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Der Israelit · 1921-12-29 · Heft 52 (29.12.1921) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 52 (29.12.1921)
Date
1921-12-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 52 des „Melit". Rabbi Leib, der Lhassid. Rabbi Leib galt schon bereits vor hundert Jahren als ein Mann aus einer anderen, einer früheren Welt, einer von denen, die alle Erdenschwere von sich abgeschüttelt haben. Was war Körper, was war ‘ die Welt, was waren die Menschen für ihn? Die Erde war ein großes Thorabuch und die Menschen darauf Worte und Buchstaben . . . Das jüdische Leben nichts als eine Tafel, darauf die 613 Gebote standen. Eines dieser Gebote wollte es, daß Rabbi Leib heiratete und eine Familie gründe. Die Sorge für sie konnte er ruhig dem Schöpfer überlassen, von dem die Gebote stammten. Er selbst hatte nur eine Sorge, die Sorge um seine „Neschomoh" ... Die Bedürfnisse Rabbi Leibs waren nicht groß, seine Ansprüche an das Leben beschränkten sich auf Tallith und Tefellin, ein Schränkchen mit den nötigen heiligen Büchern, ein Pult und eine Talgkerze dazu und, zuweilen nach vielem Fasten, ein Stückchen schwarzes Brot mit Salz. Ein Mann von solchen Bedürfnissen urd Ansprüchen hat gemeiniglich mit der Welt nicht viel zu tun, Und doch geschah cs einmal, daß er ins Leben trat) es war, als es galt, seine ältere Tochter zu verheiraten. Rabbt Leib stand vor seinem Pulte und arbeitete mit Händen und Füßen und mit allen Gliedmaßen, um aus dem Labyrinth, in das er sich htneingelernt hatte, herauszukommen. Taufend Hemmungen und Hindernisse sind zu nehmen und je tiefer man in die Materie eindrtngt, umso mehr Schwierigkeiten ergeben sich, Rabbi Leib war nun weit entfernt von allen Gegenständen der Welt. Die Talgkerze flackerte nur noch aus weiter, weiter Ferne wie durch einen dichten Schleier. Er sah und fühlte seinen eigenen Körper nicht mehr . . . Eine halbe Stunde bereits stand seine Frau hinter ihm und wartete, daß er einmal eine Atempause mache, vielleicht den Schweiß von der Stirne wische, um mit ihm zu sprechen. Sie hatte ihm was Dringendes zu sagen. Aber in diesem Zustande war es schlechthin unmöglich. Gott sei Dank, Rabbi Leib hustete. „Verzeihe", fing sie unsicher an, „ein sündhaftes Weib und muß dich in deinem Lernen stören, aber die Sache ist so dringlich, eine Lebensfrage. . ." Ein paar brennende, traurige Augen, blickten ihr verständnislos entgegen. „Lebensfrage? . . „Ja, um das Leben, um die Zukunft unserer ältesten Tochter. Ist bereits 16 Jahre alt und .. „Was", fragte Rabbi Leib, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend. Da stoß es bei der armen Frau über: „Alles i ch, alles liegt auf meinen Schultern Auch d u mußt einmal etwas tun, bist doch der Vater . . ." Eine Weile starrte der Mann verständnislos vor sich hin, dann kam ein Seufzer aus seiner tiefen Brust und seine Augen hoben sich nach oben: „Ja, alles d u, alles liegt dir ob. Ich? . . . Was bin ich? . . ." Es war nicht klar, ob die Anrede der armen Frau galt, die verzweifelt vor ihm stand, oder Gott im Himmel, der er alle Obsorge für sich und sein Haus überließ. Da wurde die Frau ganz weich, und reuig bat sie: „Gott ist mein Zeuge, ich wollte nichts Böses, das betrübte Gemüt spricht aus mir. Aber Leiser soll für mich reden, er kann es besser". Aus dem zweiten Zimmer trat Leiser, der bekannte S chadch en des Städtchens, vor Rabbi Leib. „Da ist nicht viel zu reden, jedes Wort ist überflüssig", fing Leiser in seiner bestimmten Art an. „Sofort aufmachen und Hinreisen. Hört ihr, Rabbt Leib, gleich auf der Stelle. Es ist nichts zu versäumen. Der junge Mann ist einzig