Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Geile 4. Nr. 2 Der Israelit. 12. Januar 1922 Das t|t alles absolut richtig. Und dennoch muß man die jungen Heißsporne bitten, bei ihrer Beurteilung der Dinge, bet ihrer publizistischen und literarischen Auswertung sich im Tone ein wenig zu mäßigen und auch den Schein zu der meiden, als sei je das jüdische Volk von diesen Traditionen des friedlichen Zusammenarbeitens mit den Arabern gewichen. Verfehlt und ungerecht, weil stark übertrieben scheinen uns in all den Fällen besonders die Angriffe auf die Regierung und auf Herbert Samuel, von dem man nicht vergessen darf, daß er vorerst noch OberLommissar von Palästina und nicht von „Erez Jisroel" ist. Vom Geist der hebräischen Grammatik. Bon Arnold Merzvach in Berlin. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Und nur in einem reinen Gefäß spiegelt der Trunk frischen Wassers seine Seele. So kann auch die Sprache, in der einem Volk seine höchste Offenbarung geworden, nur eine heilige sein. In überwältigender Einfachheit, in durchsichtigem Glanz erschienen die Worte der Heiligen Schrift. Wer nur die Worte liest, ohne auf den Sinn zu achten, fühlt ein lindes Wehen, in dem die Allmacht zu ihm spricht, atmet erfrischenden Hauch, den er nicht mehr wird missen können. Wer aber aus eigner Kraft tiefer in die Gesetze der Sprache dringt, wer aus dem Bergwerk der Grammatik tief verborgene Schätze in mühseliger Kleinarbeit ans Licht hebt, wer nicht mit dem Wort, daß das Studium der Grammatik den Weg der Gelehrsamkeit verbaue, seine Unkenntnis in den Mantel besonderer Tugend hüllt — der wird seinem Gedankenkreis um ein Beträchtliches erweitern. Denn er wird das Leben und Denken seiner Vorfahren belauschen, wie es sich in den Formen der Sprache erhält. Er wird sein Auge zu den Märchenstätten orientalischer Kultur hlnüberschweffen lassen, wo die Sprache als Ausdruck der Phantasie und der Seele entstand und noch mehr als nur ein Verkehrsmittel bedeutete. Und er wird schließlich auch den Pulsschlag einer wieder gesprochenen Sprache, die die Glieder des zerstreuten Volkes mächtig durchblutet, in sich selber fühlen. Die Grammatik ist das Skelettsysrem des Organismus der Sprache. Sie gibt chm Halt und Schutz. Die einzelnen Gesetze ftab die Knochen. Aber ebenso wie der Körper nicht um seine Knochen herumgebtldet wird, sonderri wie die Träger des Ganzen erst in jahrelanger Ent- Wicklung im schon längst lebenden Menschen ihre dauernde Vollendung erreichen — ebenso wurde auch eine Sprache nicht nach ihren Gesetzen zusammengesetzt, sondern in der Längst lebenden und erlebten Sprache bildeten sich ihre Formen und Regeln erst langsam heraus, als Wirkungen allgemeiner sprachschöpferischer Kräfte und besonders in der Gesellschaft des betreffenden Menschenstammes begründeten Einflüsse der Sprachnotwendigkeit, der Sprachwerkzeuge, der Sprachenumgebung, wie es für unsere Sprache entdeckt zu haben, das Verdienst der semitischen Sprachwissenschaft ist (als deren erstklassigen Vertreter wir Gehetmrat Jakob Barth Dozent am Berliner Rabbiners eminar, schätzten.) Wer eine Wissenschaft behandelt, stellt die Fragen nach Stoff, (tm wetteren Sinn des Wortes), — also Woraus — Wie — Wozu. So zerfällt auch die hebräische Grammatik in Lautlehre als Darstellung der „mikroskopischen Anatomie" der Sprache, in Formenlehre als Beschreibung der Morphologie der selbständigen SprachgUeder, in Syniax als Schilderung der Physiologie der Sprachteue in der Satzreihe. Daß sich der Einzelne nach diesen Prinzipien den Schlüssel zur hebräischen Grammatlk erwerbe und sich, trotz aller Hindernisse und neben dem eigentlichen „Lernen", in einem Stündchen innigen Versuchend den W?g zuüt Blumeuhain biblischer Sprachpoeste und Gedankenlyrtk