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Der Israelit · 1921-12-22 · Heft 51 (22.12.1921) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 51 (22.12.1921)
Date
1921-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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22; Dezember 1921 Das Bekenntnis eines Heimkehrenden. £»lff«rarfat&«Warfg CI*) Zwei Momente haben auf Brods Auffassung jüdischer Grundbegriffe mit besonderer Stärke eingewtrkt: seine eigene künstlerische d. h. wesentlich ästhetische Veranlagung und eine offenbar sehr intensive Beschäftigung mit der modernen protestantischen Theologie (Ricarda Huch, Troeltsch), die, wenn man Brod glauben darf, seltsam genug, auf einen großen Kreis junger jüdischer Akademiker gegenwärtig einen starken, manchmal verhängnisvollen seelischen Einfluß ausübt. Beide Momente wirken nach der gleichen Richtung auf die jüdische Anschauung Brods ein. Im Prinzip hat Brod nun zwar — neben Weltsch unter den religionsphilosophischen Sch riftstellern Jungjudas als einziger — richtig erkannt, daß das Geheimnis der Wahrheitsgröße des Judentums grade in seinem synthetischen Charakter liegt, d. h. in der Bereinigung scheinbar entgegengesetzter metaphysisch-ethischer Gedankenströmungen, die sich in Wirklichkeit erfordern und ergänzen. (Die überlieferte Lehre hat diese selten erkannte Tatsache tn den beiden 711212? als Grundlage alles jüdischen Phtlosophierens festgehalten). Er überläßt sich daher prinzipiell ebensowenig der Einseitigkeit einer begeisterten Verkündung der menschlichen Autonomie, die alles aus eigener Kraft vollbringen, Gottes Werk auf Erden allein vollenden und das Böse selbstherrlich vertilgen kann, noch uni eischreibt er die bis zum Wahnsinn gesteigerte Gnadentheorte der christlichen Echiker, die jede menschliche Verantwortlichkeit überhaupt vernichten und das Palladium des sittlichen Handelns, den mannhaften Widerstand gegen die Sünde, selber als Wahn und Sünde verwirft, alles von der Gnade erwartend. Aber es ist doch nur diese äußerste Konse- . quenz einer aus reinstem Aesthetentum ihre Kraft saugenden Irrlehre, die der Künstler Brod aus dem Tempel zu weisen wagt! Durch sein ganzes Buch zieht sich die innere Parteilichkeit für die Gnadenlehre der protestantischen Theologie und der brennende Wunsch, aus der Fülle der jüdischen Gottesweisheit alles ans Licht zu stellen, was sich für diese Gnadenlehre (in gemäßigter Form) verwenden läßt. Wie der Künstler Schiller dem herben Königsberger Weisen die bitteren Worte entgegenschleuderte, was denn die „Kinder des Hauses" verbrochen hätten, daß er mit seinem kategorischen Imperativ nur für die „Knechte" gesorgt habe, so schlägt auch Brods warmes Künstlerherz immer wieder für-'den .harmonisch im Lichte der Gottesgnade wastAlnödü- Heiligen, für das Gute, das wie Blütendüft und Sonnen glanz auf dem Acker eines reinen Herzens gedeiht, und man spürt an allen Ecken und Enden die Abneigung gegen die überwindende Macht des Pfltchtbewußtseins, das im mehr oder minder harten Kampfe mit Trieb und Sinnlichkeit zur sittlich-n Tat sich erhebt. Wohl weiß Brod im Gegensatz zum Christentum den unvergleichlichen Wert der sozialen Sittlichkeit, der Ueberwindung des „unedlen" Bösen, und somit der Politik als eigentlichster Lebensaufgabe grade des heiligen, des begnadeten Meschen aus dem Geiste des Judentums zu würdigen — allein ,ihm .ist. Erkenntnis des dMt.terx.Fa ktors *) Siehe JSraelit Nr. 41/42 vom IS. Oktober. _Der JSraelit._ einheitlichen praktischen Wirksamkeit zu führen, verstanden hatjenes dritten Faktors, der den Ausblick auf die winkende Gnade und den Ausblick auf das Endziel messianischer Gesellschafts-Vollendung gemeinsam ins Bewußt sein des handelnden Menschen