in ganz Wilna. Eine Perle, hat halb Schas im Kopf, welche Hälfte ihr auch wollt, die erste oder die zweite ... Also auf, Reb Leib, nach Wilna, um die Sache fertig zu machen!" „Wie, mitten drin, so aus dem Zusammenhänge heraus, wegfahren?" seufzte Rabbi Leib und wies auf die Gemoroh. „Was heißt Mitte? Hat unsere Thora Anfang, Ende oder Mtttr? Wir sind immer in der Mitte und immer müssen wir mitten drin abfahren ..." Ihr habt recht, Reb Leiser, aber zuweilen steht man an einem Satz, der nach der Erklärung und Ausdeutung geradezu schreit. Der Schweiß rinnt einem die Stirn herab, der Kopf geht einem wie ein Mühlenrad; alles vergebens. Man steht wie vor einem Berge, es geht nicht weiter, aber auch nicht zurück. Und gerade heute stehe ich hier, — er zeigte auf die Gemoroh, — vor einem solchen Berge. Und nun sagt selbst, Reb Leiser, kann ich so mir nichts dir nichts davon laufen?" „Dann", bestätigte Leiser, der alles aufs beste zu lenken wußte, „dann bleibt eben nichts anderes übrig, als sich sofort aufzumachen und nach Wilna hinzureisen. Denn", setzte der Schadchen in der Lernmelodie fort, „alle Rabbiner und Ge- Gelehrten fahren mit ihren Schwierigkeiten und Bedenken nach Wilna zu dem Gaon, Rabbt Elje, und Rabbi Leib allein besteht darauf, olle Schwierigkeiten selber aufzuklären? Wieviele wären glücklich, einmal die Gelegenheit zu haben, zu ihm nach Wilna zu gehen . . ." Das wirkte. Jetzt hörte Rabbi Leib überhaupt nichts mehr. Er sah sich schon im Geiste wett entfernt von seinem Städtchen, er sah sich im Lernztmmer des Gaon und lauschte auf seine Thoraworte, die wie Offenbarungen vom Sinai in seine Ohren klangen. Auch die Schwierigkeit von heute waren so glatt geklärt, daß sich ihm auf einmal ganz neue Welten eröffneten... „Ich fahre", rief er laut. Und Rabbi Leb fährt nach Wilna. Am Haustore steht seine Frau, und betet ihm glühendste Segenswünsche nach, bis der Wagen den Berg hinunterrollt und verschwindet. „Dennoch ein Vater", denkt die Frau. „Vergib mir, Gott im Himmel, daß ich je anders über ihn gedacht hatte." Und Rabbi Leib fährt und fährt. Und je näher er der Stadt Wilna kommt, umso glühender schäumt die Freude auf. Kleinigkeit Wilna! Jerusalem Litauens, voll von Gelehrten und Frommen! Ein Himmel, der vollbesäet ist von leuchtenden Sternen. Ja, viele Sterne, große und kleine. Aber nur eine Sonne, die alles beherrscht und beleuchtet. Rabbt Elje, der Gaon, der einzige und vielleicht der letzte. Ja der letzte, denkt Rabbi Leib. Es geht abwärts in der Welt . . . Auf der einen Seite die Modernen, die Berliner mit ihrer neuen Art, alles zu bekritteln, alles zu bezweifeln und zu bespötteln. Und auf der anderen Seite die Meserttzer, wohl gute, fromme Menschen und warme Juden, aber vom rechten Weg etwas abgewtchen, von Gedanken beherrscht, die der Gaon richt mag und für gefährlich hält . . . Und nun ist es ein Jüngling in Wilna, der sein Schwiegersohn werden sollte. Soll ein glänzender Kopf setn. Man muß heute vorsichtig fein . . . Aber der Gaon wird schon von ihm gehört haben, wird ihn schon belehren, was da zu tun sei. So möge der erste Weg zum Gaon führen. Er mußte ja so wie so zu ihm. „Wir sind in W.lna", verkündete der Fuhrmann, „wo wollt ihr absteigen?" „In der Nähe vom Gaon", gab Rabbt Leib zurück. (Fortsetzung folgt.)' Aus dem verlorenen Paradies. Federstriche von F. E. D> Mai eiana Marina ist wohl eines der schönsten und malerischsten Städtchen der Insel Elba. Seine Häuser drängen sich in engen, leicht ansteigenden Gassen in der schmalen Bucht zusammen, die von steil abfallenden Felsen begrenzt ist. Dahinter erheben sich zwei gleichlaufende mächtige Bergrücken, die, durch ein