erkämpfe, dazu sollen nachfolgende Aufsätze eine ganz kleine Anregung geben. I. Ueber Zeit und Handlung. Der Jude hat eine große „Vergangenheit". Aber seine Bibel kennt diesen Begriff nicht und hat kein Wort dafür. Es gibt nichts Gewesenes. Das Vergangene ist lebendig wie am ersten Tag, weil es fortwirkt, und dies kann es nur, well es eine einheitliche geschloffene Reihe ist, deren Kräfte sich addieren und sich nicht gegenseitig aüfheben. Nur der königliche Phil soph, dort wo er zweifelt und sich erst aus eigner Erkenntnis zur Lehre hindurchrtngen will, — nur er spricht von „Vergangenheit." Der Jude hofft auf eine „Zukunft" und doch ist der Bibel der Begriff des großen Unbekannten nicht geläufig, vor dem andere nur Grauen empfinden. Es ist nur die Strafe der Verbannung, daß ihm am Morgen vor dem Geschick des Abends graut und er am Abend vor der Last des Morgens verzweifelt. Für die Bibel ist die Zukunft eine „bereitete", — und das Bereitete eilt dem Menschen zunur für ihn ist sein Lauf verhüllt. Und auch für die Scheibe zwischen Vergangenheit und Zukunft, die in der Philosophie nur als zeitlose Grenze existiert, für die Gegenwart, die dem Juden Leid über Leid bringt, ist im Sprachschatz der Sprache der Heiligkeit "kein Wort vorhanden. Denn der Jude begreift sich nur als Träger der Vergangenheit für die Zukunft. Aber einen anderen Begriff kennt die Bibel: den der Zeit als Summe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den der Zeit, losgelöst von aller menschlichen Betrachtungsweise und vom Standpunkt des Einzelmenschen „zwischen den Grenzen der Zeiten", und bestimmt in Anfangspunkt und Endpunkt vom Diktat des Zeitlosen und Ueberzettlichen. So kann die hebräische Grammatik auch keine „Zeiten" kennen. Ihre „Zeitwörter" sind „Tätigkettswörter". Nichts sonst! Das hebräische Verbum haben die mittelalterlichen Grammatiker am Ausdruck gemessen, das „Schaffen" bedeutet, am Wortbild Der Maßstab des Handelns wird an jedem Verb angelegt. Dort wo andere Sprachen von Futurum und Präteritum sprechen, fragt die hebräische Grammatik: Ist die Handlung schon vollendet oder nicht? Und so entstehen zwei Tempora (lies: Handlungen), deren eine den Namen trägt — die Handlung ist vorbei (Perfektum), deren andre aber Tfil? heißt — die Handlung ist bereitet, vollendet zu werden (Imperfektum). Die vollendete Handlung deckt sich nicht mit Vergangenheitsie ist perfekt, fertig und wirkt nach. Und für die unvollendete Handlung ergeben sich als Untergruppen verschiedene Möglichkeiten. Die Handlung kann begonnen, aber noch nicht zu Ende geführt sein (Präsens). Oder sie ist noch nicht einmal angefangen — und darum fragen wir, inwieweit Garantie dafür bestehe, daß die Handlung überhaupt beendet werde. Darauf antworten verschiedene Formenreihen. Die eine drückt die Sicherheit aus, daß der Handelnde dte Tat selber vollenden werde (Indikativ). Dle zweite dokumentiert nur meinen Wunsch es zu tun (Voluniatrv). Und die dritte gibt die Bürgschaft meines Willens, daß ein andrer es tue (Imperativ). Aber neben diesen obersten Kategorien der vollendeten und unvollendeten Handlung besteht die Möglichkeit, daß sie sowohl geschehen und vollendet ist, als auch später noch geschehen und beendet werden wird. Dann hat der Handelnde schon eine zunftmäßige Anteilnahme (Partieipium) am Geschehen, uno wir stehen schon an der Grenze des Verbalreiches und des persönlichen Attributes. Fragen ,wir aber nun nach dem Verhältnis zwischen der Handlung und ihrem Träger, der Person, dort wo die Handlung noch nicht den Grenzsall des Personalattrtbutes erreicht hat. Diese Frage ist grundlegend für das Verständnis des allgemeinen Wortbildes des Verb, das doch, um überhaupt eine eindeutige Aussage machen zu können, einerseits