Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1921)
- Date
- 1921-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 No. 52 Der Israelit. 29. Dezember 1921 Häuschen mit einem Weinberg daran gekauft und bebaute ihn selbst, zu eigenem Gebrauch. Er hatte einen Spezereiladen auf dem größten und einzigen Platz des Städtchens eröffnet, der ihm viel einbrachte, kurz er lebte gut. Niemond wußte, daß sie Juden waren. Sie gingen nie in die Kirche, aber das halte nichts zu bedeuten, denn es gab auf der Insel genug Katholiken, die dies auch nicht raten; überhaupt dort hielt man nicht viel auf Religion. Es hätte schon einer von der Familie Ntssim sterben müssen, Gott behüte, oder besser sie hätte um ein neues Mitglied bereichert werden müssen, wenn es hätte kund weiden sollen, wie cs um den Glauben des Herrn Elia stände. Aber wer wird sich um so etwas Gedanken machen — kommt Zeit, kommt Rat. Jeden Sommer kam für einige Wochen etwas Leben an den stillen Platz. Man wagte sich vom „Kontinent« übers Meer zur Felseninstl, wo sich ein von keinem Luxus beengtes, fröhliches Badeleben entwickelte. So kam es, daß eines Tages ein Sommergast in den Laden des Herrn Elia trat, um etwas Chokolade bat und sich entschuldigte, daß er nicht bezahlen könne, da er kein Geld in der Tasche habe. Als liebenswürdiger Kaufmann erfüllte Herr Elia sofort seinen Wunsch. Als der Herr gegangen und er im Laden gerade einen Augenblick allein war, fielen Herrn EliaS Augen zufällig auf den Kalender an der Wand: „Es ist ja heute Samstag" und gleichzeitig, indem er an den seltsamen Kunden dachte, zuckte es ihm durch den Kopf: „Er ist vielleicht ein Jude". Da kam eine Schar Mädels herein und verlangte Ansichtskarten, er gab sie ihnen zum Aussuchen und dachte nicht weiter darüber nach. Doch über diese Sommergäste, die Familie Tardo, hörte man viel Geheimnisvolles. Der Metzger hatte sich im Gespräch mit Herrn Elia darüber gewundert und bitter beklagt, daß sie nie bet ihm Fleisch kauften; die Schwester des Doktors, die ihnen gerade gegenüber wohnte, wußte viel Drolliges zu erzählen. Sie hatte sie jeden Freitag abend sinken hören und auch sonst klangen oft Laure einer unbekannten Sprache bis zu ihr hinüber. Seit Herr Elia dies .wußte, ward er immer freundlicher und zuvorkommender, wenn ein Mitglied der Familie Pardo seinen Laden betrat. Auch seiner Frau schärfte er ein, si: nicht allzusehr zu iibervorteilen, wie er es ja sonst gerne den Fremden gegenüber tat. „Es seien gute Kunden, die man sich erhalten müsse", erklärte er ihr; sie hätte ihn ja nicht verstehen können, sie hatte nicht die „Tradition". Eines Tages, als er sich mit dem Professor, er hatte längst erfahren daß Herr Pardo Professor sei, allein im Laden befand, faßte er sich ein Herz und sagte ganz rasch, wie wenn man etwas Unangenehmes sagt, das man schnell erledigt haben möchte: „Ich bin auch ein Jude". Der andere verstand, war freundlich, unterhielt sich mit ihm über so Mancherlei. Es entstand auch ein gewisser Verkehr zwischen beiden Familien Zu Roschhaschonoh forderte Professor Pardo Herrn Elia auf, das Schofarblasen mit anzuhören. Die ganze Familie Ntssim kam an die kleine versteckte Meeresbucht, die auserlesen worden war, um ungestört den kleinen, aber feierlichen Gottesdienst in dem schönsten Tempel, in Gottes herrlicher Natur abhalten zu können Herr Elia konnte bet den heiligen Tönen kaum die Tränen zurückhalten; das Kind, Maria Grazia, hatte denselben ernst und andächtig gelauscht. „Es ist etwas von ihren Vorfahren in ihrer Seele", sagte Herr Elia beim Heimwege schmunzelnd. Es. war der erste Sukkosadend und die beiden jüdischen Familien waren zusammen in der Laubhütte vereint. Wie sich die beiden Nissim's freuten! Doch am rührendsten war das kleine Mädchen anzuschamn. Mit den großen