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Der Israelit · 1921-12-22 · Heft 51 (22.12.1921) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 51 (22.12.1921)
Date
1921-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4. No. 51 Der JSraeltt. 22. Dezember 1921 wird das erfolgreiche Wirken des Berliner ArbeitersürsorgeamteZ geschildert, das vor den Behörden, in der Oeffentü'chkeit und in der Jnneuarbeit für unsre Brüder aus dem Cften in energischer und geschickter Weise eintritt, und das ebenfalls der materiellen Mittel dringend bedarf. Man wird zwar von gesetzestreuer Seite die A rb eitsve rmi > tlung ins Fürsorgeamtes, die auf den Sabbat keine Rücksicht nimmt, nicht unterstützen dürfen, allein schon die von dem Amte unter Hallen? Heimstätte in der Wiesenstraße zu Berlin, in der Tausende von obdachlosen Brüdern jahraus, jahrein mit ritueller Kost gespeist und beherbergt werden, verursacht so ungeheui e Kosten, daß beträchtliche Gaben speziell für diesen Zweck dringend notwendig sind. Endlich sei auf den Aufruf des Aschofsenburger Vereins für Nervenun d Ge i st es kranke Hingewi»sen, der größerer Kapitalzuwendungen zur Errichtung einer eigenen Anstalt dringend bedarf. Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, in wie hohem M-> ße auch dieses Unternehmen auf das werktätige Interesse der gesamten ti aditionstreuen Judeuheit Anspruch erbeben darf. Möchte sich an diesem Chanukka m der Opferfreudigkeit der deutschen Juten der alte Hasmonäerg-ist bewähren, der Jahrhunderte in ihrer Mitte lebendig war, und ter von den Großen der jüngsten Vergangenheit nach kurzem Scheintod zu neuer Lebenskraft erweckt worden ist. Zum Bundestag der gesetzestreuen Akademiker. In Halbcrstadt tritt am Ehanukka-Rüsttag der „Bund jüdischer Akademiker" zu einer Bundestagung zusammen, die einerseits ernster, wissenschaftlicher Arbeit im Geiste der Thora gewidmet ist, daneben aber auch der Klärung von bedeutungsvollen, die Existenzgrundlagen des „Bundes" berührenden Tagesfragen dienen soll. Die gesetzestrrue jüdische Oefsentlichkeit kann an diesen Fragen nicht vorübergehen, denn es ist für die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland von böchster Bedeutung, in welchem Geiste der „Bund" seine tief wirkende Erziehungs- und Bildungsarbeit an den künftigen akademischen Berufsständen, an Aerzten und Juristen, Rabbinen und Lehrern, kurz an den mutmaßlichen Führern der kommenden Generation ausübt. Der „Bund" ringt nun seit längerer Zeit mit dem Problem der „Neutralität". Darunter ist natürlich nicht etwa die berüchtigte Neutralität gegenüber Treue urd Leugnung zu verstehen, wie sie für den Allgemeinen Rabbinerverband und ähnliche Gründungen unseligenAngedenkens zur Beschämung der jüdischen Zeitgenossen erdacht wurde, sondern es handelt sich Aufopferung ist ihm etwas völlig Unbegreifliches. Er kann ohne die geringste seelische Erregung fremden Leide zusehen, wenn nur sein eigener Vorteil gewahrt bleibt. Solange er eine Notlage nicht zu seinen Gunsten ausnutzen kann, rührt er keinen Finger. Dagegen strebt er mit allen Kräften dahin, möglichst viele in ohnmächtiger Abhängigkeit von sich zu bringen. Daraus entspringt sein außerordentlich stark entwickeltes Mißtrauen. Da das Nützliche gut ist, ist jedes Mittel recht es zu erreichen, auch wenn er dadurch mit den Gesetzen in Widerspruch gerät. Die Strafe hat deshalb nichts Entehrendes für ihn. Besonders scharf ausgeprägt ist seine Schlauheit und seine Verstellungskunst. Die Rotte des Retters, des besten Freundes in der Not, des mitduldenden Bruders spielt er vortrefflich, schleicht sich unter dieser Maske ins Herz seiner Lpfer ein, die er ohne Barmherzigkeit aussaugt, wenn er sie erst einmal in seine Netze gelockt hat?" Das genügt! Diese schamlose, lügenhafte und niederträchtige Verunglimpfung der ganzen Judenheit kennzeichnet sich selbst und den Beleidiger, dem nur das zu sagen ist, daß er die französischen Hetzer gegen Deutschland und d'e Deutschen noch bei weitem übertroffen hat und diese bei ihm in die Schute gehen könnten; er hätte kein Recht, sich über die Beleidigungen mit denen sie den Deutschen begegneten, zu beklagen. Man körnte ihn ja wegen Beleidigung verklagen, aber Herr Dickel ist es wirklich nicht wer». Wie sehr sitz auch Herr Dickel., als Nichueciktionär darzustellen sucht, indem er auf den Kaiser schimpft und ebenso, auch die