Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Lette 8 H. L»z«rnd«c 1921. — Der Israelit. Gegen dir Seschrünlung desalttestamentlichen Studiums. ' Die Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft wenden sich' neuerdingZ in einer Kundgebung mit Entschiedenheit gegen eine Beschränkung des hebräischen und alttestamentlichen Studiums an den theologischen Fakultäten. Sie ersuchen die Unterrichtsverwaltung nachdrücklich, solchen Bestrebungen keine Folge zu geben. Insbesondere erklären sie, daß die Forderung, den hebräischen Grundtext durch die griechische Uebertragung der Septuaginta zu ersetzen, auf vollkommener Verkennung des wahren Charakters dieser sogenannten Uebersetzung beruht. Wir haben zu der Frage bereits Stellung genommen. Wenn einerseits auf deutschvöl-i k i s ch e n Versammlungen von dem „dunkelen Inhaltder hebräischen Schriften allerlei gefabelt wird, so muß auf der anderen Seite verlangt werden, daß den Studierenden und Wahrheiis» suchenden, auf Gymnasium und Hochschule der Weg zu den „Geheimnissen" der jüdischen Wissenschaften erschlossen wird. Freilich müssen die Gelehrten selbst mit mehr Vorsicht, Sachkenntnis und gutem Willen dabet zu Weite gehen, als es jetzt Dr. Richard Schlögl in seiner in Lieferungen erscheinenden Talmudausgabe tut. (Stehe Prof. Dr Sulzbach, Israelit No. 46.) Die Rabbiner-Konferenz ln Wilna. Witna, 28. November. Vor dem Versammlungslokal sah man schon in aller Frühe große Menschengruppen, die die Rabbiner und den „Chofez Chajim" begrüßen wollten. Gegen 12 Uhr mittag beginnt die Sitzung mit dem Erscheinen des Radiner Rabbi, der mit großen Ovationen empfangen wird. Neben Rabbi Chaim Oser Grodzenski und sämtlichen Rabbinern von Wilna sind alle größeren und kleineren Städte Zentral-Litauens durch ihre Rabbiner vertreten. Es sind auch die Rabbiner von Btalistok, Grodno und Lida anwesend. Die Konferenz eröffnet Rabbi Grodzenski mit einer Ansprache, in der er die Gesichtspunkte bezeichnet, unter denen die Verhandlungen vor sich gehen sollen. Dann ergreift Rabbi Israel aus Radin, (der „Chofez Chajim") das Wort, um die Ziele der Konferenz zu schildern. Mit bebender Stimme erzählt er von seinen Erlebnissen im Golus und von den geistigen Verheerungen, die er mit ansehen mußte. „In früheren Zeiten hat es neben dem großen Thoragelehrten auch einfache ungelehrte Juden gegeben, aber auch diese waren gläubig und den Geboten treu ergeben. Was aber", so fetzte der Rabbi mit tränenerstickter Stimme fort, „sehen wir jetzt? Unglauben, unreinen Lebenswandel, Mischehe, Schulen statt Chedarim und Jeschiwaus, was wird das Ende sein?" Da ist es höchste Zeit, daß wir helfend elngreifen Als die Eisenbahn in unserer Gegend in Betrieb kam, da beehrte der Zar selbst die Siadt Wilna mit seinem Besuche. Der General-Gouverneur von Wilna begleitete den Kaiser auf Schrilt und Tritt bis za feiner Abfahrt aus der Stadt. In Kmvno wurde er vom Gouverneur empfangen und begleitet. In der Nächstliegenden Kreisstadt hat aber der Kreischef und in a anz kleinen Städtchen, der dortige Polizeikommissar dieses Ehrenamt übernommen. Im Dorfe war es sogar ein einfacher Bauer, der Gemeindkälteste, der an der Seite des großen Kaisers gehen durfte. In unserem