Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. No. 4» Der JSraelit. 1. Dezember 1931 in Deutschland" den einzigen Weg, der aus dieser Not fuhrt, gezeigt. Und es bleibt unbegreifl'ch, Nie sich heule üb-rhoupt roch Jemand gegen die jüdische Schule auslprechen kann. MMnischeEndzeil Von Oberrabbiner Dr. T. Llwcnstein in Zürich. Soeben ist der sechste Jahrgang des „jüdischen Jahrbuches für die Schweiz" erschienen, der eine Fülle von anregenden, bel'chren' den und unte haltenden Aufsätzen enitält. Wir kouimen auf das schöne Buch, das der Hcrausflrbciin, der „Konnnission znr Ve'breitnna judischei Volksbildung in der Schweiz", alle Ehre maüt, noch zurstch. Für heute lassen wir hier den im Jahr buche abgedruckren Artikel des Herrn Oberrabbiner Lewe stein über ein Thema, das im Mittelpunkt unseres Hl ffens steht, folgen. Ueber das Ende der L'. idenszeit unseres jüdischen Volkes haben unsere Prophelen das Erschaute in verschiedener Weise zum Ausdruck gebracht, im Wcsen der Sache aber herrscht bet allen vollkommene Ueber ein stimmung, auch darin, daß sie über den Zeitpunkt des Eir trlfsens der entliehen Erlösung kkinkn näheren Ausschluß erteilen. Eine Ausnohm' jedoch bilden in dieser Beziehung bekanntlich die Vfionltt Daniels, in denen uns direkte Zahlen im Zusammenhang-' mit dem s'P — dem Cnde — genannt meiden. Die Hauptstellen im Dan'el-Buche, welche hierfür in Betracht kommen, sind: Kap. VIII, 14, wo Daniel vernimmt, daß die Zeit des Ge'chauttn betreffs des beständigen Opfers, des errrsktzlicheit Greuels und der Preisgabe des Heil gtunis und Volkes dauern wird: „Bis Abend, Morgen zweitausend die hundert", ferner Kap. XII, 7, wo Daniel auf die vernommene Frage, bis wann das wunderbare Eide gekommen sein wird, die Antwort hört: „deß sich alles vollzogen habeir wird nach festgesetzter Z°it, festgesetzten Z-'idn und Hälfle", und zuletzt Kap. XII, 1, 12, wo DaniD auf feine F oge, wann das Ende von alledem sein wi d, was er vernommen und geschaut, offenbart wird: „daß von der Zeit, da das tägliche Opfer eingestellt nurde, um dm enisctzlichen Greuel Platz zu machen, sein werden tausend zweihundert und neunzig volle Zeiiabscknitte" urrd noch hinzugefügt wird: „Heit demjer igen, der harrt und erreicht der vollen Zeitabschr itte tauserrd dreihundert fünf und dreißig." Es ist einleuchtend, daß diese Zeitangaben und Zahlen ke r e sichere Handhabe für irgendw'lche Erklärung bieten. Daniel selbst, dcr um Aufklärung bat, erhielt die Antwort: „Verschlossen und versiegelt sind diese Dinge bis zur Zeit, da das Ende gekommen sein wird." Und dennoch haben von den ersten Zeilen on vacl, l-(’. Zerstörung des zweiten Tempels jüdischer- 1 e’t'J Verlache nicht aufgehört, diese dunkeln Wviie des Danielbuches zu beleuchten uud die enthaltenen Zeitangaben und Zahlen näher zu bestimmen. Es hat den Anschein, wie wenn schon in frühester Zeit Protest dagegen erhoben wurde. Wir lesen nämlich im Talmund (Sanhedrin 97b), daß Samuel b. Nachwani, im Namen des R. Jonathan, der im Anfang des dritten Jahrhunderts lebte, eine an die Worte Chabakuks (II, Z) geknüpfte Mitteilung tradierte, welche lautet: '121 }'X'p '2LM2 bw |22JS? n&TI — „Möge die Kraft derjentgerr schwinden, welche die messianischen Endzeiten berechnen: sprechen sie doch: da das Ende hetbeig-führt wurde und der Erlöser nicht gekommen ist, so kommt er überhaupt nicht mehr." Es war eben diiser Ausspruch des R. Jonathan, der im Anfang des 15. Jahrhm derts zur Schutzwoffe wurde in der Hand der hartbedrängten spanischen Thoragrößen, als sie in Anwesenheit des Papstes Clemens XIII, der Bischöfe und Kardinale, in Tortosa Rede und Antwort stehen mußten dem als Geronimo getauften jüdischen Apostaten Josua Halorgui, der ihnen aus dem Talmud beweisen wollte, daß der Messias schon gekommen sei. Nachdem