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Der Israelit · 1921-12-15 · Heft 50 (15.12.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 50 (15.12.1921)
Date
1921-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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15. Dezember 1921. Der JSraelit. Nr. 50. Seite 8 bet Nationalisten, dasselbe Interesse an völkisch natürlicher Auffassung unseres geschichtlichen Werdeganges gelegentlich sich äußert. Auch diese wollen nicht, daß der Glaubende sich auf Wissen stütze, denn ihr Missen ruht auf vorausgesetzter Leugnung des Ueberirdischen in Jsrals Geschichte, auch sie schmälern nicht den Ruhm des Apologeten. Uns war er mehr. Bevor er kam, konnte man in wisseuschaftlichkm Kreide nicht laut aussprecken, daß man an den Gruridscften der „historischen Schule" aus - Thora-Ueberzeugung ernstlich zweifelt, auch als diese Schule sich mehrfach verzweigte und spaltete, konnte man tlicht laut sagen: Ich glaube fest an die geschichtliche Echtheit der heiligen Bücher. Das kann man heute, sie sind Geschichtswerk, E2 W DT^ DD awlBl/ den Gesetzesfeinden zum 8lerger> uns aber zur Freude. Und doch: Sein Kampf gegen die gelehrte Welt war nicht der Krieg eines Glaubenseiferers gegen die freie Wissenschaft, sondern die Verteidigung des besonnenen Forschens gegen die rauschenden Akkorde einer monistisch-evolutionistischen Schwärmerei, die das Nichtvorhandene in geschichtliche Zusammenhänge hineindichtet und Wirklichkeiten übersieht. Wie Hirsch ^"27, so hat auch er im Namen der ernsten Forschung gegen vage Gefühlsmeinungen gestritten, denn als solche erscheinen im Lichte seines Schaffens die Lehren der Kritik, den Lehren unserer heiligen Bücher verleihen sie neuen Wahrheitsglanz. rr.lQD TWin rwp7. VI. Und dies soll für alle Zeiten Grundsatz der Glaubensverteidigung bleiben: Die Gefühle müssen schweigen und anbeten, der Verstand und die kritische Veranlagung jede Regung des Denkens und Lebens beherrschen, wenn wir im Glauben Israels verbleiben wollen. Schöpfung, Offenbarung und Gesetzesgehorsam sind der gegenwärtigen Richtung des Geisteslebens, die mehr künstlerisch als wissenschaftlich orientiert ist, noch in höherem Grade zuwider als sie es der von Hoffmann bekämpften destruktiven L-hrweise waren, wir aber sollten diese Tatsache zugeben und auf unseren Intellektualismus stolz bleiben. Selbst die Grundgesetze der Meuschheitsethik (n"n zu Q~wrt x '"T ) sind nach unserer Lehre nichts vom Menschen Erfühltes, sondern von Gott befohlen. Der denkende Geist allein leitet Israels Gesetz und Glauben. Den Wenigen .und Heiligen . wird das Gesetz zum Lebenslrede. Wir Anderen hören dieses Lied nicht, sondern wandern mühsam unseren irdischen Ausweg in seinem Lichte, robJl 12^ fTD '*7 *T)K2. Furcht vor Gott und seiner Strafe. Bald wird der Angreifer in Gestalt eines Weisen und Gelehrten erscheinen und fein Angriff wird ganz und gar einen scheinbar wissenschaftlicher. und gelehrten Anstrich haben. Und sein Angriff wird aber nicht minder gefährlich sein. Manche werden sich von der „Wucht wissenschaftlicher Beweise" ebenso betören lassen, wie von der rohen Gewalt einschüchtern. Jakob - Israel hat sich gegen beide Angreifer zu wehren und vor beiden auf der Hut zu sein. „Und Esau lief ihm entgegen und umarmte ihn und er fiel ihm um den Hals und küßte ihn". Der Midrasch bemerkt dazu: Esau wollte seinen Bruder Jakob bei der Umarmung Refften, da wurde der Hals Jakobs so fest wir Marmor und Esaa zerbrach sich die Zähne und Beide weinten, ns* iv'p ü'pz bw iiasfa rsut ntswi spr. Aehnliches wird auch im Jalkut behauptet. Esau sprach: Ich werde meinen Bruder nicht durch Schwert und Bogen töten, sondern mit meinem Munde und meinen Zähnen küssend werde ich sein Blut saugen und ihn auf diese Weise unschädlich machen. Da wurde Jakobs Hals so fest wie Marmor und die Zähne Esaus wurden stumpf je. ’M;ipp3 -pr ns* n:n vn mr ncs Vi ... \rtwi. Esau wollte keinen „gemeinen" Mord an seinem Bruder begehen, dafür aber ihn auf eine andere Weise unschädlich machen, ihn seelisch zugrunde richten (tyßin x'N ein ’3). Küssend wollte er sich ihm nähern, ihn durch eine Umarmung