Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 49 Der ^Sroelit. 8 Dezember 1921. für uns, daß bei allem, was man in religiösen jüdischen Kreisen an der B. B.-Loge auszusetzen hat, sie doch eine rein humanitäre Institution ist und nicht nur keine politischen internationalen Zwecke nach außen verfolgt, sondern int Gegenteil, mitten in den Schrecken des Krieges sich alle Mühe gab, noch einen Rest von internationaler Menschlichkeit zu erhalten, indem sie die amerikanischen Lc>g?n zu Hilfsleistungen für Mitteleuropa, zur Linderung deutscher Not veranlaßt hat. Daß Sanitätsrat Dr. Alfred Goldschmidt in diesem Zusammenhang Herrn Ludendorff von seinen persönlichen Verdiensten mitteilt, wie er sich sofort bei Krieqsbeginn trotz seines Alters als Stabsarzt a. D. freiwillig dem Vaterlande zur Verfügung gestellt und wie sein Sohn als Kriegsfreiwilliger die ganze Kriegszeit hindurch an der Front gewesen sei, halten wir für überflüssig, da für die Mitglieder der Loge wie für alle anderen deutschen Juden all dieses selbstverständliche Pflicht gewesen ist. Ladendorff interessiert übrigens die Kriegsstatistik und der Prozentsatz der jüdischen Teilnehmer am Kriege nicht viel. In den alten antisemitischen Grundbüchern,, aus denen er seine Weisheit schöpfe, steht nichts davon geschrieben und der unglückliche Ausgang des Krieges selbst hat bei ihm scheinbar keinen anderen Wunsch ausgelöst, als den, die Schuld von sich zu weisen und sie auf die Schultern derer zu laden, die man schon seit altersher ungestraft als die Prügelknaben der Geschichte benutzen durfte. Immerhin ist es interessant, von Goldschmidt zu hören, daß er 1916 Aufsätze im Organ der Loge mit Wissen und Zustimmung des Generalkommandos veröffentlicht hat. Damals schien die Loge noch nicht gefährlich. Es war die Zeit, da Ludendorff in Polen noch „Bekanntmachungen an meine liebe Jiden" veröffentlichte. Der Schmerz des alten Mannes, der ein Leben seinem Vaterlande gewidmet hat, um im Ludendorff-Buche seinen Namen in Verbindung mit gegen Deutschland gerichteten Bestrebungen gesetzt zu sehen, ist menschlich begreiflich. Aber es ist der Schmerz eines ganzen Bevölkerungsteiles, der den Undank in so niederdrückender Form als Weltenlohn doch etwas unverdient empfindet. Was die Zionistische Organisation betrifft, so hat sie wohl zur Zest andere Sorgen, als sich gegen Ludendorff zu verteidigen. Wir wünschten ihr nur, sie könnte auch nach innen so frei von Schuld uud Tadel dastehen, wie sie diesen Anklagen von außen gegenüberfteht. Das Märchen von ihrer internationalen Weltherrschaft fußt aus der bekannten Fabel von den „Weisen von Zion", die vor den alten Märchen der „Kmder-Adschlachtung" und des „Hostien- Zu KS'l. Kurze Betrachtungen zum Wochenabschnitte. Bon Dr.?yelix Kanter in Zwittau (Mähren). Ariknüpfend an den zweiten Ve-s unseres Wochenabschnittes yiE’i), bemerken unsere Weisen (Berachot üüben): Die vorgeschriebenen drei täglichen Gebete stammen von unserin Erzvätern her. Abraham führte das Morgengebet ein, Isaak das Minchagebet und Jakob das Abendgebet. Unsere Weisen wollen damit ausdrürken: Unsere Stammväter beteten nicht blos zu verschirdenen Zeiten, sondern unter ganz verschiedenen Berbaltnissen und Umständen. Abraham betete zeitlich früh, bei Sonnenaufgang. Er betete zu einer Zeit, als des Glückes Sonne ihn bestrahlte und keinerlei Zeichen ihres nahen Unterganges am Horizonte wahrzunehmen waren. Er betete vor hercmbrechender Slot und Gefahr und lehrte uns das, was unsere Weisen an anderer Stelle mit den Worten ausdrücken ans* c'ip' „Der Mensch soll mit seinem Gebete der Not und Gefahr zuvorraubes", das noch voraus hat, daß sie von niederträchtiger Hand umgefälschte alte russische Dokumente zur Grundlage hat. Der Zionismus hat beim Ausbruch des Krieges schwer um feine Existenz zu kämpfen gehabt