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Der Israelit · 1922-01-12 · Heft 2 (12.1.1922) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 2 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Nr. 2 Der Israelit. „War memorial fund“ fortlaufend unterrichtet worden. Zwar hat man trotz der Weltreise des Chief-Rabbi auch nicht im entferntesten die gewaltigen Kapitalien erlangt, deren Zinsen zur Sicherung des jüdischen Erziehungswesens, der Lehrer- und Rabbiner-Besoldung und vor allem für den Ausbau des für Rabbinerbildung und jüdische Wissenschaft bestimmten Jews College erforderlich wären. Immerhin sind einige Tausend Pfund jährlich verfügbar, sodaß das leitende Komitee an das schwierige Problem der Verwendung schließlich herantreten mußte. Man hat nun in der soeben stattgehabten Vertreterversammlung des Fonds einen Plan für die Reorganisation und Sicherstellung von Jews College vorgelegt, der — aus Rücksicht auf die Orthodoxie — eine Zweiteilung der Anstalt Vorsicht. Sie soll zerfallen in ein Rabbiner- Seminar, an dem nur das überlieferte Judentum gelehrt werden darf und ein wissenschaftliches Forsch ungsinstitut, das sämtliche in einer Sy n agog e Englands vertretene Lehrmeinungen (d. h. also auch das sogenannte „liberale" Judentum Montefiors) pflegen soll! Der Plan ist angenommen worden — aber er befriedigt natürlich keinen denkenden Menschen, zumal beide Abteilungen unter derselben Verwaltung stehen und räumlich vereinigt sein werden. Man darf gespannt sein, ob unter diesen Umständen auch die „ear marked donations“, die Sonderzetchnungen der gesetzestreuen Liga, für das College Verwendung finden werden. Die Liga, die dieser Tage ihre Generalversammlung abhtelt, scheint in der letzten Zeit nicht besonders aktiv gewesen zu sein/ doch wird sie zweifellos in dieser Frage kein Zugeständnis machen. Der Chief-Rabbi erklärte in der entscheidenden Sitzung, daß er von der sonderbaren Lösung, die man dem religiösen Problem gegeben hat, keineswegs begeistert sei, daß er sich aber der Notwendigkeit gebeugt habe. Hnfifemifismus in englischen Schulbüchern. «London, 2. Januar. Durch eine Polemik des bekannten Rev. Dr. Daiches gegen das literarische Abwehrkomitee des Board of Deputies wird die erstaunliche Tatsache bekannt, daß tausenden von englischen Schulkindern in einem bereits in sechster Auflage erschienenen Lesebuch die schauerlichsten mittelalterlichen Blutmarchen als lautere Wahrheit aufgctischt werden, ohne daß die Aufsichtsbehörde bisher einschritt. Noch unbegreiflicher ist allerdings das Verhalten des erwähnten jüdischen Abwehrkomitees, das einfach erklärte, die „fünf ersten Auflagen des Buches hätten offenbar keinen Anlaß zu Klagen geboten", weshalb man vorziehe nichts zu unternehmen! Eine schlimmere Brunnenvergiftung wie diese Infektion der kindlichen Seele und eine schamlosere Beleidigung der auf der gleichen Schulbank sitzenden jüdischen Kinder läßt sich schwer denken. Es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß dem Unfug bet Anrufung der Schulbehörden sofort ein Ende gemacht wird. Dr. lüßifemanns [Diener Herausforderungen. «London- 6. Januar. Zu den burschikosen Bemerkungen Weitzmanns über die „Jewish Agency"*) schreibt „Jewish Guardian" Folgendes: „Die Aufmerksamkeit muß auf die Rede Dr. Weitzmanns in Wien am 29. Dezember gelenkt werden, deren wesentliche Stellen wir wtedergeben. „Wir laden", sagt er, „alle Juden ein, hereinzukommen, nicht um zu reden, sondern um mit uns zu arbeiten." Dies ist eine sehr bemerkenswerte Aeußerung. Bor allem ist Reden ohne Ende das hauptsächlichste Charakteristikum der zionistischen Oi ganisation in Palästina gewesen. Dr. Weitzmanns Rrden allein würden ein schönes Bücherregal aussüllen und wenn wir Jabotintzky und andere hinzufügen, würde ein Dutzend Fächer kaum ausretchen. Aber