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Der Israelit · 1922-01-19 · Heft 3 (19.1.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 3 (19.1.1922)
Date
1922-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 Nr. 8 Der Israelit. 19. Januar 1922. wichtigen Lebenslnteresstn, der deutschen Juden heit erscheinen, bereits in unserem ersten Artikel angedeutet. Es lag uns völlig fern, die ganze Frage mit der Keren Hajeßod-Aktion in Verbindung bringen zu wollen, wie die „Rundschau" unterstellt. Wir sind Mar entschieden dagegen, und halten es für rin Unrecht, daß orthodoxe Juden den Keren hajeßod und damit das unjüdische zionistische Schul werk in Palästina unmittelbar oder mittelbar unterstützen, aber wenn die Herren Liberalen von Berlin W., die ja auch sonst ihre Lebensführung nicht vom Schulchan Aruch bestimmen fassen, Gelder für Erez Jisrorl dem Keren hajeßod geben wollen, so besteht für uns wirklich kein Grund, sie davon durch politische Leitartikel abzuschrecken. Gerade die Tatsache aber, daß die zionistischen Führer die erfreulicherweise weiteste Kreise ergreifende Sympathie für den wtrtschaftlichen Aufbau Erez Jisroels in einer Weise ausgrmünzt haben, daß daraus in derpolittschen O effentlichkeit die irrigsten Schlüsse auf die Stellung der deutschen Judenheit zum politischen Zionismus gezogen werden müssen und mußten — diese Tatsache war es, die uns die Feder in die Hand drückte. Herr Weitzmann ist keine Wirtschaftsgröße des Zionismus und kein Propa. gandist des Keren hajeßod, er ist der politische Führer, in dessen Person sich der Gedanke der angeblich werdenden staatspolitischen Einheit des jüdischen Volkes geradezu v?rkörpert. Diesen Mann — dessen Verdienste wir mit keinem Wort geschmälert, vielmehr rückhaltslos anerkannt haben —, diesen Mann zum Mittelpunkt lautester politischer Reklame in der Reichshauptstadt zu machen und ihm von den Führern der „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" (die gute „Jüdische Presse" hat zu unserer Erheiterung wirklich geglaubt, wir hätten diese Formel plötzlich zum Glaubensbekenntnis erhoben) in feierlichen Empfängen huldigen zu lassen, das ist mit der Propaganda für den Keren hajeßod als Wtrtsch aftsfonds nie und nimmer zu entschuldigen. Das ist ein rein politischer Akt m't politischen Folgen, gegen die sich alle diejenigen wehren müssen, die in der Ideologie und noch mehr in der Tonart des politischen Zionismus theoretisch eine Verfälschung der jüdischen Tradition und praktisch eine ungeheure Gefahr für die Judenheit im Golus erblicken. Worin besteht dtese Gefahr? Wir möchten zur Klarlegung der Antwort auf diese Frage einem zionistischen Autor das Wort geben, der — vielleicht als einziger unter allen journalistisch tätigen deutschen Misrachisten — jederzeit Verständnis für die Haltung der Mßar-Gedanken zur Vilanz. Wir finden in der Wiener „Jüdischen Presse" folgende beherzigenswerte Worte von Robb. Dr. Pinchas Kohn: „Mit Abschluß des bürgerlichen Jahres pflegen die gröberen und kleineren Geschäftshäuser Bilanz zu machen. Das ist gleichzeitig eine Art Valutaanmeldung vor dem Tribunal der Thora. Wir halten tm Vorjahre uns bei dieser Gelegenbeit in dichterischer Form gestattet, nach den Bilanzziffern des Maaser zu fragen. Es ziemt sich wohl auch in diesem Jahre einige einleitende Worte zur Bilanzarbeit zu sagen und in diesem oder jenem Kontor einen Besuch abzustalten. Ob wir gern gesehen sind? Wir bezweifeln es. Aber das überhebt uns nicht der Aufgabe, den Finger auf eine sehr bedenkliche Wunde zu legen. Gewiß hat der Handel einen doppelten Zweck, zunächst für sich, dann für die Welt zu sorgen, für sich die Erlstenz zu schaffen und der Welt die Möglichkeit zu geben, sich die für die Lebensführung notwendigen Rohstoffe und Fabrikate zu erhalten. Ob der Handel im jüngsten Jahrfünft diese beiden Funktionen in gleich Orthodoxie gezeigt hat. Hans Goslar setzt sich in einem überaus lesenswerten Artikel im „Tag" mit den sogsnannten „nationaldeutschen" Juden und ihrem Führer Naumann auseinander und schreibt dabet folgendes: „Herr Dr. Naumann und seine Freunde — unter den Unterzeichnern des Ausrufes seines Verbandes sehe ich nicht den Namen eines einzigen Mannes, der in seiner Lebensführung dem