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Der Israelit · 1922-01-19 · Heft 3 (19.1.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 3 (19.1.1922)
Date
1922-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4, Nr. 3_ täten, die alle Erzählungen -ans dem Mittelalter weit hinter sich lassen. In einer Gemeinde ftitb 347 Männer von Pferden zertreten, die Frauen in den Dnjester geworfen worden. In anderen Gemeinden sind die Männer und ein großer Teil der Frauen lebendig begraben worden. Schiss nach Schiss ist auf dem Dnjester angeharterr und Hunderte von jüdischen Passagieren über Bord geworfen worden. Es gibt Gemeinden, in denen alle jüdischen Einwohner, Männer, Frauen und Kinder vernichtet worden sind, andere, in denen die Juden in den Synagogen Zuflucht suchten, und die Synagogen wurden durch Feuer zerstört. Sir Horace Rnmbold, der englische Gesandte in Warschau hat dem Foreign Office geschrieben, daß hinsichtlich der Gründlichkeit der Ausrotrung die Massaters in der Ukraine nur mir beit armenischen Massakers durch die Türken verglichen werden können. Was war der Kischinewer Pogrom, wo etwa 50 .Juden ihr Leben verloren, gegen die ukrainische Katastrophe und doch hat die allgemeine Presse, abgesehen von den jüdischen Blättern, über diese furchtbare Katastrophe kaum ein Wort verloren. Was bisher an Hilfe geleistet worden ist, sei minimal, wenn es auch das jüdische Herz erfreut, aus allen Ländern der Erde Kundgebungen der jüdischen Menschenliebe in mehr oder minder großen Gaben zu empfangen. Genaue statistische Ziffern seien schwer zn erlangen, aber es seien etwa 600 000 obdachlose Kinder in der Ukraine dein Hunger .und der Kälte preisgegeben. Es seien darunter 150 000 Waisen, 35 600 Doppelwaisen, sodaß eine ungeheure Aufgabe vor uns steht. Nur durch Zusammenfassung aller Kräfte könne diese Ausgabe teilweise gelöst werden. Der Oberkommissar für Osteuropa beim Völkerbund, Tr. Nansen, habe sich bereit erklärt, seine Dienste zur Verfügung zu stellen und ivenu alle europäischen Organisationen Kusammenwirktcn, dann könne die jüdische Adildtätigkeit vielleicht auch dieses unendlichen Ozeans von menschlichem Weh Herr werden. Dr. Jochelmauu berichtete über die Tätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Jahre. Es sind im ganzen 32 000 Pfund und zusammen mit bent Werte der Kleidungsstücke 40000 Pfund gesammelt worden. Diese Sammlung erstreckte sich im wesentlichen ans England, Südafrika, Kanada, Australien und Neuseeland. Kleinere Summen sind ans Spanien, Portugal, China, Indien und Palästina gekommen. Das Geld ist nicht in Spenden von tausenden von Pfund von den Reichen gegeben worden, sondern von! tausenden jüdischer Seelen in allen Klassen der Gesellschaft, arm und reich, Käufleuten und Arbeitern. Ungeheure Schmierigkeiten bereitete die i Anwendung und Verteilung der aufgebrachten? Gelder. Ebenso wie das amerikanische Hilfskomitee mußte sich auch das englische infolge der unj günstigen Berichte über die Sicherheitsverhält- I nisse in Sowjet-Rußland und der Ukraine entschließen, blutenden Herzens die Sendungen von Lebensmitteln und Kleidern über Rn Wand ein-- zustellen, weil keine völlige Garantie für die richtige Verwendung gegeben werden konnte. Indessen boten die vielen Zehntausende ukrainischer Flüchtlinge, die sich, aller Hilfe bar, in der polnischen Ukraine und Litauen finden, ein allzu reiches Arbeitsfeld für die Gesellschaft dar. Man kleidete die nackten Kinder der Flüchtlinge in Polen und Beßaräbien, stand ukrainischen Studenten in Berlin, Wien und Prag bei, rettete in Litauen