Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1921)
- Date
- 1921-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. Dezember 1921. Der Israelit. Nr. 52. Sette 8 Kultusstube alles in den letzten Jahren nach der jüdischen Richtung hin versäumt worden ist, so lese man einen lehrreichen Artikel in der Wiener „Jüdischen Presse" vom 16. Dezember. Die orthodoxe Minorität im Vorstände, die die breiten Massen vertritt, konnte bet aller von ihr seit den letzten Wahlen entfalteten Aktivität nicht das geringste Verständnis und Entgegenkommen für ihre gerechten, ja selbstverständlichen Forderungen bei den Gemeindegewaltigen finden, so daß sie doch schließlich die Flucht in die Oeffentltchkeit nehmen muß. Und was wünschen die orthodoxen Vertreter im Wiener Kultusvorstande? „Bor altem Wandel auf dein Gebiete dec- Neli- 0, i'ü n * u n t c;trt cf) t„Tie Orthodoxen st"d gezwungen, ihre.Kinder von Lehrern in Religion nnlerrichten zit lassen, deren Lebensweise im Gegensatz zu Dem Gelehrten steht, die ihren Schülern am Freitag lehren, wie verwerflich es fei, den Sabbat zn entheiligen, ihnen aber am Sabbat tu eigener Person demonstrieren, wie ungefährlich die Sabbateutheilignng selbst für die Stellung eines Religiönslehrers fei. Tiefer zumindest paradoxe Zustand hat sich im letzten Jahrzehnte infoferne gebessert, als es jetzt fchoil ReligionStchrer gibt, die es vermeiden, der Oeffentlichteit das Bild einer ihrer Stellung widersprechenden religiösen Haltung zit zeigen. Unsere Kinder sind aber in der Schule selbst genötigt das Schema und andere Gebete begiln rvsch nnznhören oder oft gar tu sagen. Diese Uebelstände, bei deren Beseitigung wie vergeblich auf die Mithilfe des Verantwortlichen religiösen Hauptes der Gemeinde gehofft habet:, zwingt uns als das erste nuferer Pvstn'late anfznstellen: Ten generellen Dispens vom Religionsunterrichte für alle diejenigen Schüler, die aus religiösen Motiven diese Art von Religionsleyre nicht mitmacheu könnet:. Tie Instittttionen der Gemeinde, besonders die charitativen Anstalten entsprechen nicht den bei ch e i o e n st e n A n s p r n eh e n der T r t h v d o r e n, tntb es ist doch zn bizarr, das; Kranke und Hungernde in Anstalten der Wiener Kultnsgeiiieinde Mtirlprer ihres jüdischen Glaubens sein müssen, mangels einer den Geboten der Thora entsprechenden rituellen Observanz. Wir fordern daher, daß alle Institutionen der Gemeinde in rittteller Hinsicht den rigorosesten 'Anforderungen entsprechen ' müssen und einer Aussicht unterstehen sollen, die die Ersnllnug dieses Postulates garantiert. Ein schreiender Nebelstand des Wiener Glaubeuslebens ist die Angelegenheit der Ehescheidung. Ts genügt die Feststellung, dag die strengvrthodoreu Rabbiner auch des Anstandes keine T r a u u u ] eit: e r v v m W teuer B e s d i n g e s ch i e d e n e n E h c h ä l f t e vorne h in e n wollen, und das; Glanbenstrene sich behufs Ehescheidung nach Ungarn und Galizien wendet: müssen. Dieses chronische Üebel unserer Gemeinde macht sich bei der durch die starke Immigration der Flüchtlinge wachsenden Zahl der Slrengkonserbatiben und bei den durch das Spiel des .uriegsschicksales sich anhäusondon. Probleme des Familienlebens immer unnugenehtiter fühlbar. Wir fordern daher, daß zn diesen, Behnfe auch eilt anderes Forum mit Befugnissen religiös-eherechtlicher Amtshandlung ansgestattel werde, nm den oben dargestellten unhaltbaren Zuständen ein Ende zu bereiten." . 4 j» $i «; Es wird von den Orthodoxen bittere Klage geführt gegen den Oberrabbtner Dr. Chajes, der die gesetzestreue Sache vollkommen im Stiche gelaffen hat und, unbekümmert um die Tausende, die bewußt und unbewußt nach dem Gotteswort lechzen, sich im Kreise religionsfeindiicher Demagogen scheinbar sehr wohl fühlt und sich zum Interpreten ihrer Wünsche und Intentionen macht. Bei diesen Zuständen darf es nicht verwundern, daß das Interesse am jüdischen Leben in Wien immer mehr abnimmt und diese Interesselosigkeit schließlich ihren traurigen Ausdruck im leeren Gemetndesäckel findet. Wäre der Kultusvorstand ständig darauf bedacht gewesen, nach den Wünschen der Orthodoxie jüdische Lehr-, Lebens- und Erziehungsmöglichkeiten zu schaffen, eine Atmosphäre von Gläubigkeit, jüdischer Liebe und jüdischerOpferfreudigkeit zu