der Disput schon tagelang gedauert hatte, stellte R. Matlisjahi Hastzhan aus Saragossa dem Geronimo die Frage, ttmunit er nicht, statt aus dem Talmud beweisen zu wollen, daß der Messias schon gekommen sei, ei >en Bem-'is für das Gegenteil bringe, da es doch im Talmud heißt: „Möge der Geist derjenigen schwinden, weiche die messianischen Endzeilen berechnen" ipx? 2Ü inH nöVl) — Darauf bemerkte der Papst, er habe bereils früher von tiefem Auesprnche Kenntnis gehabt, jetzt möchte er gern die Erklärung wissen. Hierauf erwiderie R. Maitis jahu: „Wir haben nur die einfache Erklärung, daß derjenige m t Fluch bedroht wird, der Rechnungen anstellt und daraufhin aussagt, wann der Messias kommt. Solches zieht näml ch einen großen Schaden nach sich für das Volk, denn wenn der angegebene Zeitpunkt e ntriffr und der Messias ersch int nicht, wird die Hoffnung aufgegeben in den Herzen derjenigen, welche der Erlösung enigeg nbarren." Auf diese Rede des R. Mattisjahu (der noch ein weiteres Argument vorbrachte) wurde der Papst sehr zornig und fragte mit einem heftigen Ausfall auch gegen die Talmudweisen, ob von Daniel, der doch dit Endzeit des M.ssias berechnet, gesagt werden dürfe, „sein Geist möge schwindein" Es war Don Vidal Benvenistt, der — nac^ dem Don Todros Aloonstantini durch eine abwehrende Bemerkung betr-ffs der T lmudweisen den Zorn des Papstes noch mehr erregt hatte — deil Papst b schw'chtigte und zuletzt ausführte: ,Zaß mit dem Ausdruck 21tfna im Hebräischen derjenige bezeichnet wird, der vernilttels Berechnungen etwas Erdachtes herauebringt, daß aber der Prophet oder der, welcher vom heiligen G iste erfüllt ist kein 2UTI2, sondern nxn d. h. Seher genannt wird, da er im prophetischen Geiste Wahrhaftes schaut." Auf den Ausspruch des R. Jonathan hatte auch Maimonides (um das 13. Jahrhundert) sich bezogen tu seinem Sendschreiben nach Innen, wo viele Juden zur Annahme des Mohamedanismus gezwungen waren, und rin fal>ch?r Messias noch mehr Verwirrung unter den dortigen Juden anzurichten drohte, zumal es nicht an Astrologen dort fehlte, die dem Auftreten des Messias das Horoskop gestellt hatten. In dem großen Bedrängnis hatte sich nun R. Jeeob Alsajumi aus Jemen mit einem Schreiben an Maimonides gewandt und von ihm Rat und Belehrung über manch s erbeten. Unter anderem hatte er auch die Tatsache berührt, daß eine Autorität wie der Gaon Saadja sich mit der Berechnung der messianischen Endzeit befaßt hatte. In einer sehr ausführlichen Antwort hat Maimonides sich über diesen letzten Punkt ungefähr folgendermaßen ausgesprochen. „Das Ende wirklich zu berechnen, ist keinem Menschen möglich; Daniels eigene Aussage beweist es. Unsere Propheten haben bereits vorhergesagt, daß cs Einzelne geben wird, die sich mit diesen Berechnungen vergebens befassen werden/ sie haben zugleich davor gewarnt, uns durch das F-chlschlagen solcher Berechnungen entmutigen zu lassen, und uns ans Herz gelegt der endlichen Erlösung immer entgegenzuharren. Darum haben unsere Weisen sicy davon fern gehalten das Ende zu berechnen, weil das Volk irre werdeir könnte durch die Enttäuschung, wenn der Erlöser zur angegebenen Zeit nicht erschiene, und aus diesem Grunde baten sie förmlich, daß der Gei,r solcher Berechner erschlaffe und ihre Rechnungen zunichre werden. ('121 invi PiB'n) G. Saadja fet aber zu entschuldigen, daß er das Ende berechnete, trotzdem er wußte, daß es verboten ist. Denn es sei anzunehmen, daß unter seinen Zeitgenossen derartige Ansichten herrschten, daß das Schlimmste für die Erhaltung der Thora zu fürchten gewesen wäre, hätte er nicht durch seine Enthüllungen und Berechnungen des Enkes chre Hoffnungen gestärkt. Saadjas Handlungen waren immer von den heiligsten Absichten geleitet. Man könne ihm deswegen auch nichts anhaben, daß er in seinen Berechnungen irrte." Saadjas Behandlung der erwähnten Stellen j NN Dariibuche ist uns erhalten in seit ent Werke DIPT’ m:iöK, das er im Jahre 4693 verfaßte. Aus seinen Berechnungen geht hervor, daß die Zeit um das Jahr 4725 (965 d. g. Z) als Endtermin für die Erlösung zu bezeichnen wäre.