verhungernde ukrainische Waisenkinder und unterstützte auch die Uebersied- Imiß ukrainischer Chaluzim nach Erez Israel. Was die Znkunftsarbeit anbetrifft, so sei hier vor allem die. wichtige Entscheidung der Sowj etregierung ins Auge zu fassen, durch die gewissen Kategorien von Flüchtlingen die Auswanderung aus Rußland gestattet und den Vertretern des Hilfskomitees der Eintritt erlaubt wird. Auch sind jetzt Briefe und Pakete zugelassen. Jetzt gälte es erneut, direkte Hilfsexpeditionen nach der Ukraine unter zuverlässiger Aufficht zu nnter- Der JSraettt. nehmen. Diese Hilssexpeditionen müßjten vor allein Nahrung und Kleidung Der sich! führen, ferner auch Handwerkszeug für Handwerker und tandwirtschastliche Maschinen si'ir die jüdischen .Kolonien in der Ukraine, die ungefähr 150000 Seelen ernähren können und die der Stolz der russischen Judenheit war. Gleichzeitig müßten alle Mittel angewandt werden, um eine gesetzliche Auswanderung aus Rußland zu organisieren, wobei der Redner allerdings nicht sagen konnte, wohin diese Auswanderung gelenkt werden solle. Die dringendste Notwendigkeit der Stunde sei das Zustcmdekonnnen einer großen jüdischen Emigrationsbank, wozu die englische Hilfsgesellschaft 5000 Pfund beisteuern werden, wenn andere Organisationen weitere 15 000 Pfund ausbriugen. .Herr S. Goldenberg unterbreitete formulierte Vorschläge für den Zuscnnmenschluß der aus dein Gebiete der Hilfstätigkeit und der Emigration in England tätigen Gesellschaften zu einem nach dem Borbilde Amerikas zu bildenden British Joint Distribution Comittee. Tie vorgelegten Resolutionen, die sich im Sinne der dargestellten Anregungen der Referenten bewegten, fanden einstimmige Annahme. Möchte es der Tatkraft Dr. Jochelmanns gelingen, sic auch zur Ausführung zu bringen. (Korrespondenzen u. Nachrichten Deutsches Reich. vplionsrsckif Mr ehemals geulsctie Bürger in Polen- Werkirr, 12. Janna^. Die vor kurzem veröffentlichte Optio nso r d n u it g gibt allgemeine Bestimmungen für die Ausübung des Opttonsrechts in Polen. Ergänzend veröffentlichen jetzt das preußische Ministerium des Innern sowie die betressenden Landesbehörden Weisungen, ans denen hervorgeht, daß für Entgegennahme der Optionserklärung die höheren Verwaltungsbehörden sin Berlin der Polizeipräsident, im übrigen Preußen die Regierungspräsidenten) zuständig sind. Im Ausländ, auch in den an Polen abgetretenen Gebieten, nehmen die deutschen diplomatischen Vertretungen und Bernsstonsulale dieOMonserklärnngeit eittgegen. Danh für Toieran?. Merlin, 3. Januar. Das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin fühlte sich bemüßigt, den im Hause liegenden russischen Kranken eine Weihnachtsfeier, mit Liedern, Bescherung und allem, was dazu gehört, zu veranstalten. Man kann also nicht sagen, daß es die Direktion des Krankenhauses an Toleranz fehlen ließ, man wird im Gegenteil feststellen müssen, daß sie den Begriff der religiösen Toleranz weiter ausdehnt als es einer jüdischen Anstalt, die von jüdischen Kultussteuergeldern erhalten wird, ziemt und zuträglich ist. Npn wird dem Krankenhause der Dank votiert und zwar in der „Deutschen Zeitung" vom 1. Januar 1922 in der Form eines perfiden Angriffs auf Krankenhaus, Gemeinde und Judentum überhaupt. Selbstverständlich fehlten dieser Neujahrbotschaft der „Deutschen Zeitung" auch die Synthese vom jüdischen Bolschewismus nicht. Denn wie ließe sich auch sonst der Connex zwischen Inden, Russen und Weihnachtsfeier Herstellen? Beim blauen Dampf des Stlvefterp anfches sieht der Berichterstatter der „Deutschen Zeitung" die Rotgardisten, die