die höchste Kühnheit des gelehrten Redners ist sein Wort, daß „unter dieser Bedingung Palästina allen Juden offen ist. Diejenigen Körperschaften, die als Teil der Jewish Agency im Mandat figurieren wollen, müffen wenigstens eine Million Pfund jährlich beitragen". DieVedtngungen *) Siehe Leitartikel in Nr. 1 des „Israelit". zur Oeffnung Palästinas find nicht in Dr. Weitzmanns Händen, noch ist es seine Aufgabe die Beiträge anderer Körperschaften festz u s e tz e n." Vielleicht wird der freventliche Ueöermut, de* in Weitzmanns Aeußerungen zutage tritt, etwas gedämpft werden, sobald das wirkliche Ergebnis der amerikanischen Keren hajeßod-Kampagne vorliegt. Leider wird so oder so der Leidtragende das jüdische Volk sein. Anrevika. Oie frage der Einroanderung- New Bork, 25. Dezember. Während das vom amerikanischen Kongreß eingesetzte Spezial-Komitee zur Prüfung der Einwanderungsverhältniffe seine Arbeiten durch Vernehmung aller möglichen Interessenten in höchst gründlicher Weise fortsetzt, droht der Einwanderung durch die Rührigkeit der Gegner, insbesondere des bekannten Senators Johnson, große Gefahr. Johnsohn hat einen Gesetzentwurf ourchgebracht, der die Einwanderung praktisch auf mindestens drei Jahre unmöglich machen wird. Demgegenüber ist es zweifelhaft, ob Präsident Harding, wie man hört, sein Veto gegen dieses Gesetz einlegen wird. Der AbgeordneteP r i l u tz ki von der Volkspartei in Warschau ist vom Präsidenten in Angelegenheit der ukrainischen Flüchtlinge empfangen worden. Es wird eine Aktion des Präsidenten erhofft, dahingehend, daß angesichts der furchtbaren Lage der ukrainischen Juden für diese auf dem Wege der Gesetzgebung besondere Einwanderungserleichterungen geschaffen werden. Ein Brief des kubaroiffcher Rebbe- Hlew-Bork, 27. Dezember. In hiesigen Zeitungen veröffentlicht der bekannte Chassidim-Rabbi aus Lubawitfch, Rabbi Schnetersohn, einen Aufruf, in dem er mitteilt, daß er mit seinem inzwischen verstorbenen Vater in den Kriegsjahren nach Rostow flüchten mußte, wohin auch die große Jeschiwa verlegt wurde. Jetzt wurde die Jeschiwa in Warschau neu errichtet, und fordert der Rabbi seine Anhänger auf, die Lehranstalt nach Kräften zu unterstützen. Palästina. Das Oherrabhinaf an Oie Juden Perfiens« Jerusalem, 28. Dezember. In einem eindringlichen Schreiben wendet sich das Oberrabbinat in Jerusalem an die Juden Persiens, auf der Hut vor der Mission zu sein, die dort eine rege Tätigkeit entfaltet und besonders gegen die Jugend ihre Fangnetze auswirft. Das nationale Komitee beim Oberhommiffar. Ierufatem, 1. Januar. Anläßlich der jüngsten Audienz, die das Präsidium des Nationalkomitees beim Oberkommiffar hatte, wurde die Beteiligung der Regierung am Etat der jüdischrn Schulen besprochen. Die Herren wünschten größere Subventionen von Seiten der Regierung, um den zionistischen Schuletat zu entlastan. Herbert Samuel wies auf die Schwierigkeiten für die Regierung hin, Schulen, die nicht in ihrer Regte stehen, finanziell zu erdalten, versprach aber, die Sache eingehend zu prüfen. Es wurden weiterhin noch die Fragen des Regterungsbodensund der Ahndung der Ausschreitungen und Mordtaten an Juden besprochen. Jerusalem, 28. Dezember. Eine Rede, die der Bischof der anglikanischen Kirche in Jerusalem aus Anlaß des Jahrestages der Eroberung der Stadt bet einer kirchlichen Feier gehalten hat, erregte in jüdischen Kreise große Beunruhigung. Er soll sich dahin geäußert haben, daß die Minorität, also die Juden, mehr Mäßigung und Nachgiebigkeit als bisher zeigen müßten. Der Beschof dementiert jetzt in denhebräischenZeiiungen 12 Januac 1923 die angebliche Aeußerung. Er habe im Gegenteil betont, daß all e Raffen im Lande sich freundlicher und nachgiebiger gegenüber stehen müßten. Tabah in Paläflina. Jerusalem, 29. Dezember. Ein großangelegter