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Der Israelit · 1922-01-05 · Heft 1 (5.1.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 1 (5.1.1922)
Date
1922-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1 Seite B 5^ Januar 1922. _ Die Selbsterkenntnis der Führer der neutralen Fugend wäre zu loben, we in sie n'cht Zu spät käme und wenn sie nicht dazu führte, daß ihre Sache von e'ner anderen Organisation ins Sch lepptau genommen wird, die sie wohl ins national' Fahrwasser zieht, aber noch lange nicht in den breiten kcaft- und lebenspendenden Strom des wahren Judentums. Der Warschauer Magistrat und der Eruw. Das Drahtnetz, das in Warschau, der Scadmit der jüdischen Halbmilltonenbevöikerung, die Sabbatgrenze andeutet, verletzt das ästhetische und ethische — ju auch ethische — Empfinden der Warschauer Ratsherren, und sie rücken ihm mit einem Beschlüsse zu Leibe, dem eine Art von historischem Dokumente und ein Gutachten des polnischen Gelehrten und „Sachverständigen" in Juhaicis Niewojewskt (sein Machwerk heißt: „Die jüdische Seele im Spiegel des Talmuds") zu Grunde gelegt ist. Die Russen haben in den Jahrhunderten, da sie die Herren Polens waren, bei allem Willen zur Unterdrückung und Niederholtung der Juden und des jüdischen Lebens, am Eruw nie Anstoß genommen und ihn wie alle Kultuseinrtchtungen der anderen Konfessionen trotz mannigfacher Verordnungen sogar geschützt. Die Deutschen, die sich doch aus Dinge der Aesthetik wohl ein wenig verstehen, haben in der Zeit der Okkupation das Eruwnetz auf 27 Straßen sich ausdehnen lassen, nachdem sie in ihm eine notwendige religiöse Einrichtung, die Andersgläubige weder stört noch verletzt noch das Stadtbild verunziert, erkam t haben. Dem polnischen Warschauer Magistrat blieb es Vorbehalten, den Stadtcharakter Warschaus zu retten — durch eine Gewalttat, die noch hinter her mit Verdrehungen und verfälschten Zitaten aus jüdischen Religionsquellen cecechlfertigt wtrv Interessant ist, daß in der Begründung auch alte Verordnungen aus der zaristischen Zeit angeführt worden, um zu beweisen, daß der Warschauer Eruw den in jenen „Ukasen" enthaltenen Voraussetzungen für die Freigabe des Eruw nicht.entspreche. Will der Magistrat sich alte Dokumente aus der zaristischen Zeit zu eigen machen, so dürfte es ihm freilich ein Leichtes sein, noch ganz andere Verordnungen gegen die Juden zu erlassen. Das junge Polen setzt aber seinen Stolz darein, ein Kultur st aat zu sein und die Herren tuen ansonst sehr gekränkt und ungehalten, wenn man von ihnen im Zusammenhänge mit dem Zarismus spricht ... Immerhin wäre es bet Geltendmachung zartutscher Verordnungen nicht nötig gewesen, auch ) noch mit den von Niemojewski gefälschten „Auszügen" aus dem Traktate „Erubin" die Gefühle der Juden zu verletzen. Die litauische Menhril nach dem Weltkriege. I. Von einer aut unterrichteten, angesehenen Persönlichleit aus Litauen iuii'b uns aeschrieben: Ter Weltnieg, welcher inr Lebern und Tr erben aller Länder und alter Völker, die er heiingesilcht hat, kolossale Veränderungen, ja ganze Umwälzungen hervorgernfen hat, hat [eineverwüstenden und zerstörenden Spuren besonders tief und in ungeheuerem Umfange unter der russischen Juden heit, vornehmlich in der Ulraine und in Litauen zurttckgelassen. Wer mit der Lebensweise, und Tätigkeit der Juden Litauens, mit ihren Sitten und Gewohnheiten vor deur Weltkriege auch nur halbwegs bd’auut ist, erkennt die gegenwärtigen Inden in Litauen nicht mehr wieder. Es sind ganz andere Geschöpfe, ein ganz anderer Menschenschlag. Ihre Lebensweise, ihr Lebenswandel, ihre Erwerbstätigkeit befremdet uns. Altes, lvas wir hier sehen und wahrnehmen, ist für uns ganz Ungewöhnliches, hier nie Tagewesenes. Bor dem Weltkriege war der litauische Jude der klassische Typus eines echten „Golnsjudew'. Aufrichtige, innige Frömmigkeit, ausgesprochener Hang znm Thorastudinm, mnstergiltige Wohltätigkeit, welche auch die ärmsten Volksschichten übten, sprichwörtliche Sparsamkeit, Nüchternheit