und mußte später mit Rücksicht auf seine wirtschaftlichen Unternehmungen Länder mit guter Valuta zum Ausgangspunkte seiner Operationen machen. Das Balfour-Mand at, an das bis zur letzten Entwicklung der Dinge in der Türkei wohl kein Mensch gedacht und das im besten Falle nichts anderes bezwecken kann, als die Schaffung einer Zufluchtsstätte für HeimatundobdachloseMenschen, wäre doch ein zu geringes Schlußerqebnis, wenn es, wie es Ludendorff dahinstellt, die alleinige Frucht der vom „internationalen Judentum heraufbeschworenen Weitkatastrophe" darstellen sollte! Und was weiß Ludendorff von der Alliance Jsraelite? Weiß er, daß schon lange vor dem Kriege der auf rein humanitärem Gebiete sich auswirkende internationale Charakter der Alliance schwer unter den verschieden gearteten und widerstrebenden Ansichten und Absichten der deutschen und französischen Juden gelitten hatte? Weiß er, daß * ach Kriegsausbruch diese philantropische Arbeitsgemeinschaft vollkonimen ins Stocken geriet und daß die Mitglieder der Alliance in Frankreich dort sich innerhalb ihrer Landesintereffen betätigten, wie etwa die B. B. Loge in Deutschland ihre humanitäre Arbeit in den Dienst des Vaterlandes stellte? Sollte man auch noch ein Wort über die internationale Freimaurerei und die sozialistische Internationale verlieren? Es ist schwer und undankbar gegen alte Schablonen anzukämpfen. Es ist auf alle Fälle gut, daß Ludendorff auch diese verrostete Waffe aus dem ältesten Arsenal mit herübernimmt. Wer das Buch liest, findet die Widerlegung schon i". jedem Satze des Angriffes enthalten. Wer sich aber diese Lekiüre erspart, dem diene obige Ausführung zur Orientierung. Wochemundschau. Das Problem der englischen Palästina-Politik. Die an anderer Stelle dieser Nummer veröffentlichten letzten Aeußerungen Weidmanns über Balfourerklärung und Palästina- Mandat beleuchten mit dankenswerter Klarheit das immer geheimnisvoller werdende Problem der englischen Politik in Erez Jisroel. Gegen kommen", um sie durch das Gebet abzuwenden, bevor sie Hereinbrechen. Isaak betete nach Ausspruch unserer Weisen zur Besperzett. Seine Mutier Sarah starb eines plötzlichen Todes, sein Vater Abraham „war alt und kam in die Jahre". Bald wird er einsam und verlassen dastehendes Glückes Sonne drohte ihm langsam und allmählich unterzugehen und die Schatten und Schrecken der heranbrechenden finstern Nacht an ihrer Stelle zu treten. In dieser Zeit, bet beginnendem Sonnen- Untergang, flüchtete sich Isaak mit seinem Gebete zu Ihm, „der da schafft das Licht und die Finsternis", zu Ihm, dem Lenker unserer Geschicke, der tötet und belebt, Wunden schlägt und sie wieder heilt. Jakob endlich betete in finsterer, düsterer Leidensnacht. »s*2 >2 ihm ging des Glückes Sonne plötzlich und unverhofft unter (wuijd Fern von liebenden Ellern, auf einsamer Landstraße, seiner geringen Habe beraubt und des Weges unkundig, ging er einer ungewissen Zukunft entgegen. Und dennoch, eine Stütze ist ihm trotzdem geblieben: Der Aufblick zu Ihm, von dem allein die wahre Hilfe und Rettung kommt. Eine Stütze ist ihm geblieben: das Gebet. Und Jakob betete in einsamer, finsterer und düsterer Nacht.*) .... Aus dem Wege nach Charan hatte Jakob der Wünsche viele, deren Erfüllung ihm Gott in Aussicht stellte. Nur die Erfüllung eines Wunsches wurde ihm nicht in Aussicht gestellt. Jakob betete um „Brot zu essen und ein Gewand anzuziehen", — aus dieses Gebet gab ihm Gott keinen Bescheid — so bemerkt der *) Nach Jrlkut Hadrusch, II. Teil (vergl. auch 2(7>'' toK). die Ausleguny, die der zionistische Führer den einleitenden Sätzen des Mandatentwurfes gibt, wird kein gerade denkender Mensch etwas Stichhaltiges einwenden können, und wenn dieser Mandatentwurf auch vorläufig noch Entwurf und noch ' nicht geltendes. Recht/ist, so ist dych die englische