im jüdischen Kranken- 19. Januar 1923 Hause ihre bolschewistische Weihnacht bet revolutionären Liedern feiern. Eine willkommene Stütze fand allerdings das antisemitische Blatt in einem scheinbar sehr phantasievollen Berichte der „Roten Fahne" über diese Weihnachtsfeier im jüdischen Krankenhause. Die Direktion gibt aber bekannt, daß von den vier Kranken zwei überhaupt nicht der Roten Armee angehört haben und die beiden anderen zwangsweise in die Rote Armee eingeretht worden sind. — Das wird schon stimmen. Was aber nicht stimmt, das ist, wie schon bemerkt, daß eine jüdische Anstalt, die wahrlich heute andeer Sorgen hat, kirchliche Feierlichkeiten veranstaltet, die den Dank in der geschilderten Weise erwarten ließen. Die Tagung 9er Liberalen Bereinigung. Wresta«, 10. Januar. Die hier stattgehabte Tagung der „Vereinigung für das liberale Judentum" war im wesentlichen von den Referaten der liberalen Rabbiner beherrscht. Dr. Seligmann-Franksurt sprach über lebendiges Judentum, Frau Ollendorf-. Breslau über die Rolle der Frauen im liberalen Juden- Otiu. Ein religiöses Thema behandelte in der ihm eigenen anziehenden Form Dr. Baeck-Berlin, während Dr. Salzberger-Franksnrk die Fragen des Resorm-Gottesdienstes zum Gegenstände seiner Ausführungen machte. Seinen allzu konlervativen Ideen traten andere, radikaler gestimmte MitgAeder der .Versamntlung entgegen. Eine Kommission soll neue Vorschläge für die Formen in der liberalen Synagoge ausarbeiten. Cs wurden außerdem noch Referate über die liberale Jugendorganisation und über die Gemeinde-Politik des liberalen Judentums gehalten. tleffifche Reiigionsiehref. Parmstadt. 1l. Januar. Der Finanzausschuß des hessischen Landtags trat am 10. Januar zusammen, um einige größere Regierungsvorlagen in Angriff zu nehmen. Eine Vorlage betrifft die gesetzliche Neuordnung der Besoldung, Ruhegehalte und Hinterbliebenenversorgnitg der mit den Rechten der Volksschutlehrer angestellten i s r a e l i t i s ch e n R e I i g i o it s l e h r e r. Daneben kommen noch einige kleinere Sachen zur Verhandlung. Qteftevveidj* Die Sfreihfiimmung in LDIen- Wie», 13. Januar. Tie Lohnbewegung der Genteindebeamten hat noch keine Lösung gesiutden. Inzwischen haben sich ihr auch alle Vereins r ab bin er mit der Forderung angeschlossen, von ihren Vorständen eine gleiche Besoldung wie die Rabbiner der Wiener Kultus gemein de zu erhalten, wovon aber die Vorstände der Tempelvereine nichts wissen wollen, und zwar mit der Begründung, daß ihre Mittel kaum zur Erhaltung des bestehenden Systems ausreichen. Darauf haben die Bereinsrabbiner den Religionsunterricht an den staatlichen Mittelschulen eingestellt. Die Bereinsrabbiner, die sich im Hauptberufe in Privatstellungen befinden, sind in ihrer Eigenschaft als Religionslehrer an den Mittelschulen insofern Beamte der Kultus gemeinde, als sie vom Staate je auf Antrag der Gemeinde durch Vertrag verpflichtet und ihre Bezüge, wie die Religionslehrer der anderen Bekenntnisse ausbezahlt erhalten. 'Da nun hier drei Instanzen in Betracht kommen, der betr. Tempelverein, die Knltusgemeinde und der Staat, so ist die Geschichte ziemlich verwickelt und eine Lösung in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. _ Die geistige Not, die schon ohnehin in Wien infolge sehr mangelhaften Religionsunterrichtes herrscht, wird dadurch nicht vermindert, und es zeigt sich wiederum die bittere Notwendigkeit, bei Neuregelung dieser Fragen, darauf bedacht zu sein, daß sie in vollkommen jüdischem Sinne gelöst werden.

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