Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 ftt. 48 Brr $******* 1 Dezember 18«. jüdischem Wissen und die Erziehung der LieSe zum Judentum den ihnen gebührenden Platz einnehmen. Besonders lebhaft war die Aussprache, die diesen Vorfragen folgte. In ihr wurde die Gegenauffassung, besonders von der I. Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes, Berta Pappenheim, betont, die meinte, daß für rin normales, gesundes Kind die einseitig gerichtete konfessionelle Schule Verweichlichung und Absonderung bedeute und keine Stählung für den Kampf des Lebens. Die Stellung des Jüdischen Frauenbundes zum § 218 des Strafgesetzbuchs behandelten in Referat und Korrefferat Fräulein Bertha Pappenhetm und Frau Paula Nassauer, Frankfurt am Main. Die Ausführungen der Referentinnen sind in den beiden Grundgedanken zusammengefaßt, daß 1. das Gesetz nutzlos sei, 2. daß wirtschaftliche Verhältnisse den Reichen ermöglichen, einen guten verschwiegenen Arzt aufzusuchen, während Unbemittele Kurpuschern in die Hände füllen und der Anzeige viel leichter ausgesetzt sind. Die Vorsitzende betont, daß der Jüdische Frauenbund in dieser Frage konform ginge mit dem Rabbinerverband, dem Evangelischen und dem Katholischen Frauenbund,' damit werde aber die Stellungnahme des einzelnen Bundesmitglied zu den Paragraphen nicht berührt. In einem öffentlichen Abendvortrag sprach vor einer großen Zuhörerschaft Frau S. Wrensky über: „Die Bedeutung d-r Frauenarbeit für die Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege". vom gef bestreuen 6emeindebund in Bayern- Würzöurg, 16. Noo. Am 13. November fand hier die erste ordentliche Generalversammlung des „Bundes gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns" statt. Die Schwierigkeit der Reise hielt viele Mitglieder vom Besuch ab, sodaß derselbe keineswegs als ein befriedigender bezeichnet werden kann. Der Vorsitzende, Dtstrikcsrabbiner Dc. Stein- Schweinfurt, gab an Hand des § 2 der Statuten einen Ueberbltck über die Tätigkeit des Vereins. Er wies nach, daß der Verein den ihm im Absatz 2 gestellten Aufgaben entsprechend, bemüht war, die Interessen des orthodoxen Judentums bei den Wahlen zur Tagung, zum Rat des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zu vertreten, und war in der Lage, auf eine Reihe von Erfolgen nach dieser Richtung hinzuweisen. Zur allgemeinen Genugtuung konnte der Vorsitzende die gerechte, objektive und wohlwollende Behandlung aller vom Bunde gestellten Anträge vonseiten der Verbandslettung rühmend hervorheben. Hinsichtlich der im § 2 Nbs. 1 der Statuten dem Bunde gestellten Aufgaben, die die Pflege des gesetzestreuen jüdischen Lebens betrrffün, war die Tätigkeit des Vereins in diesem seinem ersten Lebensjahre, von einigen kleinen Gegenständen abgesehen, noch nicht aus . i, Stadium der vorbereitenden Arbeit heraus- 2'kommen. Die Generalversammlung aber beschlnß im Sinne der von der Vorstandschast ge-; 'sten Anregungen, nunmehr den folgenden Ausgaben sich mit aller Kraft und Energie zuzuwenden: 1. Sorge für sachgemäße, dem Religion sgesetze entsprechende Gestaltung aller mPnp insbesondere in den Landgemeinden durch Anstellung oder Subventionierung von Sophrim. die in die einzelnen Gemeinden htnausgehen und dort die Arbeit erledigen. 2. Begründung eines Fonds zur Unterstützung bei der Beschaffung, der in dieser Zeit so teuren, fast unerschwinglich gewordenen Lehrmittel. 