rückt, ohne sie zum Bew e ggrun d seiner Taten zu mißbrauchen. Dieses Wunder — die „Vereinbarkeit" des nicht „Zusammengehörigen" — vollbringt das Judentum durch dasjenige Moment, das bei Bro , dem Aeftheten und Verehrer der neuprotestantischen Theologie, in den Kulissen verschwindet: durch die Unterordnung unter das Gesetz des Götteswtllens. Während für Brod die „gegen die (eigene) Natur hervorgestotterie Guttat in tieferem Sinne wertlos", während ihm sogar die jüdische, „Stmcho schel Mizwo" keineswegs die Freude arider Gebot- Erfüllung selber ist, die er v'elmehr als philiströs verwirft — denkt das überlieferte Judentum darüber ganz anders. Schon die ungeheuere Rolle, die seiU Jahrtausenden .2122 71122 und J"TOn 71122,G ebot und Berbot, im jüdischen Gedankenleben spielen, müßte einen Manie wie Brod, dem doch ein Stückchen Respekt vor der unergründlichen Tiefe göttlicher Weisheit im Judentum aufgegangen ist, mißtrauisch gegen eine religiös-ethische Konstruktion machen, die mit dieser ganzen ungeheuren moralischen Tatsache der jüdischen Gesetzesverehrung, dem 711222 P12P2 nichts anzufangen weiß, sondern sich lediglich darauf beschränkt, Freiheit und Gnade als halbwegs gleichberechtigte „unvereinbare'^ und doch „zusammengehörige^ Elemente jüdischen Lebensgottesdienstes aufzuzeigen. Es ist ja schön und verdienstlich, aus dem wogenden Meere talmudischer Welt- und Lebensverklärung diese oder jen». leuchtende Perle wie das Erlebnis des Rabbi Simost^ben Jochai und vieles andere von Brod rtWg Erfaßte herauszugreifen und daran, die Vielseitigkeit und geistige Größe der jüdischen Ueberlieferung gegenüber den Verstiegenheiten der diesseitigen Freiheitsautokraten sowohl wie der jenseitigen Gnadenschwärmer zu erweisen! Aber soviel wird Brod aus seinen Streifzügen durch das Gesamtgebiet altjüdischen Geistes schon selber erfahren haben, daß die von ihm aufgefischten Perlen bei Betrachtung des geistigen Gesamtbeftandes doch sehr stark hinter der Rolle zurücktreten, die die Begriffe der sittlichen Norm und der menschlichen Unterordnung, die die Mizwa als solche, die treue, nur auf Erfüllung gerichtete Mizwa- Tat — von Urbeginn an in gradlinitger Kontinuität bis zur modernsten, „verknöcherten" Orthodoxie — im Judentum gespielt hat. Brod selber weist dort, wo er den Diesseits-Charakter des Judentums unterstreicht, zwar auf die fundamentale Tatsache hin, wie der talmudischen Lehre kein Teilchen irdischen Seins zu klein und zu gleichgültig sei, wie vermöge des Gesetzes Küche und Alltag, Wirtschaft und Technik genau so intensiv von der „Religion" ergriffen werden wie die höchsten Schichten des seelischen Lebens. Aber es wird bei dieser Feststellung nur das Objekt des Gesetzes: das menschliche Leben, ins Auge gefaßt, nicht die Form des Gesetzes, die Norm selber, die sein Charakteristikum bildet. Und doch hätte sichs grade für Brod gelohnt, sein Gedankensystem nach dieser Richtung auszubauen, statt in mehr oder minder verschleierter Form der beliebten Verkennung des religiösen und ethischen Wertes des „Gesetzes" durch dessen Hinwegdeutung aus dem Judentum neue Nahrung zu geben. Die Midrasch-Weisen legen, in wundervoller Tiefe der Auffassung, dem Weltenschöpfer, der Abraham zum Höchsten, zur Ak ed a, ruft, folgende Worte in den Mund: „Ich bitte dich, Abraham, halte mir Stand bei dieser zehnten Versuchung — auf daß die Welt nicht sage, die ersten neun, die Du bestandest, seien wertlos gewesen!" Abraham, so deutet Rabbi Jacob von Dubna diesen Midrasch, hatte sein Leben lang das ganze Thoragesetz, wie die Ueberlieferung lehrt, aus eigenstem, innerstem Selbstschauen erfüllt — seine _Nr. 51 Seite 7 „beiden Nieren" strömten Weisheit aus, ihm lagen Himmel und Erde, die Natur alles Lebendigen so klar