Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1921)
- Date
- 1921-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51. Sette 8 22, Dezember 1991._, hätte sich viel lieber ganz und ausschließlich, wie die Großen vor ihm, der Lehre, deren Verbreitung und Vertiefung gewidmet. Aber wo es galt, für die bedrohten jüdischen Heiligtümer in die Bresche zu treten, zögerte Ettltnger keinen Moment, sich an die Spitze der Verteidiger zu stellen. Im Jahre 1845 tagte die bekannte Braunschwetger Rabbinerversammlung, um mit einer Reihe von Reformen die Axt an die Grundmauern des Judentums zu legen. Da war es Rabbi Jokeb Ettlinger, der Oberrabbiner von Altona, der alle Treugebliebenen um die Fahne sammelte und mit einer von 73 Rabbinern unterschriebenen Erklärung dem Ansinnen der Reformhelden so energisch entgegentrat, daß die unheilvolle Wirkung des Braunschweiger Attentats auf einen kleinen Kreis konzentriert bleiben konnte. Es war das damals eine reitende Tat für alle Zukunft und stärkte die Hand der Verteidiger bei der Abwehr jeden sich;n der Folge erneuernden Vorstoßes der Reform. Von der persönlichen Lebensart Ettlingers weiß man, daß all seine Tage und Stunden dem Thorastudium gewidmet waren und daß er sich auch nachts keinen Schlaf gönnte. Mit welch' peinlicher Aengstlichkeit, aber zugleich freudiger Hingebung er alle Gebote übte, davon wußte man in Altona Wunder zu erzählen. Trotz der zeit- und kraftraubenden Amtstätigkeit in Altona, stand unter seiner Leitung auch hier seine Jeschiwah auf einer solchen Höhe, daß sie einen Jsral Hildesheimer ■?"¥? hervorbringen konnte. Und man geht nicht fehl in der Annahme, daß Hildesheimer, der Mann mit dem großen jüdischen .Herzen, der Künstler des Wohltuns, auch in dieser Beziehung sich an der Edelgestalt Ettlingers herangebildet hat. Denn im Hause des Meist rs sah er täglich die Armen, Hilfsbedürftigen und Ratsuchendrn in Schaaren, die alle ein liebes Wort und eine tröstende und helfende Hand fanden. Auch Ettlingers Söhne und Schwiegersöhne waren als Schüler des großen Rabbi Geist von seinem Geiste. Bekannt ist, daß deren einer, Oberrabbiner Dr. Jsaksohn, als sich in seiner Gemeinde Rotterdam Reformgelüste bemerkbar machten, ohne daß er es vermocht hätte, ihnen Einhalt zu gebieten, f kurzentschlossen das ehrenvolle Oberrabbinat verließ, um sich mit einer kleinen Rabbinersteüe im Posenschen Filehne zu bescheiden. Neben diesem standen als Schwiegersöhne um die Bahre des Rabbi Landrabbiner Dr. Cohn, Mecklenburg, Rabbiner Dr. Fretmann, Oftrowo und Dtstriktsrabbtner M. L. Bamb erger, Ktssingen. Ein Jahr nach dem Tode des Vaters verheiratete sich eine jüngere Tochter Ettlingers mit dem Der Israelit. __ nachmaligen bekannten Frankfurter Rabbiner Dr. Marcus Horowitz. Ein ganz besonderes Kapitel verdient die Zions liebe Ettlingers, die sich in unausgesetzter Arbeit für Palästina und seine Armen äußerte. Als pKtt X'M sammelte er gewaltige Summen für P"hk 'Up und für die religiösen Institutionen Jerusalems. Auch seine 5605 gegründete,' von ihm in hebräischer und deutscher Sprache herausgegebene Zeitschrift löMn 1V5C "D1V („Der treue Zionswächter") diente in erster Reihe der Ltebesarbeit für das Heilige Land. Rührend ist der Passus in seinem drei Jahre vor seinem Ableben geschriebenen Testamente, der verfügt, daß der größte Teil seines sju in der von ihm erworbenen heiligen Erde von gebettet sein möge. Der Satz lautet: nwnpn napn1? 'n'2t »w 'nn« wu nun ■o w Lufsn*i w> 22 'ti nt im '\tw tatci ’nup im p"rm nsya s"n27> 7':n -isra nap: nun ■?