Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1921)
- Date
- 1921-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3 Nr. 50 Der JSraelit. 15. Dezember 1931. Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Dr. B. Cohen: David Hoffman n b“2l und die Bibelwissenschast. — 2. Homiletik: Dr. Felix Kanter: Zu rftrpn. — 3. Kleines Feuilleion: Jüdische Bauern in Rußland. — (Der Prophet Enoch vor Gericht.) — 1. Wochenrund schau: Zionistische General-Bormundschast über daS.-Judentum. — Der nicht ausgeplunderte Goldstein. — Jabotinskt und Petljura. — 5. Aufsätze: Die Rabbiner-Konferenz in Wilna. — Aus der Schreckenszeit im Burgenlande. — 0. Korrespondenzen u nd Na ch ri chten: Berlin,(Verband nationaldeutscher Juden). — Elberfeld. — Warschau, (Zur Frage des Warschauer Oberrabbiners). — Warschau, lDr. Poznanzki plötzlich verstorben). — Warschau, (Ter neue orthodoxe Deputierte). — Warschau, (Aus der Warschauer Gemeinde-Politik). — Warschau, (Das Verhängnis der Sonntagsruhe). — Warschau, (Eine Konferenz der Gemeinden in Polen). — Lemberg, (Die Reise des Czortkower Rebbe). — Budapest, (Der neue Kurs in Ungarn). — Jerusalem, (Verurteilung jüdischer Selbstwehrleute). — Jerusalem, (Nachklänge zu den Mai-Ueberfällen). — 7. P e r so n a l ie n. — 8. Be rmtschtes. — 9. Frankfurter Berichte. — Vereinskalender. — 10. Feuilleton-Beilage: Aus der Philosophie des „Ehofez Chajim". — 11. Kinderecke: Heinrich Einstädter: Sabbats Abschied. — David Hoffman» y"a\ und die Sideltviffenschast. Bon Rabbiner Dr. B. Cohen in Heitbron«. I. Ich lobe mir die Toten, welche schon gestorben sind, mehr als die Lebenden, die noch leben." Unser großer Lehrer ist schon, ist zu früh von ltns gegangen) denn wir, die wir noch leben,, haben noch nickt ousgekostct, was er uns hätte geben können. Bei seinem Eintritt in die gelehrte Welt sah es anders aus für uns als heutzutage. Es geztemt sich, auszusprechen, daß seine Glaubensverteidigung notwendig war, und daß sie gewirkt hat. Vielleicht war sie nicht für Jeden notwendig. Und das ist die erste der im folgenden auszusprechenden vier Ursachender betrüblicken Erscheinung,daß unser vollendeter Lehrer nicht überall nach Gebühr gewürdigt worden ist: Nicht Jedermanns Glaube benötigt der Verteidigung. So mancher Mensch steht dem Himmel näher als der Erde) sein Glaube ist unerschütterlich. Nicht leidenschaftliche Triebe, nicht zweifelnde Erkenntnis bringen ihn von der Gewißheit seines Väterglaubens ab) er kann nicht anders als dem Gesetze treu sein. Solchen Menschen ist zu allen Zeiten Gott ein Gewisses. Aber das sind nicht die Meisten. Wir Anderen leben auf der Erde, und aus irdischem, menschlichen! Denken stammt unser Irren und Bekennen. Da muß erst wieder ein Patriarch erstehen und Gott, den Herrn des Himmels, den Weltent- Zu n^-v Knrze Betrachtungen zum Wochenabschnitte. Von Dr.)Felix Kanter in Zwittau (Mähren). „Und/Jakob,machte sich aus in dieser Nacht und er nahm seine beiden Frauen .... und seine el f Kinder" usw. Raschi wirft hier die Frage auf: nj'~: ^unr 6nu\ k$)lnaCi''''y (ön Jakob mit Dinah inbegriffen doch zwölf Kinder hatte). Hier entsteht allerdings eine andere Frage: Wieso fragt Raschi nach dem von DinahN vielleicht war Dinah unter den elftKindern und der, der fehlte, war einer der Söhne Jakobs y Diese scheinbar berechtigte Frage wird aber hinfällig durch folgenden Ausspruch unserer Weisen, die behaupten, daß das.Heiligtum in Jerusalem deshalb auf dem Gebiete Benjamins' aufgerichtet wurde, weil er der Einzige unter den Söhnen Jakobs war, der sich vor Esau nicht gebückt hatte. (Das Heiligtum ist das 'Sinnbild der Glaubensstärke, der inuern, unerschütternchen Festigkeit in allen Lagert und Verhältnissen). Benjamin aber hat sich deshalb vor Esau nicht gebückt, weil er damals — noch nicht aus der Welt uun\ Hätte l rückten, wieder zum Herrn der Erde machen, damit auch wir zweifelnden Alltagsmenschen ihn wieder erkennen und an Ihn gewöhnt werden. Wir sind wieder an ihn gewöhnt: r\V12H '22 TTDnn Wir ermessen nicht mehr, was vorher war. Aus dem persönlichen Berichte des Herrn Rabbiner