*) Aber unter den Großen unseres Volkes war es nicht nur Saadja, der scheinbar den Mahnruf '121 lEXP riBTl nicht beachtete. Kein geringerer als Raschi ist es, der in seinem Kommentar zum Danieibuche die Prämissen der Berechnungen Saadjas ernähnt und dieselben zugrunde legt für eine andere Berechnungsweise. Diese führte Raschi dazu, statt des von Saadja angegebenen, bereits mehr denn ein Jahrhundert zurückliegenden Ze tpunktes,. die Ze t um das Jahr 5 t 14 (1354 d. g. Z) als „das Ende" zu bezeichnen. ilngl fähr anderthalb Jahrhunderte später war es der berühmte Nachmanides, der die Zahl 1290 (Daniel XII, 11) benützte, um „das Ende" zu berechnen, indem er allerdings von einem ganz anderen grundlegenden Orientierungspunkt ausgina, und zwar von dem bekannten Ausspruch des 1JT7K 12*i K3D im Talmud (Sanhedrin 97a), welcher so zu verstehen ist, daß 6000 Jahre der jetz gen, von Menschen bewohnten Erde in drei Perioden zerfallen. Die 2000 ersten Jahre herrschte in bezug auf Gottecerkenntnis noch das Chaos. In den 2000 darauf folgenden Jahcen ist das Kommen des Erlösers vorgesehen. So kam Nachmides zu dem Schluß, daß für „das Ende" das Jahr 5119 (1358 d. g. Z) anzusetzen sei. Die Geschichte hat bewiesen, daß sowohl Saadja als Raschi und Nachmanides (und mit ihnen noch andere Auwri äten) sich geirrt haben. Sind diese Großcn nun auch wiriiich s'8'P '22>N2 zu nennen, sodaß das Anathema feStf nsn sie trrffen müßte? Nach Maimonides' Aeutzerungen, nicht nur in seinem Sendschreiben nach Jemen, sondern auch und noch deutlicher laut seiner Erklärung zur M-schna (Sanhedrin X, 1), wo er sagt: „und man soll keine Spekul t on über Texte in der he l gen Schrift anstellen, um die Zeit der Ankunft des Eriösers hcrauszubringen, haben doch unsere Weisen gesagt: parp n2trnD fnn nevi", könnte es kaum in Abrede gestellt werden. Und seinen Entschuldigungsgrund für Saadjas Vorgehen auch für Raschi und Nachmanides inR-chnung zu steilen, will das grauenvolle Leiden unseres Volkes tm Mittelalter es immer gerechtst tigt hätte, durch däs Berechnen „des Endes" die Sbwcmkenden in der Lehre nicht verloren gehen zu lassen, geht nicht gut an. Den Garn Saadja konnte Maimonides mit seiner Entschuldigung decken, weil Saadja durch seine Schrist nach dem Jahre 933 verknustet hotte, daß „das Ende" berens um das Jahr 965 erreicht sein würde. Eine Spannung von etwa dreißig Jahren, welche unser leidendes Volk von einer glaubwürdig in Aussicht gestellten Erlösung trennen würde, wäre nie zu lang, un nicht auch stark Wankende dazu br ngen zu können, in Treue auszuharren. Nachmanides aber hatte ungefähr ein Jahrhundert im voraus „das Ende" bezeichnet. Wie hätte er dadurch vermocht, die Wankenden zu stützen? Und nun vollends Raschi, der um das Jahr 1105 starb und das Ende für 250 Jahre später ansetzte! Für sein Vorgehen hätte doch unmöglich die augenblickliche Zerrüttung maßgebend sein können, um den Warnungsruf '121 inn ftöVl unbeachtet zu lassen. Es ist demnach etnlcuchtend, daß die betreffende Talmudstelle noch eine ancere Erklärung zulassen muß als die des Maimonides. Nun hat bereits Jsak Abravanel in einem der ersten Abschnitte feiner Schrifr njWTT W»/ weiche Schrift ec nach dem Jahre 1492 verjagte, als seine Meinung dargetan, daß R. Jonathans Ausspruch '121 ]rm HSVl sich nur bezieht auf diejenigen, weiche durch astrologische Berechnungen dazu kommen, irgend eine Jahreszahl als *) Jsak Abravanel nennt irtümmltch auch Saadja unter denen, die für „das Ende" das Jahr 5118 tn Betracht zogen.