Regierung, die diesen Entwurf dem Völkerbund zur Genehmigung vorlegt, nicht nur moralisch, sondern auch juristisch an die Interpretation gebunden, die sie selbst durch ihre Formulierung 'der früheren Erklärung Balfour s gegeben hat. Ebenso zweifellos ist aber mit dem Gedanken einer offen als Endziel proklamierten Wiederherstellung des jüdischen Staates in Palästina die von Herbert Samuel wiederholt aufgestellte Theorie einer neben der arabischen Vorherrschaft eingeschmuggelten kleinen „jüdischen Heimstätte" in Palästina absolut unvereinbar. Ist es nun denkbar, daß der vom englischen König ernannte oberste Vertreter Englands für Palästina in der Tat eine Politik verfolgt, die im bewußten Gegensatz zu dem Willen der Minister Sr. Majestät steht? Ist es denkbar, daß ein amtlicher Bericht der palästinensischen Verwaltung, der ganz den Gedankengängen Herbert Samuels folgt und darum in seinen Schlußfolgerungen von Weizmann auch völlig verworfen wird, von C h u r ch i l l durch eine vorbehaltlos anerkennende Bemerkung giriert wird, wenn derselbe Churchill andererseits wieder dte Weizmann'sche Auffassung fast im gleichen Atemzuge als dte seintge bekennt? Wir müssen gestehen, daß wir auf diese Fragen im Augenblick eine befriedigende Antwort nicht zu geben wissen. Der naheliegende Gedanke, daß Herbert Samuel die Araber beruhigen, die offizielle'^englische Politik aber den zionistischen Beifall verdienen soll, setzt eine so ungeheuerliche Unterschätzung des politischen Scharfsinns sowohl der Araber wie der Juden voraus, daß er uns keiner ernsthaften Erwägung wert zu sein scheint. So dürfte es sich denn aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Situation handeln, in der allen verantwortlichen Persönlichkeiten wirkliche Klarheit unerwünscht ist, auf daß für die Zukunft alle Möglichkeiten offen bleiben. Unter diesen Umständen wird die Orthodoxie umso besser daran tun, ihr Verhalten ausschließlich an den in der religiösen Überlieferung niedergelegten Maßstäben für die Palästina-Politik zu orientieren. Midrasch (I2^n ab nansn Dies offenbar aus dem Grunde, um ihn zur Arbeit anzuspornen und anzueisern. 7l"'VN stellte ihm die Erfüllung d e r Wünsche in Aussicht, die er als Mensch trotz aller Mühe, Anstrengung und Vorsicht selbst zu verwirklichen nicht imstande war: Schutz auf dem Wege, die Rückkehr ins Elternhaus, dte Besitzergreifung des Landes durch seine spätern Nachkommen rc. Brot und Kleid soll Jakob sich selbst erwerben und in dieser Hinsicht sich nicht auf andere oder gar auf ein Wunder verlassen. Zu den Worten unseres Wochenabschnittes: „Mein Elend und das Streben meiner Hände hat Gott gesehen", bemerkt der Midrasch ^2ix tbk» xdrr> i'O2 jwnttöi bvsyb cik "wi lern* v'vv'.-i pi «ssty nntsx rr^i nnö>x "i:i in' '5W2. „Gott stand Jakob deshalb bei, weil er mühevoll mit seinen Händen gearbeitet. Daraus soll man lernen, daß der Mensch nicht sage, ich werde essen und trinken und es mir gut gehen lassen und der Himmel wird sich schon meiner erbarmen .... Der Mensch muß vielmehr mit beiden Händen unaufhörlich arbeiten und rastlos tätig sein, dann kann er auf den Segen Gottes hoffen, wie geschrieben steht: „Der Ewige wird dich segnen in allem, was du tust". Diesen Gedanken kleiden unsere Talmudweisen in folgende Erzählung (Roschhaschono 26 b): „Die Gelehrten wußten nicht die Bedeutung des Psalmwortes "pn>, „Wirf auf Gott deine Last und Er wird dich ernähren." Eines Tages, so erzählt Rabh, ging ich mit einem Kaufmann und trug eine Last. Da sprach er: nimm deine Last und lege sie auf mein Lasttier. Da erst verständlich., den Sinn des Psalmwortes". Was eine Last ist, wußten unsere Weisen zur Genüge. Sie wußten aber nicht, ob der Psalmvers wörtlich zu nehmen sei, d h. der Mensch habe in Untätigkeit zu verharren und sich ganz auf Gott zu verlassen, „auf Ihn seine