Ostelbier und die Reaktionäre von sich abschüttelt — alles dies ist nur Mache, er arbeitet im Dienste der krassesten Reaktion und ist noch schlimmer als die Reaktionäre vom alten Schkace, die ehrlich heraus sagten, was sie wollten. Der Antisemitismus, der nichts nndeies will als der Reaktion den Weg um die Vermeidung entschiedener, offizieller Stellungnahme zu einer Frage, die die deutsche Orthodoxie selber, ja darüber hinaus diejenige der ganzen Welt (siehe den Gegensatz Kuk-Sonnenseld) in zwei Lager spaltet: um die Frage nämlich, ob die Orthodoxie in organisatorischer Selbständigkeit oder als untergeordneter B e st a n dteil eines auf nationaler und areligtöser Basis stehenden Gesamtkörpers ihre geschichtliche Aufgabe in der Welt zu erfüllen habe. Es ist — wenn man über gewisse Unterscheidungen weniger wichtiger Art hinweg steht — die ins Große, ins Weltgeschichtliche projizierte alte „Austrittsfrage", deren weitgreifende Bedeutung sich dem erstaunten Blicke heute in einer Weise entschleiert, wie sie, fast möchte man es b Haupte«, selbst S. R. Hi»sch noch nicht erahnen konnte Unser Leser wissen, daß wir die Erkämpfung und Erhaltung der organisatorischen Selbständigkeit oer Orthodoxie, wie sie die„Agudas Jtsroel" im Großen, „Freie Vereinigung" und „Bund gesetzestreuer Gemeinden" in Deutschland erstreben, nicht nur für die Vorbedingung zur praktischen Aufrechterhaltung echt jüdischen Gemeinschaftslebens aus Erden halten, sondern für ein sittlichreligiöses Postulat, das unmittelbar aus den Grundprinzipien der jüdische Lehre, aus dem innersten Sinn des D’ttip JT33P stießt. Unser ganzes Sehnen geht daher nach einer akademischenJugend, die ihreigenesJnnenleben nach den Maßstäben dieser Auffassung des überlieferten Judentums orientiert und die es als Lebensideal betrachtet, die weitesten Kreise der jüdischen Gesamtheit für sie zu gewinnen. Aber gerade darum glauben wir nicht, daß der Akademiker-Bund weise handelte, wenn er die bisher von ihm betätigte sogenannte „Neutralität", durch der er Misrachiften und Gemeinde-Orthodcxen Gleichberechtigung in seinen Reihen sichert, ohne zwingende Notwendigkeit preisgäbe. Es liegt nämlich auf der Hand, daß der „Bund" selber durch seine bloße Existenz das Prinzip der organisatorischen Selbständigkeit viel lauter und eindringlicher predigt, als er es durch kleine Zugeständnisse an die „Neutralität" — meist handelt es sich um iTO?n?81 212 — zu geführten vermag. Daß die gesetzestreuen Akademiker einen selbständigen Bund bilden und nicht eine Fraktion des K. I. V., ist an sich ein Bekenntnis zum Grundgedanken der „Agudas Jisroel", und die misrachtstischen Mitglieder des B. I. A. erkennen eben durch diese ihre Mitgliedschaft zum mindrsteu an, daß in ihrem Unterbewusstsein das Gefühl für die E tnbahnen, ist bisher nicht aus den Kreisen, in denen man auf Kaiser und Reaktion schimpft, gepredigt worden. Jetzt versucht es Herr Dickel einmal anders. Wenn diese Hetzrufe aus linksstehendem Kreise, denen er ja anzugehören scheinen will, kommen, sollten sie da auf die Gemüter der gebildeten Schichten — mit den Herrschaften liebäugelt der Verfasser bedenklich — wirkungslos bleiben'? Nur für den Antisemitismus einstweilen einfangen, dann geht es schon weiter. Denn bei der Entrechtung der Juden bleibt es nicht stehen, noch gar viele andere würden an sie glauben müssen. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, war es notwendig auf das Geschreibsel des sich glücklich fühlenden, von Wahrheitsliebe triefenden Herrn Dickel hinzuweisen, dessen Hetzarbeit eine Gefahr für die freiheittiebende Gesamth»it ist. Sulzbach. Araber und Zuden. An der Bahre des jüngst verstorbenen iüdiicheu Orientalisten Professor Gvldziher in Budapest hat de» bekannte arabische Forscher Abdallah Misk v in i eine Reoe gehalten, die gerade jetzt in der Aeca des arabisch-jüdischen Konfliktes in Palästina von Hervorragendem Interesse ist. Miskoni sagte: „Am Grabe des unsterblichen Ignaz Gvldsiher mögen auch Arnbertränen fließen. Das gequälte ungarische Judentum kann stolz sein, daß es inmitten so vieler Leiden, Erniedrigungen und Verachtung der Welt zu beweisen vermag, welch große geistige .uraft es der Menschheit zu bieten imstande ist. Außerhalb der wlssenschastlichen Welt ist es hier in Ungarn nur wenigen bewußt gewesen, welch großes Genie dieser Mann lvar. Jin Anslande aber, und besonders im Orient