schwarzen Augen schaute eS verwundert, unverwandt um sich herum; die fragenden Blicke ruhten lauge auf jedem einzelnen Gegenstand, der die Sukkoh schmückte. War es der märchenhafte Zauber der festlich erleuchteten Hütte, die Sterne die aus dem klaren Blau zwischen den Zweigen hindurch blitzten, waren es die kunstvoll gewundenen Blumenkränze, welche die Wände, wie in einer Feenwohnung, zierten, oder war es doch das Jüdische, das die jüdische Seele des Kindes rührte und aus verborgenen Tiefen unbekannte Schätze, die sie von ihren Vätern geerbt, hervorholte und das ganze Kind wie in einem süßen Traum befangen hielt? Als zu Ende der Mahlzeit der Herr des Hauses das Schir HamalauS anstimmie, da plötzlich hörte man inmitten der anderen Stimmen eine zaghaft leise Kinderstimme. Zuerst sang sie nur die Melodie und daun .... auch die Worte. Ja. die hebräischen Worte, die jedem anderen Kinde schwer gefallen wären, sang sie mit, als hätte sie sie von jeher gekannt. Als das Lied zu Ende war, sagte die Haussiau ganz »erührl: „Maria Grazia hat mitgesungen". Und sie wurde auch zu den anderen Jomim Tauwim eingeladen. Und bald darnach kam der Abschied. Die Familie Pardo hatte schon den Dampfer bestiegen, der sie in ihre Heimat zurückbringen sollte. Auf der Landungsdrücke stand Maria Grazia mit den Eltern, um den liebgewordenen Freunden noch ein letztes Lebewohl zu Wen. Eben kündigte der schrille Pfiff der Sirene die Abfahrt an. Das Schiff entfernte sich, erst langsam, dann immer schneller, bis es nur ein schwarzer Punkt auf dem unendlichen Meere war. Lange schauten die Aurückbleibenden dem Schiffe nach, dann wandten sie sich zum Gehen. „Schade, daß sie fort sind, sagte Signora Emilie, besonders für Maria Grazia; wenn sie bei Pardos war, da war sie so h iter, wie ich sie sonst noch nie gesehen hatte". Herr Elia aber erwiderte barsch: „Es ist doch bester so, sonst wären doch vielleicht dem Kinde religiöse Anwandlungen gekommen .... wer garantiert mir dafür, daß sie nicht schon begonnen haben"! Sabbats Abschied. Von Heinrich Einstädter. Der Zweifler. Ich war ein gesunder junger Mann, hatte starke Muskeln und einen klaren Kopf, galt als tüchtig im Beruf, aber als unangenehmer Besserwisser. Schon in der Schule hatte der Lehrer durch mich manchen Aerger. Erzählte er von der Sonne, wie weit sie entfernt und wie groß sie sei, von dem Mond und seinen Gebirgen, von den Wundern des Weltalls, die die andern Kinder erstaunen ließen, da sagte ich gerade heraus; „Ich glaub's nicht." Und erklärterer mir dann, daß doch manches ganz anders sei/ als es unfern Sinnen scheint, da dachte ich doch bei mir: So, wie ich es sehe, wie ich es erfasse, so ist es und nicht anders. Ich wuchs heran und betete auch, aber nur mit den Lippen. Ich wollte mich auf niemand verlassen, als auf mich selbst, so stolz war ich. Ich glaubte an den Schöpfer, dessen Werk ich ja vor mir sah. Doch hielt ich es mit dem Spruche: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Ich legte ihn aber so aus, als ob alles Wunderbare und Uebernatürliche zu verwerfen wäre, lächelte. über die Schwäche anderer und meinte von mir, daß ich mich nie täuschte. Einmal war ich über Land gewesen in einem Städtchen, dritthalb Stunden von der Heimat. Von unserm Dorfe führt die Landstraße zuerst nach anderen, das eine halbe Stunde entfernt ist, und dann durch einen herrlichen Wald hindurch, der erst auf dem Rücken des Höhenzuges endet, an dessen Fuß sich das Städtchen hinstreckr. Als ich meine Geschäfte beendet hatte, begab ich mich auf den Heimweg. Es war ein trüber Wintertag. Die Luft war nicht kalt, aber dunstig, wie oft am späten Nachmittag. Gemächlich stieg ich die Straße hinauf und grnoß die friedliche Stille, unter der die weite Ebene lag. Kein Wagen, ja nicht einmal ein Fußgänger