Liebermann kenne ich die äußeren Anlässe der apologetischen Tätigkeit des Verewigten. Die bibelkritischen Zweifel hatten einige der Seminarschüler in schwere Gewissensnot gebracht. Sie erbaten sich Besprechungsabende bei ihrem Lehrer Er gewährte sie ihnen/ es wurden aber aus den Abenden Nackte, und nach Jahren mühsamen Sammelns wurden aus diesen Besprechungen die Coüegs und Commentare des Lehrers zum Pentateuch, zu Stellen in Ezechiel und Aehnlichcs. Diesen Menschen war geholfen. Sie wollten nicht die zweifache Wahrheit des Glaubens und des Wissens. Sie freuten sich über diese Abweisung derzeitiger Bedenken gegen Israels Volksgeschichte und Gesetzgebungsbericht. Man muß diese wirklich erlebte Freude selbst nacherlebt haben als Student und Seminarist) nur dann versteht man sie völlig. Und dann erhellt einem auch die zweite der Ursachen dafür, daß das Hoffmannsche Lebenswerk noch nicht überall genügend in Ehren gehalten wird, und besonders nicht in der wissenschaftlichen Welt. Denn dieselbe Freude, welche die Schülergenerationen unseres Lehrers yafl über seine Lehren erfüllte, beseelt die zünftige Wissenschaft bei ihren gegenteiligen Meinungen. Sie freute sich, als der Entwicklungstheorie, als deren Schema nach den Ergebnissen der Quellenscheidung auch unsere Volksgeschichte sich einordnen zu lassen schien und dieser nun jeder „Nimbus" des Ueberirdischen geraubt war. Es schien schwer, sich dem überwältigenden Bilde der Einheit aller Menschheitsentwicklung zu entziehen, so klang sie auch harmonisch mit ein ins Darwinsche Weltbild. Hat ja auch dieses in jugendlichen Köpfen oft mehr infolge seiner poetischen Schönheit als infolge wissenschaftlicher Grunde die Herrschaft erlangt. (Auch diese vonMenschenkenntuis zeugende Beobachtung verdanke ich einem Vortrage des Herrn Rabbiner Dr. Liebermann.) Es ist danach nicht zu verwundern, daß die ruhige, krystallklare, scheinbar eisig kalte, in Alpengipfelmajestät emporragende, oft schwer zu verfolgende Apologetik Hcffmanns welche die Unebenheiten und Risse des Baues der „historischen Schule" nicht sonst überschatten, sondern grell beleuchten muß, nickt das Wohlgefallen der immer noch evolutionistischen Forscher findet. Zu Zeiten Mendelsohns und auch S. R. Hirschs?"^) galt es als ein auszeichnendes nun unter den elf Kindern Jakobs einer seiner Söhne gefehlt, dann hätte das Heiligtum ebensogut auf dem Gebiete dieses Sohnes (Stammes) errichtet werden können, der bei der Begegnnng mit Ejan abwesend war (und sich vor ihm nicht gebückt hatte). Daß aber das Heiligtum nur aus dem Gebiete Benjamins errichtet wurde, kann als Beweis gelten, daß alle elf Söhne Jakobs der Begegnung mit Esau beigewohnt und sich vor ihm gebückt halten. Dann entsteht mit Recht die <tzrnge: wo blieb denn die Tochter Jakobs, die Dinah?*) > . „Und Jakob blieb oU, in zurück, da rang ein Mann mit ihm bis zunt Anbruche des Morgens". Ueber die Art dieses nächtlichen Ringens und Kämpfens sind unsere Talmudweisen geteilter Ansicht. Nach einer Ansicht soll der Kampf in einer „Umarmung" bestanden haben (prm <= p2«’i); der Fremde hat Jakob „umschlungen" und ihn ans diese Weise empfindlich verletzt, daß er zu hinken begann. Nach einer zweiten Ansicht soll der Kampf sich in den gewöhnlichen Formen bewegt haben, nur soll dieses verzweifelte Ringerr ungeheuere Staubwolken ausgewirbelt haben (p-.s 'bynv ~'Z2n SwD “i:), (Chulin 91 a). Es ist eben nicht gleich gültig wie Jakob kämpft und bekämpft wird. Einen Jakob kann man aus verschiedene Arten bekämpfen, ihn empfindlich treffen und verletzen. Man kann ihn durch eine „Umarmung" zu Fall und Sturz bringen und ihn auf diese Weise kampfunfähig machen. . Dies ist allerdings die bessere und edlere Form des Kampsi s) die von „Bessern und Edlern" angewendet wird „beim Anbruch des Morgens", wenn die Freiheilssonne langsam auszugehen beginnt. Man kann einen Juden leicht zu Fall und Abfall bringen durch eine — ) Nach Jalkut Hadrusch, II. Teil. Kriterium unserer Lehre, daß sie nicht auf schwer faßbare Glaubenssätze oder Zukunftswetssaqungen, sondern vor allem auf die geschichtliche