Handlung anderseits Träger der Handlung exakt definieren muß. Wir erkennen: Die vollendete Handlung hat sich von der Person ihres Trägers losgelöstals Vollendung ist sie unpersönlich, und nur rückwärts betrachtend, weist sie auf die Person hin, mit der sie in Verbindung stand. Ihr Wortbild geht darum vom Wortbllde der Tätigkeit aus und endet mit dem Zeichen der Person, die ihr Träger war — aber nicht mit dem ganzen Zeichen, das die selbständige Person wiedergibt, sondern nur mit dem charakteristischen Teil bcr Personalpronomens : denn in der einzelnen Handlung spiegelt sich auch nicht das Bild der ganzen Persönlichkeit, sondern eben nur der persönliche Wtllensimpuls, der eben die Handlung verursachte, oder der persönliche Gefühiseindruck, wenn an ihm die Handlung vollzogen wurde. Umgekehrt das Wortsymbol der unvollendeten Tat. Es geht vom Zeichen der Person aus, an die sich das Wortbild der Handlung anschließt. Denn die unvollendete Handlung ist an einen Körper, an Subjekt oder Objekt, gebunden, da von der Person erst die zu erwartende Vollendung der Tat abhängt. Ohne Träger keine Handlung! Und schließltch in jenem Grenzfall, wo dte in mehrfacher Wiederholung geschehene Handlung dem Träger ihren Stempel als ihm teilhaftig ausdrückt Dartizip), kann nur neben das Wortbild der Tat das ganze Zeichen der Persönlichkeit gesetzt werden. Denn als ihr Attribut ist dte Handlung hier in den Gesamtkomplex der Persönlichkeit schon ausgenommen. Diese Ueberlegungen über die Beziehung zwischen Handlung und Träger werden aber scheinbar umgestoßen durch jenes vor die Verbal» sorm zu setzende T*l das die Zauberkraft besitzen soll, das Wonjymbol deiner vollendeten Handlung in die unvollendete zu verwandeln, und umgekehrt! Wie kann dies möglich sein, wenn wirklich eine Handlung bestimmten Charakters mit dem zu ihr gehörenden Wortbild in gedanklichem Zusammenhang steht? Die Lösung dieser Schwierigkeit ist einfach. Es liegt im Charakter der vollendeten Handlung, daß sie sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft (vom Redenden aus betrachtet) statthaben kann. Sie kann also auch vollendet gedacht sein! Bei der prosctlschen Rede und einem jeden Urteil, das einen nicht bestehenden Zustand voraussieht, ist dies der Fall. Der Redende beginnt mit dem Wortbild des Imperfekt, welches andeutet, daß dte Handlung noch unvollendet ist, aber auf der Basis dieses Imperfekts versetzt er sich in einen Zeitpunkt, wo die nächstfolgenden Handlungen schon geschehen sind, und fährt mit einer Perfektform fort, die durch das sogenannte TID’nri 1'1 eingeleitet wird, welches wir aber in Wirklichkeit als ein Waw konsekutivum (der Folge) betrachten. Und als Beweis für diese Verrückung des eignen Standpunktes bei Profetischen und irrealen Schilderungen mag dienen, daß auch o hn e das Waw der Folge sich Perfektbilder finden, die eine in Wahrheit unvollendete Handlung als vom Standpunkt des Redenden vollendet charakterisieren (so nach BUö3) weil die Phantasie, einmal angeregt, letchr über ihr Ziel hinausschießt. B t diesem Vorgang der Darstellung tmperfekter Dinge, als ob sie perfekt wären, handelt es sich demnach um den sehr natürlichen und häufig vorkommenden Vorgang des Weiterarbettens des Gehirns in der einmal eingeschlagenen Kraftrichtung über das Ziel hinaus. Mit genau demselben Vorgang, der uns die Phantasie und den Gedankenreichtum des Orientalen zeigt, erkläre ich die Tatsache, daß das V'l auch an der Spitze eines Imperfekts das Perfekt fortsetzt, also eine in Wirklichkeit schon geschehene Hanolung als noch nicht vollendet vorführt, wie es in den Berichten, Erzählungen und Sttuationssetzungen der Bibel häufig ist. Der Erzähler, der seinen Bericht mit dem Wortsymbol der fertigen Handlung beginnt, gestaltet