Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1922)
- Date
- 1922-01-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Geile, 4." Nr/1._ - - - ' öeft,; oft sie auch hier zur Schieberei Änd Spekulanon, die manchem glückte. Dank dem auch Hier, .mittlerweile eingebürgerten, demokratischen Wahl- Prinzip, kommen gemeiniglichgerade solche nichtswürdigeEmporkömmlinge, die durch besonders ausfallendes Benehmen in die Augen fallen, zur Geltung. 20 jährige Burschen und Mädchen, die kleine blasse Ahnung von öffentlichen In-' tereffen und Gemeindebedürfnissen haben, sind stimmberechtigt und sie wählen grade denjenigen der durch irgend Etwas auffäüt. Und solche, Wähler sind jetzt die meisten. In Sowjetruß. land bei den Bolschewisten zur Schule gegangen, imponiert solchen Wählern, gewöhnlich, nicht der grundehrliche und ehrenhafie, solide Mann, der es vorzieht in Armut sein Dasein zu fristen, als durch unredliche Schieberei und Spekulation emporzukommen, sondern gerade die schlimmsten Schwindler, wenn sie nur erfolgreich sind. Zudem ist die Judenhcit in Litauen gegenwärtig in viele neuen Parteien und Fraktionen mit neuen Losungsworten zersplittert. Die Jugend hascht gewöhnlich nach allem Neuen. Vertreter der neuen Richtungen und Losungs- Worte, mögen letztere noch so sinnlos sein, dürfen immer auf den Beifall der rohen Jugend rechnen, und gehen sie aus den Wahlen als Sieger hervor, wenn sie an sich auch die unwürdigsten sein mögen. Daher der tiefe Verfall aller Gemeindeangelegenheiten und aller philantrovischen Stiftungen in Litauen, daher die jammervolle Not der jüdischen Bevölkerung Litauens. Fast aus allen Gebieten der Erwerbstätigkeit während ihrer 6jährigen Verbannung aus ihrer litauischen Heimat von nichtjüdtschen Konkurrenten verdrängt, bettelarm, kaum mit dem nackten Leben hierher zurückgekehrt, sind sie fast ausnahmslos hilflos. Cs sollte nun ernstlich dafür gesorgt werden, ihnen hilfreich entgegenzukommen. Jede Gemeinde sollte dafür Sorge tragen. Mehr denn je sind hier viele in öffentlichen Angelegenheiten vielerfahrene Männer vonnöten, die Mittel und Wege ausfindig machen sollten, wie und womit die so hilfsbedürftigen Brüdern aufzurichten und wie ihnen zu nützlicher Tätigkeit zu verhelfen. Aber wo bet dem gegenwärtig herrschenden demokratischen Wahlprinzip solche hernehmen? Der geringe Rest tüchtiger Gemetndearbeiter, die aus frühern Zeiten uns noch übrig geblieben sind, kommen nur selten in Betracht, weil solche Männer es verschmähen, sich vor- und aufzudrängen. Ueberall drängen sich die unerfahrenen, meist noch sehr jungen Emporkömmlinge vor. Wortführer der neuen Strömungen, allen echt jüdischen, internen Interessen völlig fremde Leute, können sie als Gemeinderepräsentanten eher schaden als nutzen. Nicht viel besser als mit den Gemeindevorstehern, ist es mit dem jüdischen Nationalrat bestellt. Die überwiegende Majorität seiner delegierten Mitglieder sind namenlose Jünglinge, die sich durch nichts hervorgetan haben als durch zionistische oder bundistische Propaganda. Die jehr wenigen ernsten Männer, weiche von „Achdus" gewählt sind aus der Mitte der gesetzestreuen Fraktion, sind meist orthodoxe Rabbiner aben Schlages, meist von geringer politischer und ökonomischer Erfahrung. Wohl sind sie durchweg ehrenwerte Persönlichkeiten, aber, leider, meist, wenig geeignet, die Zettfragen durch tatkräftiges Eingreifen ins zeitgenössischen Leben kraftvoll zu regeln. Dies um so weniger als sie dank dem demokratischen Wahlprinzip im Nationalrat eine Minorität bilden, wahrend die zionistischen und linken Deputierten, die Majorität desselben ausmachend, eifrig bemüht sind, ihre gesetzestreuen Gegner, obgleich diese die überwiegend große Majorität der jüdischen Bevölkerung im Lande sind, faktisch zu entwerten und htntanzusetzen, als ob darin der Schwerpunkt der Berufstätigkeit des Nationalrats bestände. Im Besitze der Exekutive, fällt es den jugendlichen Himmelstürmern nicht schwer, die Herrn der Situation zu setn und die gerechten Forderungen der „alten Rechten" zu ignorieren. Zwar auf den , , ■ Der.sMWlU^ . ■ r sÄtesi^rNwMnW Pleyarsitzungen cheHMatto^ " nälrats ändert, sich gewöhnW > dieSituation. 