vor Augen, daß er ohne ein Gottesgebot den Gotteswille'n an den Dingen dieser Welt in freier Tat aus freiem Erkennen verwirklichte. Nun trat ein äußerer Gottesbefehl an ihn heran, der dem innersten Gotteswillen (wie der Verlauf des Geschehens zeigte) nicht entsprach — dem schauenden Geistes aug eAbrahams konnte daher dieOpferung des Sohnes nicht als wahrhaftige Verwirklichung göttlichen Wollens erscheinen wie olle jene gewaltigen Taten, denen er neun-» mal bisher seinen Arm geliehen hatte! Nun erst, diesmal zum ersten Male, galt es wirklich, nicht sich, nicht dem selbst als gut und daher als beglückend Erkannten, sondern rein nur dem Gebot zu gehorchen, weil es Gebot des W'ltenschöpfers war. Dies allein konnte der Prüfstein dafür sein, ob Abraham sein Leben lang Gott allein oder nur dem eigenen zielstrebigen Wollen, dem eigen Glückesstreben gedient habe. Dieser Midrasch ist für die Erkenntnis der jüdischen Wahrheit ebenso charakteristisch wie das Paradoxon d?s Rabbi Simon ben Jochai. Dem Willen aller Willen, dem höchsten Gotteswil len, der dieses All ins Dasetu rief, zu dienen, ist an und für sich die höchste ethische Aufgabe des freien Menschen auf Erdensie ist umso reiner und vollkommener erfüllt, je a u sschließlicher sie Beweggrund drs Handelns wird, j; weniger irgendwelche Nebenabsichten, irgendwelche Ziele der Tat die Ausschließlichkeit der Motiv ation durch den bloßen Gotteswillen gefährden. Denn es kann garnicht ausbleiben, daß diese Ziele — und seien sie an sich die erhabensten — dem reinen 2'2V 2122 des wahrhaftigen Gottes-Dienstes eine Spur höheren Egoismus anhauchen, der der Anfang alles Bösen ist.' Hand aufs Herz! Kann der Dichter Max Brod dafür garantieren, daß die der göttlichen Gnade sich entgegensehnenden frommen Seelen, auch wenn sie mit dem Sänger des Hohenliedes ihrem Gotte entgegenjubeln: „o, daß er mich küßte mit den Küssen seines Mundes, denn köstlicher ist Deine Liebe als Wein" ihr Inneres frei wissen von dem Vorgefühl sublimen Gen ie ßens, das denn doch in der nächsten Nachbarschaft des Genusses wohnt? Und wo ist die Grenze, die das egoistische Selbstgefühl des Jndustrtekönigs in seiner reichlich zinsenden Schaffensfreude von dem. Selbstgefühl des autonomen Tugendhelden trennt, der seine eigene, in harter Denkarbeit errungene Ethik in einem selbstgeschaffenen Lebensprogramm stolz verwirklicht? Von welch unerhörtem psychologischen Scharfblick zeugt doch unser Sabbatgebet, das jedesmal wenn wir die „Sättigung mit dem Sabbatglück" uni die „Freude der Gortesgnade" erfleht haben, die korrigierende Klausel hinzufügrn läßt: „aber reinige unser Herz, dir tn Wahrheit zu diene n"! Und in der das ganze jüdischeAlltagsleben ergreifenden Institution der 711227k 7112",2 wird unmittelbar, ehe wir die durch 77222 aus dem Mechanischen ins Ethische zu erhebende Mtzwa-Tat vollbringen OiTVTO? 2212), durch das große kleine Wörtchen 12121 dieser Tat-'"— die vorher in *jn2 und 15122p als Vehikel zur so ztalen EWvickluug wie zur individuellen Gnade im'''Brod'chen Sinne gekennzeichnet ist — der eigentliche Stempel jüdischer Sittlich lei t, der Stempel der Willensersüllun g, des Gottdienens ausgedrückt. Das Gesetz als solches, weil es im tiefsten Grunde nicht heteronom, sondern, von dem Schöpfer der Welt und der Menschenseele stammend, nur das zur sittlichenNorm gewordeneWeltgesetz verkörpert, löst aber auch allein den Widerstreit, den Brod in voller Schärfe zwischen Freiheit und Gnade bestehen läßt. Das Gesetz weist der Freiheit ihre Betätigungsgrenzenan und führt den Weg.M Gna-k . Die Freiheid'seKK nicht ein gewissermaßen naturnotwendig gegebenes Akzidens des Weltenstoffes — sondern im Gegenteil eine freie

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