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Der Israelit · 1922-01-19 · Heft 3 (19.1.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 3 (19.1.1922)
Date
1922-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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19. Januar 1922. Wochenmildschau. Me Wahlen in Wilna. Die Wahlen in den Wtlnaer Landtag endeten mit einem vollen Siege der Polen und zwar der Nationaldemokraten, die den anncxioniftischen Standpunkt, d. h. die Einverleibung des Wilnagebietes in Polen, nicht ablehnen. Ob die Wahlen, die nicht ganz ohne Druck und Beetnfluffung von seiten der polnischen Besatzungsbehörden vor sich gegangen sind, die öffentliche Meinung der Bevölkerung in Wahrheit wiederspiegeln, ist eine andere Frage, die die demokratische Presse in Polen und in Westeuropa verneinend beantwortet. Was die Wahlbeteiligung der Juden betrifft, so ergaben die letzten wiedersprechenden Gerüchte kein klares Bild darüber. Auch jetzt nach den Wahlen ist nicht klar sestzustellen, in welchem Maße die Juden Wilnas zum Erfolge der Bolen beigesteuert haben. Das polnisch-nationale Blatt „Szeczzospolita" klagt auf der ersten Seite über die Wahlenthaltung der Wilnaer Juden und bringt auf der anderen Seite der gleichen Ausgabe eine offizielle Agenturmeldung, die die Haltung der Juden über alle Maßen lobt. Zutreffend ist, nach allem, was man weiß, dis erster e Meldung, wenn es auch nicht ausgeschlossen erscheint, daß einzelne Juden, trotz der grundsätzlichen reservierten Stellungnahme der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Parteien, ihre Stimme zu gunften der Polen in die Wagschale geworfen haben. Die Mehrzahl u d die Gemeinde als solche haben nich t gegen Polen gestimmt. Und wenn man an offizieller Stelle sich mit dieser Haltung der Juden zufrieden gibt, so ist cs ein neuerlicher Beweis für das in den Regierungskreisen wachsende Verständnis für die Psyche und die Jntereßen der zwischen zwei Feuern sitzenden jüdischen Bevölkerung. Dies eröffnet keine ungünstige Perspektive für die weitere Entwicklung der Dinge in Wilna. An Interview mit Adolph Frankl. Der in Cluj (Klausenburg) erscheinende „ I e s u r u u ", das Organ der A g u d a s I i sro el in Transsylvanien, veröffentlicht ein Interview mit dein Präsidenten der /orthodoxen Landeskanzlei in Budapest, .Herrn Adolf Frankl, aits dem wir eine anschauliche Schildernng der Erlebnisse der ungarischen Judenheit seit der Revollttion entnehmen. Weitere Kreise bütfteit besonders seine Mitteilungen über das Schicksal des orthodoxen Judentums in Ungarn während der Sow'jetherrschast und in wollte mich mit einer Gemeinde bekanntmachen, die wohl nicht faktisch und ausgesprochen jüdisch ist, deren Mitglieder jedoch sich nach jüdischer Art führen und nach jüdischer Weise leben. Die Mitteilung des alten Herrn erweckte mein Interesse. Ich nahm die Einladung an und machte eine großartige Entdeckung. In dem bezelchneten Städtchen fand ich eine etwa zehntausend Köpfe zählende Gemeinschaft vor, in welcher sich die Lebensweise der Marannen ans der Zeit der Inquisition erhalten hat. Mir war, als ob vor meinen Augen das Ende des 15. Jahrhunderts mit Don Manuele aufgetaucht märe, wie er die Königin Jsabella durch Bitten bewegt, die Vertreibung der Juden aus Portugal anzuordnen. Damals wurden viele Juden unter der Bedingung in Portugal belassen, daß sie das Christentum annehmen und sich Christen nennen. Tausende Juden blieben so in Portugal zurück, wo sie unter dem Namen „Conversos" (Uebergetretene) oder auch „Christaos novos" (Neuchristen) lebten und es steht außer Zweifel, daß diese Neuchristen auch heute noch in Portugal vorhanden sind. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war die Beobachtung, daß diese Gemeinschaft die jüdischen Festtage in traditioneller Weise begeht und daß sie von einem tiefen religiösen Gefühl erfüllt ist. Ader als wenn sie noch immer die Folterwerkzeuge der Inquisitoren am Halse zu spüren härten, umgibt ihr religiöses Leben in starkem Maße der Schleier des Mystizismus. Nichtsdestoweniger weiß jeder im Umkreis der Gemeinde, daß sie von Juden abstammen und ihre Kinder werden in den Schulen von ihren Schulkameraden wegen ihres Judentums verhöhnt wie etwa im alten Rußland, Polen oder anderwärts. Ich konnte an Ort und Stelle feststellen, daß die Annahme, daß dieses kleine Volk tatsächlich jüdischen Ursprungs ist, durchaus nicht auf einem Irrtum beruht. Der ZsLrasikt. 