'Die wenigen „alten Rechten" machen durch ihre begründete KrM den jungen Machthabern viel zu schaffen.' Bet allem dem haben die Plenarsitzungen mich mit tiefer Wehmut erfüllt, als . ich mich habe überzeugen müssen, in welchen schwachen Händen die sogenannte jüdisch-nationale; Autonomie liegt, als ich sah, wer und wie über die vitalsten Interessen in Litauen waltet, als ich die langen, nichtssagenden Reden hörte, die über ein leeres Parteigezänk nicht hinauskamen. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Was könnte auch die beste, die vollkommenste jüdischnationale Autonomie der betreffenden Judenhcit bieten, wenn sie von solchen meist politisch unerfahrenen, aber mit kolossalem politischen Dünkel behafteten weltfremden Personen gehandhabt wird? Und die Juden in Litauen überleben gegenwärtig eine höchst kritische, folgenschwere Krisis, und es tut ernstlich Not, daß die politisch reifsten, um das Wohl der örtlichen Glaubensgenoffenschaft ernst besorgten Männer zu einer eingehenden Beratung sich versammeln, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie die Krisis glücklich zu überwinden. Das ist umsomehr notwendig, als die besagte Krisis nicht blos die wirtschaftliche Lage, sondern noch weit mehr die sittliche und die erzieherische Lage umfaßt. Die erziehliche Krisis der Juden Litauens ist von solcher enormen Bedeutung, daß ihr ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muß, was wir in einer ausschließlich ihr gewidmeten Besprechung zu tun gedenken. Nicht mindere Aufmerksamkett muß auch der Hebung und Förderung der moralischen und politischen Lage der Juden in Litauen zugewendet werden. Sie können und dürfen unmöglich in ihrem gegenwärtigen Zustande bleiben. Die bolschewistische Schule, noch mehr die aller Moral hohnsprechenden Lektionen des Weltkrieges haben gar zu demoralisierend auf unsere Jugend gewirkt. Gegen jene verderblichen Einflüsse muß ein ernster Kampf unternommen werden. Der Nationalrat, selbst ein armseliges Prodex des demokratischen Wahlprinzips der Jugend, ist dieser riesigen Ausgabe keineswegs gewachsen. Er scheint in seiner Ton Quichotterie von der jüdischen nationalen Autonomie gar zu sehr befangen zu setn, um nüchtern über die so ernste Lage der mehr als 200000 Juden Litauens ernstlich nachzudenken, und wie dieser helfen zu können. Dies umso weniger als seine zahlreichen zionistischen Delegaten ganz andere, ihrer Meinung nach, wie es scheint, weit wichtigere Aufgaben zu lösen haben, zum Beispiele, das von dem englischen Mandat auf Palästina, wenn auch verkappt, proklamierte ethnographische Prinzip, welches indirekt den ganzen Zionismus zu vereiteln droht, zu entkräften und die wtnzige, verschwindend geringe jüdische Minorität gerade in Palästina nicht aus religiösen, sondern ausschließlich aus national-politischen Gründen zur Herrschaft zu bringen, in einem Lande, aus das alle monotheistischen Kirchen und Religionen ihre religiösen Ansprüche erheben. Wenn man eine so riesige Aufgabe vor sich hat, wie sollte man da noch an eine solche Bagatelle denken, wie an die Hebung und Förderung der ökonomischen, pädagogischen und ethisch - tntellectuellen Lage eines Häufleins Juden von blos wenig mehr als 200000 Seelen? Eine ganz andere Sache ist die jüdisch-nationale Autonomie. Da handelt es ich ja nicht um Personen, um Menschen, soni)mi um eine große Idee, nämlich den neugeborenen Staat mit einer kleinen katholischen Bevölkerung quasi zu veranlassen, trotz allen Staatsrechten, „einen Staat im Staate" zu proklamieren, wozu die größten und zivilisiertesten Staaten der Welt: wie England, Frankreich, die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Italien, sich bis jetzt noch nicht haben emporschwingen können, und die weiter als bis zur Judenemanzipation und Gleichberechtigung der Juden, trotz hrer zahlreichen hervorragenden jüdischen Minister (nicht nur für „jüdische Angelegenheiten" und ohne ' _. _ yW-gÄrachtz haben. 