> Im Heiligen Lande wurde Ettlinger diese glühende Liebe in sinnigster Weise vergotten. In Jerusalem wurde nach seinem Tode ein Haus auf dem Zionsberg in den von ihm mitgegründeten „Armen- und Pilgerwohnungen (noniD YO) auf Zion" angekauft, das den Namen aP2' trägt und in dem beständig Thoragelehrte möttU na6 lernen. (Schluß folgt.) Wochenmndschau. Gaiwkka-SaminIMMN. Weihestimmung öffnet das Herz und beflügelt die Hand zu heiligem Wirken! So harren von altersher die edelsten Menschen und Institutionen, die sich die Linderung jüdischer Not zur Lebensaufgabe gemacht, dieser Tage der alljährlich sich erneuernden Heiligtums Wethe, um ihren Hülferuf an das jüd ische Herz zu geseg neter Stunde in die weite Oeffentlichkeit hinauszusenden. Gerade diesmal sind es eine ganze Reihe von besonderen Anliegen, die in diesen Blättern zum Ausdruck gelangen und die zum Teil eines erläuternden und objektiv würdigenden Wortes vom Standpunkt der Allgemeinheit bedürfen. Vor allem der in letzter Nummer veröffentlichte Aufruf des „Bundes gesetzestreuer Gemeinden", der zu rascher und kräftiger Hülfe für die schwer notleidenden Familien und Hinterbliebenen der jüdischen Lehrer und Gemeindebeamten auffordert. Hier handelt es sich um eine gebieterische Ehrenpflicht der deutschen Judenheit. Es sollte keinem der Bissen Brot im Munde schmecken, solange er sich nicht sagen kann, daß er seine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber den VertreterndesThoragetstes in unsrer eigenen Mitte getan Hit. Ausreden gelten nicht; ob eine Landgemeinde bei Ausnützung ihrer Steuerkraft selbst mehr tun könnte oder nicht, ist eine Erwägung, die für den Augenblick die unterernährten Kinder eines Religionslehrers mit dreitausend Papiermark Jahresgehalt ebenso wenig satt macht wie die Aussicht auf eine Anerkennung des „Bundes" oder des D. I. G. B. oder irgend eines Landesverbandes als öffentlich-rechtliche Körperschaft mit Steuerrecht. Gebt, G e b t, Ihr Reichen in Zehn tau senden, der Mittelstand in Tausenden und Hunderten und schickt das Geld zum ersten Chanukkatage an den „Bund" nach Halberstadt (Postscheckkonto 252, Bankhaus H. Silberberg), auf daß die Lichter Euch freundlich zulächeln und Euren Kindern den Geist jüdischer Pflichterfüllung ins Herz gießen. Nicht minder sollte sich jeder von jüdischem Gesamtheitsempfinden Erfüllte durch die erschütternde Nachricht wachrütteln lassen, daß die von der gesetzestreuenJudenhettDeutschlands mit den Amsterdamer Pekidim seit vielen Jahrzehnten in Jerusalem erhaltenen Schulen mit 1000 Kindern und 40 Lehrern der Mark- Katastrophe zum Opfer zu fallen drohen, falls nicht schleunig ein zusätzliches Monats-Budget von mindestens Dreihunderttausend Mark gesichert wird. (Stehe Aufruf in den „Blättern" dieser Nummer.) Einzelne Mäcene haben, wie man uns mit» teilt, in den letzten Tagen Beträge von je hunderttausend Mark (einmalig) zur Verfügung gestellt — sollten sich in Deutschland nicht noch zehn oder fünfzehn solcher hochherziger Persönlichkeiten finden, die über die nächsten Monate hinweghelfen, bis die regelmäßigen Eingänge auf die entsprechende Höhe gebracht sind? Es steht hier die Ehre der deutschen Orthodoxie in Erez Jisroel und zugleich das religiöse Schicksal von 1000 jüdischen Kindern, der Leb e ns unterhalt von 40 Lehrerfamilien auf dem Spiel. Vor allem müßte dann die Rosch-Chodesch- Spende der deutschen „Agudas Jisroel", die bisher schon restlos diesen Schulen zufloß, durch erhebliche, der Mark-Kaufkraft Rechnung tragende regelmäßige Beiträge zu ganz anderer Bedeutung als bisher entwickelt werden, nachdem die Chanukka-Sammlungen in allen Agudokreisen die Krise des Augenblicks überwunden haben werden. In einem besondecen Aufsatz dieser Nummer lüste und Begierden zu zähmen und zu zügeln (nyin nivn). Dieser ist ein Sklave seiner Leidenschaften und ganz und gar dem Genuß und Irdischen (dem tott) ergeben. Diese Irrenden find aber noch ränge nicht rettungslos verloren. Mit dem Verlust seines Feldes hört auch sein Irren auf; mit dem Nachlassen der physischen Kräfte, mit beginnendem Aster werden auch die Leidenschaften verstummen und zum Schweigen gebracht werden. Schlimmer allerdings steht es um den, der irrt auS „Weisheit" “[“HB), aus Ueberzeugung, auf Grund ^nnd als Resultat seiner „wissenschaftlichen Forschuirg^u Für den gibt es schwerlich eine Rettung, nv' n^BV^npn. Selbstredend bleiben auch für ihn die mitwi 'w immer offen. Kleines Zeuillelon. Ein glüMcher. lebensfroher Mensch. „Wir sind Zeugen einer großen und deshalb schönen Zeit. Wir sind in eine Zeit hineingeboren, in der zu leben und zu schassen für den tatenfrohen, kühnen und klarblickenden Mann eine Lust ist". Mit biesen. Worten leitet Herr Otto Dickel sein MiEichiel-Verlag .