und M'äsftgkeU irn Lebensgenuß, außerordentliche sittliche strenge gegen sich selbst und seine Angehörigen, unermüdliche Arbeitsamkeit unter beit bescheidensten Bedingungen. Diese charakteristischen Eigenschaften des durchschnittlichen litauischen Inden haben in Litauen eine unternehmende Regsamkeit und rührige Produktivität im Geschäftsleben geschaffen, welche der dichten jüdischen Bevölkerung hier dte Mögica-Uit gab, trotz öu° sehr dürftigen Industrie des Landes und drr äußerst geringen kulturellen Bedürfnisse und großen Armut des litauischen Landvolkes ein erträgliches Dasein zu fristen und eine Unmrsse von religiösen Lehranstalten, wie Chedorim, Talmudthoras, Jeschibc ts und „Klausen mit Pruschtm" zu unterhalten und eine Unzahl von philantropischen Stiftungen verschiedenster Art und Benennung meist ausschließlich auf eigene Unkosten zu gründen und mit allem Nötigen zu versehen. Das alles hat sich nun vom Grund aus geändert, bis auf die herzzerreißende Armut der jüdischen Bevölkerung, die noch im alten Stadium'geblieben ist, übrigens hat sich auch düse verändert, insofern sie ungeheuer sich vertieft und ganz wesentlich am Umfang zugenommen hat. Und was das Auffallende dabet ist, daß die jüdische Bevölkerung im Großen und Ganzen hier dieselbe geblieben ist, wie vor dem Weltkriege — dieselben litauischen Juden streng gesetzestreuer, traditioneller Richtung, welche noch immer die bei weitem überwiegende Majorität der hier ansässigen Juden bilden. Nur kommen diese jetzt nicht mehr so zur Geltung, wie vor dcm Weltkriege. Sie sind vollständig vcn einem guiz neuen Typ Juden zurückgedrängt, welche sich gegenwärtig allüberall, zu unserem großen Leidwesen vordrängen und höchst unerwünscht sich bemerkbar machen. Der Weltkrieg hat die früheren mehr bemiltelten jüdischen Familien, die im jüdischen Gemeindeleben den Ton angegeben haben und die Führer und Letter aller öffentlicher Anstaben und Stiftungen waren, w.'ggeräumt. Durch die Plötzliche, grausame Vertreibung aus ihren angestammten Wohnorten im Jahre 1915 sind sie völlig ruiniert und au den Bettelstab gebracht worden. Aus dem Innern Rußland, wohin sie dann übersiedelt worden sind, nach längeren schnüren Leiden, in ihre alte litauische Heimat zurückgkkehrt, haben sie tvre Häuser zerstört, ihre Geschäfte ausgeplündert und nebst ihrer früheren Kundschaft in Händen von N cht-Juden gefunden. So erging es auch den jüdischen Gewerbetreibenden mit ihren Werkstätten und Kundschaft. In tiefe Armut verfallen, sehen sich nun die früheren sb welche einst das große Wort geführt haben, von allem und jedem zurückgesetzt und unbeachtet. In die vorderen Reihen des gesellschaftlichen Lebens sind frisch- . gebackene Emporkömmlinge getreten, die gleichfalls aus „Sowjetrußland" zurückgekehrt sind, wo sie, da jeder redliche Erwerb, durch die Aufhebung des Privateigentums und durch das Verbot von Prtoat-Handel und -Gewerbe, unmöglich gemacht wurde, auf Schieberei und Spekulation sich geworfen und zu Wohlhatenhett sich emporgeschwungen haben. Die größte Not hat sie verwegen gemacht. Schieberei und Spekulation zogen im Sowjetrußland die größten Gefahren nach sich, nicht selten auch die Todesstrafe, aber was blieb ihnen zu tun übrig, wenn die mühsamste Arbeit für den bolschewistischen Staat sie nicht satt machen konnte und selbst vor dem Hungertode nicht schützte. So haben sie sich dort von jeder Arbeit entwöhnt und an waghalsige Spekulation gewöhnt. In ihre Heimat zurückgekehrt, sanken sie ihre Geschäftslokal oder Werkstätten nebst ihrer Kundschaft in frem- Tagen — Korachs. Was hat denn nicht Korach alles versucht und unternommen, um die Stellung Moses als Lehrer und Führer Israels zu unterwühlen und zu untergraben, wie verstand er es meisterhaft, die ganze Gemeinde gegen Moses und Aron aufzuwiegeln! Und was hat er mit seiner ganzen Wühlarbeit erreicht? Wohl dasselbe, was die Brüder Josefs mit ihrer Feindschaft gegen ihren Bruder erreicht haben. „Der Ratschluß des Herrn besteht