erhalten, er brauchte jetzt nicht mit seinen Beamten um die armselige Brotration zu feilschen und mit dem Kommissar zu drohen, der den Kultus mit „amtlichen Erlassen" regelt. Es ist der Zusammenbruch eines Systems, dem schleunigst ein anderes ui-.d besseres folgen muß! Das Abkommen Zabv.mM. Das Abkommen zwischen Jabotinski und dem Vertreter Petljuras Slawinskyj, gegen welches endlich auch die offizielle zionistische Presse scharfe Slellung nimmt, hat folgenden Wortlaut: Am 4. September (n. St) 1921 in der Stadt Karlsbad im Hotel Olymple-Palast-Hoiel wurde zwischen den nntengefertigten Maxim Antonowitsch Slawinskyj und Wladimir Eugenowisch Jabotinskt) eine prinzipielle Uebereinsttmmung bezüglich nachstehender Bedingungen erzielt: 1. Beim Heere der ukrainischen Volksrepublik wird provisorisch im Verbände der ukrainischen Staats-Gendarmerie eine jüdische Gendarmerie begründet mit der Spez'alaufgabe, die jüdische Bevölkerung in den von den Truppen der ukrainischen Volksrepublik eroberten Städten zu beschützen. 3. Die jüdische Gendarmerie nimmt an den militätischen Aktionen keinen Anteil. 6. Tie jüdische Gendarmerie wird von einer besonderen jüdischen Organisation zusamwengestellt unter der Verantwortung dieser Organisationen, wobei zu bemerken ist, daß Kommunisten nicht in die jüdische Gendarmerie eingestellt werden dürfen. 4. An die Spitze der jüdischen Gendarmerie wird ein Jude gestellt im Einvernehmen mit der oben erwähnten Organisation und dem Oberkommando der Armee der ukrainischen Volksrepublik. 5. Der Kommandant der jüdischen Gendarmerie untersteht in Angelegenheiten der allgemeinen Ordnung dem Kommandanten der ukrainischen Gendarmerie, in Angelegenheit ter oben angeführten speziellen Ausgabe der jüdischen Gendarmerie hat er das Recht des unmittelbaren Vortrages beim Chef des Generalstabes, dem zur Zeit militärisch-kriegerischer Ereignisse die gesamte Gendarmerie untersteht, oder bet einer anderen Person, der die Gendarmerie unterstehen sollte. 0. Die Funktionäre der jüdischen Gendarmerie haben alle Rechte der ukrainischen Gendarmerie und sie verantworten sür ihre Handlungen nach dem Gesetze gleich der ukrainischen Gendarmerie. 7. Die jüdische Gendarmerie rückt gemeinsam mit der ukrainischen Gendarmerie unmittelbar hinter der Armee der ukrainischen Volksrepublik in der Etappe vor, indem sie ihre spezielle Aufgabe unverzüglich nach der Einnahme von Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung durch die Truppen dar ukrainischen Volksrepublik durchfühtt. Die territorialen und anderweitig bestimmbaren Funktionen werden nach einem rechtzeitig ausgearbeiteten Plane in die Tat tztngxsetzt, der Plan whb vom Kommandanten Rer „jüdischen Gendarmerie ausgearbeitet und vom Generalstab bestätigt. In den Grenzen des erwähnten Planes ist die Tätigkeit der jüdischen Gendarmerie autonom. Unwillkürlich drängt sich einem das talmudtsche Gleichnis auf vom Löwen und dem Kranich. Der Löwe Petljura ist wieder einmal in Not, der ukrainische Bissen steckt ihm im H..lse bis zum Erwürgen. Da soll der Kranich mit seinem langen Schnabel: Jabotinskt mit seiner jüdischen Legion, Helsen. Wir bezweifeln, ob es dem Kranich in diesem Falle, wie in der talmudischen Erzählung, gelingen wird, seinen Kops heil aus dem Rachen des Löwen herauszubrtngen . . . Auch die zionistische Leitung bezweifelt es stark, aber zu einer Tat hat sie sich noch nicht aufgerafft. Aus all den väterlich gütigen Mahnungen in der „Jüdischen Rundschau" an Jabotinskt ist nicht zu entnehmen, daß er aus der Exekutive schon ausgeschlossen, oder daß überhaupt dieser Ausschluß geplant sei. Jabotinski verweigert es. stolz, sich nor dem Forum der zionisttschey.Leitung zu rechlseu g'u, da er den Handel mit Petljura als seine ureigene Angelegenheit ansieht. Man könnte in nichtztonistischen Ktetsen über diesen Vorfall zur Tagesordnung übergehen, wenn nicht d"r Schaden dem ganzen Judentum zur Last fall, t würde. Ehanukka. Bon Willy Wolf in Köln. Es ist etwas Großes um die Vorschriften des Chanukkcifestes. Wie titf haben sie im jütischen Volke Wurzel geschlagen und welch reiches Verständnis ist ihnen aus weiten Kreisen desselben zuteil geworden. Wie hat dieses Verständnis dahin gewirkt, daß auf weitem Erdenrunde die Ausübung der Mizwoh In höchster