Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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8. Dezember 19ftt Ko. 49 Sette 5 litauischen Scym, Dr. Rosenbaum, erwartet, der im Aufträge der litauischen Regierung hier die Verhandlungen in der Angelegenheit Wilna führen wird. In jüdischen Kreisen wird man die Gelegenheit benutzen, mit Dr. Rosenbaum auch diverse Fragen betreffend das Verhältnis zwischen der polnischen und litauischen Judenhett zu beraten. In der Vorstadt Praga herrscht große Erregung wegen der R'chtbestätigung des dort gewählten Rabbiners, Rabbi Jakob Silbersteitt, von Seiten der Regierung. Rabbi Silberftein ist Schwiegersohn des Rabbi Matmon V'Xh der über 30 Jahre das Rabbinat inne hatte. Nach dem Tode Maimons galt Rabbi Silberstein, der schon zu Lebzeiten seines Schwiegervaters sein vornehmster Mitarbeiter war, als sein natürlicher Nachfolger. Da aber Praga im kommunalen Sinne zu Groß-Warschau gehört, so wird die Wahl von der Einwilligung der Warschauer Gemeindeverwaltung abhängig gemacht, die scheinbar mit den Wünschen der Vorstadt Praga wenig rechnet. Die Verhandlungen dauern fort. övglwli 96s orthodoxen presse. Warschau, 1. Dezember. Als bet der letzten Sitzung der Gemeindeverwaltung die Pressevertreter ihre Plätze etnnehmen wollten, wurde dem Berichterstatter des orthodoxen Organes „Der Jud" der Zutritt in den Saal versperrt. Auf seine Beschwerde wurde ihm vom Vorsitzenden erklärt, daß die Gemeindeverwaltung dem „Jud" wegen seiner scharfen Stellungnahme zur Maßnahmen der Verwaltung (Affäre Posnanzki) küne Berichte mehr zugehen lassen werde. Trotzdem weiß der „Jud" über den Gang der Verhandlungen in dieser Sitzung genau zu berichten und wird sich wohl auch weiter durch Drohungen nicht davon abhalten lassen, Uebergriffe der Verwaltung und Uebeistände in der Gemeinde ins richtige Licht zu rücken. Litauen. Aus Ser Koronoer öemeinSe. Korvno, 1. Dezember. Die jüngste Sitzung der hiesigen Gemeindeverwaltung ging in ruhiger Sachlichkeit vor sich. Nach einigen Wahlstreitigkeiten ist man zur Frage der Religiösen Kommission getreten. Die Linke schlug natürlich gleich Lärm. Sie will von Religion und religiösen Kommissionen nichts wissen. Die Zionisten waren geteilter Meinung und die religiöse Kommission kam am Ende doch mit Stimmenmehrheit zu stände. In Moschatk starb im Alter von 76 Jahren Rabbi Wolf Awrach ter langjährige dortige Oltsrabbiner. Der Verstorbene gehörte zu den Thora-Größen Litauens und zählte in seinen jungen Jahren zu dem Kreise Rabbi Jizchok Elchonons. Mehr wie einmal erging an ihn die Ehrenberufung nach großen Gemeinden. Doch zog er es vor, in kleinerem Kreise bei beschaulichen Lebensverhältniffen sich ganz dem Thorastudium zu widmen. Dank seiner Tätigkeit gehört Moschaik zu den Städten, in denen das Thoraleben noch auf fester Basis ruht. Durch die Wiederkehr des Rabbi Jizchok Bloch nach Telsch, der das Lehramt in der Jeschiwah. übernimmt, wird die alte Lehranstalt und Pstmzstätte des jüdischen Geistes nunmehr zu neuer Blüte gelangen. DJahrheif über die Ukraine- Berlin, 3. Dez. Ter Berliner Geschäftsträger der Ukraine schreibt der „Bossischen Zeitung" auf eine Notiz hin, die diese brachte: „Laut Ihrer gsefteru veröffentlichten telegraphischen Meldung aus Warschau „veranstalten Putljuras-Banden in der Ukraine Judenmassenmorde" und es „flüchten aus Angst vor Pogromen Tausende von Juden über di,e polnische Grenze". Temgiegenüber sei auf Grund unserer Der ALraeltt._ authentischen Informationen