Verhältnis zum Könige aller Könige ist es nicht anders. Zuerst war es unser Lehrer Moses, der in der Nähe Gottes weilte, nach ihm Jvsua, die Alten, die Propheten, die Männer der Großen Synode. Diese wurden abgelöst von den Tanaim, auf die dte Amaraim folgten. Später waren die berufenen Hüter der Thora die Gaonlm, der Rambam, die Großen des Mittelalters usw. Heute sind wir dazu berufen, ohne Rücksicht darauf, daß wir uns mit den Großen der Borzeit nicht messen können. Es fehlt an Chedarim, an M elomdim, an Lehrmitteln, für die die neuen Büchlein und „Methoden" keinen Ersatz bieten. Es muß jeder an seinem Platz, bis in das kleinste Dorf, seine ganze Kraft daran setzen, daß die Lehre und Ehre der Thora zu neuem Glanze gelange." Der Rabbi erzählt, daß er vor Jahren an der deutschen Grenze um die Sukkos-Zeit einen deutschen Juden gefragt hätte, wie es in Deutschland um die Sukkoh stehe. Der Gefragte machte aber ein erstauntes Gesicht und wußte gar nicht, welche Bewandtnis es mit diesem Feste hätte. Aus die Frage, ob dort die Kinder Thora lernten, gab er zur Antwort: „Sollen »vir etwa unsere Kinder zu Rabbinern machen?" Dem Rednergraut es bei dem Gedanken, daß solche Zustände nun auch in Rußland und Litauen Platz greifen könnten, lvas unbedingt der Fall sein müßte, wenn nicht sofort Wandel geschaffen wird. Der „Chofez Chajim"-, wünscht und legt es jedem Rabbiner zur heiligen Pflicht auf, in seiner Gemeinde Chedarim zu gründen und Vereine ins Leben zu rufen, in denen Erwachsene Chumisch mit Rnschi, auch Gemoro lernen. „Finster und btiter ist zurzeit unser Leben, so bringen wir eben Licht in den finsteren Raum, d. h. Thora!" Alle Mittel müssen angewandt werden. Wer einen Freund, oder einen Verwandien in Amerika hat, schreibe ihm, daß hier die Thora in Gefahr sei und daß er mit wenigen Dollars im Städtchen eine Jeschiwah unterhalten kann. Wer, der jüdisch fühlt, könnte sich ein solches Denkmal entgehen lassen? Von der Erziehung geht der Redner auf den Sabbat über, auf das Tefillin-Gebot, auf die Reinheit des Familienlebens. Jeder Rabbiner mühte mindestens zweimal im Jahre je eine Woche in die Umgegend hinaussahren, um dort die Lente für die Thora zu entflammen, Lern- und Sabbatvereine zu gründen. „Auch ich", sagt der Rabbi, „werde ohne Rücksicht auf mein Alter und meine Schwäche überall am Platz sein, wo die Jüdischkeit meiner benötigen sollte". Es trat nach dieser schönsten und jüdischsten aller Programmreden, dte man seit Jahren auf einem jüdischen Kongreß gehört hat, eine Stille Last abwälzen", der ihn ernähren wird, oder ob der Mensch das Seinige dazu tun muß, damit ihn Gott epnffhre. Dies erfuhr er erst von dem Handelsmann. Dieser arbeitet schwer und trägt schwer an seiner Last und ist immer auf den Segen und die Hilfe Gottes angewiesen. So muß jeder an seiner Last tragen, arbeiten und sich redlich bemühen und — dabet auf die Hilfe Gottes hoffen. Kleines Ieuilleion. Gm Herzl-Hrief. In der „Hazefiroh" wird ein Schreiben Dr. H erzld aus dem Jahre 1909 veröffentlicht, das an den Ger er R ebbe gerichtet war. Der Brief, der unbeantwortet blieb, hat folgenden Wortlaut: „Ich setze voraus, daß der Rabbi von meinem Namen Kenntnis hat, bezweifle aber, ob er mein inneres