enges Fiutzial verbunden und zugleich getrennt, in zackigen Felsen gen Himmel ragen. In haiber Höhe wie Voaelnester, auf jeden der Bergrücken keck hingeworfen, leuchten Marciana und Toggio aus dem Grün der Kastanienwälder hervor. Die Bewohner des Städtchens, wie auch der ganzen Insel, sind meist alte eingesessene Elbaner, die gern in die geliebte Heimat zurückgekehrt sind, in der Jugend als Matrosen die ganze Welt kennen gelernt und sich wohl auch über Meer ein hübsches Sümmchen erspart haben. Außer diesen gibt es wenige Beamtenfam-lien aus dem Kontinent (mit diesem Namen bezeichnen die Insulaner Italien), die es nicht erwarten können, diese Einsamkeit so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Und in dieem Städtchen lebte eine jüdische Familie. Wunderlich, nicht wahr? Oder auch nicht wunderlich denn gibt es einen P atz auf der weiten Erde, wo man nicht einem Angehörigen unseres zerstreuten und wanderlustigen Volkes begegnete? Der Herr und Vater des Hauses, Elia Nissim, hatte sich anfangs in Livorno mit dem Handel des Elbaner Weines beschäftigt, denn die Insel ist ganz mit Reben bebaut, welche die bedeutendste Quelle ihres Reichtums bilden, und fuhr manchmal nach Elba, um mit den Produzenten persönlich zu verhandeln. Dann ging er öfters hin, hielt sich auch bisweilen dort länger auf, bis er es für nötig fand, sich dort niederzulassen und die ganze Familie mit hinüber zu verpflanzen. Herr Elia Nissim war nicht fromm, er liebte es sogar, wenn er in gelehrter Gesellschaft, besonders Andersgläubiger war, sich als Atheist auszugeben. Doch in seinem Ellernhause, ja das! . . . Man mutzte ihn nur erzählen hören, lwenn er es in den melancholischen Stunden seines Lebens liebte, sich in die Vergangenheit zu versenken), von den wundervollen Sederabenden, wo bis zu dreißig Personen saßen an dem festlich geschmückten Tisch, prangend von gar manchem Famtliensilber — er mutzte jedes Stück genau zu beschreiben; wo sein Vater, ein Gelehrter in Israel — hatteer doch eine hebräische Grammatik eigenst verfaßt — in dem alten h ^gebrachten Nigen die Hagode hersang. Und dann Chanuka, und dann Sukkaus .... Doch als Vater und Mutter gestorben waren, als das Elternhaus aufgelöst wurde, verloren sich die Söhne in die verschiedensten Richtungen Italiens, machten ihren Eltern wohl auch viel Ehre, aber — alle Religion war verschwunden. Wenn er einen recht frommen Zuhörer vor sich hatte, rühmte sich Herr Nissim sogar, der jüdischste, ja vielleicht der innerlich frömmste, von seinen Brüdern geblieben zu sein. Ob er beb, ätsch lesen konnte? Als er ein Kind war, natürlich! Aber jetzt hatte er es vergessen, nicht ganz, aber fast, so viele Jahre, wenn die Uebung fehlt! Und er begleitete diese Rede mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die wohl die Fügung ins Unabänderliche bedeuten sollte. Ja, ins Unabänderliche; so betrachten es fast alle italienischen Juden, wenn mit ihrer Kindheit, mit ihrer Jugend, auch der Glaube, auch alles Jüdische im Kampf des Lebens untergeht. Dian merkte es dem Elia wohl an, daß er, wenn er eine fromme Frau gehabt hätte, er sie hätte gerne gewähren lasten; aber Signora Emilia hatte schon nicht einmal mehr die Tradition; niemand hatte ihr je von Religion gesprochen und sie selbst hatte nie über dieselbe nachgedacht. So wuchs das einzige Töchterlein, Maria Grazia, auf und wußte garnicht, zu welch' altem Volke sie gehörte. Die Familie Nissim lebte schon seit fünf Jahre» in Marelana Marina und niemand dachte an eine Rückkehr nach Livorno. Der Weinhandel war fast aufgegeben worden, Herr Elia hatte sich ein nettes

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