3. Maßnahmen zur Verbreitung und Vertiefung des Thorawiffens bei Jungen und Alten, wobei die auch bisher vielfach schon rühmenswert hervorgetretene selbst, lose Tätigkeit der Herren Lehrer in weitestem Umfange vorausgesetzt und in Anspruch genommen werden muß. 4. Versuche zur Ermöglichung einer rituellen Verpflegung des gesetzestreuen reisenden Publikums, auch in mittleren und kleinen Gemeinden. Die Generalversammlung beschloß im Interesse der Erreichung dieser Ziele, durch einen Aufruf das gesetzestreue Publikum Bayerns zur Mitarbeit aufzufordern, sei es durch Gewinnung der außerordentlichen Mitgliedschaft, sei es durch einmalige größere Spenden. Von dem Umfang des Ergebnisses dieses Aufrufs wird das Gelingen der erwähnten Aufgaben abhängig sein. Von besonderer Wichtigkeit ist der Beschluß der Generalversammlung, der die Vorstandschaft ermächtigt, zur Lösung einzelner Aufgaben sich mit gestnnungsverwandtenVerbänden, wie der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in Frankfurt, dem Bund gesetzestreuer Gemeinden Deutschlands in Halberstadt zusammenzuschließen. In diesem Zusammenhänge verdient auch heroorgehoben zu werden, daß ein hervorragender Vertreter des bayerischen Lehrerstandes erklärte, daß heute seitens der Lehrerschaft ein Mißtrauen gegenüber dem Bunde keineswegs mehr berechtigt ist und daß demgemäß die Lehrerschaft sich bereitwillig in den Dienst der vom Bunde vertretenen Interessen stellen wird. Die Generalversammlung trug noch Wünsche vor hinsichtlich der seitens des Verbandes bayrischer israelitischer Kultusgemeinden zu erwartenden Mustersatzung der Gemeinden, die die Vorstandschast dem Verbände übermitteln wird. Der Kassenbericht findet Billigung. Die bisherige Vorstandschaft wird wieder gewählt. Bei der Überlastung des Vorsitzenden wird demselben auf seinen Wunsch eine Arbeitskommission beigegeben, die aus dem 3. Vorsitzenden, Herrn Max Neuberger, Haßfurt und den Herren Dlstriktsrabbinern Dr. Bamberger, Klssingen und Dr. Brader, Ansbach besteht. Wir wünschen dem jungen Verein ein kräftiges Wachstum und erwarten von ihm eine erfolgreiche Tätigkeit im Sinne der Erstarkung der wahren n'nb ntm minn nsnx-____ Molen. _ Der neue orthodoxe Deputierte. _ ____ __ Warschau, 23. Nov.^tz Als Kandidat"! für das "durch Ableben des Rabbiner Halpern vakant gewordene orthodoxe Mandat (Schlome emune Jisroel) im Landtag wurde Herr Oscher Mendelsohn aus Lodz aufgestellt, nachdem Rabbiner Pein er von seiner Kandidatur zurückgetreten ist.; t. begaiiiieruna des Rabbinernerbandesr j Warschau, 24. Nov. Im Zusammenhang mit der Audienz der Rabbiner beim Ministerpräsidenten, über die wir bereits berichtet haben, ist der Rabbinerverband in Polen heute anerkannt und seine Statuten genehmigt worden. Dem Verbände gehören bis jetzt 250 Rabbiner und Dajanim im ganzen Land: aa. Sitz des Vorstandes ist Warschau. Alle zwei Jahre findet eine Generalversammlung statt. äC«0crot. Die Pefier Jsraelilifche Religionsgemeinde an nmeriba- Budapest, 23. Nov. Montag, den 7. November haben im Aufträge der Pester Jsr. Reltqionsgemeinde deren Präsident Hosrat Franz Szäkely und Oberrabbiner Dr. Elias Adler die Fahrt nach Amerika angetreten, um die dortige Judenheit über die Lage der Wohlfahrts- und Kulturinstituttonen aufzuklären und zu deren tatkräftigen Unterstützung anzuregen. Die zahlreichen Wohltätigkeitstnstttutionen des Pester Judentums — wie das jüdische Krankenhaus, die Waisenhäuser, Stechenhäuser, Blinden- und Taubstummeninstitute, Schulanstalten, Patronageninstitutionen usw. — befinden sich infolge der großen Verheerungen des Krieges und der Revolution und infolge der durch die allge meine Not gesteigerten Ansprüche in einer krisen haften Lage und sind kaum mehr in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen. England» Eine Sifcung