Wesen kennt, darum sei mir gestattet zu betonen, daß ich von Liebe zu meinem Volke durchdrungen bin und daß dessen Wehen und Schmerzen meine Seele mehr bedrücken, als meine eigenen Leiden. Und da es doch einmal Tatsache ist, daß jeder unserer Volksgenossen, unbeschadet seines liefen Glaubens an bi^Lhttltche Vorsehung, es nicht unterläßt, selbst zur Befl^mng seiner Lage beizutragen und im Notfall sich zu'.Mftm Zwecke sogar mit solchen Helfern zu verbinden, die in Leben und Gesinnung andere Wege gehen, so bleibt es mir unverständlich, warum es uns Freigesinnten verwehrt bleiben sollte, zur Befferung und zur Hebung der Volkslage beizutragen, umsomehr als die Lage des Einzelnen von der Besserung der Gesamtlnge abhängt und in Anbetracht des Ums: arides, daß der Kampf der Völker gegen uns nicht privater Natur ist, sondern ein Kampf gegen uns alle in unserer Eigenschaft als Juden. Diese meine Auffassung, die meines Erachtens nicht im Gegensatz zu den Ideen der Thora stehen kann, veranlaßte mich, die jüdische Welt in Bewegung zu setzen, Kongresse einzuberufen in Basel und den Zionismus zu gründen, dessen Ziele bekannt sind und die darauf hinausgehen, mit Hilfe der Regierungen für unser Volk etwas zu erreichen. Wohl stehen in unseren Reihen verschiedene Arten von Juden, für die wir nicht immer die Beranlwonung übernehmen könnnen, es gibt deren welche, die den Chassidim nicht genehm sind, aber auch Rabbiner, die in Amt und Stelle wirken, Orthodoxe und Chassidim. Unser Ziel ist einheitlich! Wir wollen wie ein Mann zum Besten unseres Volkes arbeiten und Gott möge uns dazu helfen! Allein zu unserem großen Bedauern ist die Zahl unserer Gegner sehr groß. Und auch unter ihnen unterscheiden sich verschiedene Arten, solche, dte ihrem Volke vollkommen fremd gegenüber stehen und am liebsten den Namen Israel ausgerottel sehen möchten, aber uach solche, die treu zur Thora halten, die aber glauben oder glauben machen, daß die Sorge um das Volk eine schwere Sünde und Auflehnung gegen Gott bedeute. Und zu unserem Schmerze machen es,die Gegner den Feinden von außen darin nach/. dckßstd uns herabwürdigen in den Augen des Volkes/ dessen Wohl wir aus ganzem Herzen zu fördern suchen. Mit diesen wollen wir nicht rechten, da wir nicht wissen, ob sie in Wahrheit das Wohl des Volkes vor Augen haben. Zuletzt aber wurde das Gerücht verbreitet, daß auch eure Ehrwürden, auf dessen Ausspruch ein, in der man sich nach den überwältigenden Eindrücken erst ein wenig sammeln mußte. Dann ging man zur Wahl des Präsidiunts. Eknfttmmig wurden gewählt: Der „Chofez Chajim", Ehrenvorsitzender/ Rabbi Chajim O»er Grodzenski, Vorsitzender/ die Rabbiner Serotzkin und Mischkowskl, General-Sekretäre. Auf der Tagesordnung nimmt die Erziehung sfrage die erste Stelle ein. Der Vorsitzende fügt, der springende Punkt bei dieser geistigen Aufbau-Arbeit sei die Wiedererrichtung der Talmud-Thora-Schulen und Je schiwaus. Der Geldstrom aus Amerika ist im Versickern und nun gilt es, die Arbeit mit eigenen Kräften zu übernehmen. Rabbiner Wolf so hn wünscht, daß zu allernächst sich alle Rabbiner LUmens in einem Verbände vereinigen, dem es leichter fallen dürfte, die nötigen Wege und Mittel zu finden. Der Rabbiner aus Sarludk