an sich heranlocken und zu sich herabziehen, durch ein Uebermaß von Güte und Freundschaft ihn betören und irreführertt Diesen Verführungsknnsten gegenüber blieb Jakov standhaft. Sein Nacken blieb fest wie eine Marmor- Wocheilnilidschau. Zionistische General-Vormundschaft über das Judentum. Die zionistische Exkulive Veröffentlicht im Aufträge des Kck.lsk>adt'r Kougikffes ein Marlifest, in dem noch emem lleberb ick über den Stand der zionlni cheu Bewegung das Programm der Parle-, wie cs dt" neue Executive auffaßt, in vier Punkten zusani-"engrfaßt wird. Während sich die erstell dret P.ogrammpunkte mit dem Ausbau Palästinas uno der Wiederbelebung der zionistischen Orgav'satio ' selber befassen, lautet der vierte: „ct) Es soll erreicht »w'dln, daß jede Aktion im jüdischen Leben vvm Geiste der zionistischeu Ideenwelt beeinflußt werde. Im Bewußtsein, daß das jüdische Leben eine organische Einheit ist, muß der Zionismus bestrebt sein, über alle Aktionen, in denen sich das jüdische Leben äußert, die ideelle Kontrolle zu haben. Denn ans der weitverzweigten Fülle der Aktionen, welche zur Erhaltung des Judentums in der gesamten Welt dienen, wollen mir ein einheitliches Ganzes schaffen, das zu gleicher Zeit dem Volke wie dem Lande nützen soll." Bis in die letzten Jahre hinein hat man der Orthodoxie bewußte Verkennung der zionistischen Absichten ur,terfteQt, wenn sie innrer wieder darauf hinwies, daß der unschuldig kiingende Wortlaut des Baseler Programms, der so viele ahnungslose Gemüter aus beut Lager der gesetzestreuen Judeuheit in die zionistischen Reihen geführt hat, über dm wahren Sinn des Zionismus, vor allen Dingen über seinen durchaus weltanschau ungsmäßigen und Missionaren Charakter nicht täuschen dürfe. Hier liegt nun in Form einer offiziellen Kundgebung das Bekenntnis von der „organischen Einheit des jüdischen Lebens" und zugleich von der Absicht, dieses jüdische Gesamtleben unter die „Herrschaft der zionistischen Ideenwelt" zu stellen, iy unzweideutigster Fassung vor. Wenn es überhaupt eine zionistische Idee gibt, so kann es nur die eine sein, baß jüdische Wahrheit, jüdische Weltanschauung und Sittlichkeit, nicht ein für all?mal vor tausenden von Jahren auf Sinais Hö en bestimmt worden sei, sondern sich fort und fort aus dem Volksgetste gebiert. Primär ist das Volk, sekundär der Ge ist und die sittliche*Norm. Wenn die zionistische Organisation für diese ihre Idee, die allein ja im Sinne moderner Anschauung die „organische Einheit" jüdischen Lebens verbürgt, die „ideelle Kontrolle" über alle Aktionen, in denen sich das jüdische Leben äußert, beansprucht, so hat sie sich damit selber als gefährlichsten Gegner des überlieferten Judentums säule; er wankte nicht und schwankte nicht und ließ sich nicht durch die Küsse seines Bruders zu einem Seelenfang verleiten. Esau weinte über das Miß lingen seiner Pläne, aber auch Jakcb weinte. Er mochte wohl geahnt haben, daß einst eine Zeit kommen wird, in der seine Söhne gegen die „Küsse ihrer Brüder" nicht so unempfindlich sein werden, daß ihr Nacken die Festigkeit wird vermissen lassen, die nötig ist, um ein würdiger Sohn Jakobs zu bleiben. Und er hat sich leider nicht geirrt, er hat nicht umsonst geweint. Kleines Feuilleton. Jüdische dauern in Rußland. Parvel Barohan schreibt in, Berliner Tageblatt u. a.: Fn der Vorkriegszeit besas, Rußland ofviOOOü Fnden.. Vv:» diesen trieben 1.OHOoni: HnnMg. und fast ebenso groß Nundie estir der Handwerker und Fudnstliealbetter. ^enn Verttchr diente eine vierte! Million (Die südlichen Zutscher sind ein gam, besonderer Tvvns!), in Lohn dienst befanden 'ich (M)O Personen. xHUe^ in aticm gehörte ein Trine» der jüdischen Bevölkerung dein Lvhnprvletaria. an. Wer in Rußland jüdische "Arbeiter, Rutscher, Lastträger gesehen hat, (am allerwenigsten das, wie man Gheltvgestaueii sich vvrznstetten gewvhm iü>, hat, fast belrvfsen, sieh überzeugen tonnen, über loieviel Primitive ttrasl, Urwüchsigkeit dieser Mensch.'nseh'.a.i verfügt. Als nun der Krieg erblühte und Heeresleitungen und des auf dieses Jndeutum velpstichteten Klall Israel bekannt. Es ist vollkommen kousequenr, wenn der Zionismus als