7. JchwageW?; offen Herayszusirgern. Das Streben -nach einer i „jüdisch-nationalen Autonomie" ist eine krankhafte und.: uns Juden durchaus schädliche Phantasie, - ^welche: in . der nichijüdtschen Bevölkerungnur- 'Mißgunst hervorruft, die Anklage als ob. die Juden? einen Staat im Staate bilden wollen,, bestätigt. Wonach wir Juden streben sollen und strebenmüssen und zu-streben berechtigt und verpflichtet sind — ist nach Gleichberechtigung. Weitergehende Bestrebungen werden für uns besonders in der Mite eines strengkatholischen Volkes mit ' einer strengkatholischen Geistlichkeit von Nebel' sein. Jüdisch-nationale Autonomie gibt uns absolut nichts, nicht einmal kulturelle Autonomie, die bei voller Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Höchstens kann noch, bei gewissen Umständen, von einer religiösen Autonomie die Rede sein, nur dürfte dieselbe nicht in eine Konsistorialverfassung ausarten, wte in Frankreich. Es ist daher ganz begreiflich, daß der Nationalrat nebst seiner Exekutive, dem „jüdischen Minister ohne Portefeuille", für „jüdische Angelegenheiten" den Jrtten in Litauen nichts vom positiven Werte gebracht hat und bringen wird. Wir haben vom Nationalrat und jüdischen Minister für Besserung der Lage der Juden nichts 'zu erwarten. Uns tut sitzt ganz besonders Not an einer alten "Nü'vrr,, der alten vielerfahrenen,. praktisch denkenden und erfahrenen Männer, welche für Gewinnung von neuen Erwerbszweigen redlicher Tätigkeit und für dte Hebung der vorhandenen Erwerbszweige, durch geeignete Instruktoren, zu sorgen haben, daß sie konkurrenzfähig werden. Dieselbe."iLDdr sollte auch die anderen sehr wichtigen Fragen verhandeln, welche Gegenstand einer nächsten Besprechung bilden sollen. Lorrerpsnüenren u. ßacftricbten. Deutsches Reich. Das Juöenediht im üerfalfunasausfchuß. München, 29. Dezember. Der Berfaffungsausschuß beschäftigt sich mit einer Eingabe der Bayerischen Rabbtnerkonferenz in Regensburg, die um Entscheidung dahin ersucht, daß das Judenedikt vom 10. Juni 1813 in Kraft bleibe, solange es nicht durch Gesetz aufgehoben wird. Ein Nachtrag hiezu legt das Hauptgewicht auf die Ministerialausführungsbesttmmungen vom Jahr 1863. Es handelt sich um den Rechtsbegrlff der jüdischen Kultusgemeinde, ihre Geltung als öffentlich-rechtliche Körperschaft und ihr Umlagerecht. Die Regierung erklärte, daß die Rechtsgültigkeit der Ministerialbestimmung vom Jahre 1863 schon unter dem alten Recht umstritten war, daß aber im neuen Recht nach Artikel 137 der Reichsverfassung jede Einmischung in innere Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften offenbar ungesetzlich sei. Dte Geltung der bisherigen jüdischen Kultusgrmetnden als Körperschaften öffentlichen Rechts mit dem -Rechte religionsgesellschaftlicher Umlagen sei jedenfalls gesichert. Die Nachtragseingabe wurde der Regierung zur Würdigung hinübergegeben. Die Arbeit der öefefeesfreuen in Baden. Karlsruhe, 1. Januar. Der „Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" betont in seinem Berichte über die Vereinstättgkett in den Jahren 1915—1921, daß die letzten Jahre für die Entwicklung der badischen Landessynagoge dadurch von besonderer Bedeutung gewesen sind, daß die 8. ordentliche Synode des