und in der arabischen Nation, lvar der Rainen G v l d z i h e r ein eigener Begriff von hohem heit des gesetzestreuen Klall Jisroe^ und seine spezifische Geschiedenheit von allem, was sich sonst Klall Jisroel zu Unrecht nennt, lebendig ist. Solange dieser Grundgedanke des B. I. A. nicht durch eine aggressive misrachisttsche Propaganda innerhalb des „Bundes" in Frage gestellt wird und solange auch die im deutschen Jung- Mtsrachi leider vorhandenen religiös-reformatorischen, bibelkritisch infizierten Strömungen nicht auf den „Bund" übergretfen, solange scheint uns die Aufrechterhaltung der Einheit unter den gesetzestreuen Akademikern doch ein recht wertvolles Gut zu sein. Vielleicht wird ein Teil der Misrachiften ohnedies in nicht allzuferner Zeit erkennen, daß ihre Hoffnung auf Judaisierung des Zionismus vorerst nicht erfüllbar, und den Mtsrachi umgekehrt in Gefahr ist, der Assimilatior an die zionistische Weltanschauung—wie es Herr Dr. Chajim Tschkrnowitz in seinem Abschiedsgruß prophezeit — allmählich anheimzufallen. Sin Gewalt«» der Breslauer Gemeinde-Verwaltung. Breslau hat einen „Fall Ster", über dem zwar noch .einiges Dunkel schwebt, der aber heute schon eines klar zeigt, nämlich, daß die neue Zeit mit ihrer Demokratisierung der Komunalverwaltungen ganz spurlos an der Breslauer Gemeindestube vorübergegangen ist. Ein in gesetzestreuen Kreisen gut beleumundeter Aufsichtsbeamter, Herr Ster, wurde vom Vorstand kurzer Hand pensionslos entlassen, wegen Verfehlungen, die, wie aus den uns vorliegenden Akten hervorgeht, mehr seiner Vorgesetzten Behörde, der Ritualkommission, zur Last gelegt werden müssen als ihm, dem Beamten ohne ausreichende Kompetenzen und ohne genügendes Einkommen, das ihm ermöglicht hätte seine ganze Zeit und Kraft seinem veran wortungsvollen Amte zu widmen. Heute ist diese Ritualkommission seine Anklägerin und Richterin zugleich, und in der Repräsentantenversammlung berichtet ein Justizrat, der gleiche Anwalt, der den Gemeindevorstand in dem gegen ihn von Herrn Ster angestrengten Prozesse vor Gericht vertritt, über den Fall, so daß sich die Versammlung nur einseitig über die Sache orirntieren kann und garnicht in die Lage grsetzt wird, sich irgendwie ein selbständiges objektives Urteil zu bilden. Wenn es wahr ist — und es scheint dieses der Fall zu sein —, daß bisher manches faul war im Kaschruswesen der Breslauer Gemeinde, so darf man keinen Augenblick zögern, ohne Rücksicht und Achtung der Person Remedur zu schaffen. Aber mit der Brodlosmachung eines Werte. Das Judentum verlor in ihm seinen ailSgezeichneten Sohn, das arabische Volk aber eine» großen Meister, eine Lichtquelle, deren Strahlen die Tradition unseres Volkes, die Heiterkeit und den Ernst unseres Glaubens und unseren ganzen Kulturkreis durchleuchtete. Gvldzieher war mit seiner tiefen Fachten« tnis auch auf feine Orientalistenkollegen in der arabischen Frage von großem Einfluß, uns jedoch war er der Apostel im Westen. Deshalb brachten wir Araber ihm und in ihm dem Judentum, welches wir stets als unsere Brudernation nnsaheu, innige Liebe entgegen. Möge der Z w i st v e r st u u, m e n , der u a m p T e i n End e ne h men in diesem heiligen Augenblick! Der Zwiesoa't um P a l ä st i n a, der heute die zwei Brudervölker von einander scheidet, ist, wie der große Geist Gvldzihers uns lehrte, nur durch sie P e r e i n i g u n g der beide u P o l k s k r ä f t e zu. bannen. Hand tu Hand müssen sie eine: g l o r - r e i eh e :t o u k uuft d e r f c in i t i j ch e n R a j f e zustreben. Meine jüdischen Brüder! Im Vollgefühle all' dessen betrauert und beklagt die arabische Nation mit euch in dem Hinscheiden des Sohnes eures Volkes auch ihr Blut, ihren Apostel." Fn London hält zurzeit Pros. Ri a r g u l i e s eine Serie von interessanter Vorlesungen über die geschichtlichen Beziehungen zwischen dein a x a b i s ch e u und d e »i j ii d i s ch e n P o l k, die bei entsprechender Popularisierung geeignet wären, auch in Erez Jtsrnel versöhnend su wirken. Prof. Maranlies schloß seine wissenschaftlichen Vorträge mit dem Ausdrücke der Hoffnung, daß die lange und freundschaftliche Gemeinschaft zwischen Arabern und Juden in der Vergangenheit, der gemeinsame Monotheismus und viele andere Ideale für Gegenwart und Zukunft zu dauerndem Frieden zwischen beiden Völkern führen würden.

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