9k 3 Gelte 3 der Gegenwart interessieren. Wir geben auf bei Unterredung folgende Stellen wieder. Herr Frankl erzählt: „Es lvaren in des Wortes strengster Bedeutung schwere Tage, die über uns dahingezogen sind. Noch haben wir uns von den Verwüstungen nicht erholt, die in materieller und seelischer Beziehung gleichermaßen Schaden gestiftet hatten. Nicht etwa, als ob der Kommunismus als solcher tu unsere engeren Kreise Eingang oder dort auch nur Duldung gefnnden hätte. Das kann lvcder Freund, noch Feind von uns behaupten. Unser Büro lvurde bald in der ersten Woche geschlossen, seine Räumlichkeiten wurden beschlagnahmt und die zur Bezahlung der Beamten bestimmten Fonds wurde.lr reauiriert. Ich selbst war eine Zeit lang als „Gegenrevolutionär" unter Beobachtung und in Hast. Unsere Beamten, die orthodoxen Führer, konnten sich nur durch Flucht vonr gleichen Schicksale retten. Das Vermögen unserer Kultus gemeind cm nub der Vereine wurde weggeuommen, unsere Schulen ums entrissen. Sie haben jede religiöse Betätigung ihrer übelwollenden Kontrolle unterworfen tmb viele Rabbiner erhielten Gefängnisstrafen für einzelne beanstandete religiöse Handlungen . . . . Die schlimmsten Nachwirkungen erlebten wir dann später, da man die Niederträchtigkeit einiger längst vom Judentum abgefallener Volkskommissare auf das Konto de? gefaulten Judentums buchen wollte, des Judentums, das vom Kommunismus v e r hält lt i s nt ä st i g , vielleicht aber auch absolut mehr zu leiden harte, als die Bürger anderen Glaubens, weil bekanntlich gerade das Vermögen der Kanfteute, d. h. die mobilen Werte, völlig zu Grunde gingen, während die immobilen Besitztümer, die zumeist in Händen von Christen sind, durch die Volkskommissare nicht mitgenommen werden konnten. lieber die gegenivärtige Lage äußerte Frankl sich wie folgt: . . Mit dem Ministerium für Religion inib Unterricht stehen wir wie früher in Beziehung. Das bedeutet die Wahrung unserer orthodoxen Autonomie. Tic gemeinsame Gefahr hat unS mit den Neotogen ans gesellschastlichem Gebiete znsnmmengeführt. Seitdem die Bewegung, die lim jeden Preis unifizieren wollte, ansgehört hat, seitdem die neologe Parteipresse den längst vermißten konzilianten Ton gefunden hat, seitdem gehen wir in einzelnen Fragen gemeinsam vor. Ihre materielle Opferbereitschaft ist uns voll großem Nutzen, während sie unsere religiösen Ueberzengnngen in vollem Maste respektieren. Die gemeinsame Not bereinigte uns zu gemeinsamer Arbeit und wir Troffen, daß. wir auch in besseren Zeiten nebeneinander, aber nicht in einer Organisation mit ihnen, vollständig unabhängig arbeiten können werden. Die Organisation des Büros ist unverändert die frühere. Einen großen Teil unserer Gemeinden haben wir verloren, aber das bedeutet nur einen materiellen Schaden. Ten Wirkungskreis unseres Büros, seine moralische Grundlage, erschütterte es nicht. Wir beharren bei unserer erprobten organisatorischeil Grundlage und hoffen ne noch entsprechend zu verbessern. Aue Mangel an Mitteln können lvir augenblicklich an die Gründung irgendeiner neuen Jnstimtioil llicht dc'likell. Ständen rvir nur materiell besser! Die Pester orthodoxe Knltnsgemeiudc hat soeben eine Knabenbürgerschnle im Zusammenhang mit einer Talmud Thora und einer Mädchenbürgcrschule errichtet. Zum Bau einer Mittva ist das Grundstück und ein Geldbetrag vorhanden. Ein Sanatorium und ein Krautenhaus für die Kranken der ärmeren Volksschichten wurden gegründet. Mit einem Worte: lvir haben auch unter den gegenwärtigen schweren Verhältnisscn llns bemüht, neues zu schaffen. Vom Ziorrismlls kann hier ernstlich nicht die Rede sein. In unserer Knltusgcmcinde spielerl die Zionisten keine Rolle und' können sie llicht stören. Die ungarische Orthodoxie will mit der Orthodoxie von Oesterreich, Rumänien, Deutschland, Polen etc. gemeinsam int Wege der A g n d a - W cito r ganisation ihren Gefühlen für das heilige Land ^Ausdruck geben und nult von einer Prosamsierung des Landes, von seiner Enteignung zu uureligiösen Zwecken nichts wissen." Die Tragödie der 690000 obdachlosen jüdischen Kinder. London. 