höchstes Ideal die Vereinheitlichung aller jüdischen Aktionen zu eiitnu Ganzen erstrebt, daß zu gleicher Zeit „dem Volke wie dem Lande nützen soll." In der Tat ist der Gedanke des Nutzens, der nationale Egoismus als höchster errdgültiger Wertmatzstab, die logische Folge jeder Weltanschauung die sich ans dem Nationalismus aufbaut. Was uns überrascht, ist lediglich die Offenheit, nr't der hier, offenbar unter dem Einflüsse isokolows und gegen den Willen Weizmanns, die „nichts als politische" Richtung im Zionismus, die auch von den rechtsstehenden Misrachisten immer als Plattform und Rechtfertigung benützt wurde, desavouiert und die vertiefteder Wahrheit entsprechende Auffassung Martin Bubcrs und seiner Genossen zum Range eines offiziellen Partei-Programmes erhoben wird. Ganz unvereinbar ist dieses Programm übrigens auch mit dem Briefe Weizmanns all Untermayer, in dem beteuert worden war, daß der Zlon'smus nichts sei, als eine Palästina- Bewegung und daß die Diaspora-Politik den Zionismus nichts angehe. Ser nicht ansgeplünderte Goldffein. Unter diesem Titel brachten wir in unserer Nummer vom 7. April d. I. einen Artikel über die in Verbindung mit'den damaligen Unruhen in Mitteldeutschland dort betriebene Judenhetze, deren markanteste Borniertheit sich darin kundgab, daß man aus der Tatsache, daß eine jüdische Firma namens Goldftein bei den Unruhen unausgeplündert blieb, so etwas wie eine „geheime Allianz" zwischen Judentum und Aufständischen konstruierte. Der Verbreiter dieser Behauptung, ein antisemitischer Agitator namens Fleischer, stand nun ain 1. Dezember unter der Anklage der Verleumdung vor dem Eislebener Schöffengerichte und wurde zu 600 Mk. Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilt. Solche Hakenkreuzlerverurteilnngen gehören jetzt zu den Ereignissen des Tages und verdienen weiter keine Registrierung. Interessant ist in diesem Falle indes das, was Fleischer als Unterlage zu seiner Verleumdung diente. Es war nicht allein die Nichtausplünderung der Firma. Nein, Goldftein hat in der Tat Unterlagen geliefert . . . Freilich nicht den Herren Antisemiten, sondern den völlig neutralen Arbeitersamaritern, und zwar vier Decken für die Verwundeten und mehrere Schürzen für das Pflegepersonal. Er lieferte diese „Unterlagen" unentgeltlich, aus menschlichem Mitleide, ohne Bedingungen zu stellen, wem sie und Leutnants in nnerfvrschlichein Ratschluß Schicksale von Ländern uno Menschen kommandierten, beschloß auch w eine russische Heeresleitung (wie diese Fnstiliiuvuen sieh auslvbren, bas sah »ist' ben Talen des ttttößenwnhus nnb der Rmivsigkeik berdamnu älinlich), dir weißtnjsischen Bauern ium ihrer Schutte weg ins dunere Rußlands zu vertreiben, und bvl! braehle es auch. Ter Boden in den litauischen Gon- _ vernements blieb nun verwaist, und als die Tritt, sehen in dieses Gebier einzvgen, fanden sie ein breu lwes Land Vvr. Ein Jahr lang hungerte man sieh durch. Tann aber rafften die Temschen sich z» einer schvprerischen Tal auf: sie verteilten den ver lasseiien Bvden an die zurückgebliebene jüdische Bevölkerung, gaben ihnen ttvrii zur Aussaat, lvvbei sie darani sahen. daß diese ^aat auch ihrer Bestimmung zugesührl ivurde. find i»i Handumdrehen wurde die jüdische Bevölkerung, Handwerker, Tagelöhner, Händler, Besehäftigungslose, sie alle wurden Bauer::, llnd sie machten ihre Suche gut. Und sv blieb es auch. Fn den meisten Lrten Weißrußlands, hauptsächlich in dem von den Polen gegenwärtig beseple» Teile Litauens, beträgt seitdem die 6ahl der »tckervanlreihenden Juden litt bis 7tt Prvzeni der jüdischen isesanttbevölkernng, an manchem L rie Ulli Prvzeni. Tie ^gefilmte Einwohnerschaft des Lrtes^ Bi'änner, (Beeise, Frauen und .minder, sind auf dem Felde, und inchl der Fremde um "Anstuusi zu erhalten, den Rabbiner, sv sindel er auch ihn, den alren. langbärtigen ,,Rvw" und sein Weib, die ,.Räbl'itien", Himer dem Pflug. Hier und da, und bislveilen öfter, kehrt der ehemilige Besitzer, der Bauer zurück, der inzwischen im Innern des Landes wahrend des Krieges es zu Geld gebracht und dennoch nach der angestammten Scholle

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