(AÜgsbirrg)'' erschienenes MnMSPengl'e'rMe^ Buch von^Wi Aüstöbstehnng pe'S^AchLn d lau des ein. Wahr hastig eiste schöne, Lust zuäl 'Leöön anregende Zeit! W8r wollte dies bestreiten? DaS linke'Rhelnufer besetzt, die Sanktionen am rechten, das Saarbecken in fremder Verwaltung, Oberschlesien in peinlichster Angst um seine deutsche Existenz, deutsches Land vom Vaterlands abgetrennt, schwarze Truppen unsere Wächter, drückende, kaum zu ertragende Verpflichtungen, unterernährte und kranke Kinder — wenn dies keine schöne Zeit ist, dann gibt es überhaupt keine. Doch in der Tat, eS ist eine schöne Zeit für Herrn Dickel, der ein tatenfi oher und kühner Mann, wenigstens im Schreiben, ist und nun seiner Tatenfreude in überkühnerWeise Ausdruck gibt. Denn dieZeit ist trübe und das ist gerade für Herrn Dickel das Schöne, denn im Trüben ist eS gut fischen, und er will fischen, fischen, fischen! Deutschland ist zusammengebrochen. Wer hat das Unglück verschuldet? Der „jüdische Imperialismus", darum muß dieser niedergekämpst werden. Der Krieg häite vermieden werden können, wenn man sich die Freundschaft Englands gesichert häite, das widersprach aber den jüdischen Interessen und so störten die Juden das gute Verhältnis zwischen Deutschland und England und das Unglück war geschehen! (So macht man Geschichte!) Denn die Juden, Ballin und Rathenau an der Spitze, hatten das Ohr oes Kaisers Wilhelm, „des unfähigsten Monarchen, der je ans einem Throne sah" (ipsissims vsrbs!); so brach der Krieg aus, und als wir geschlagen waren, da waren es wieder die Juden, die die Revolution machten. Es ist also ganz llar, daß die Machtstellung der Juden, die ja alles beherrschen, Presse, Theater, Kunst usw., gebrochen werden muß, wenn Deutschland nicht zugrunde gehen soll. Aber wie soll das geschehen? Nicht mit Gewalt, wie sie . der Radauanlisemitismus predigt, nicht mit aushetzenden Flugschriften solcher Art, wie es die Ostelbier und andere Reaktionäre machen, sondern hübsch gesetzlich, dem Juden alles geben, was ihm zukommt, aber mit Auswahl, darum sorge man, daß der jüdische Geist nicht die Jugend vergifte, und darum darf Juden, getaufte einbegriffen, keine Anstellung als Lehrer, von der Volksschule an bis zur Hochschule hinauf, übertragen werden. Da aber darf man sich wohl die kleine, bedenkliche Anfrage erlauben: Wie denkt sich denn Herr Dicke! dies zu ermöglichen? Zu diesem Zwecke mühte ja erst ein Paragraph aus der Verfaffung gestrichen werden, der in allen zivilisierten Staaten zu den Grundrechten zählt. Herr Dickel denkt wohl, Ver. fassungen können geändert werden. Würde aber das deutsche Parlament oder die gegenwärtige deutsche Regierung oder eine andere, die noch einen Hauch demokratischen und sozialen Empfindens verspMMch zu einem solchen sich selbst verleugnenden und verächtlichen Experiment hergeben, Deutschland im ganzen Ausland erniedrigen würde. Wie sich Herr Dickel diese Möglichkeit vorstellt? Wohl nicht anders: Muß es denn dieses Parlament, muh es denn diese Regierung sein? Das ist ganz klar, daß die Ausschließung der Juden vom Lehramt der Welt keinen Schaden bringt, denn Herr Dickel ist der Meinung: die Juden, nicht einer von ihnen, hätten der Wissenschaft bis jetzt nichts Hervorragendes geleistet. Aber dah ihre Zulassung zum Lehramt unermeßlichen Schaden bringen würde, daß man Menschen von so niedriger Gesinnung und Anschauungsweise rote sie sind, die Jugend nicht anverirauen dürfe, eikenneu wir ganz klar aus der Charakterschilderung, die Herr Dickel sich leistet: „Gut und nützlich sind ihm (dem Juden) einerlei — deshalb tut er nur das, was ihm mittelbar oder unmittelbar Nutzrn bringt. Hier entspringt die Quelle der Hartherzigkeit, die sich biS zür maßlosen Grausamkeit steigern kann, wennes ihm gilt Widerstände seines Nützlichkeitsstrebens zu beseitigen. Jeder Unbefangene weiß, daß diese für unS abstoßende Eigenschaft bet allen Juden zu finden ist, nur daß der eine sie geschickter zu verbergen weiß als der andere. Selbstlose