begegnete mir. Nur Raben kreuzten am Waldesrand, und der Schrei war der einzige Laut, der zu meinem Ohre drang. Neben der Straße her führt durch das Unterholz ein Fußäfad, der eine Biegung abschneidet, und da es trocken war, schlug ich ihn ein. Doch mochte ich kaum eine Viertelstunde gegangen sein, so begann es zu schneien, und es wurde so finster, daß ich nicht wehr die Hand vor den Augen sehen konnte. Der Schneesturm setzte mit aller Macht ein. Schon nach wenigen Minuten hatte ich den Weg verloren. Der frische Schnee legte sich auf die Nadeln, die den abschüssigen Boden bedeckten. Dadurch wurde dieser so glatt, daß ich häufig ausrutschte und niederfiel. Die Finsternis wurde schließlich undurchdringbar. Ich verlor die Richtung. Ich rannte gegen Baumstämme, daß mir Funken aus den Augen sprühten. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn. Ich hatte nur einen Gedanken: Aus dem Wald hinaus. Aber Stunde auf Stunde verrann, ohne daß ich den Waldesrand erreicht hätte. Es konnte nicht anders sein: Ich ging im Kreise. Eine nie gekannte Müdigkeit über fit mich. Ich hätte mich am liebsten nieiergesetzt und einen Baumstamm gelehnt; aber das durfte ich ja nicht. Sonst wäre ich etngeschlafen und erfroren oder hätte mir zumindest eine schlimme Krankheit zugezogen. Einen Mantel trug ich nicht, nur eine dicke Joppe, und war im Schweiß gebadet. Meine Glieder versagten fast ihren Dienst. Ich dachte an meine junge Frau, die zu Hause vergebens auf mich wartete, die sich ängstigte und nicht wußte, was beginnen. Ich dachte daran, daß sie vielleicht die Nachbarn aufbot, nach mir zu suchen. Ich sträubte mich anfangs gegen den Gedanken, daß sie mich in der nächsten Stunde hier so hilflos sehen würden, wie ich es nie für möglich gehalten hätte, und dann wünschte ich wiederum dennoch, wenn es nur endlich der Fall wäre. In jener Nacht verlor ich mein überhebliches Selbstbewußtsein. Ich kam mir klein nnd ohnmächtig vor. Und da lernte ich beten: O Gott! Hilf mir doch aus dieser Not! - Denn arm und schwach bin ich. — Da, endlich, endlich, erreichte ich den Waldesrand. Der Schneesturm hatte aufgehört. Ein weites weißes Feld lag vor mir. In der Ferne sah ich ein Licht. Es mußte bald tagen. Ich wankte auf das Gebäude zu. Bis an die Knie sank lch in den frischen, weichen Schnee, stolperte über Sturzäcker, kroch über Raine und glitt ängstlich über gefrorene Wasserläufe. Zum Tode ermattet gelangte ich an das Haus. Es war eine Mühle, eine halbe Stunde vom Heimatsdorfe. Ich sank auf einen Stuhl. Meine erste Frage: Wieviel Uhr? Es war — s t e b e n U h r — a ut Abend. Zuerst konnte ich es nicht fassen. Hatte ich doch gemeint, der Tag müsse bald anbrechen, und war in Wirklichkeit nicht ganz' drei Stunden im Walde gewesen. Jetzt wußte ich, daß ich mich auch auf meine Sinne nicht iiiimer verlassen durfte. Ich schämte mich — zum ersten Male. Nachdem ich mich erholt hatte, setzte ich den Weg fort. Ich zehrte an jener Erfahrung für die Dauer. Und manchmal denke ich noch: Wie schrecklich muß es erst sein, wenn das ganze Leben einem solchen Irrweg gleicht, weil das Licht fehlt, das den Weg erhellt! Liebe junge Freunde! Ihr möchtet Euch gerne wieder einmal an der Lösung einer Rätselaufgabe versuchen. Euer Wunsch, hierzu Gelegenheit zu erhalten, soll heute erfüllt werden. Ergänzet folgende Sätze durch je ein hebräisches Wort. Wenn Ihr die gefundenen Wörter richtig ordnet, so werden die Anfangsbuchstaben, von oben nach unten, gleich den Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, die Bezeichnung eines Festes ergeben, auf das Ihr Euch alljährlich freut. 1. Aron war —. 2. Er trug ein Schaublech auf —. 3. Vom Teige erhielt er als Hebe die —. 4. Zum Festopfer goß er auch ein —. Recht zahlreiche Lösungen erwartet Euer Onkel in der Ktnderecke.