festgesteUt, daß die Nachricht, wonach Massakers gegen die jüdische Bevölkerung derzeit in der Ukraine Vorkommen, leider zwar richtig ist: doch werden diese P)- grome keineswegs von den ukrainischen Insurgenten, sondern von den roten Truppen veranstaltet, die die friedliche jüdische Bevölkerung immer vor dem Einzug der Aufständischen deshalb massakrieren und plündern, weil das Gros der städtischen und ländlichen jüdischen Bevölkerung, der Bolschewikiherrschaft satt, die ukrainischen Aufständischen überall, wo sie erscheinen, mit Enthusiasmus begrüßt uiib ihnen int Falle eines Rückschlages zugunsten der Roten Armee sogar geheime Unterkunft geivährt. Tie Flucht zahlreicher jüdischer Familien aus der Ukraine erfolgt keitrestvegs ans Furcht vor den ukrainischen Aufständischen, sondern vor den Repressalien, die int letzten Trotzkischen Armeebefehl der jüdischen Bevölkerung offiziell artgedroht wurden." Also die Inden schlägt man ans alle Fälle! Fragt sich nur, wer? Die Ukrainer sagen, die R o t e rr wären es und diese schieben die Verantwortung den dl u f ft ä n b t i ch c n zn. Am Ende haben beide recht, nach der bekannten Methode: „Schlägst du meine Inden, so schlage ich d e i 11 e Juden! . . ." England. DJeijmann über den Sinn der Balfour-erklämna- «London, 2. Dezember. Vor seiner Abreise nach Amerika hat Weizmann letzte Woche vor einem größeren Auditorium über die gegenwärtige polittsche Loge des Zionismus eine Rede gehalten, von derztonfftlscherseits behauptet wird, daß sie ihrem wesentlichen Inhalte nach, vorher von Churchill gebilligt worden sei. Weizmann berief sich gegenüber allen Versuchen die Balfour-Erklärung einschränkend zu interpretieren, auf den klaren Wortlaut der Einleitung zum Entwürfe des Palästina-Mandates. Wenn es dort heiße, daß „der historische Zusammenhang des jüdischen Volkes mit Palästina anerkannt" und daß der Grund gelegt werden solle zur „Wiederherstellung (rovonstitutinZ) seines nationalen Heimes in Palästina", so sage das Wort Wiederherstellung (und nicht Herstellung) doch mit vollendeter Deutlichkeit, daß das Ziel der Balfour-Erklärung nichts anderes sei, als die Erneuerung dessen, wasetnst vor Jahrhunderten vorhanden war, nämlich die Erneuerung eines jüdischen Staatswesens. Das alte Judäa war nicht irgend eine versprengte Kolonie, sondern eine nationale und politische Wesenheit, und dieseselbe nationale und politische Wesenheit soll nach dem Wortlaut des Mandates wieder hergestellt werden. In Artikel 2 ist ausdrücklich gesagt, daß die Mandatarmacht verantwortlich dafür ist, durch ihre politischen, administrativen und ökonomischen Maßnahmen „die Errichtung dieses in der Vorrede skizzierten jüdischnationalen Heimes zu sichern." Durchaus im Gegensatz zu diesen absolut unzweideutigen Vorschriften befände sich ein großer Teil der englischen Verwaltung in Palästina, der bemüht sei, die Balfour-Erklärung zu sabotieren und im Gegensatz zu diesen Vorschriften des Mandates ständen auch die Schlußfolgerungen des bekannten amtlichen Berichtes über die Jaffaer Unruhen. Umlernen müßten nicht die Zionisten,- sondern diejenigen englischen Beamten, die sich im Gegensatz zu der im Mandate festgelegten amtlichen Politik der englischen Regierung befänden. Der zweite Teil der Rede beschäftigte sich dann mit den wirtschaftlichen Fragen, insbesondere mit dem Keren Hajesod. Das Neue Teftamenf in der Religionsfchule- «London, 25. November. Das jüdische London, insbesondere derjenige Kreis, bet dem ein ehrliches