hält die geistige Not für weit aktueller, als die materielle. Rabbiner Kalmanowitz aus Rakow schlägt die Gründung einer Kommission vor zur Ausarbeitung eines Planes für die Ausbildung von Melamdim. Rabbiner Rosen wünscht, einen sofortigen Aufruf an die jüdische Gesamtheit und dte Entfaltung einer Propaganda vonfeiten der Rabbiner. Rabbiner Fein aus Slontm sagt, man müsse im Städtchen den Willen zur Thora stärken. Der Rabbiner aus Eischischok sagt/ man sollte die materielle Seite der Frage nicht gering schätzen. Während ein Lehrer für sechsstündigen Unterricht im Tage ein Jahresgehalt von 70 000 Mark bezieht, zahlt man im Cheder dem Melamed nur 30000 Mark für siebenmtb achtstündige Unterrichtszeit. Wenn wir richtig zahlen, werden auch die richtigen Lehrer zu finden sein. Rabbiner Misch ko ws k i schneidet die Frage des profanen Unterrichtes im Cheder an. ' Ohne diesen könne man den modernen Schulen kein Gegengewicht bieten. Es fehlt aber an profanen Lehrern von gesetzestreuer Gesinnung. Rabbi Elchonon Wassermann ist gegen jedes Kompromiß nach der Richtung des profanen Unterrichts. Ec erinnert an ten diesbezüglichen Befehl von Petersburg an die Wo losch in er Jeschiwah. Man ließ sich darauf nicht ein und als Woloschiu geschlossen wurde, erschlossen sich fünf andere große Jeschiwos als Quellen der Thora ohne jegliche fremde Beimischung. Am Ende der Diskussion wird eine Erziehungskommission gewählt, öie dem Plenum praktische Vorschläge zu unterbreiten hat. (Fortsetzung folgt.) Tausende bauen, uns angeblich als Abgekehrte, als einen Bund von Abtrünnigen bez. ichrret hätten. Im Namen der Zehntaufende von Israel, deren Lage unter dem Haß der Umwelt immer haltloser wird, im Namen der Massen, die verhungern und daher ihre Hand nach allerhand Geschäften ansstrecken, um ihren Hunger zu stillen, im Namen der Zehntausende der Auswanderer, die aus Rußland, Rumänien, Galizien, nach Amerika, Afrika und Ansstralten geflüchtet sind,.nut Mrr unter de» Völkern unterzugehen, im Namen der Tyoragesetze, denen bei der schwierigen Lage der Boden entzogen wird und im Interesse des Gottesnamens, der unter diesen Umständen entweiht wird, flehe ich Euro Ehrwürdon an, uns unsere Vor. brechen, die wir mit dem Zionismus begangen haben sollten, offen und klar vorzuhalteu. Vielleicht finden wir die Anschuldigungen berechtigt und geben unsere bisherige Arbeit ans, oder es gelingt uns, uns zu rechtfertigen, daß uns Gerechtigkeit widerfährt und Israel der Friede Ivird. Ich bin der Hoffnung, daß diese kurzen Worte Ihre Beachtung finden und mich Euere Ehrwürden mit einer klaren Antwort beehren, zu welchem Zwecke ich hier einen adressierten Umschlag beilege. Damit verbleibe ich in höchster Verehrung und Hochschätzung .. ." Es zeugt doch von der klugen Weltkenntnis des Rabbi, daß er in Würdigung der Sachlage auf dieses bewegliche Ltebeswerben nicht einging. (Bin Gorivn). Bor einigen Tagen starb hier Dr. I. M Berdyrzewski (Bin Gorion), der bekannte Verfasser der Werke der „Born Judas, „Die Sagen der Juden" u. a. mehr. Berdyczewskt, im Jahre 1805 in einem podolischen Städtchen geboren, war sozusagen eine Nummer in der neuhebrätschen Literatur. Ein Revolutionär im geistigen Sinrre, ein entschiederier