des Board of Depufis. «London, 25. Nov. Die letzte Sitzung des Board of Deputis unter Vorsitz von Sir Stuart Samuel brachte wiederum eine reichhaltige und interessante Tagesordnung. Mc. LacienWolf berichtete über die Tätigkeit des Joint Foreign Committee beim Völkerbund, die sich, insbesondere auf die bekannten österreichischen Options-Skandale ecstreckce. Die in dieser Angelegenheit an den Rat des Völkerbundes gerichteten Schriftstücke werden veröffentlicht werden, sobald der Völkerbund selbst es gestattet. Das Komitee hatte sich wiederholt mit der Lage der in Rumänien befindlichen russischjüdischen Flüchtlinge zu beschäftigen, deren Unterhalt an den ihnen angewieselien Aufenthaltsorten von der rumänischen Regierung vollständig den jüdischen Gemeinden auserlegt worden ist. Das Komitee hält diese Maßnahme für ganz ungerechtfertigt und hat sich darum bisher geweigert, die von den rumänischen Gemeinden verlangte finanzielle Unterstützung zu leisten. Auch sonst weiß der Bericht mancherlei gesetzliche Unzukömmlichkeiten anzuführen, unter denen die rumänische Judenheit noch immer zu leiden hrt. Man habe trotzdem in dieser Hinsicht bisher keine Schritte unternommen, da die faktische Lage der rumänischen Juden relativ günstig sei und man daher der Reiterung vorläufig keine Schwierigkeiten bereiten wolle. Lucien Wolf beschwerte sich bitter darüber, daß ein Organ der Karlsb aber Weltkonferenz dem Komitee ins Handwerk gepfuscht und die Sowjet Regierung veranlaßt hat, viele Tausende von Flüchtlinge nach Litauen zu schicken, wo ohnedies schon hunderttausende von Juden zusammengedrängt waren, die auf Auswanderung warteten. Eine längere Diskussion löste ein Antrag von Dr. S. Da ich es-Leeds aus, der „angesichts der verzweifelten Lage der Juden in Ost- Europa und der Einwanderungsbeschränkungen anderer Länder" den Board auffordert, „mit der zionistischen Organisation zur Unterstützung der palästinensischen Einwanderung zusammenzuwtrken." Zur größten Überraschung der Versammlung wandte sich Lord Rothschild, der Adressat der Balfour-Erklärung, gegen den Antrag. Er sagte ungefähr, das Mandat für Palästina sei noch nicht bestätigt und das Land werde vorläufig noch als ein erobertes Gebiet regiert. Auch sei es wahrscheinlich, daß die Bestätigung des Mandates noch weiter htnausgeschoben werde, infolge dir Nichtbestätigung des Frtrdensvertrages mit der Türkei. Es sei zwar richtig, daß im Falle der Aufbringung bedeutender Geldsummen Palästina allmählich für die Einwanderung geeignet gemacht werden könnte, aber gegenwärtig sei angesichts der von den Arabern gezeigren feindseltg-n Haltung und infolge verschiedener anderer Fragen die Zahl der Einwanderer äußerer begrenzt. Und infolgedessen könne die Frage, diese unglücklichen Flüchtlinge dorthin zu bringen, nicht auf die vorgeschlagene Art und Weise gelöst werden, soviel Geld man auch für Palästina-Zwecke zeichne und wie sehr der Board auch seine Uebereinstimmung mit den zionistischen Prinzipien bekunden wollte. In ähnlichem Sinne sprach sich Mr. Jos. Prag aus. Ein anderes Mitglied nahm Anstoß an denWorten: „angesichts der verzweifelten Lage der Juden in Ost-Europa." Es sei eine Fortsetzung der von den Zionisten leider so lange getriebenen Politik der Täuschung des Publikums, wenn man den Anschein erweckte, als könne durch die geringfügige Einwanderung nach Palästina das östliche Juden-P.oblem irgend wie gelöst werden. Schließlich wurde die Resolution dennoch mit 53 gegen 6 Stimmen angenommen, nachdem neben der zionistischen Organisation auch noch „andere geeignete Körperschaften" eingefügt worden waren.