jüdischen Element noch einen bestimmenden Einfluß zugesteht — sind in der Tat aus dem lebendigen Organismus des immer noch existierenden jüdischen Volkes soweit herausgelöst, daß ich es psychologt ch verstehen kann, wenn sie den Wunsch nach einem möglichst restlosen Aufgehen im Deutschtum haben. Denn religiöse, nationale oder sonstige gefühlsmäßige jüdischen Werte haben sie nicht mehr zu verlieren, Unersetzbares haben sie nicht mehr auszugeben. Fraglich ist nur, ob sie die letzten Konsequenzen aus ihren Anschauungen ziehen werden, die bei dem christlichen Charakter'des deutschen Volkes logischerweise die Tendenz zur Taufe und zum Schließen von Mischehen bedingen. Dann erst wären die Herren um Dr. Naumann, oder gar erst ihre Nachkommen, wirklich so ganz auch körperlich im Deutschtum verwurzelt, wie sie eö erstreben. Im Gegensatz hierzu ist für mich und mit mir für die Kreise der gesevestreuen Juden und der Zionisten, aber auch für erhebliche Teile der hierin gefühlsmäßig mit mir übereinstimmenden religiös-liberalen Juden Deutschlanks die Zugehörigkeit zum Judentum nicht ledig ich ein rein religiöses Bekenntnis, mehr oder minder stark vom positiven oder liberalen Protestantismus abweichend. Vielmehr empfinde ich auf Grund meiner Kenntnis der Wesensart des Judentums und meines Gefühls gleichermaßen dieses Judentum als in der Welkgeschichie wohl einzig dastehenden Fall eines völligen Zusammenfließens und Jucinanderaufgehens des Göttlichen und des Menschlichen, des (wenn man diese dem westeuropäischen Kulturkreise entlehnten, keineswegs aber erschöpfenden Begriffe hier zur besseren Verständlichmachu g, anwenden will) Religiösen und Nationalen. Ob nian, wie einer der größten jüdischen Schriftsteller der Gegenwart, Matthias Acher, von „Gottes Volk" sprechen will oder wie einer der Führer der Gesetzestreuen, Breuer, von der „Gesetzesnation" immer, wenn man das Wesen des Judentums richtig nmreißen will, wird man diese unlösliche Verbundenheit der beiden komplementären Teile zuvor erkennen müssen. Niemals allerdings wird, entgegen einer in nichtjüdischen Kreisen manchmal verbreiteten Ansicht, die Zusammengehörigkeit des Volks- und Gottesbegriffes im Judentum so aufgefaßt, als ob eine Beschränkung des damit zum kleinen Stammesgott gestempelten Weliengotres auf das „auserwählte Volk" gedacht wäre, wohl aber ist eö so, daß die Existenzberechtigung, das Dasein das Leöensprogramm des Volkes ganz eingestellt sein soll auf diesen Gottesgedanken und daß in der Erfüllung der Welt mit der göttlichen Idee Ziel und Zweck des Volkes liegt." Mit dieser Charakterisierung des jüdischen Volksbegriffes sind wir — bis auf eine Nuance in dem Wort „komplementär" — ganz einverstanden. Wäre dieser Goslar'sche Volksbegriff derjenige des Zionismus, und würden die Konsequenzen daraus in dessen Ideologie und Verfassung ehrlich gezogen, dann verschwänden mit den religiösen auch die gewissenhafter Weise erfüllt hat, ist Gegenstand eines eigenen Kapitels der Wirtschaftsgeschichte. Wir find deffen sicher, Laß sich alles das, was der seligen Weisen Mund an klarer Zeichnung über dieMejakre Haschaar gesagt hat, über all diejenigen, die in unerlaubt selbstischer Weise die Prise der notwendigen Dinge in die Höhe getrieben haben, wortwörtlich erfüllt. Und nicht umsonst sprach König Salomo: „Allwer des Wuchers willen zurückhält mit Lebensmitteln, dem flucht die Nation." Daß man nicht in jedem Kontor in Flammenschrift den Spruch sieht: „I ch ste l le mir ständig d en Ewigen vor", daß nian zuweilen berechtigt zu sein glaubt, zwischen Geschäft und Mizwa eine strenge Scheidewand zu ziehen, ist wieder ein eigenes Kapitel. Allein für unseren engeren Kreis hat der Handel noch eine andere, gleichfalls sehr wichtige Funktion. Da sind unzählige junge Leute, welch? wirklich den Sabbat halten möchren. Mögen sich bii Handelshe.ni einmal ihr Personal anfehen und sich bei Anmeldung ihrer inneren Valuta vor dem Allmächtigen fragen, ob sie sich wirklich Mühe gegeben haben, bei jeder Neueinstelümg nach solchen Kräften zu suchen, die Geschästsrüchtigkeit mit Religionstreue verbinden. Und wenn auch dle moderne Entwicklung das Verhältnis zwischen Chef und Angestellten fast unpersönlich gestaltet hat, so darf das doch nicht