jüdisches Empfinden ohne den nötigen Wissensgehalt immer nach „Anregung" sucht, hat wieder einmal seine Sensation. Der bekannte Rev. A. A. Green, der sich von jeher aus Liebhaberei mit neu-testamentlichen Studien gerne befaßt, hat in seiner obersten Religionsschulklaffe an der Hampstead-Synagoge im Laufe des vorigen Semesters die Lektüre des Markus - Evangeliums eingeführt. Die öffentliche Meinung war weniger darüber, als über die weiter bekannt gewordene Tatsache befremdet, daß der Chtef-Rabbt Dr. Hertz zu dieser seltsamen Bereicherung des Lehrplanes seine Zustimmung gegeben haben sollte. Dr. Hertz äußert sich nun über den Gegenstand in einem für die Presse bestimmten Schreiben, das nicht gerade geeignet ist, beruhigend auf die öffentliche Meinung zu wirken. Er habe von Rev. Green gehört, daß einige ältere Schüler über die Stellung des Judentums zum neuen Testament Ausschluß zu erlangen wünschten. Dr. Hertz rtet, diesem Wunsche durch die Veranstaltung einiger Aussprachen mit gut unterrichteten orthodoxen Sachverständigen entgegenzukommen. Inzwischen habe Rev. Green selber mit einem der empfohlenen gelehrten Herrn Rücksprache genommen und auf dessen Rat als geeignetesten Weg die Lektüre aus dem neuen Testamente selbst, natürlich im Lichte jüdischer Weltanschauung, erachtet! Der Chief-Rabbi glaubt, daß mit diesem Vorgang lediglich dem Beispiele des weltberühmten Werkes Plin gefolgt sei und dem Beispiele Dr. Adlers, der eine Reihe von Predigten über die von christlicher Seite gerne zu Gunsten des Dogmas angeführten Stellen des alten Testamentes gehalten und gedruckt habe. Man kann nicht behaupten, daß durch diese und andere „Aufklärungen" das Verfahren des Rev. Green und die Haltung des Chief-Rabbt einleuchtender wird. Gegen eine Belehrung älterer Schüler und Schülerinnen über die Stellung des Judentums zu den christlichen Glaubenslehren wird niemend etwas einzuwenden haben, wenn diese Belehrung in taktvoller und zurückhaltender Form stattfindet. Damit ist aber in keiner Welse die Notwendigkeit oder das Recht gegeben, Teile des neuen Testamentes selbst in eine jüdische Religionsschule einzuführen und damit einen Weg voll ungeheuerer Gefahren nach innen wie nach außen zu beschreiten. Mit Recht weist die Presse darauf hm, daß die jüdischen Religionsschulen in England genug zu tun haben, wenn sie die ungeheuerliche Unwissenheit der Jugend, auch der reiferen Jugend, durch ein gründltchers Kennenlernen der Thora und der prophetischen Schriften bekämpfen. Daß man im übrigen nicht schon rein gefühlsmäßig davor zurückgeschreckt, ist, einen neutestamentltchen Text in einer jüdischen Religionsschule zu behandeln, ist ein trauriges Zeichen für den Grad der geistigen Assimilation, die selbst in konservativ gertchteren Kreisen des englischen Judentums Platz gegriffen hat. Juöen-Gx?effe in Indien. London, J. Dez. In einem Lettartikel der „Times" über die letzten Unruhen in Indien tft hervorgehoben, daß in Bombay sich Mohammedaner mit Indiern vereinigt hätten, um alle Per>onen mit europäischem Anstriche anzugretfen. In Wahrheit wurden aber fast nur Juden überfallen und mißhandelt, und es ist anzunehmen, daß einige Juden bei den Unruhen auch umgekommen sind. In dem Aufruf, den der indische Führer Gehandi zur Beruhigung der Gemüter erließ, heißt es u. a.: „Ich werde nicht eher ruhen und rasten, keine Speije noch Trank zu mir nehmen, als bis die Indier und Mohammedaner von Bombay Frieden geschloffen haben mit den Persern, Christen und Juden.