12. Januar. Am letzten Sonntag fand hier unter dem Vorsitze Dr. JocheimannS die zweite Jahresversanunlang des Verbandes ukrainischer Juden statt, die noch einmal die ganze Tragödie der urrcuuischcn Jndenhcir anfrollte und hoffentlich ans weite Kreise des Publikums eine stärkere praktische Wirkung ansüben wird, als dies den bisherigen Aufrufen und Verscnmnlungen beschieden >var. Der Chief Rabbi leitete die Konferenz durch eine warmherzige Rede ein, in der cr ein Bild der historischen Vorgänge gab. „Hunderttausend menschliche Wesen mindestens, lvenn nicht mehr, sind hingeschlachtet worden, j hingeschlachtet unter Greueltaten und Bestiali- S!e heiraten im allgemeinen nur untereinander und haben ihren alten klassischen sephardischen Tyvus bis auf den heutigen Tag bewahrt. Sie sind sehr stolz auf ihr jüdisches Volkstum und haben ihre jüdischen Ueberliefecungen strenge bis in die Gegenwart herübergerettet. Sie heNlgen den Sabbat, entjünden am Freitagabend Oe lämpchen und weihen den Samstag der Ruhe und der Andacht. Andererseits ist ihnen die Zirkuwzision unbekannt. Sie wissen, daß der Genuß des Schweinefleisches verboten ist und die Aelteren unter ihnen würden es auch um nichts in der Welt genießen. Ebenso enthalten sie sich des Genusses grätenloser Fische und Heringe. An Festtagen cssen sie ungesäuertes Brot, welches sie d^S Brot des Festes nennen und zeremoliiell mit einem Segensspruch anschneiden. Ihre religiösen Gwnäuch; sind von einem Mystizismus umgeben, dessen Ei,:zelhelten vom Vater auf d-n Sohn 'überliefert wurden und dessen Wesen den jüdischen Ursprung außer allen Zweifel stellt. Dabei sind sie sehr verschlossen und jedem Fremden gegenüber zurückhaltend. Es ist deshalb sehr schwer, irr ihr Zeremoniell und ihr religiöses Leben' Einblick zu gewinnen. Zum Glück g lang es mir in dieser Richtung ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Freitagabend und am L-abönt versammelt sich die Gemeinde abwechselnd in dem Haue eines Glaubensgenossen zum Gottesdienste. Ihre Gebttssprachs ist portugiesisch, mit hebräischen Worten und Zitaten vermischt. Das Jomkippurfest wird von ihnen das Fest der Königin Esther genannt und es ist wahrscheinlich, daß sie es mit dem Fasttag Esthers verwechseln, obgleich ich der Meinung bin, daß in ihren Traditionen sowohl Esther als auch Daniel die Rolle von Nationalhelden spielen. Sie haben den Tag Esther mit dem Fest der Versöhnung zusammengesponnen. Die Gebete, welche sie an diesem Tage verrichten, entsprechen strenge den Traditionen dieses Festtages. Soweit ich es beurteilen konnte, besitzen sie für diese Gelegenheit kein geschriebenes Rituale. Das Pessachfest nennen sie „Festa Santa" (heiliges Fest). Ihr Sederzeremoniell ist sehr interessant und abwechslungsreich, wobei jedem Mitglied der feiernden Familie oder der Festgese'lschaft eine besondere Rolle zusällt. Ich habe die merkwürdige und beachtenswerte Beobachtung gemacht, daß sie heilig daran glauben, daß ihre Häuser in dieser Nacht an der Straßenecke von überirdischen Wächtern bemacht werden. Interessant ist, daß sie an den ersten zwei Pessachiagen keine Mazzot essen und erst am dritten Tage damit beginnen. ES ist mir nicht gelungen, über den Ursprung dieser Sitte Aufklärung zu erhalten. Im übrigen essen sie an diesem Feste vornehmlich bittere Pflanzen. In ihren Gebeten beten sie für die Rückkehr nach Zion, welche Sehnsucht auch in synagogalen Gebräuchen zum Ausdruck kommt. Benzion schließt seinen Aussatz: Wie erwähnt, wird dieser Judenstamm mit dem Namen „Neuchristen" benannt und sie selbst halten sich auch dafür, während die wirklichen Katholiken „Altkatholiken" genannt werden. Der Zweck dieser Ausführungen ist nebenbei auch der, daß jeder mögliche Versuch gemacht werden sollte, diese vom Judentum losgerissenen Brüder mit Sympathie! und Wohlwollen auS ihrer sonderbaren ^age zu befreien und in die große Gemeinschaft des Judentums zurückzuführen. Ich würde es als eine Schmach empfinden, wenn nicht wenigstens ein Versuch in dieser Richtung unternommen würde.

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