dazu führen, daß junge Leute unter Umständen bei nichtjüdischen Chefs mehr Verständnis für den Sabbat finden, als bei sabbathalienden Häusern. Es ist einfach nicht wahr, daß orthodoxe junge Leute nicht so geschäftstüchtig sind, wie Sabbatentweiher und Heroen der Mischehe. So weit darf der Siegeszug der Chuzpa nicht gehen, daß man sich nun gar als Chef von derartigen Herren imponieren läßt und wähnt, daß diese Chuzpa gegen das Heiligste auch im Kampfe politischen Gefahren, die heute mit jeder lärmenden innerpolitischen Plakatierung des Zionismus verknüpft sind. Weil aber der Zionismus das „Joch der Gottesherrschaft" abgeschüttelt, die Religion zur Privatsache degradiert und die „Existenz, das Dasein,das Lebenspro g ramm des Volkes" von Gott und seiner das ganze Volk heiligenden Thora l osgelöst hat, darum gewinnt jede jüdische Gesundheit unter zionistischer Führung sofort dm Charakter einer für ihr eigenes Recht, ihre eigene Macht, ihre eigenen Interessen, ihre eigene Kultur ringenden politischen Größe, der das versöhnende Elemente einer durch Jahrtausende geheiligten G.ottangehörtgkett vollkommen abgeht. Die politischen Folgen dieser Politisierung des Juden, Volkes in den Zeiten des Golus sind klar genug, und die Geschichte der letzten Jahre hat bereits den Kommentar dazu geschrieben. Wir verlangen und" erwarten nicht, daß sich Männer von durchaus irreligiöser Weltanschauung zu diesem Gsdankmgang bekennen, aber was wir von jedem anständigen Menschen, dessen Bildungsgrad hinreicht, um ihn zu verstehen, fordern dürfen,IstetneernsteWürdigung der hier dargelegten tiefsten politischen Gründe des Widerttands, den die Orthodoxie — mit Ausnahme des Mlsrachi — der Anerkennung der zionistischen Gmeralvormundschast entgegensetzt. Eshandelt sich hier, von den bekannten religiösen Gegensätzen ganz abgesehen, um Sein oder Nichtsein der Juden im Golus, das ja leider trotz Balfour- Erklärung noch nicht heute oder morgen seinem Ende zuzuneigen scheint. Der „Tag der Versöhnung" zwar nicht tm Sinne einer Vereinheitlichung der Ideen, wohl aber eines sachlichen, von Gehässigkeit freien Ringkampfes der Meinungen wäre sofort da, wenn gewisse Journalisten unter und über dem Strich der „Jüdischen Presst" und der „Jüdischen Rundschau" ihre Hausknechtmanieren ablegten und dem Gegner — auch wenn er nicht gerade für den Keren hajeßod gewonnen werden werden soll — dos Recht der eigenen Meinung zubilltgten. Dann würde auch das nachgerade langweilige und unwahrhaftige Gerede von der „erheuchelten Erez Jisroel-Liebe" der Orthodoxie aufhören, jener Orthodoxie, auf deren Schultern alles vom Zionismus in Erez Jisroel Geschaffene ruht, und die Gedanken und Tat in den Dienst des heiligen Landes gestellt hat schon zu einer Zeit, als noch kein Zcimngsblatt von den nationalen Großtaten der Herren in der Sächsischen Straße ein Sterbenswörtchen zu vermelden wußte. RS51 mit der Konkurrenz, in der Behandlung der Kunden ein wertvolles Moment sei. Es ist eben unabweisbare Pflicht der Handelsherren, diejenigen, welche die erste Blüte der Jugend dem Lernen gewidmet haben, durch sebulunartige Hingabe in ihren Handelshäusern zu tüchtigen Geschäftsleuten zu erziehen und ihren Betrieb daraus einzustellen, daß nicht die frommen Angestellten als Objekte des Sportes und Hohnes derer dienen, die es weitergedracht haben, weil sie jenseits vom Sabbat leben. Mögen sich doch die Chefs, die doch ihren Kindern eine religiöse Zukunft wünschen, einmal kühl überlegen, welches Bureau sie diesen Kindern übergeben und ob diese Kinder dann noch die Macht haben, gegenüber einem ausschließlich geschäftlich orientierten Personal das Geschäft dem Sabbat zu erhalten.-„ Meines Feuilleton. Gine Mratmenstadl in Portugal. Bon Dr- Artel Benzlo«.*) Ueber meine Reise in Portugal brachten auch die portugiesischen Blätter größere Aussätze. Eines Tages suchte mich ein älterer Herr in meinem Lissaboner Hotel auf, der durch die Mitteilungen der Zeitungen von dem'Zweck meiner Reise erfahren hatte und mir den Antrag stellte, mit ihm, wenn ich Interesse dafür hätte, einen Ausflug in ein in der Umgebung von Lissabon gelegenes Städtchen zu unternehmen. Er *) Nach dem „Jewish Chronicle".

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