Plan zur Einführung der Tabakkultur gelangt jetzt in der Kolonie Rosch Pino zur Realisierung. Ein Vertrag der Kolonisten mit Vertretern der Jca, die die Sache unterstützt, kam unter günstigen Bedingungen zustande. Die Voraussetzungen für das gute Gelingen des Unternehmens sind: geordnete zielbewußte Arbeit der Bauern, Kreditbewilligung Vonseiten der Jca, Sicherung des Absatzmarktes durch eine amerikanische Gesellschaft, Ausschließung des die Arbeit des Bauers ausbeutenden Zwischenhandels. Man setzt auf diese neue Kultur mancherlei Hrffnung für die jüdische Gesamtkolonisation in Obergaltläa. Kranhenfchro eifern in PaläRina- Jerusalem) 19. Dezember. Bei der Schlußfeier der Kurse für Kranken' schwestern der „Hadassa" hielt die Gattin des Oberkommissars, Mme. Samuel eine hebräische Ansprache, die gewaltigen Eindruck machte. 22 Krankenschwestern haben ihre Ausbildung beendet und erhielten aus der Hand der Frau Samuel ihre Diplome. „Hadassa" wird von den amerikanischen Zionisten erhalten. Todesurteil- Jerusalem, 25. Dezember. Bon den drei Arabern, die der Ermordung des Rabbiner Salman Rubin angeklagt waren, wurde der Hanpttäter, Mas son mit Namen, zu Tode verurteilt. Die zwei anderen wurden zu fünfzehn, beziehungsweise zehn Jahren Zwangsarbett verurteilt. Kaiffa, 27. Dezember. In Haiffa wurde eine Religiöse Kommission, die sich aus sieben Mitgliedern zusammensetzt, ins Leben gerufen. Von den 40 bei der Wahlversammlung anwesenden Gesetzestreuen haben 30 für die Gewählten gestimmt. Es sind dies die Herren Goldblum, Josselowski, Moschif, Friedmann, Rostowski, Schulmann und Roman. Karlsruhe, 30. Dez. Stach kurzer Krankheit starb in Frankfurt, Frau Johanna Seeligmann, geb. Hirschberg, die gleichgesinnte und gleichgestimmte Gattin des im Tode ihr um acht Jahre vorangegangenen, als 'n riKT ’W! min p allbekannten Herrn Aron Seeligmann y und wurde am vierten Chanukatage hier beerdigt. Wenn irgendwo der Satz zutrifft in nti>K *ßfd, so ist es hier der Fall. Reich ausgestattet mit köstlichen Gaben des Geistes und des Herzens und nicht minder begnadet mit einem energischen, auf alles Gute, Schöne und Wahre gerichteten Willen war die Verblichene ausschließlich darauf bedacht, ihr Haus zu einem vpv rrnpv zu gestalten und die von ihr und ihrem Gatten gehegten Ideale in ihren Kindern zur Entfaltung zu bringen. Das eine wie das andere ist ihr vollkommen gelungen. Durch ihr unvergleichliches Gottvertrauen ist sie auch aus den schwersten Lagen des Lebens als Sieger hervorgegangen. Freundschaft und Pietät waren in gleicher Weise hervorstechende Eigenschaften ihres geschloffenen Charakters. Ihre Aufmerksamkeit gegen ihre Freunde war mustergültig, fast kann man ohne Uebertreibung sagen, beispiellos. Ein Beweis ihrer Pietät, Anhänglichkeit und Treue ist der mit ihrem Galten gehegte Wunsch, dort ihre Ruhestätte im Tode zu finden, wo sie des Lebens Gemeinschaft begründet hatten, in Karlsruhe. Mit der n^np, unserer Religionsgesellschaft, deren Mitbegründer ihr Gatte gewesen, fühlte sie sich verwachsen und auch viele Jahrzehnte seit ihrem Wegzug vermochten ihr Interesse für dieselbe nicht zu schmälern. Während ihres Aufenthalts in Amsterdam verband sie und ihren Gatten innige Freundschaft mit dem dortigen Oberrabbiner Dr. Dümer yjft, eine Freundschaft, die sie mit Stolz und Genugtuung erfüllte. Daß diese seltene Jehuduh in der Erfüllung aller niJto und Beobachtung aller Mtnhogtm speziell bis zum letzten Atemzug der Karlsruher religiösen Gebräuche, ihre Lebensbestimmung erblickte, gab ihrem Wesen eine von vielen bewunderte Harmonie und Geschlosienheit und daß Gemiluth cheßed und Gastfreundschaft im Kranze ihrer Tugenden nicht fehlten, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Da wegen muri ein mein unter-

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