Tatsache der Gesetzgebung an das ganze Volk unserer Väter gestützt ist. Wenn man heutzutage dagegen rnder H. Cohenschen Ethik etwa Heft, daß ks für eine jede, auch für religiöse Sittenlehre gut sei, nicht Tatsachenglaube, sondern Zukunftsideal zu sein, und daß H. Cohen auch unserer Lehre, ganz im Sinne der evolutionistischen Kritik, die Wurzel im Vergangenen schmälern möchte, so begreift man die dritte Ursache für die oft geübte Unterschätzung des Hoffmannschen Werkes: Man will nicht wissen, daß unsere Lehre auf Geschichte und Tatsache fußr. Man will gegenüber anöereu Bekenntnissen stolz darauf Hinweisen, daß wir angeblich keiner verbalen Inspiration, keiner Offenbarung von Gesetzen und Berichten nachleben. Man will das Gesetz unseres Lebens einer „schöpferischen Kraft des Menschengeistes" verdanken. Dieser Geisteskraft allein will man Wunderberichte und Widersprüche zugntehalten) — Widersprüche auszugleichen, Stilverschiedenheiten zu rechtfertigen, will man dem gesetzestreuen Forscher nicht zutrauen, weil man meint, Forschung und Gesetz müßten seinen Sinn für jene vermeinte Phantasie ertötet haben. Welches vom Geiste der Geschichte Israels durchwärmte Leben freilich in unserem draußen als Gefängnis verschrienen Jahres- und Tageskreise des Gesetzes pulsiert und wie inniges Menschentum es zeitigt, das sahen nur die täglichen Schüler und Mitbeter des „kalten" Forschers. Nicht Kälte, sondern gesunde jüdische Besonnenheit haben ihn verhindert, dem irrenden Menschengeiste eine ethische Macht zuzutrauen, die uns aus Zehngeboten und Thora erfüllt. Weil man aber den Geschichtsglauben in der jüdischen Ethik nicht gewollt hat, so hat man sich mit der Zerreißungshypothese gefreut, unsere überlieferten Dokumente gern historisch entwertet gesehen und unseren Apologeten nicht gewürdigt. Wer sonst noch sich dem Lebenswerke unseres Meisters verschlossen hat, wäre eigentlich nicht erwähnenswert, wenn es nicht er selbst so bitter empfunden hätte. Das war zunächst der geschworene Antisemitismus. Der hatte ja das lebhafteste Interesse an einer möglichst „natürlichen", halb zoologischen Darstellung der Urgeschichte Israels. Hätte es sich beim Kampfe gegen Dergleichen nicht oft um Ansehen und Bürgerrecht Israels, ja um unsere Sicherheit gehandelt, so hätte unser sonst so geruhsamer Lehrer gewiß nicht diesen Unbelehrbarenjsoviel heißen Kampfeszorn gewidmet. Es ist nur zu bedauern, daß auch in unserem Lager, besonders „Umarmung", wenn man sich ihm freundlich nähert und liebenswürdig entgegenkommt. Namentlich wenn der „Morgen herandämmert", ist Israel durch diese Kampfmeihode leicht zu bezwingen und zu besiegen,' es verliert seine Standhaftigkeit und Festigkeit und, empfindlich getroffen und schwer verletzt, beginnt es zu hinken — „wenn die Sonne aufgeht". Es gibt aber auch noch ein zweites Mittel, Israel anzugretfen, zu bekämpfen und zu verletzen. Es ist dies die einfache, gewöhnliche und gemeine Kampfesweise: man wirbelt im Kampfe und durch den Kampf möglichst viel Staub auf und sorgt dafür, daß der ausgewirbelle Slnub bis zu -922,1 «02, bis gum Thronsitz der höchsten Herrschaften, bis zu den Grossen und Mächtigen dringe. Ist Jakob erniedrigt und durch den ausgewirbelten Staub bis zur Unkenntlichkeit entstellt, beschmutzt und besudelt, dann glaubt man, ihn umso leichter besiegen zu können. Für diese Kampfmethode ist am besten „die Nacht" geeignet, „wenn Finsternis die Erde umhüllt und Nebel die Völker und Nationen". **) Wer war der „Mann", der Jakob bekämpftes Auch darüber sind unsere Weisen geteilter Meinung. Nach einer Ansicht erschien er Jakob in Gestalt eines Heiden oder gar in Gestalt eines Räubers ("iek in neu a tscS ’2“is‘2 2:222,) nach einer anderen Ansicht erschien er ihm als Gelehrter und Weiser (22n nubrc , nou),- Auch in diesem Ausspruch sind die Kamps- :-Methoden ^gedeutet, deren man sich einst gegen Jakob-Israel bedienen wird. Bald wird der Angriff ein räuberischer sein, roh, herzlos, grausam, nach Art der Heiden, ohne Mitleid und Erbarmen, ohne **) Nach ri2ty r6>‘ vom Verfasser (erschienen bei Kauffmann 1910).