Vollendung geschieht, indem alle männlichen Insassen des versucht, Israel Fesseln anzulegen, seines Geistes Kraft zu brechen, seinen Trotz zu beugen. Da ertönte stets seine Stimme, die Stimme seines Gebetes und durch diese Stimme gelang es ihm, das Vorhaben der siebzig Helden zu vereiteln und ihre Pläne zunichte zu machen, pst zpy b)p bpn). Nur gegen einen Schlag ist Israel sehr empfindlich und dreien vermag es nie zu überwinden : Gegen den Schlag, der ans seiner eigenen Mitte gegen es geführt wird (isv “Eü .... “pcino). Menasche nahm den Rang des j'üngern Sohnes Josefs ein, er galtauch als jüngster der Stämme Jakobs. Wenn die Jugend zum Schlage ausholt, dann empfindet es Israel umso schmerzlicher, dann ist es einfach wehrlos. Was die siebzig Helden nicht vermochten, der jugendliche Menasche hat es mit Lkichtigkett vollbracht: Er machte den starken Simeon wehrlos, weil er der Familie Jakobs angehörte, (hsx bvs unso) Gegen die Schläge, die heute noch gegen Israel aus seiner eigenen Mitte geführt werden, muß es sich verzweifelt wehren, namentlich gegen die des Menafche, des Jüngsten . . . der Jugend. Kleines Feuilleton. Glilwiülmig. Von Gedaljah. Es war einmal — und das ist kein Märchen - ne jüdische Gemeinde, in der die Reform Triumph lebte. Alles war ihr verfallen. Die Einzelnen. De ottesdienst. Die Einrichtungen. Einzelne waren d die wehmütig mit ansehen mußten, wie das Altüberlieferte zum Alteisen geworfen wurde, wie man altes schön modern gestaltete, dem „F rlschritt" huldigte. Und sie mußten schweigen. Warum kam es aber so? Weil alle von der tieferen Bedeutung jenes Fortschritts durchdrungen waren? Weil alle sich sehr mit religiösen Dingen beschäftigten? O, nein! Nur deshalb kam es so, weil diejenigen, die führten, reformsüchtig waren und die Masse mit sich zogen. Die Matisjahus und die Makkabäer, das sind immer nur Wenige, Trotzende, die durchhalten und ein "kleines Fähnlein um sich scharen) warten, ausharren, bis ihre Zeit wieder kommt. Und inzwischen rührig am Werk sind, um ihre Zeit vorzubereiten. So war es in jener Gemeinde auch. Im Lause der Jahre wurden die Viele zu Wenigen, die Wenigen aber zu Bielen. Und nun gingen diese ans Werk, das Heiligtum wieder zu reinigen, alles Unheilige, Unjüdische wieder daraus zu entfernen und wieder das reine Licht der alten Zeit darin anzuzünden. Freilich, sie taten es nicht mit Feuer und Schwert und nicht mit Gewalt. Mit Liebe, Frieden und Eintracht — trotz allem —, mit Worten, aus denen die Wahrheit des Gotteswortes sprach und nicht mit Pfeilen, die vergiftet waren mit den Gefühlen des Hasses und der Feindschaft. Denn die, gegen die sie kämpfen mußten, waren ja — Brüder, die vielleicht selber nicht wußten, warum sie so und nicht anders dachten: > ■' ' Daß sie so taten, düs dankten ihnen Viele. Sie waren die Saatstreuer einer neuen Zeit, die Wiederbeleber einer ganz alten, unmodernen Zeit. Noch ist nicht alles so gekonrmen, wie es schön wäre; es wird noch eine Weile dauern. Es gibt noch viel Unbelehrbare. Aber wenn Klugheit und Weisheit gebieten, wird das Ziel eher erreicht werden als durch Gewalt. Denn das Ziel bleibt leuchtend, unverrückbar vor d-n Ang"n derer, die sich rückwärts wenden: Hin zum Heiligtum in dem die Stärke der Wenigen — denn bei ihnen war die Stärke — triumphierte über die Schwäche der Bielen. Ja, eslwar einmal eine Gemeinde, in der viele fremde, unheilige Lichter brannten. Und die erloschen allmählich. Zuerst wagte sich ein kleines, winziges Lichtlein zaghaft ins Gotleshaus. Immer mehr wurden es. Einmal werden wieder alle Lichter heilig sein und im alten Glanze strahlen. Es wird wieder einmal ein großes Weihefest sein. (Siehe Korrespondenz „Lad enburg" in voriger Nummer. Red.) OWdischer Humor.*) Der Doktor-Rabbiner. Zu einem Reformrabbiner kam eine Frau mit einer Gans, über die sie eine rituelle Frage zu stellen batte. Sie sprach ihn „Herr Rabbiner" an, was dieser übelnahm, weil er „Herr Doktor" angesprochen werden wollte. Da sprach die Frau: „Was nutzt der Doktor zu einer toten Gans"? Das Herz des Zadik (Heiligen). Rabbi Salomo Leib von Lenezno sagte einmal: „Der Rabbi von Sassow hat die höchste Stufe des •) Aus „Ostjüdischer Humor' Verlag B. Harz, Berlin. von Ch. Bloch. j! f. t £' f yv T' £ .jvit-d - ¥ > '* ’H II