ewiglich" und gegen seinen Willen vermag niemand etwas auszurichten.' Josef war seinem königlichen Herrn und Gebieter aufrichtig und mit ganzem Herzen treu und ergeben. Nirgends in der ganzen heiligen Schrift wird von etwaigen Meinungsverfchtedenheiten zwischen Josef und Pharao berichtet. Josef ist voll Rücksicht gegen Pharao, sein Volk und sein Land und ebenso Pharao gegen Josef, seinen Vater und seiue Brüder. Und dabei war der eine ein Aegypter, der andere ein Hebräer, jener ein Heide und dieser der fromme Sohn des frommen Jakob. Der Unterschied der Religion, Nation oder Rasse, wie man heutzutage zu sagen pflegt, bildete kein Hindernis, daß zwei gleichgesinnte Männer in wahrer, aufrichtigster Liebe und Freundschaft einander zugetan waren. Dieselbe Lehre finden wir bestätigt in den Tagen des - Antontnus, dessen Freund bekanntlich R. Jrhuda Hanasst war. Anlvninus war ein römischer Machthaber und R. Jehuda ein Fürst in Israel, jener ein Heide und dieser ein Lehrer in Israel, jener ein Römer und dieser ein Rabbi. Dies alles hinderte sie trotzdem nicht, nicht nur in Eintracht, sondnrn in idealer Freundschaft miteinander zu leben und zu verkehren. Und hat sich dann nicht diese ideale Freundft schaft als ein kostbarer Schatz erwiesen für beide, dem Römer und den Rabbi, für Welt und Nachwelt? * Und die dritte kostbare Lehre? Josef wurde von allen Brüdern gehaßt, arigefeindet und verfolgt. Dieser Haß dauerte lange, aber nicht ewig. Endlich erkannten auch die feindlichen Brüder in Josef den Bruder, den Sohn ihres Baters und liebten ihn und schätzten ihn wie einen Bruder und der Bruderhaß verwandelte sich in Bruderliebe. Auch die Feindschaft der Völker und Nationen gegen Israel wird einmal ein Ende nehmen und der Bruderhaß wird in Bruderliebe sich verwandeln. Einst werden alle zur Einsicht kommen, daß alle Brüder — doch Brüder sind und bleiben, Söhne eines Baters, der sie alle geboren und geschaffen. - Und es werden alle Brüder einander die Harchzjrr Versöhnung reichen und alle werden dann in [Liebe und Freundschaft, in Eintracht und in Frieden 'miteinander leben. Dieser kostbare Schatz der Bruderliebe wird entdeckt und gehoben werden, sobald die Stunde der Erlösung auch für Israel geschlagen hat, in den Tagen des Messias. Aufforderung. Es ist bekannt, daß die Erfüllung gewisser Gebote an bestimmte Zeitangaben gebunden ist. So gelten als frühester Beginn für: 1. das Morgengebet, wenn am östlichen Horizont s- -! dtei.TyAeZdänlmerung zu bemerken ist/ -ft •; 2:.'M «Vas '-MtklegentnbeS'. 'TaüiN, wenn man im -l-Freien zwischen blauer und weißer Farbe unterscheiden kann/ 3. für das Anlegen der Tefillin, ebenso wie 4. für das Lesen des Schema, wenn man in ca 2% Meter Entfernung eine einigermaßen bekannte Person erkennt. Nur im äußersten Falle gilt für 2., 3. und 4. die Angabe von 1. Für die Praxis wäre es zweifellos von großem Wert, wenn man obige Festsetzungen durch die Uhrzeit ausdrücken könnte. Zu diesem Zweck bedarf es zahlreicher Beobachtungen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Jahreszeiten. Es ergeht daher an alle, welche Gelegenheit dazu haben, besonders an die Dorfbewohner die Bitte, nach einer richtig gehenden Uhr festzustellen, warn obige Zeitdefinitioneu eintreten. Vielleicht können die Herren Lehrer auf dem Lande derartige Beobachtungen anregen und ihre Ergebnisse einsammeln/ sie würden der Allgemeinheit damit einen großen Dienst erweisen. Je mehr und je genauere Beobachtungen vorltegen, desto sicherer wird das cv> rechnete Resultat. Ich schlage vor, die Mitteilungen nach folgender Anordnung abzufassen: 1. Ort der Beobachtung/ 2. welche von den drei oben auseinandergesetzten Beobachtungen vorliegt / 3. Stand der Uhr bis aus die Minute genau; 4. Name des Beobachters/ ft. Besondere Bemerkungen / 6. Bü-gerliches Datum. Die Redaktion dieses Blattes ist gerne bereit, schriftliche Berichte entgegenzunehmen und zur Bearbet. tung weiterzugeben. Dr E. SD

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