Bild auf 'dem Tisch stand unberührt da, wie es der Meister am Abend zuvor hingestellt hatte. — Die Nacht war vorüber. Auf der Treppe draußen hörte er die Tritte des Baal-Schem, der ihn zunr Gottesdienst abholen kam. „Rabbi!" rief Jakob klagend — und er beugte sich nieder und begann zu schluchzen, „viel Schuld Habe ich an mir erschaut, falsch und verfehlt tvar bisher mein Leben, nur ein eitles Haschen nach Wind, ohne Sinn und ohne Ziel! — Und nun ist es zu spät, um zu sühnen!" Mer der Baal-Schem hob ihn empor, zog ihn liebreich zu sich heran und wies durch das Fenster auf den Himmel, an dem das erste Morgenrot erglomm. Leise tröstend sprach er: „Der Tag bricht an! — Es ist iroch nicht zu spät! Ein neues Leben sollst Du fortan führen. — Ein neues Leben! Kleide Dich! ferttg an, komm mit mir beten, mein Sohn und verzage nicht!" Don Heinrich Siustädter. Eigentlich verdiente Adolf diese Bezeichnung nicht. Er war ein ganz gutmütiger Bub, aber etwas schlauer als die meisten und stets aufgelegt zu harmlosen lustigen Streichen. Seine Kameraden die mit ihm die Dorfschule besuchten, hatten ihn gern, denn er war ihnen gefällig und hatte die besten Einfälle, wenn sie miteinander spielen

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